Gutmenschen

Jetzt also „Gutmensch“ als Unwort des Jahres 2015. Ohne den Zusammenhang mit dem Flüchtlingsthema hätte es das Wort wohl nicht geschafft, bereits 2011 stand es auf dem zweiten Platz. Zur Wahl wollte ich ein paar kluge Sätze schreiben, aber bin bei meinen Recherchen in einer Fülle von sprachgeschichtlichen und sprachkritischen Informationen untergegangen. Allein der umfangreiche Wikipedia-Artikel ist zwar wirr gegliedert, aber informativ. Mit in der Jury saß der Kabarettist Georg Schramm, der die langen Diskussionen äußerst interessant fand: „mit Linguisten diskutiert man ja nicht unbedingt freiwillig“ (FR, 13.1.2016).  Das Wort „Gutmensch“ ist ein schönes Beispiel, wie sich hinter einem Wort die Begriffe ändern können, hier in Richtung auf eine zunehmend negative Konnotationen.

Sein erster Auftritt wird dem Wort 1859 beim dem Pädagogen Christian Oeser zugeschrieben: „Wird nicht ein solch unberatener Gutmensch für seine unbedingte Menschenliebe verlacht, für einen Thoren von der ganzen Welt gehalten werden und ein Opfer seiner Schwäche sein?“ Das Zitat findet man allerdings in der 1. Ausgabe der „Briefe an eine Jungfrau über die Hauptgegenstände der Ästhetik“ nicht, erst in einer von August Wilhelm Grube bearbeiteten Auflage 1890: „Chr. Oesers Ästhetische Briefe: ein Weihegeschenk für deutsche Frauen und Jungfrauen“. Es stammt also nicht von Oeser, sondern wahrscheinlich von Grube (vielleicht eine Übersetzung des französischen Worts „bonhomme“?). Hier wird das Wort nicht bösartig verwendet, sondern eher ironisch für einen einfältigen Philanthropen. In diesem Sinn wird es auch noch in den 1980er-Jahren für Personen verwendet, die altruistische und humane Werte hochhalten.

1998 erscheint das „Wörterbuch des Gutmenschen. Betroffenheitsjargon und Gesinnungskitsch“ des Satirikers Klaus Bittermann. Es richtet sich gegen den Jargon eines linken Betroffenheitsmilieus: „Äußerlich identifizierbar waren Gutmenschen damals durch Latzhosen und Tragetücher für Babys, die im Hörsaal gestillt wurden“ (Dusini/Edlinger, S.277). Heute findet man sie in Alnatura-Läden beim Kauf von Biogemüse und naturtrübem Apfelsaft. In der Sprache bemühen sie sich um political Correctness, es darf kein böses und diffamierendes Wort über Menschen benutzt werden. Hier hat das Wort Gutmensch durchaus kritische und abschätzige, aber noch keine gehässigen Konnotationen.

Die kommen erst in die politische Rhetorik, als das Wort „Gutmensch“ von rechtspopulistischer Gesinnung vereinnahmt wird. Jetzt werden damit Personen bezeichnet, die Toleranz, Solidarität und Hilfsbereitschaft gegenüber Fremden und Flüchtlingen zeigen. Diesen Gutmenschen wird Naivität bis zur Dummheit und Weltfremdheit bis zum Realitätsverlust zugesprochen. „[…] Gutmensch hat sich heute zu einem Hasswort entwickelt, das von Rechten eilfertig als verbales Geschütz gegen jeden in Stellung gebracht wird, der ihre Paranoia und ihre Hetze infrage stellt“, so der Journalist Matthias Heine (2016). Vom guten Menschen zum Gutmenschen: So kann ein Wort herunterkommen! (18.01.2016)

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„Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“ (Wittgenstein, 1953, 43). Foto: St.-P. Ballstaedt

Ein Kommentar zu Gutmenschen

  1. Max Steinacher 18. Januar 2016 at 17:12 #

    Man sollte sich gegen diese Umdeutung wehren.
    Lieber ein Gutmensch als ein Unmensch.

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