Heilende Worte

Ein Placebo ist eine pharmakologisch unwirksame Substanz, die aber eine erwartete Wirkung auslöst. Der Patient bekommt statt eines angeblich bewährten Schmerzmittels eine Zuckerpille, aber der Schmerz verschwindet. Der Effekt ist stärker, wenn die Pille „medizinisch“ schmeckt oder die Substanz gespritzt wird. – Bei einem Nocebo bekommt der Patient auch eine wirkungslose Substanz, aber mit angeblichen Nebenwirkungen, die dann auch prompt auftreten. Jeder kennt eine Person, die vor Einnahme eines Medikaments den Beipackzettel studiert, inzwischen oft ein Leporello von 50 cm Länge, und sich dann alle gelesenen Nebenwirkungen einstellen.

Beide Effekte sind gut erforscht und beruhen nicht nur auf Einbildung, sondern lassen sich oft objektiv messen, z.B. durch bildgebende Verfahren. Was wir über eine Substanz also lesen oder hören, das beeinflusst ihre Wirkungen in unserem Körper, deshalb wird auch von der heilenden Macht der Worte gesprochen. Aber nicht die Worte heilen, sondern die Begriffe und Vorstelllungen, die mit ihnen verknüpft sind. Philosophisch betrachtet sind Placebo-und Nocebo-Effekte beeindruckende Belege für den Einfluss des Geistes auf den Körper: Positive Erwartungen haben positive Effekte, negative Erwartungen negative.

Für die Pharmaindustrie sind das schlechte Nachrichten, denn sie müssen die Wirksamkeit neuer Medikamente gegenüber einem Kontroll-Placebo im Doppelblindversuch nachweisen (d.h. weder die Patienten noch die Ärzte wissen, wer welche Substanz erhält).

Kann man den Placebo-Effekt in der Therapie nutzen? Man könnte ja mit einer wirksamen Substanz starten und dann die Dosierung nach und nach reduzieren. Aber das wäre eine bewusste Täuschung des Patienten, die ethisch fragwürdig ist. Möglich wäre aber eine Art Konditionierung: Der Arzt/die Ärztin informiert den Patient vorher, wie gut verträglich und heilsam die Arznei wirken wird und verstärkt dann verbal jede entsprechende Rückmeldung des Patienten. „Man dachte immer, ein Medikament entfaltet im Körper automatisch seine Wirkstoffe, unabhängig davon, ob und wie ein Arzt mit dem Patienten darüber spricht. Doch das ist ein Irrglaube“ (Ulrike Bingel, Professorin an der Klinik für Neurologie der Universitätsklinik Essen).

Also sind die richtigen Worte in der Kommunikation zwischen Arzt und Patient zumindest Katalysatoren für eine heilsame Wirkung.

Dieser Beitrag wurde angeregt durch einen Artikel von Pamela Dörhöfer in der FR vom 23.1.2018: „Die Macht des Glaubens.“ (24.01.2018)

2 Kommentare to Heilende Worte

  1. SP Ballstaedt 25. Januar 2018 at 9:53 #

    Hallo Herr Eppel,
    danke für den Artikel-Tipp, das Thema ist wegen der aktuellen Untersuchungen von Frau Prof. Ulrike Bingel sehr aktuell. Ich wollte eigentlich nur die Fußnote anführen, dass diese Befunde auch für die Philosophie des Geistes sehr interessant sind!
    Mit freundlichem Gruß
    spb

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