Lektüre zum Unbewussten

Philipp Hübl (2017). Der Untergrund des Denkens. Eine Philosophie des Unbewussten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Welche unbewussten Bedingungen beeinflussen unsere Entscheidungen und Handlungen? Da werden viele Möglichkeiten diskutiert: verdrängte unbewusste Wünsche, unterschwellige Wahrnehmungen, angeborene oder erworbene Präferenzen, sprachliche Verhexungen, diverse Selbsttäuschungen (z. B. In Autobiografien), intuitive Prozesse, neuronale Determinismen. Gegen alle zieht der theoretische Philosoph Philipp Hübl zu Felde, um das klassische Konzept einer selbstbestimmten und vernünftigen Person zu retten. Viel Feind, viel Ehr.

Er fasst seine Diagnose selbst prägnant zusammen: „Erstens entpuppen sich die meisten Thesen von der Macht des Unbewussten als maßlose Übertreibungen. Zweitens machen uns die wenigen unbewussten Einflüsse nicht zwingend hilflos oder unvernünftig. Und drittens zeichnet uns Menschen die kritische Vernunft aus, die wir bewusst einsetzen und durch Training verbessern können, um uns gegen Einfluss zu schützen.“ (S. 9) Also Entwarnung: Wir bleiben Herr im Haus, wir können frei entscheiden, wir besitzen Vernunft und Verstand. Natürlich gibt es Einschränkungen, die sind aber grundsätzlich überwindbar.

Um seine Thesen zu belegen, nimmt sich Hübl zahlreiche psychologische und neurowissenschaftliche Untersuchungen vor. Das philosophische Instrumentarium, das er zur Evaluation der Forschung anführt, ist allerdings in keinem Punkt neu: klare Begriffe, saubere Operationalisierung, Falsifizierung, vorsichtige Verallgemeinerung. Besonders der Sozial-  und Neurowissenschaft tut eine derartig kritische Instanz sicher gut, da manche Forscher mit empirischen Schnellschüssen die Medien erobern. Dagegen setzt Hübl eine kritische Philosophie: „Philosophen sind in begrifflicher Genauigkeit, im logischen Schließen und im Argumentieren geschult“ (S.24), Wer allerdings die Philosophie als eine Korrekturinstanz der empirischen Wissenschaften etabliert, sollte nicht verschweigen, dass auch eine umgekehrte Kontrolle sinnvoll ist: Befunde der empirischen Wissenschaften haben schon manch abstruse philosophisches Spekulation widerlegt.

Die Bemühung um klare Begriffe ist verdienstvoll, Hübl unterscheidet bewusstlose, nichtbewusste, unbewusste, unterschwellige, bewusste und aufmerksame Prozesse, vor allem die Präzisierung der Beziehungen von Bewusstsein und Aufmerksamkeit ist überzeugend. Dabei kritisiert der Philosoph aber die Forschung nicht, sondern übernimmt viele Erkenntnisse der kognitiven Psychologie. Die These: Veränderungen im Bewusstsein entsprechen immer Veränderungen in den Hirnprozessen, aber Veränderungen in Hirnprozessen nicht unbedingt Veränderungen im Bewusstsein. Dabei verursachen die Hirnprozesse aber nicht das Bewusstsein! Diese parallele Abhängigkeit wird als Supervenienz oder Emergenz bezeichnet, aber wie der qualitative Sprung von neuronalen Prozessen zu phänomenalen Erlebnissen zustande kommt, ist bisher ein Rätsel. Es ist mutig, dass Hübl sich zur „Keiner-hat-eine-Ahnung-Position“ bekennt und das Problem des Bewusstseins als „das größte Rätsel der Menschheit“ bezeichnet (S. 85).

Hübl hat kein akademisches Philosophiebuch geschrieben, sondern formuliert alltagssprachlich weitgehend ohne Fachjargon und belegt seine Hypothesen oft mit alltäglichen Beispielen. Seine Argumentation ist klar gegliedert und nachvollziehbar. Allerdings verführt die flotte Schreibe auch dazu, über manche Aussage hinwegzulesen. Da wird zu, Beispiel unter der Überschrift „Der letzte macht das Ich aus“ gegen die Ansicht argumentiert, dass das Selbst keinen festen Ort im Gehirn hat, an dem es konstruiert wird: „[…] diese These ist doppelt vorschnell, denn erstens konstruiert das Hirn ohnehin nichts, und zweitens spricht das Unvermögen, ein Hirnareal eindeutig als Sitz des „Selbst“ zu identifizieren, noch nicht gegen dessen Existenz.“ (S. 193). Dem zweiten Argument kann man zustimmen, aber auch dem ersten? Das Gehirn konstruiert nichts? Im Gegenteil: Das Gehirn konstruiert alles! Jede Wahrnehmung ist eine Konstruktion aufgrund sensorische Daten und warum sollte nicht auch das mysteriöse Selbst oder Ich eine nützliche mentale Konstruktion sein.

Insgesamt ist der Husarenritt für die kritische Vernunft sympathisch, aber es wirkt doch etwas hemdsärmelig, wenn der Autor nach seiner Diagnose verkündet, „dass wir so weiter leben können wie bisher.“ (S. 9). Tatsächlich? Das Handeln vieler Menschen ist durch irrationale und spekulative Theorien, durch Ängste und Vorurteile mitbestimmt. Die lebenspraktischen Tipps, wie man der kritischen Vernunft durch Training der Selbstbeherrschung und Konzentration zum Durchbruch verhelfen kann, sind dann doch etwas dürftig und offenbar nicht sehr wirksam. Zum Schluss kommen noch Kreativität und Kunst durch „kontrollierten Kontrollverlust“ zu ihrem Recht.

Fachphilosophen werden die Nase rümpfen, denn das Buch kann man auch im Liegestuhl oder Strandkorb lesen: Es ist anregend und provokant. Aber man sollte dabei den Rat des Autors befolgen und bei der Lektüre die kritische Vernunft trainieren: Gerade schwache Argumente sind besonders forsch formuliert. (21.06.2017)

Ein Kommentar zu Lektüre zum Unbewussten

  1. Max Steinacher 21. Juni 2017 at 16:21 #

    Eine anregende Besprechung, die neugierig macht. Also doch Verstand und Vernunft.
    Vive VV.

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