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Zwei Stencils an Leipziger Hauswänden. Fotos: St.-P. Ballstaedt (19.10.2017)

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Körpermodifikation

Nach einer aktuellen Studie an der Universität Leipzig nimmt die Anzahl der Personen, die sich einer Körpermodifikation unterziehen, laufend zu. In einer Befragung wurden Daten zu Tattoos, Piercings und Körperhaarentfernungen erhoben. Die Entfernung von Haaren wird eigentlich nicht zu den Körpermodifikationen gezählt, da sie mit keinem verletzenden Eingriff in den Körper verbunden sind. Einige Befunde: In der Körpermodifikation führen die Frauen: Etwa die Hälfte der Frauen zwischen 25 bis 34 Jahren tragen ein Tattoo, rund ein Drittel der Frauen zwischen 14 und 34 sind gepierct, bei den Männern sind es nur 14%. Was sind die Gründe für derartige, oft schwer rückgängig zu machende Eingriffe.

In vielen Kulturkreisen hatten Veränderungen am Körper eine rituelle Bedeutung, z.B. als Initiationsritus im Übergang vom Kind oder Jugendlichen zum Erwachsenen. Dabei spielte sicher auch das Aushalten von Schmerzen bei den früher blutigen Eingriffen eine Rolle. Der Psychologe Erich Kasten sieht in Körpermodifikationen eine Art der Autoinitiation, eine sichtbare Markierung des Erwachsenenseins. Dafür spricht, dass ein Großteil der Piercings und Tattoos zwischen 16 und 24 Jahren gestochen wird.

Ein wichtiges soziales Motiv ist die Kennzeichnung der Gruppenzugehörigkeit. In bestimmten kulturellen und subkulturellen Gruppen sind derartige Eingriffe Ausdruck der Zugehörigkeit und eines Wirgefühls. Stämme und Clans haben sich schon früher durch körperliche Zeichen voneinander abgegrenzt. Früher trugen nur Seeleute, Knastbrüder und Prostituierte Tattoos zur Schau. Durch die weite Verbreitung und die zunehmende Akzeptanz verliert diese Abgrenzung aber an Bedeutung.

Diese beiden ursprünglichen Motive werden heute durch ein ästhetisches Motiv überdeckt: Die meisten Personen mit Tattoos und Piercings geben die Verschönerung des Körpers als Grund für die Eingriffe an. Damit verlieren Körpermodifikationen ihr Image des Rebellischen und Subkulturellen, sie werden zu einer averbalen visuellen Kommunikation, um Jugendlichkeit und Aufgeschlossenheit zu signalisieren. (16.10.2017)

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Maggy, under the needle of Jason G., of Flaming Dragon Tattoo in Tacoma, WA. www.flamingdragon.com. Foto: Ray Elliott, Wikimedia Commons.

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Sologamie

In mehreren Zeitungen liest man über einen Trend zur Selbstheirat: Eine Person – bisher offenbar vor allem Frauen – heiratet sich selbst, nur symbolisch, denn trotz Ehe für alle ist die Sologamie rechtlich nicht anerkannt. Das ist vor allem Anlass für eine große Party, dabei wird das Ritual herkömmlicher Hochzeiten weitgehend eingehalten: Die Heiratswillige zieht ein bevorzugt weißes Brautkleid an, streift sich einen Ring über den Finger, schwört einen respektvollen Umgang mit sich selbst, ewige Liebe, andauernde Treue, also Versprechen, die so einfach gar nicht zu halten sind. Nicht jeder hat eine gute Beziehung zu sich selbst! Nach jüdisch-christlichem Gebot soll man ja den Nächsten lieben, wie man sich selbst liebt, was etliche Gewalttaten erklären könnte.

Was in der Hochzeitsnacht passiert, kann man sich vielleicht noch vorstellen, aber der Ehealltag dürfte doch ein wenig eintönig sein, sofern man nicht auf eine gespaltene Persönlichkeit bzw. eine dissoziative Identitätsstörung zurückgreifen kann.

Ob Selbstheirat bei Frauen eine feministische Großtat darstellt oder mit dem üblichen Ablauf eine Anpassung an patriarchalische Rituale, darüber wird noch heftig diskutiert. Auffällig ist, mit welchen Überschwang die Sologamistinnen ihre Lebensform preisen: große Selbstachtung, viel Liebe, kein Streit, null Eifersucht usw.

Mich interessiert noch eine praktische Frage: Kann man sich auch von sich wieder scheiden lassen? (07.10.2017)

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Erst jetzt auf einer öffentlichen Toilette in Tübingen entdeckt: den Sticker des Monats September 2016. Foto: St.-P. Ballstaedt (05.10.2017)

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Malmaschinen

Ein Vortrag von Joachim Wedekind „Eine kleine Geschichte der Malmaschinen“ im Stadtmuseum Tübingen am 28.09.2017 hat mich zu folgendem Beitrag inspiriert:

Geräte, die den künstlerischen Prozess unterstützen, hat es schon immer gegeben, das fängt mit Lineal und Zirkel an und geht bis zu Perspektivmaschinen von Albrecht Dürer. Bei all diesen Apparaturen ist es aber letztlich der Künstler, der Striche zieht, Formen und Texturen gestaltet. Er vollzieht den fundamentalen grafische Akt (James Gibson, 1982), das Erzeugen einer Spur auf einer Oberfläche und damit das Aufzeichnung von Bewegungen: Kratzen in den Sand, Malen auf eine Höhlenwand, Zeichnen auf Papier, Pinseln auf eine Leinwand, Gravieren auf einer Kupferplatte usw. Auch beim Farbspritzen auf einen Untergrund wie bei Jackson Pollock ist es der Künstler, der einer Oberfläche seine Vorstellungen auf- und einprägt. Selbst David Hockney erschafft seine tablet paintings noch mit den Fingern auf dem iPad.

Bei Malmaschinen wie wird der grafische Akt an einen Apparat delegiert, der mit Stiften seine Spuren auf einem Trägermedium hinterlässt. Beispiele: die kinetische Malmaschine Méta Matic von Jean Tinguely oder der Harmonograph des Mathematikers Hugh Blackburn. Bei diesen Malmaschinen und in der Computerkunst verschwindet der individuelle grafische Akt. Zwar wird der Computer von einem Menschen programmiert, aber die sichtbare Spur, die analoge Oberfläche produziert ein Gerät. Das Verschwinden der künstlerischen Malspur ist der Grund, warum wir fragen, wo hier eigentlich die Kunst bleibt: Was ist mit Orginalität und Kreativität?  Wo bleibt individueller Ausdruck und Stil? Was ist Zufall und was Berechnung? Ob die Hervorbringungen der Malmaschinen als sehenswerte ästhetische Objekte akzeptiert werden, das bestimmt aber noch immer ein Betrachtender.

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Ein von J. Wedekind selbstgebauter Drawbot: Die Filzschreiber hinterlassen durch einen Unwuchtmotor zufällige Spuren auf einem Untergrund. Daneben eine Zeichnung, die der Zeichenroboter Thymio erstellt hat. Foto: St.-P. Ballstaedt (02.10.2017)

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Inter!m

Auf der Schwäbischen Alb im Heidengraben auf dem ehemaligen Areal eines keltischen Oppidum findet derzeit das Kunstevent inter!m statt. Natur und Kunst sollen zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen, wobei die Künste als Musik, Text, Plastik, Installation, Theater vertreten sind.

Die Location ist ein Wagnis, nicht nur weil das Wetter auf der Albhochfläche im September recht unwirtlich sein kann, sondern weil auch die Akzeptanz dieser modernen Kunst im ländlichen Raum begrenzt sein dürfte. Das Kunstwerk „mittlerweile“ von Christian Hasucha wurde schon vor Beginn restlos zerstört. Es ist richtig, dass der traurige Zustand belassen wurde. Auch ein Beitrag von Kindergartenkindern in Hülben wurde beschädigt. Die Kleinen hatten allerlei sonderbare Gegenstände gefunden und vor allem skurril kommentiert. Leider sind einige Halbkugeln, in denen die objects trouvés präsentiert werden, eingedrückt bzw. eingeschlagen.  Das Thema ist das Suchen: „Wir sind nichts. Was wir suchen, ist alles“, so das Motto nach Friedrich Hölderlin. Dabei fehlt der übliche Hinweis nicht, dass Kunst, „neue Wege des Sehens und Denkens“ eröffnen soll.

Die Texte, fast alle von Susanne Hinkelbein, werden von Schauspielern perfekt vorgetragen, und auch ihre Kompositionen, Chöre und Arien, kommen mit den Anspielungen auf die Kelten und ihre Eroberer gut an, obwohl man bei beiden sehr konzentriert hinhören muss.   Während Texte und Musik in der Natur ihre Wirkung gut entfalten, hat es die bildende Kunst schwer: Die Natur braucht die artifiziellen Ergänzungen nicht, meist profitieren nur die Kunstwerke von der Umgebung, nicht aber die Natur von den Kunstwerken. Das Naturschöne ist eine scharfe Konkurrenz des Kunstschönen. Gelungen finde ich die Installation „Quaesitio“ von Nándor Angstenberger, für die der Wald ein hervorragender Hintergrund für ein optisches Erlebnis bildet, das viele Assoziationen auslöst. Dagegen fand ich die Installation „Decke“ von Susken Rosenthal wenig überzeugend, die Interpretation der Künstlerin ist bemüht: Sie „begreift ihre Rauminstallationen als Orte der aktiven Wahrnehmung, an welchen grundsätzliche Erfahrungen des Raum-Erlebens zwischen Raumvorstellung und Raumwahrnehmung vollzogen werden.“

Gut funktionieren die akustischen Installationen, z.B. „Fiels/Feld“ von Benoit Maubrey, in dem auf einem Acker halb eingegrabene Lautsprecher eine Collage aus Sätzen von Personen aus Hülben zu hören sind. Es ist ein sonderbares Erlebnis, an einem Feld vorbeizugehen, aus dem derartige Geräusche aufsteigen.

Ich möchte nicht den ganzen Parcours beschreiben, es fehlen Grimm, die Sphinx, Thales von Milet, das Kamel usw. Hingehen, hören und sehen!

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Magisches Licht: Die Installation „Quaesitio“ von Nándor Angstenberger. Foto: St.-P. Ballstaedt (20.09.2017)

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Hundedreck

Hundedreck

Kleines Mitbringsel aus Krems an der Donau: ein eigendesigntes Schild auf einem Rasenstück. Foto: St.-P. Ballstaedt (16.09.2017)

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Wahlwerbung

NPD-Aufkleber  Natuerlich-Deutsch

Hier im Seebad Ahlbeck auf Usedom gibt es wohl nur die NPD, viele Maste sind von oben bis unten mit NPD-Aufklebern versehen, von den anderen Parteien sehe ich nichts. Natürlich deutsch: ein blindes bauäugiges deutsches Mädl. Foto: ST.-P. Ballstaedt (05.09.2017)

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Sprachmischung

No-Kack

Die Linguisten sprechen auch von Code-Switching. Entdeckt an einem Weg durch die Ebenhalde bei Tübingen. Foto: St.-P. Ballstaedt (01.09.2017)

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Ewiger Frieden

Seit es ab 1.12.2016 die deutsche Ausgabe gibt, lese ich Charlie Hebdo regelmäßig. Ich war gespannt, ob das Satireblatt mit seiner radikal laizistischen Ausrichtung und seinem Humor, der keine politische Korrektheit und keine Geschmacksgrenze akzeptiert, bei den Deutschen ankommt. Der Erstauflage war 200.000, wie viele davon verkauft werden, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. In der Ausgabe 1278 wurden einige Leserbriefe abgedruckt, wie ich sie erwartet hatte: Schmierfinken, Drecksblatt, Machwerk, Klopapier usw.: „Charlie Hebdo ist eine ordinäre, vulgäre Zeitung. Sowohl Zeichnungen als auch Vokabular sind niveaulos, respektlos und megabillig. Vom ersten Blatt bis zum letzten Punkt nur geringschätzend und beleidigend.“ Vermutlich empfinden das die Macher als ein Lob.

Das Titelblatt der letzten Ausgabe hat wieder einmal Ärger provoziert. Es zeigt als Reaktion auf den Anschlag in Barcelona zwei in Blutlachen liegend Menschen, die von einem davonfahrenden Lieferwagen überfahren wurden. Der Text dazu: „Islam, Religion des Friedens…des ewigen Friedens“, noch pointierter im Original „Islam, religion de paix…éternell!“ Ist das Islamophobie und Stimmungsmache gegen Moslems? Der Redaktionsleiter Laurent Sourisseau (Riss), der bei dem Anschlag auf die Redaktion schwer verletzt wurde, antwortet, dass die Rolle der Religion bei den Attentaten immer ausgeblendet wird, mögen die Attentäter noch so laut „Allahu akbar“ rufen. Die Karikatur richtet sich gegen dieses Tabu. In der FAZ hält der Schweizer Journalist Jürg Altwegg das Cover „als durch und durch gelungen.“

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Der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad sieht in den Karikaturen von Charlie Hebdo „eine Art Schocktherapie“ für Muslime, um zu erkennen, dass nicht das Ansehen des Islam im Westen das Problem ist, „sondern was in seinem Namen geschieht“. Quelle: Profilbild auf der offiziellen Website von Charlie Hebdo auf Facebook  (30.08.2017)

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