Erdbeereise

Erdbeeeis

Existenzielle Frage auf dem Beton einer Unterführung bei der „Ebenhalde“ in Tübingen. Foto: St.-P. Ballstaedt (23.08.2017)

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Brautpaar

Eine Braut ist eine Frau am Tag ihrer Hochzeit, der Bräutigam ist ein Mann am Tag seiner Hochzeit, seit Luther werden die Bezeichnungen auch auf Verlobte ausgedehnt. Dieses Wortpaar gehört zu den wenigen, bei dem die männliche Form aus der weiblichen abgeleitet ist. Beide zusammen bilden das Brautpaar, auch hier dominiert die weibliche Form.

Aber warum ist das so? Darauf findet man in Wörterbücher keine Erklärung. Das Wort „Braut“ gibt es althochdeutsch seit dem 9. Jahrhundert, seine Etymologie ist trotz zahlreicher Versuche ungeklärt. Bei den Gebrüdern Grimm steht die Mahnung: „höchst verkehrt wäre, diesem reinen, edlen Wort, wie man gesucht hat, unzüchtige Bedeutung unterzulegen.“ Die könnte von “bruiten“, auch „brauten“ oder „bräuten“, stammen, Verben, die im Nebensinn auch „beiliegen“ bedeuten (siehe Brautbett). Das angehängte unikale Morphem beim Bräutigam kommt von neuhochdeutschen „gomo“, das wiederum auf „homo“ für Mann zurückgeht, also ist der Bräutigam der Mann der Braut. Die Braut steht als sprachlich im Mittelpunkt einer Hochzeit! (17.08.2017)

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Premium-Botschaft

Migrationsgegner

Entlang des neuen Premiumwanderwegs „Hirschauer Spitzbergwegle“ hat ein politischer Aktivist an Bäumen verschiedene Texte gegen Migration angeschlagen. Dies ist einer davon, ein angeblicher Vorschlag des amerikanischen Geostrategen Thomas Barnett. Bei unserem Plakateur wird eine Senkung des IQ durch Einwanderung wohl nicht mehr notwendig sein. (13.08.2017)

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Grapschen 2

Taylor Swift hat einen Radiomoderator verklagt, der sie bei einem Interview begrapscht haben soll. Ich habe drei Varianten gelesen: 1. Unter dem Rock in der Intimzone; 2. am Po; 3. (versehentlich) an der Rippe. Das ist anatomisch ein weites Feld und man kann nur hoffen, dass man den Griff nach vier Jahren noch rekonstruieren kann. Beweismaterial: ein Foto!

Im Duden wird das Verb „grapschen“ aufgeführt und ein Grapscher so definiert: „abwertend für männliche Person, die eine Frau gegen ihren Willen sexuell berührt“, korrekt wird das Substantiv „Grapscherin“ nachgeliefert. Woher kommt das derzeit oft verwendete Verb „grapschen“. In meinen drei etymologischen Wörterbüchern ist es nicht aufgeführt, aber wieder ist das Wörterbuch der Gebrüder Grimm hilfreich.

„Grapschen“ ist eine Iterativbildung zu den Verben „grappen und „grapsen“. Diese Wörter haben indogermanische Wurzeln und bedeuten dort „ergreifen“, „an sich reißen“, „schnell zugreifen“. Das Grapschen ist in mehreren Mundarten nachgewiesen und gilt bei den Grimm’s als „nicht literaturfähig“. Um 1900 wird es oft mit dem Beisinn „stehlen“ verwendet, eine sexuelle Konnotation ist noch nicht verzeichnet. Nach meinen Recherchen kommt sie 1983  durch das Wort „Busengrapscher“ auf, mit der ein Bundestagsabgeordneter der Grünen in die Schlagzeilen kommt. Sprachlich hübsch auch eine österreichische Variante: Duttenpatscher. (10.08.2017)

Nachtrag

Tylor Swift hat vor Gericht gesiegt: Der Beschuldige wurde wegen sexueller Belästigung verurteilt, weil es sie unter dem Rock am Po begrapscht hat.(17.08.2017)

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Historischer Humor 7

In einem Theaterstück des Lindenhofes in Melchingen über Hölderlin, Schelling und Hegel, das derzeit in Tübingen aufgeführt wird, wird ein Vers vorgetragen, der mir nicht unbekannt vorkam und dem ich deshalb nachgegangen bin:

Bonifazius Kiesewetter war ein Schweinehund seit je,
und so schiss er der Baronin heimlich in das Portemonnaie.
Hin zu einem Bücherladen lenkt sie ihren Schritt indes,
kaufte, da sie hochgebildet, etwas sehr Ästhetisches.
Als die Dame zahlen wollte, und sie zahlte stets in bar,
griff sie in die blanke Scheiße, was ihr äußerst peinlich war.

Moral und christliche Nutzanwendung:
Nur ungern nimmt der Handelsmann
Statt baren Geldes Scheiße an.

Bonifazius Kiesewetter ist eine Witzfigur wie die Frau Wirtin oder der Sanitätsgefreite Neumann, erfunden von Waldemar Dyhrenfurth (1849 – 1899), einem Corpsstudenten und späteren Staatsanwalt im deutschen Kaiserreich. Die Verse haben eine strenge poetische Form: Dreimal zwei achthebige Trochäen im Paarreim, dann folgt als moralischer Kommentar noch ein trochäischer Zweizeiler.

Überraschend ist nicht nur die gepflegte sprachliche Form, sondern auch der ihr widersprechende zotische Inhalt. Es wird eine unsinnige Geschichte aus dem fäkalischen oder sexuellen Bereich erzählt, die Handelnden sind Vertreter des Adels, der Beamtenschaft oder des Militärs. Aus der obzönen Geschichte wird dann eine widersinnige Schlussfolgerung gezogen, die die geltenden Moral- und Benimmvorstellungen der gehobenen Gesellschaft veralbert. Einige dieser Moralreime haben sich als Nonsensverse erhalten:

Scheiße in der Lampenschale gibt gedämpftes Licht im Saale.
Scheiße auf dem Tellerrand wird als Senf nicht anerkannt.
Scheiße durch ein Sieb geschossen gibt die schönsten Sommersprossen.

Die Bonifazius-Kiesewetter-Verse waren im 19. Jahrhundert vor allem in akademischen Kreisen überaus beliebt. Eine Sammlung wurde noch 1967 auf den Index gesetzt mit der Begründung: „Was in dieser Sammlung an häßlichen und ekelerregenden Eindrücken über geschlechtliche Dinge vermittelt wird, verdunkelt mit seinen Schatten die Zukunft der Menschen.“ Einen durchaus positiven Nachruf auf die Verse hat der Humorkritiker der titanic, Herr Hans Mentz, im Märzheft 2007 geschrieben. (06.08.2017)

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Freundschaft

Zum heutigen internationalen Tag der Freundschaft ein Zitat Epikurs:

„Man muss eher prüfen, mit wem man isst und trinkt, als was man isst und trinkt. Denn ohne einen Freund ist das Leben wie das Fressen von Löwe und Wolf.“

Und noch eine Anmerkung Epikurs zur Ehe für alle: Er vertrat die Meinung, dass Freundschaft glücklicher mache als Heirat. (30.07.2017)

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Curvy

Es wird immer interessant, wenn Gründe gegen die Verbreitung eines Bildes – sei es ein Presse- oder Werbefoto – vorgebracht werden. RTL II wirbt für seine Castingshow „Curvy Supermodel“ auf Plakaten mit molligen Models, die der bekannte Fotograf Robert Grischek aufgenommen hat. Die Deutsche Bahn will die Plakate nicht aufhängen, Begründung: zu offensive Sexualität. Die Damen sind zwar bei genauem Hinsehen mit schwarzen Höschen bekleidet aber tragen keinen BH, als Ersatz dienen verschränkte Arme. Beim Deutschen Werberat ist zudem eine Beschwerde einer Frau eingegangen, die in der Zurschaustellung der Frauen „sexuelle Verfügbarkeit“ erkennt, die „voyeuristische Zuschauer“ anlockt.

An vielen Bushaltestellen schauen die Frauen auf die Wartenden herab, auch in Tübingen, Haltestelle Ahornweg. Die Studentinnen, die an der Bushaltestelle warten, locken mit Hot Pants, Miniröckchen und flotten Tops sicher mehr Voyeure an als die braven Nackedeis. (26.07.2017)

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Der Werberat betont, dass „selbstbewusste Frauen gezeigt, aber nicht vorgeführt“ werden. Quelle: RTL 2, Fotograf: Robert Grischek.

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Grapschen 1

Lese ich doch heute morgen im Schwäbischen Tagblatt  von einem ungeheuerlichen Verstoß gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Im Tübingen Freibad hat ein 16-Jähriger eine gleichaltrige Austauschschülern an der Wasserrutsche an den Po gegrabscht! Der Bademeister wurde informiert, der Junge wird von der Polizei vorläufig festgenommen, zum Polizeirevier gebracht und ein Strafverfahren eingeleitet.

Der Übergriff des Jungen war natürlich nicht in Ordnung, aber ist die Reaktion nicht etwas hysterisch? In diesem pubertären Alter interessiert man sich für viele Aspekte des anderen Geschlechts und das Verhalten folgt nicht immer moralischen Maßstäben des korrekten Umgangs zwischen Mann und Frau. Früher hätte man den Jungen angeraunzt und vielleicht des Bades verwiesen, aber nicht aufs Polizeirevier gebracht.

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Meldung im Schwäbischen Tagblatt vom Dienstag, den 25.7.2017. Ich möchte gar nicht daran zurückdenken, wie oft ich als 16-Jähriger auf dem Polizeirevier gelandet wäre. (25.07.2017)

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Bildwaffen

Die Fotografie hat schon lange ihr Funktion als Dokumentation der Wirklichkeit weitgehend verloren, sie schafft selbst Realitäten. Das beginnt mit Standpunkt, Perspektive und Ausschnitt bei der Aufnahme und wird heute in der Postproduktion mit Bildbearbeitung fortgesetzt. Oft werden Ereignisse auch für die Kamera eigens inszeniert.

Meister darin ist die „Identitäre Bewegung“, eine neue Formation modern und hipper auftretender Rechter. Sie empfinden sich als letzte Generation, die die deutsche Ethnie vor Überfremdung noch retten kann, und legen dabei großen Wert auf die visuelle Kommunikation. Fotos und Filme, in denen sie ihre Aktionen dokumentieren und in den sozialen Netzwerken verbreiten, sollen als „Bildwaffen“ emotionalisieren und Aufmerksamkeit erregen. In einem Leitfaden zur Bildgestaltung heißt es, ein Foto müsse „Macht, Kraft und Sieg symbolisieren“, deshalb eine Froschperspektive von unten nach oben und immer Fahnen oder andere Symbole im Bild.

In ihrer neusten Aktion „Defend Europe“ wollen die Identitären im Mittelmeer mit Booten Rettungsschiffe behindern und ihre Besatzung beim Auffischen von Flüchtlingen stören. Das gibt sicher wieder viele Bilder für das rechte Fotoalbum. (21.07.2017)

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Ein Foto der „Identitären Bewegung“: Ist das nicht romantisch und symbolträchtig: Ein Aktivist/eine Aktivistin (?) mit Haaren im Wind stellt sich einem Rettungsschiff entgegen. Quelle: Website der IB.

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Hotter than hell

Im Rathaus Tübingen ist eine unscheinbare, aber wichtige Ausstellung von Karikaturen ostafrikanischer Künstler (Kenia, Tansania, Äthiopien) zu sehen. Thema: der Klimawandel. Für mich ist es überraschend, dass in Afrika nicht nur Karikaturen, meist am Computer, gezeichnet werden, sondern dass sie sich dort großer Beliebtheit erfreuen und in Printmedien, im Fernsehen und in sozialen Netzwerken zu finden sind. Allerdings sind auch dort Karikaturisten bedroht, wenn sie sich mit der politischen Führung anlegen.

Das Thema Klimawandel ist natürlich brisant: Afrika trägt am wenigsten dazu bei, aber bekommt die Folgen durch Dürrekatastrophen am meisten zu spüren. Dementsprechend deutlich und eindrücklich sind auch die Karikaturen. (16.07.2017)

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Zehn Banner mit 31 Karikaturen hängen im Foyer, man sollte einen Blick darauf werfen. Kuratiert hat die Ausstellung der kenianische Karikaturist Victor Ndula, Träger ist der “Verein zur Förderung von Bildung und Publizistik zu Umwelt und Entwicklung e. V. – Solidarisch Leben lernen“. Foto: St.-P. Ballstaedt

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