Schnösel

Eines meiner Lieblingswörter: der Schnösel. Steht im Deutschen Wörterbuch der Grimms und im Duden, aber die Herkunft ist nicht ganz klar. Nach Heinz Küpper`s Wörterbuch der Umgangssprache leitet sich das Wort aus dem norddeutschen „Snodder“ für den Nasenschleim ab. Ein Schnösel ist ein überheblicher, eingebildeter, arroganter Kerl, der sich nicht die Nase putzt, eben eine Rotznase. Der Schnösel ist offenbar eine rein männliche Lebensform. Im treffenden Ausdruck „das Geschnösel“ lassen sich aber auch weibliche Personen subsummieren. (21.07.2014)

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Totholz

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Meine Bibliothek altert mit dem Besitzer. Zu sehen ist ein Zunderschwamm, mit dem früher Feuer entfacht wurde. Foto: St.-P. Ballstaedt (20.07.2014)

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Sütterlin

Die vom Berliner Grafiker Ludwig Sütterlin vereinfachte Form der deutschen und lateinischen Schreibschrift wurde ab 1915 in Preußen eingeführt und ab 1935 als Deutsche Volksschrift im offiziellen Lehrplan verankert. Sie gehört zu den Frakturschriften, bei denen Rundungen und Ecken abgeknickt sind. Jedes Wort wird in einem Zug mit der Feder geschrieben. Die Sütterlin ist ein eindrucksvolles Beispiel, wie stark die Bewertung von Schriften von historischen und ästhetischen Bedingungen abhängt: Die Sütterlin wirkt auf uns kompliziert, altmodisch und hat oft die Konnotation einer Nazi-Schrift. Tatsächlich wurde Frakturschrift von den Nationalsozialisten zunächst als „deutsche Schrift“ geadelt, man wollte sogar Schreibmaschinen mit Frakturschrift einführen. Dann gab es eine überraschende Kehrtwende: In einem Erlass der NSDAP wurde 1941 die Schwabacher Fraktur als „Judenschrift“ bezeichnet wurde. Von da an waren Frakturschriften unerwünscht. (19.07.2014)

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Brief an mich in Sütterlin vom 25.1. 1964. Quelle: Familienarchiv Ballstaedt

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Herausforderung für das Gehirn: Schwäbisch und Sütterlin. Graffito am Hölderlinturm in Tübingen, inzwischen übermalt. Foto: Elfriede Hornung-Ballstaedt

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Tapeten

Ich möchte an einen Aspekt der visuellen Kultur erinnern: Tapeten. Vor den Tapeten wurden die Mauern Wohlhabender mit Wandteppichen, Lederbezügen oder Stoffbehängen verdeckt. Die Herstellung von Papiertapeten beginnt bereits 1586, in Deutschland wird in Kassel 1789 die erste große Tapetendruckerei eröffnet. Nach der Produktion auf endlosen Papierrollen wurde die Tapete in den bürgerlichen Biedermeier-Wohnungen heimisch. Durch die Vielfalt an Motiven und Farbkombinationen wurden Mustertapeten zum Ausdruck individuellen Geschmacks. Der „Tapetenwechsel“ wird zur Metapher der Veränderung. Tapeten sind bis heute vor allem in Mitteleuropa verbreitet, aber unsere Wände sind meist nur noch mit Raufasertapete beklebt und einem Farbton gestrichen. Ausnahme bildet oft das Kinderzimmer, die Auswahl an kindgerechten Tapetenmotiven ist immens. Die Fototapete ist als optisch besonders aufdringliche Variante beliebt.

Das Deutsche Tapeten-Museum ist in Kassel, derzeit aber wegen Umzugs in einen Neubau geschlossen. Ein Video des Museums gibt einen kleinen Einblick in die Geschichte der Tapete.

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Verspielte Barocktapete mit floralem Muster und Biedermeiertapete mit strenger vertikaler Gliederung. Quellen: Wikimedia Commons, http://www.unserfinkenberg.de/XY01/Zaun04/T02.gif

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Mahnung

Friedhosspruch

Eingemeißelter Spruch an der Friedhofsmauer in Zwerenberg/Schwarzwald. Er stammt aus einem barocken Kupferstich, der ein Stilleben mit Totenkopf zeigt. (17.07.2014)

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Medienwandel

Heute steht in den Zeitungen, dass man im NSA- Untersuchungsausschuss den Einsatz mechanischer Schreibmaschinen für geheime Dokumente in Erwägung zieht, um sich den Spähattacken der USA zu entziehen. Was würde unser Medienarchäologe Friedrich Kittler dazu sagen, dass ein fast verschwundenes Medium in diesem Kontext wieder ein Comeback erlebt? Ich freue mich schon auf einen Agententhriller, in dem die Spione im Hotelzimmer ihre Olympia aus dem Koffer holen und hinter einer Abschirmwand einen Bericht in die Tastatur hauen. „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken“ (Friedrich Nietzsche). (15.07.2014)

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Neuer Situationismus

Gestern war ich bei einer Diskussion im Café Philo am Tübinger Zimmertheater mit Bernhard Pörksen (dem Sohn des Autors der „Plastikwörter). Er ist Professor für Medienwissenschaft in Tübingen und hat bemerkenswerte Studien über die Konstruktion von Realität durch die Medien vorgelegt, z. B. über Skandalisierung. In der Diskussion sollte es um Erkenntnistheorie gehen, um Wirklichkeit und Wahrheit, ausgelöst durch die aktuelle Kontroverse zwischen den Konstruktivisten und den Neuen Realisten.

Pörksen trägt in seinem Impulsstatement einen sympathischen, antidogmatischen Ansatz vor, der sich von jeglicher Erkenntnistheorie abkoppelt. Losgelöst von Fragen der Wahrheit und Wirklichkeit muss man sich in jeder Situation entscheiden und die Verantwortung für die Konsequenzen übernehmen. So kann einmal die eine, einmal die andere Wahrheit gelten: „Es kommt darauf an“. Angemessenheit statt Wahrheit ist das neue, sehr weiche Kriterium. Die Plausibilität des Situationismus besteht darin, dass alle, die sich keinem festen Wertsystem verpflichtet fühlen, im Alltag genauso pragmatisch vorgehen. Philosophisch lässt sich das, was die Wahrheit betrifft, im Pragmatismus und, was die Moral betrifft, in der Existenzphilosophie verorten. Einen neuen Ismus braucht man eigentlich nicht.

Die Diskussion mäanderte denn auch zwischen Erkenntnistheorie, deren Fragen derzeit unentscheidbar sind, und Lebenspraxis, in der man ohne erkenntnistheoretische Rückversicherung entscheiden muss. Etliche Fragen aus dem Publikum offenbarten, das der „Neue Situationismus“ à la Pörksen noch reichlich unausgegoren ist. (15.07.2014)

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Blogs, Blogs, Blogs

Seit ich einen Blog habe, stelle ich fest, wie viele auch einen haben. Vorher war mir das nicht aufgefallen. Es wird geschrieben und gepostet, was das Zeug hält. Diese Kommunikationsform gibt seit Mitte der 90er-Jahre. In Wikipedia lese ich mit Entsetzen, dass es schätzungsweise 175 Millionen Blogs im Internet gibt! Was ist daran so reizvoll, Texte und Bilder ins Netz zu stellen, die meist nur von sehr wenigen Usern entdeckt und zur Kenntnis genommen werden? Hinter den meisten Beiträgen findet man den Vermerk „no comments“. Die Texte sind eine Art digitaler Flaschenpost, die vor allem die Kommunikationsbedürfnisse der Blogger befriedigt. (14.07.2014)

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Plastikwörter

„Words, words, words“ antwortet Hamlet auf die Frage des Polonius: „Was leset ihr, mein Prinz“ (2. Akt, 2. Szene). Wörter haben es mir angetan, deshalb wieder ein Beitrag über Wörter.

1988 hat der Sprachwissenschaftler Uwe Pörksen ein Buch mit dem Titel „Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur“ veröffentlicht. Er meint damit Wörter aus den Wissenschaften, die weitgehend ihrer Bedeutung beraubt sind und deshalb beliebig verwendbar sind. „Beziehung“, „Projekt“, „Fortschritt“, „Struktur“, „System“, „Beziehung“, „Strategie“, „Faktor“ sind z. B. solche Plastikwörter. Vor allem im politischen, aber auch im kulturellen Bereich sind Plastikwörter beliebt, da man mit ihnen tiefsinnig formulieren kann, ohne etwas Inhaltliches zu sagen. Eine Kostprobe: „Wir sind die Partei, die für eine strukturelle Ökologisierung steht, für eine Energiewende, für eine Verkehrswende, und auch für eine ökologisch ausgerichtete Arbeitsmarktpolitik. Wir haben ein integriertes Konzept von Wirtschaftsökologie und Sozialpolitik entwickelt, und das bieten wir an.“ Aha, jetzt wissen wir Bescheid. Plastikwörter eigenen sich hervorragend für Phrasendreschmaschinen.

Der sozial- und integrationspolitische Sprecher der hessischen SPD-Landtagsfraktion, Gerhard Merz, hat eine lange „Liste hässlicher Wörter“ gesammelt, viele davon sind Plastikwörter. (13.07.2014)

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Stillleben

MacBurger

Das Big Mac extra value meal. Werbung von McDonald.

Versuchen wir eine ikonologische Analyse der visuellen Botschaft: Zentral im Bild ein Doppelburger, links davon ein Pappbecher mit dem Logo von Coca-Cola, rechts davon eine Tüte mit Pommes und dem Logo von McDonald. Die Tüte mit Pommes greift das Motiv des Füllhorns aus der griechischen Mythologie auf, ein Symbol für Überfluss und Glück. Ein Burger ist ja eigentlich nur ein belegtes Brötchen, der üppige, mehrschichtige Belag signalisiert ebenfalls Überfluss: Fleisch, Käse, Salat. Dazu passt der 1/2-Liter-Becher mit Brause, der Schriftzug „always“ signalisiert globalisierte Jugendlichkeit. Geschirr gibt es nicht, nur Papp-Becher, Papp-Tüte und Papierserviette, diese ist aber wie ein edles Tuch drapiert. Die Pappen sind ein Symbol für die Wegwerfgesellschaft. (12.07.2014)

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