Schwerverständlichkeit

Zur Verteidigung schwer verständlicher Texte werden in verschiedenen Varianten wieder immer drei Argumente vorgebracht:

Das inhaltliche Argument. Die Wirklichkeit ist so komplex, dass sie sich nicht mit einfachen Wörtern und einfachen Satzkonstruktionen ausdrücken lässt. Mit diesem Argument verteidigt der Philosoph Johann Hamann (1730-1788) seine dunkle Prosa, hier theologisch eingefärbt: Da die Welt nur Gott und nicht dem Menschen verstehbar ist, kann ein Mensch über sie auch nicht verständlich schreiben. Die Texte spiegeln sozusagen die Nichtverstehbarkeit der Welt für den Menschen. Unverständlichkeit wird hier als Protest gegen die Aufklärung und deren Forderung, sich klar auszudrücken, verstanden. Denn Aufklärer fordern einen verständlichen Schreibstil, der auch außerhalb des akademischen Elfenbeinturms verstanden wird. Friedrich Nicolai, ein Vertreter der Berliner Aufklärung, beklagt, dass die Schreibenden in Deutschland nur auf sich selbst und „auf den gelehrten Stand“ bezogen sind und die übrigen Menschen verachten. Noch schärfer geht Christian Garve mit den Schreibenden ins Gericht, Er verlangt „Klarheit und Leichtigkeit des Styls“ und lässt das beliebte Argument nicht gelten, dass Tiefe und Gründlichkeit mit Unverständlichkeit erkauft wird, im Gegenteil: „Man kann also mit Recht sagen, daß der höchste Grad der Vollkommenheit und Ausbreitung philosophischer Ideen dann erst erreicht ist, wenn sie sich allen Menschen von gebildetem Verstande, auf eine leichte Art, mitteilen lassen.“ In dieselbe Kerbe schlägt Georg Christoph Lichtenberg: „Die simple Schreibart ist schon deshalb zu empfehlen, weil kein rechtschaffener Mann an seinen Ausdrücken künstelt und klügelt.“ Er spottet über Gelehrte, die ihre „gelehrte Notdurft auf Papier verrichten.“ Dies sind klare Worte gegen einen schwer verständlichen akademischen Imponierstil, der insbesondere in Deutschland bis heute gepflegt wird und zur Sozialisation in einige Disziplinen gehört (Groebner, 2012). Bei den Adressaten wird eine unverständliche Sprache oft als Ausdruck von Expertise oder Intelligenz aufgefasst.

Das didaktische Argument. Man darf es den Lesenden nicht zu einfach machen, schwierige Texte führen zu tieferer Verarbeitung. So wünscht sich Hamann Adressaten, die wiederkäuend lesen und sich durch den Text zum Denken anregen lassen. Lesen wird hier als ein kreativer, kein rezeptiver Akt gesehen. Dieses Argument wird gern mit pädagogischem Zeigefinger vorgetragen, aber es verschiebt die Verantwortung für das Verstehen völlig auf die Seite der Lesenden. Der oder die Schreibende braucht sich nicht um Verständlichkeit bemühen.

Das ästhetische Argument. Schwerverständlichkeit bereitet intellektuell anspruchsvollen Adressaten einen ästhetischen Genuss. Dies betrifft vor allem literarische Texte, da bietet sich dieses Argument an. Keiner wird von Thomas Mann oder Thomas Bernhard einfordern, dass sie verständlich schreiben sollen. Norbert Groeben (1982, S. 152) nennt Verständlichkeit ein „Un-Kriterium für literarische Texte“. Für Verstehensprobleme werden gern rhetorische Stilmittel wie Metaphern, Ironie und Allusionen (= Anspielungen) verantwortlich gemacht, die eben manchen Lesenden überfordern. Das ästhetische Argument gilt aber sicher nicht für Lern- und Fachtexte.

Alle drei Argumente haben eine gewisse Plausibilität, aber sie verschweigen die dunkeln Seiten der Schwerverständlichkeit, sie dient oft der Verschleierung und Abschottung.

Abschottung. Schwerverständlichkeit kann als Mittel der sozialen Abgrenzung eingesetzt werden. So schreibt Friedrich Nietzsche im 381. Aphorismus der „Fröhlichen Wissenschaft“_: „Es ist noch ganz und gar kein Einwand gegen ein Buch, wenn irgend jemand es unverständlich findet: vielleicht gehörte eben dies zur Absicht seines Schreibers – er wollte nicht von „irgend jemand“ verstanden werden. Jeder vornehmere Geist und Geschmack wählt sich, wenn er sich mitteilen will, auch seine Zuhörer; indem er sie wählt, zieht er zugleich gegen die anderen seine Schranken.“ (Nietzsche, 1981, 256). Schwerverständlichkeit ist hier eine elitäre Strategie, sich nur Gleichgesinnten mitzuteilen und andere auszuschließen. Eine vergleichbare sektiererische Einstellung findet man in den „Schwarzen Heften“ von Martin Heidegger: „Künftig muss das Unverständliche gewagt werden: jedes Zugeständnis an Verständlichkeit ist schon Zerstörung.“ Noch ein Zitat: “Das Sichverständlichmachen ist der Selbstmord der Philosophie”. Hiermit wird Kommunikation bewusst verweigert und nur Eingeweihte dürfen in den Elfenbeinturm des Philosophen eintreten.

Verschleierung. Zudem wurde immer wieder der Verdacht laut, dass schwer verständliche Texte nur eine Schwäche der Argumentation verdecken sollen. Wer klar denkt, der kann sich auch klar ausdrücken. Wer verschwurbelt schreibt, der denkt auch so. Es gibt die „intendierte Schwerverständlichkeit“ (Göpferich, 2002), bei der durchaus gewollt ist, sich unverständlich auszudrücken, weil man eigentlich wenig zu sagen oder etwas zu verschweigen hat. Schwer verständliche Texte benötigen dann Vermittler wie Exegeten, Pressesprecher, Übersetzer, Kommentatoren usw., die eine Interpretationshoheit beanspruchen. Unverständlichkeit verweist hier auf eine verdeckte Machtausübung, z. B. in Politik, Religion oder Recht (Enzensberger, 2004). Schwerverständlichkeit haftet immer etwas Esoterisches und Sektiererisches an.

(Aus meinen Skript zur Lehrveranstaltung „Verständlichkeit“ an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur). (09.10.2016)

3 Kommentare to Schwerverständlichkeit

  1. Joachim Wedekind 11. Oktober 2016 at 10:22 #

    Vorbild für mich waren Vorträge auf den vielen Konferenzen in Großbritannien, an denen ich teilnehmen konnte. Die waren in der Regel verständlich, häufig gewürzt mit Jokes, inhaltlich deswegen aber nicht flach, ganz im Gegenteil. Und die Diskussionen wurden zwar hart und kontrovers geführt, aber ohne Häme und Besserwisserei, wie ich es oft hierzulande erleben konnte. Leider hat sich da bei uns in den letzten Jahren nicht so viel geändert, wie es wünschenswert wäre …

  2. SP Ballstaedt 11. Oktober 2016 at 9:53 #

    In den Geisteswissenschaften ist das Ablesen von Manuskripten noch immer sehr verbreitet. Da schriftliche Sprache immer grammatisch komplexer ausfällt, ist das oft eine Zumutung für die Zuhörenden, vor allem wenn dann noch zu schnell abgelesen wird. Das Argument zur Verteidigung: Es kommt auf jedes Wort, jede Formulierung an, denn Sprache ist das Medium des Denkens. Statt den akademischen Schreibstil weiter zu pflegen, sollte man verbindlich Rhetorikkurse vorschreiben, um die mündliche Ausdrucksfähigkeit zu verbessern.

  3. Joachim Wedekid 10. Oktober 2016 at 17:39 #

    ich erinnere mich an den Vortrag eines auch dir bekannten Exkollegen am DIFF. Der meinte „ich muss meinen Text ablesen, weil er dem Inhalt angemessen kompliziert ist“ – als Antwort auf die Bitte aus dem Publikum er solle doch bitte langsamer und verständlicher reden …

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