Alterslyrik

Ich bin ein großer Liebhaber von Gedichten, weil hier die Sprache sozusagen zur Höchstform aufläuft: Jeder Laut, jedes Wort, jede Konnotation, jede syntaktische Konstruktion trägt zu einem Gesamteindruck bei, der eine Wahrnehmung, ein Gefühl , eine Befindlichkeit, eine Erkenntnis subjektzentriert verdichtet. Dazu kommen sämtliche rhetorischen Stilmittel, welche die Sprache zu bieten hat.

Derzeit blättere ich in der Gedichtsammlung „Altershalber“, die von Helmut Zwanger und Henriette Herwig herausgegeben wurde. Sie haben Gedichte aus acht Jahrhunderten über das Altern gesammelt. Die Altersklage überwiegt, mit der Hinfälligkeit und Sterblichkeit haben sich die Menschen schon immer schwer getan. Die Herausgeber: „Kaum je findet sich Scherzhaftes, Heiteres, selten Humor, Komik oder Selbstironie.“ (S. 31). Aber das liegt auch an der Auswahl. Zwei Dichter Robert Gernhardt und Peter Rühmkorf kommen zwar in der Anthologie vor, aber nicht mit den Gedichten, die nichts beschönigen, aber über die man trotzdem schmunzeln kann. Hier Robert Gernhardt aus „Lichte Gedichte“:

ES, ES, ES UND ES

Es ist nicht schön, wenn man begreift:
Du bist nur gealtert, du bist nicht gereift.

Es tut nicht gut, wenn man bemerkt:
Die Zeit hat nur deine Schwächen verstärkt.

Es führt nicht weit, wenn man erkennt:
Was du auch anfängst, es ist der Anfang vom End.

Es baut etwas auf, wenn man bedenkt:
Mit dem Tod bekamst du das Leben geschenkt.

Viele altersheitere Verse auch in Peter Rühmkorfs letztem Gedichtband „Paradiesvogelschiß“. (26.04.2015)

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