Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Komiker

Der neue ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wird in jedem Pressebeitrag als TV-Komiker und Politneuling vorgestellt. Aber das sind keine Nachteile, wie seiner Antrittsrede vor dem Parlament zeigt. Schon die Bilder, wie er zu Fuß und winkend auf das Parlamentsgebäude zuschlendert, statt aus einer Staatskarosse zu entsteigen, sind ungewohnt. Noch ungewohnter und geradezu erfrischend seine Rede, bevor er das Parlament auflöst: direkt, appellativ, rhetorisch zugespitzt. Am besten hat mir gefallen, dass er sein Portrait nicht in den ukrainischen Amtsstuben hängen sehen will: „Der Präsident ist keine Ikone. Hängen Sie die Bilder Ihrer Kinder auf und schauen Sie Ihnen vor jeder Entscheidung in die Augen!“ Ein guter Vorschlag! Vielleicht sollten mehr Komiker und Politfrischlinge gewählt werden, wie wäre es z.B. mit Jan Böhmermann. (21.05.2019)

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Humanismus

Vor den Wahlen liest man neben den üblichen inhaltsleeren Parolen der Parteien auch flotte und ironische Sprüche (Free Kita für Rafiq und Rita, SPD). Etwas Besonderes haben sich „Die Humanisten“ ausgedacht, ein Doppelplakat mit zwei Botschaften: Auf der einen Seite: Wer vögeln will, muss freundlich sein“ auf der Rückseite „Wer Zukunft will, muss mutig sein“.

Auf ihrer Website begründen sie ihre Wahlwerbung so: Mit dem Vögel-Tipp soll eine Wohlfühlbotschsft verbreitet werden, „gewürzt mit einer Prise flachem Humor und Angriffsfläche für Empörung“. Politischen Inhalt soll dann der Spruch transportieren „Wer Zukunft will, muss mutig sein“, d.h. unbequeme Positionen vertreten und Risiken eingehen. Ehrlich gesagt, sehe ich aber keinen wesentlichen Unterschied zwischen beiden Claims. Der Zukunftstipp ist inhaltsleer, den Mut, ein politisches Ziel der Humanisten zu benennen, haben sie nicht, z.B. einen laizistischen Staat, nicht-bekenntnisorientierte Religionskunde an den Schulen, Abschaffung der Privilegien und Subventionen für die Kirchen, Streichung des Gottesbezuges aus der Präambel des Grundgesetzes, Abschaffung der Kirchensteuer u.a. Das hätte für mehr Aufmerksamkeit gesorgt als die beiden harmlosen Sprüche. (14.05.2019)

Nachtrag: Ich habe übersehen, dass Die Humanisten nur bei der Europawahl antreten, da spielt das deutsche Grundgesetz natürlich keine Rolle. Hier geht vor allem um ein säkulares Europa, das den Werten der Aufklärung verpflichtet ist. (17.05.2019)

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Lektüre über das imperfekte Gehirn

Gary Marcus: Murks. Der planlose Bau des menschlichen Gehirns. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2009.

Das Buch stand schon seit Jahren in meinem Regal, jetzt habe ich es gelesen. Der Autor ist amerikanischer Psychologieprofessor an der New York University und dort Leiter des NYU Infant Language Learning Center.

Das Buch befasst sich mit Mängeln des menschlichen Gehirns. Marcus beschreibt in mehreren Kapiteln anhand von Experimenten eine deprimierende Abfolge von Fehlleistungen unseres Denkorgans: unser Gedächtnis ist schwach und fehleranfällig, unser Meinungsbildung ist einseitig und vorurteilsbehaftet, unsere Entscheidungen sind oft nicht rational und unlogisch, unsere Sprache steckt voller Mehrdeutigkeiten, wir ziehen einen kurzfristigen Lustgewinn einer langfristigen Planung vor und schließlich ist unser Gehirn schnell überlastet und anfällig für pathologische Störungen. Da das menschliche Hirn oft als Glanzleistung der Evolution und „der Mensch als vernunftbegabtes Tier“ gefeiert wird, liest sich die These erfrischend, dass das Gehirn eigentlich ziemlicher Murks ist. Als Murks bezeichnet der Autor „Problemlösungen, die umständlich und unelegant – dabei aber erstaunlich effektiv sind“ (S. 12).

Murks hat die Evolution schon beim Körper gebaut. Drei Beispiele: 1. Unsere Wirbelsäule hat sich aus dem Rückgrat vierfüßiger Tiere entwickelt und ist eine schlechte Lösung für ein aufrechtgehendes Lebewesen. 2. Die Retina, also die lichtempfindliche Schicht unseres Auges, liegt hinter den ableitenden Zellen und Nervensträngen, das Licht muss erst durch diese Schichten hindurch. 3. Der männliche Samenleiter macht einen langen, unökonomischen Umweg vom Hoden bis zum Penis. Alle drei Beispiele sind keine optimalen Lösungen, aber sie funktionieren.

Wie kommt es zu diesen suboptimalen Anpassungen in der Evolution. Eine Mutation, die auf einen Schlag eine bessere Lösung für ein Überlebensproblem liefert, wäre ein seltener Glückstreffer, meist sind viele kleine Schritte notwendig, die zu keiner optimalen, aber einer hinreichenden Lösung führen. Dabei setzt die Evolution an dem an, was bereits vorhanden ist, sie pfropft neue Funktionen auf alte auf. Das zeigt schon der Aufbau des Gehirns, bei dem die neueren Hirnregionen den älteren übergestülpt sind. Die neuen Funktionen arbeiten immer in Abhängigkeit von äteren Systemen. So hat es unsere rationale oder moralische Planung im Vorderhirn oft schwer sich gegen die emotionalen Reflexe archaischer Systeme durchzusetzen: Wir wollen eine Diät einhalten, aber das Schoko-Törtchen vor unseren Augen macht die Entscheidung zunichte.

Nicht immer überzeugt mich die Argumentation, z.B. im Kapitel über die Unzulänglichkeiten der Sprache. Sicher, die Sprache ist nicht logisch aufgebaut wie eine Computersprache, sie ist in vielen Fällen lexikalisch und syntaktisch mehrdeutig und deshalb missverständlich, die grammatischen Regeln haben zahlreiche nicht transparente Ausnahmen usw. Das kann man als defizitär beschreiben, aber ohne diese Unvollkommenheiten gäbe es keine Ironie, keinen Witz, keine Literatur, keine Lyrik, keine rhetorischen Mittel, keine Höflichkeit, das bedeutet: Die Möglichkeit kommunikativer Nuancen und Sprachspiele wäre massiv beschränkt. Eine imperfekte Sprache ist vielleicht doch eine nützliche Anpassung an unser komplexes soziales Leben.

Der Autor wendet seine Mängelliste argumentativ gegen den Kreationismus und das Intelligent Design: Ein intelligenter Schöpfer hätte nie einen solchen Pfusch abgeliefert. Aber die Evolution arbeitet nicht optimal, sondern funktional. Eine Anpassung muss einen Vorteil bringen, aber eine optimale Lösung muss sie nicht sein. Dem Autor wurde eine veraltete Theorie der Evolution und eine Fehlinterpreation der Evolutionären Psychologie vorgeworfen (Liddle & Shackelford, 2009), aber seine Zusammenstellung der geistigen Mängel und Unvollkommenheiten wird nicht in Frage gestellt.

Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der naheliegende Frage, wie wir mit so einer miserablen geistigen Ausstattung umgehen können. Es werden 13 Tipps gegeben. Sie sind trivial und klingen wie aus Ratgeber- und Lebenshilfetraktaten: Gewinnen Sie Abstand! Setzen Sie Prioritäten! Bemühen sie sich um Rationalität! Berücksichtigen Sie ihre eigene Impulsivität! Diese Ratschläge zur Weisheit sind nicht immer aus den vorherigen Kapiteln abgeleitet, im Gegenteil beweisen diese, dass unser vermurkstes Gehirn für solche Weisheiten nicht gerade aufgeschlossen ist. (09.05.2019)

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Bilderrätsel 6

Was habe ich hier fotografiert? Durch Anklicken Vergrößerung. Die Lösung bald im Kommentar. Foto: St.-P. Ballstaedt (07.05.2019)

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Nulpe

Ein sonderbares Wort für einen Versager, Nichtskönner, Dummkopf. Als ich seine Herkunft ermitteln wollte, stieß ich sofort auf einen kleinen Artikel zum Stichwort „Nulpe“ in Wikipedia, es wird immer schwerer, etwas wirklich Originelles zu entdecken.

Sicher ist die Herkunft des Wortes nicht. Im Etymologischen Wörterbuch des Deutschen wird Nulpe als Weiterbildung von Null angesehen, es fehlt allerdings jeglicher Beleg für diese These. Wahrscheinlicher ist die Spur, die von den Gebrüdern Grimm ausgeht, diese weisen die Nulpe als Bezeichnung für eine Zigarre oder auch Tabakspfeife nach. Gesaugt wird nicht nur an einer Zigarre oder Pfeife, sondern auch an einem Schnuller, der als Nulp oder Nuppel bezeichnet wurde. Eine Nulpe wäre somit ein Mensch, der auf dem geistigen Stadium eines Kleinkindes stehen geblieben ist. (04.05.2019)

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Sumpfkrüge

Ein neuer Aufkleber an Tübinger Straßenlaternen. Abgebildet ist eine fleischfressende Pflanze, Heliamphora heterodoxa x nutans, der Sumpfkrug.

Ein Kollektiv aus Künstlern in Berlin hat sich den Namen der Pflanze gegeben, auf Facebook findet man das Bildchen als Erkennungszeichen. Foto: St.-P. Ballstaedt (30.04.2019)

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Murks, abmurksen

Beide Wörter haben denselben Stamm, aber was hat eine fehlerhafte Arbeit (Murks) mit dem Ermorden eines Menschen zu tun (abmurksen)?

Das Grundwort ist im 16. Jahrhundert ein Murk, ein abgebrochenes oder schlecht abgeschittenes Stück oder dann übertragen ein zurückgebliebener Mensch, im Diminutiv später ein Murkel. Bei den Gebrüdern Grimm findet man unter Murks noch die Bedeutung „kleiner, unansehnlicher, verdrießlicher mensch“.

In allen deutschen Mundarten gab es ein Verb in der Bedeutung  „zusammendrücken, zerdrücken, in unordentliche Stücke schneiden“: z. B. murken, murkeln, murggsen, morksen, murgkeln, murggelen. Immer spielt die Vorstellung des Zerbröckelns und Zerfallens eine Rolle. Jemanden abmurksen hat die Bedeutung „langsam und qualvoll töten“, z.B. durch Strangulieren, Zerquetschen oder Zerschneiden. (28.04.2019)

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Schwarzes Loch

Jetzt sind wir nicht mehr auf Science-Fiction-Filme angewiesen: Am 10. April 2019 wurden die ersten hochauflösenden Aufnahmen des Zentrums der Galaxie M87 der Öffentlichkeit vorgestellt. Das erste Bild eines schwarzen Lochs ging durch alle Medien. Es wurde aus Radioaufnahmen eines Verbundes von Radioteleskopen berechnet, die über die ganze Erde verteilt sind. Die Software wurde von 30 Informatikern und Informatikerinnen am MIT entwickelt! Streng genommen sieht man gar nicht das Loch, denn es verschluckt alles, auch das Licht, sondern man sieht den Ereignishorizont, den Bereich um das Loch, den Ort ohne Wiederkehr: Materie, die hierher gelangt, wird vom Schwarzen Loch angezogen und verschlückt. Das Loch hat eine Masse von 6,5 Milliarden Sonnen!

Quelle: EHT Collaboration, Wikipedia Commons OTRS: https://www.eso.org/public/images/eso1907a

Das Bild ist kein Foto, sondern eine aus der Messung von Radiowellen berechnete Visualisierung. Dass es schwarze Löcher gibt, ist spätestens seit der Relativitätstheorie von Albert Einstein bekannt, aber sie existierten nur in Formeln und Berechnungen. Der Mensch ist ein sinnliches Wesen, er will auch Abstraktes sehen und deshalb ist das Bild als sichtbarer Beweis eine Sensation. Dies ist wieder ein Beispiel für den Siegeszug der Bilder als Erkenntnismittel in der Wissenschaft, nicht nur der Radioastronomie, sondern auch in der Computertomografie, der Luftbildarchäologie, der Elektronenmikroskopie in der Biologie. (18.04.2019)

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Bilderrätsel 5

Was zeigt dieses Foto? Zum Vergrößern ins Bild klicken. Auflösung im Kommentar. Foto: St.-P. Ballstaedt (16.04.2019)

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Urheberrecht

Am 13.5.2015 habe ich einen Beitrag „Horrorwittchen“ in meinen Blog gestellt, in dem ich ein Foto eines Grafitto verwendet habe, auf dem Schneewittchen mit gezücktem Messer auf die sieben Zwerge losgeht. Ziemlich genau vier Jahre konnte man das Foto anschauen, das ich nicht selbst gemacht, sondern ohne Lizenzüberprüfung übernommen habe, woher habe ich vergessen. Das war falsch, aber damals war ich noch blauäugig.

Am 10.04.2019 hat sich eine Kanzlei bei mir gemeldet, die die Ansprüche der dpa Picture-Alliance GmbH vertritt: Schadensersatz, Dokumentationskosten, Zinsen und Rechtsanwaltgebühren, insgesamt 375,88 Euro. Das ist viel für ein popeliges Bild, dass ich trotz Schadenersatzzahlung nicht weiter verwenden darf. In meinem Impressum weise ich darauf hin, dass ich Ansprüchen nachkomme, wenn sie mir gemeldet werden. Ich habe bisher ein Foto auf Wunsch entfernt, für ein anderes Foto dem Rechteinhaber die geforderten 50 Euro bezahlt. Ich hätte es bei meiner nichtkommerziellen Site fairer gefunden, die dpa hätte sich bei mir gemeldet, statt gleich die Juristen auf mich anzusetzen. Aber für beide ist das natürlich ein lukratives Geschäftsmodell. (13.04.2019)

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