Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken.

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Be you

Ohne Ratgeberliteratur wird das nichts mit der Ausbildung einer Persönlichkeit. Für jede Komponente einer modernen Individualität kann man sich Tipps holen: Selbstmanagement, Gelassenheit, Erfolg und Effektivität, Lebensfreude, Kommunikation, Selbstmotivation, Achtsamkeit, Ausstrahlung,  Originalität und Kreativität usw. Offenbar ist es nicht mehr möglich, durch Erfahrungen, Erlebnisse, Begegnungen, Lebenskrisen eine Persönlichkeit zu entwickeln, dazu sind Consulting, Coaching und Training notwendig. (24.04.2026)

Ganze Bücherständer bieten Hilfen zur Persönlichkeitsbildung an, im Internet findet man Ratgeber für alle Lebensbereiche.

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Altern ist heilbar

In meinem Alter natürlich nicht unattraktiv: Die Partei für Verjüngungsforschung, die bei der letzten Landtagswahl in BW in Tübingen eifrig plakatiert hat. Ihr zentrales Ziel ist die finanzielle Förderung der medizinischen Forschung gegen Alterskrankheiten. Angestrebt wird „ein unbegrenzt langes gesundes Leben für alle“. Die Geschwindigkeit des Alterungsprozesse (Longevity Escape Velocity) soll massiv verringert und damit sollen die Gesundheitskosten gesenkt werden. (22.04.2026)
Lektüretipp zum Thema: Simone de Beauvoir: Alle Menschen sind sterblich. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1970.


„Tausend Jahre gesund leben“: Wahlversprechen werden nicht immer eingehalten, aber vielleicht ist das bei dieser Kleinpartei ja anders. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Vernässen

Das Verb „nässen“ löst im 17. Jahrhundert das Verb „netzen“ ab, das es heute nur noch in wenigen Zusammenhängen gibt, so kann man z.B. noch die Lippen benetzen. Die transitive Bedeutung von nässen ist „nass machen“, wie beim Bettnässer, die intransitive „Nässe von sich geben“ wie bei einer Wunde, die nässt.

Das Fachwort „Vernässung“ bedeutet in der geologischen Bodenkunde, dass ein Boden über längere Zeit einen sehr hohen Wassergehalt aufweist, z.B. durch einen Starkregen, den Pflanzen und Böden nicht aufnehmen können. Bei Blumenliebhabern auch als Staunässe gefürchtet.

In den letzten Jahren wird das Wort „vernässen“ im Bereich des Naturschutzes verwendet, wenn ein Boden, meist ein ehemaliges Moor wieder unter Wasser gesetzt wird. Ziel ist dabei, zum Klimaschutz Kohlenstoffdioxid zu speichern. (21.04.2026)

Wiedervernässte Fläche im Bornriethmoor. Quelle: Wikimedia Commons

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Pollo fino

Endlich mal wieder ein interessantes Stencil an einer Hauswand in Freiburg/Br.. Foto: St.-P. Ballstaedt (02.03.2026)

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Neurodiversität

Ein Buch steht in meinem Regal mit neuropsychologischer Literatur, das ich vor vielen Jahren gelesen habe:

Luciano Mecacci: Das einzigartige Gehirn. Über den Zusammenhang von Hirnstruktur und Individualität. Campus. Frankfurt/New York: Campus Verlag, 1986.

Damals haben mich die Fallgeschichten fasziniert, die aufzeigten, dass das Gehirn, je nach Gebrauch, unterschiedliche Strukturen und Verknüpfungen aufbaut. Musiker, Sportler, Wissenschaftler bilden unterschiedliche Gehirne aus. Eigentlich ist das keine Überraschung, wenn z.B. ein Taxifahrer einen vergrößerten Hippocampus aufweist, der für das räumliche Gedächtnis und die Raumorientierung zuständig ist. Damals waren das Beispiele für die Neuroplastizität des Gehirns.

Das Thema kommt heute unter dem Begriff der Neurodiversität zurück, allerdings mit einer inhaltlichen Verschiebung: Bei der Neuroplastizität ging es um erworbene Veränderungen, jetzt geht es um das neurodivergente Spektrum, d.h. das Gehirn zeigt eine beeindruckende Fülle an natürlichen Ausprägungen und Besonderheiten, von denen einige innerhalb einer Kultur als positiv eingeschätzt werden (Hochbegabung, Hypersensibilität), anderen als negativ (ADHS, Autismus, Tourette). Der Begriff der Neurodiversität transportiert eine normative Botschaft: Akzeptiert verschrobene, wunderliche, störende, exzentrische Personen als natürliche, individuelle Varianten unterschiedlicher Gehirne, nicht als krankhafte Abweichungen! Das liest sich befreiend, hat aber erhebliche praktische Konsequenzen: Unsere Toleranz muss sich ausweiten und Therapien sind dann nicht angebracht. (17.02.2026)

Regenbogenfarbenes Unendlichkeitszeichen als Symbol der Neurodiversitätsbewegung. Quelle: Wikimedia Commons

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Manuelles Schreiben

Nachrufe auf das manuelle Schreiben bzw. die Handschrift häufen sich: Soll man Kinder noch mit Schreibschrift oder Druckschrift plagen, wenn sie doch die meisten Texte in eine Tastatur tippen werden? Da das Schreiben mit der Hand eine alte Kulturtechnik darstellt, ist der Aufschrei über den Verlust groß, auch wenn die meisten nur noch schnelle Notizen machen oder aus dem Urlaub eine handgeschriebene Karte schicken. Wann benutze ich noch die Handschrift: Einkaufszettel, flüchtige Notizen beim Recherchieren am Bildschirm, Aufschriebe bei Vorträgen, im Jahr etwa ein handgeschriebener Brief. Und dann noch die Unterschrift bei Dokumenten, bei digitalen Dokumenten wird aber bereits digital unterschrieben. Das Schreiben von Hand ist eine Basiskompetenz jeder Schriftkultur selbst nach Erfindung des Buchdrucks, aber die Schreibmaschine und mit der Digitalisierung der Computer bzw. das Tablet haben die Handschrift abgelöst. Ein weiterer Schritt ist die Spracherkennung, die mündliche Eingabe von Texten. Muss man um die Handschrift trauern?

Zunächst ist die Handschrift ein unverwechselbares Merkmal der Individualität, deshalb auch die Bedeutung der Unterschrift. Die eigene Handschrift kann kalligrafische Qualitäten entwickeln, es gibt ästhetisch schöne Handschriften. Das Ziel der Grafologie, aus der Handschrift auf die Persönlichkeit rückzuschließen, kann allerdings als gescheitert betrachtet werden. Zahlreiche empirische Untersuchungen zeigen, dass grafologische Gutachten weder reliabel noch valide sind.

Der Niedergang der Handschrift wird mit dem Argument beklagt, dass das Schreiben mit der Hand didaktische Vorteile habe. Zunächst fördert es die Feinmotorik, das ist unstrittig. Aber fördert das Schreibenlernen auch die kognitive Entwicklung, besonders das Denken, das Gedächtnis und das Lesen? Neuropsychologische Forschungen zeigen, dass das Schreiben mit der Hand im Vergleich zum Schreiben mit der Tastatur zu einer umfangreicheren und vernetzteren Hirnaktivität führt. Pädagogen haben schon immer behauptet, dass handschriftliche Notizen die Einprägung von Inhalten begünstigen, aber das kann auch für Notizen auf einem Tablet oder Notebook gelten? Viele Fragen sind noch nicht überzeugend zu beantworten. 

Sicher sind allerdings Befunde, dass Kinder und Jugendliche Probleme haben, länger als eine halbe Stunde zu schreiben und sie schreiben langsam und oft unleserlich. (05.02.2025)

Zwei neuere neuropsychologische Studien:

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38343894/

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34177498/

Handschriftliche Widmung von Walter Jens, in: Walter Jens: Nein. Die Welt der Angeklagten, Hamburg 1950. Quelle: Markus Wolter, Wikimedia Commons

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Aufwertung

Viele Wörter beinhalten in ihrer Bedeutung einen wertende Komponente, weshalb es ja auch schwer ist, etwas neutral zu beschreiben. Diese wertende Konnotation kann sich ändern: Wenn sich ein Bedeutungswandel vom Positiven zum Negativen vollzieht, spricht man von Pejoration, z.B. beim Lehrbuchbeispiel: „Weib“ oder „Dirne“ wird ursprünglich neutral, dann abwertend gebraucht. 

Seltener ist das Gegenteil, die Melioration, bei der ein ursprünglich negatives Wort einen positiven Beiklang in einem veränderten Nutzungskontext bekommt. Lehrbuchbeispiel: Als „Freigeist“ wird im 18. Jahrhundert abwertend eine Person genannt, die religiöse und moralische Vorgaben ablehnt, später aufgewertet als Bezeichnung für einen unabhängigen und selbstbewussten Denker.

Oft wird eine negative Bezeichnung von der gemeinten Gruppe aufgegriffen und – als Flucht nach vorn – selbstbewusst neu definiert, so z.B. die Adjektive „queer“ und „schwul“. Man spricht von Trotzworten! Ein aktuelles Beispiel für Meliorisierung zeigt eine Überschrift aus der WochenTAZ vom 3.01.2026: „Wenn ich meine Freund:innen eine „Fotze“ nenne, ist das als Kompliment gemeint“. Die Journalistin Chiara Bachels: „Die Fotze gehört jetzt wieder uns. Wir haben uns das Wort zurückgeholt […].“ Der Dank für die Rückeroberung geht an die Rapszene, speziell Ikkimel. Zum Wort „Fotze“ mein Beitrag vom 1.7.2025 (11.01.2026)

Die Rapperin Ikkimel benutzt in ihren Texten gern und provokant das F-Wort. Quelle: Wikimedia Commons

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Der Depp

Der Depp kommt vor allem in bajuwarischen Gegenden vor. Das Wort geht zurück auf das Wort „Tappe“ für Tatze, das sich im Verb „tappen“ erhalten hat: Ein Depp ist täppisch, ungeschickt, einfältig, wobei die Bedeutung von schwachsinnig mitschwingt.

Was aber untragbar, weil geschlechtsdiskriminierend ist: Der Depp kommt nur in männlicher Form vor, eine Frau kann sich noch so deppert verhalten, sie wird nicht zum Depp. Hier muss linguistisch nachgebessert werden. (05.01.2026)

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Hochsensibel

Auch in der Psychologie gibt es Moden, sie sind eine Reaktion auf bestimmte gesellschaftliche und kulturelle Bedingungen. Trends waren z.B. die Work-Life-Balance, der Burnout, Prokrastination, ADHS, die Achtsamkeit oder derzeit die Einsamkeit. Ein weiteres aktuelles Thema ist die Hochsensibilität oder Hypersensibilität, ein stabiles Persönlichkeitsmerkmal, das sich durch eine niedrige Wahrnehmungsschwelle und eine erhöhte sensorische Verarbeitungsintensitivität auszeichnet. Hochsensible erleben eine permanenter Reizüberflutung, die zur Vermeidung von Reizen durch Rückzug führt. Betroffene sind schnell überfordert und gestresst.

Erstaunlich ist die plötzliche Verbreitung (wie die Lactose-Intoleranz). Erhebungen haben 30% der Bevölkerung als hochsensibel eingestuft, aber das sind Selbstauskünfte in Fragebögen. Sensibilität ist ja eine positive Eigenschaft, sie wird mit Empathie, ästhetischer Empfindlichkeit, Feinfühligkeit assoziiert, in starker Ausprägung werden die Adjektive zartbeseitet oder mimosenhaft verwendet. Andere Psychologen nehmen an, dass nur 1% der Bevölkerung als hochsensibel gelten können. Valide neuropsychologische Kriterien für die Persönlichkeitseigenschaft gibt es bisher nicht.

Hochsensibilität ist ausdrücklich keine psychische Störung, kann aber durch andauernde Überreizung zu emotionaler Instabilität führen und in der Folge zu autistischen Symptomen, Stressanfälligkeit, Depressionen, Angstzuständen. Deshalb gibt es psychologische Angebote für Hochsensible, die sie vor Überforderung schützen und ihnen einen produktiven Umgang mit ihrer Eigenschaft vermitteln sollen, offenbar ein durchaus lukrativer Zweig für Ratgeberliteratur, Coaching und Psychotherapie.

Wer sich als hochsensibel outet, meist sind es Frauen, hat in der Kommunikation erhebliche Vorteile: Sie kann sich als empfindsam aus jeder Situation zurückziehen, sich missverstanden und überfordert fühlen, die Partner stehen als unsensibel und emotionsarm da. Kein Wunder, dass man diese Persönlichkeitseigenschaft gern in Anspruch nimmt. Es haben ja auch fast alle Menschen Humor! (30.12.2025)

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Promptografie

Dieses Jahr habe ich meine Weihnachtskarte mit generativer KI gestaltet (Midjourney). Ausgangsinspiration waren Stillleben mit ihren Arrangements symbolträchtiger Gegenstände. Es ist durchaus ein kreativer Prozess, die richtigen Textanweisungen einzugeben und die von der KI angebotenen Varianten zu beurteilen und zu modifizieren. Motiviert haben mich die digitalen Experimente von Alexander Kluge (er generiert mit Stable Diffusion). Besonders bemerkenswert: Gerade die Fehler, die den Programmen meist mit überlegenem Unterton vorgeworfen werden sieht er als „ein positives Element“: „Man muss die Vorzüge dieserTechnik jetzt rechtzeitig nutzen, solange das Gerät noch irrtumsfähig bleibt.“ (22.12.2025)

Meine Weihnachtskarte 2025. Alexander Kluge (93 Jahre) setzt sich mit der generativen KI produktiv auseinander: „Der Konjunktiv der Bilder. Meine virtuelle Kamera (K.I.). Leipzig: Spector Books, 2024. 

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