Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Mutanten

Die Syphilis wurde in verschiedenen europäischen Sprachen unter anderem als neapolitanische, italienische, französische, spanische, kastilische, englische, schottische oder polnische Krankheit benannt, je nachdem, aus welchem Land sie angeblich eingeschleppt wurde. Mit der Bezeichnung wurde eine abwertende und schuldzuweisende Haltung dem jeweiligen Land gegenüber transportiert. Die spanische Grippe war zwar vermutlich in Frankreich ausgebrochen und von Gastarbeitern nach Spanien gebracht worden, aber ihren Namen in Frankreich, Großbritannien und den USA hat sie bis heute behalten. Die Spanier sprechen hingegen von der „Pandemia de gripe de 1918“.

Kommen wir zur aktuellen Pandemie. Donald Trump sprach vom chinesischen Virus. Die Bezeichnung hatte Einfluss auf die Urlauberzahlen und Übergriffe auf als asiatisch aussehende Personen haben zugenommen. Dann kamen die britische, südafrikanische, brasilianische und ganz frisch die indische Mutante zu uns. Inzwischen ist man sich der diskriminierenden bzw. stigmatisierenden Funktion der Bezeichnungen bewusst geworden und die WHO hat vorgeschlagen, die Mutationen von COVID-19 mit den Buchstaben des griechischen Alphabets zu bezeichnen. Die britische Mutation ist also jetzt die Alpha-Variante. (12.06.2021)

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Alltagsfunde

Zwei ikonische Alltagsfunde: die Kartoffelsalat-Frau an einem Balsamico-Essig und ein Korken mit Schmetterlingen in einer Flasche spanischen Weißweins. Fotos: St.-P. Ballstaedt (11.06.2021)

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Elternliebe

Ein Supermarkt liebt nicht nur Lebensmittel, sondern auch Babys. So ist mir eine Broschüre „Babyliebe“ in die Hand gefallen, die zahlreiche Produkt anbietet, die für Kleinkinder geeignet sind. Das ist soweit gutes Marketing. Allerdings fällt mir auf, dass es viele Produkte speziell für diese Konsumentengruppe gibt: püriertes Gemüse, Kindermüsli usw. Und es gibt einen Rezeptteil mit kinderfreundlichem Fingerfood für die Kleinsten.

Ich habe mich schon einmal wegen Bärchenwurst und Blumensalami erregt: Warum müssen Kinder eine Extrawurst bekommen und können nicht an das Essen der Erwachsenen herangeführt werden, natürlich unter Berücksichtigung der üblichen Vorlieben wie Nudeln, Pfannkuchen usw. Der Kinderkult, auch was Kleidung oder Spielzeug betrifft, nimmt oft übertriebene Formen an. (10.06.2021)

Das Magazin für die Kleinsten mit vielen Ernährungstipps für perfekte Eltern.

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Pulverdampf

Henning Lobin: Sprachkampf. Wie die Neue Rechte die deutsche Sprache instrumentalisiert. Berlin: Dudenverlag, 2021.

Wer in den vielen Beiträgen zur deutschen Sprache und zum aktuellen Sprachgebrauch nicht mehr durchblickt, dem sei das Buch empfohlen. Ob Rechtschreibreform, Anglizismen, Gendern, Hate speech, politische Korrektheit, Deutschpflicht, Deutsch in der EU, Leichte Sprache, Henning Lobin stellt die an der Diskussion beteiligten Institutionen und Personen mit ihren sprachpflegerischen und letztlich politischen Interessen vor. Bewusst hat er sich dabei durchgängig für eine Metaphorik des Kampfes entschieden: Es geht um Fronten, Schlachtfelder, Strategie und Taktik, Waffenstillstand usw. Das liest sich manchmal etwas martialisch, spiegelt aber die Heftigkeit der Auseinandersetzungen wieder. Lobin unterscheidet zwei Varianten des Sprachkampfes: Auf der einen Seite die nationalidentitäre Richtung, auf der anderen Seite die feministische und antirassistischen Sprachpolitik.

Wie schon der Untertitel verrät, argumentiert er vor allem gegen die nationalidentitäre Strömung, die Sprache für ideologische Ziele in Anspruch nimmt. Hier ziehen seiner Meinung nach die AfD und der „Verein für deutsche Sprache“ an einem braunen Strang. Die deutsche Sprache wird als prägendes Element einer deutschen Identität gesehen, ihr werden besondere Ausdrucksfähigkeiten zugeschrieben, deshalb muss sie vor Einflüssen aller Art geschützt werden. Lobin hat hier seinen Gegner oder sogar Feind gefunden, er will verhindern, dass Sprache politisch instrumentalisiert wird.

Der linken Identitätspolitik wird eine grundsätzlich emanzipatorische Zielsetzung zugebilligt: Wörter, die Gruppen diskriminieren, sollten aus Rücksicht vermieden werden, Frauen sollten gleichberechtigt angesprochen und sichtbar gemacht werden. Auch wenn dem Linguisten einige Vorschläge beim Gendern Bauchschmerzen verursachen (Binnenmajuskel, Gendersternchen), hält er die Bemühung um geschlechtergerechtes Deutsch für ein wichtiges Anliegen, auch wenn andere Gleichstellungsbemühungen sicher effektiver sind. Auffällig an dem Buch ist aber schon, dass die linke Identitätspolitik doch mit Samthandschuhen angefasst wird. Mir fehlt z.B. ein Kritik an dem moralisierenden Umgang mit Formulierungen, bei denen mit erhobenem Zeigefinger nach einer rassistischen Präsupposition gesucht wird.

Es ist erfreulich, dass ein Fachwissenschaftler die Bewegungen auf dem Schlachtfeld Sprache von hoher Warte einmal analysiert. Im 7. Kapitel macht Lobin auch einige konkrete Vorschläge, die alle auf eine Deeskalation hinauslaufen. Wissenschaft soll die Entwicklungen beschreiben, aber nicht vorschreiben, also erst einmal warten, bis sich der Pulverdampf verzogen hat. So wird der umstrittene Genderstern als Problem der Typografie statt der Orthografie aus der linguistischen Kampfzone entfernt. – Obwohl nach dem Brexit in der EU nur noch etwa 1 Prozent der Bürgerinnen und Bürger Englisch als Muttersprache spricht, soll rein pragmatisch ein vereinfachtes europäisches Englisch weiter als Lingua franca dienen, denn jetzt müssen ja alle EU-Mitglieder diese Sprache erlernen, die Briten haben keinen Vorteil mehr! – Nicht Deutsch gehört als Nationalsprache der BRD ins Grundgesetz aufgenommen, sondern die Sprachförderung sollte in einem Zuwanderungsland Verfassungsrang erhalten.

Und etwas Grundsätzliches: Lobin macht allen, die in der Sprache Manipulation und Beeinflussung wittern, klar, dass Sprechen und Schreiben durch die gewählten Wörter und die rhetorische Satzkonstruktion im Prinzip immer eine Beeinflussung der Adressaten bedeutet, „denn Lesende müssen sich immer die Sprache anderer »aufzwingen« lassen, um einen Text überhaupt zu verstehen“ (S. 143).

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Sonderangebot

Eine gute Nachricht für alle Unterwäsche-Fetischisten: Heute wird in einem Auktionshaus bei München Leibwäsche der Kaiserin Sisi versteigert. Der Startpreis beträgt 1000 Euro! Die schlechte Nachricht: Die Unterwäsche ist gewaschen! (01.06.2021)

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Transhumane Diversity

So kann es kommen: Eine Botschaft, vermutlich zum Diversity Day, wird durch eine andere Botschaft verändert. Der Transhumanismus, der die geistigen, psychischen und physischen Grenzen des Menschen erweitern will, hat in Tübingen durch den Forschungsschwerpunkt zur Künstlichen Intelligenz sicher etliche Anhänger. Foto: St.-P. Ballstaedt (24.05.2021)

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Zur Identitätspolitik

Vorweg: Ich bin für Diversität und gegen Diskriminierung. Aber derzeit ist auffällig, wie viele sprachliche und nichtsprachliche Handlungen als rassistisch, sexistisch, antisemitisch, klassistisch, islamophob usw. eingestuft und moralisch verurteilt werden. Positiv daran: Die Sensibilität für den Sprachgebrauch und die kognitiven Strukturen dahinter ist gestiegen. Negativ: Es entsteht eine Gruppe von Zensoren, die jede Äußerung auf die Goldwaage legen und nach diskriminierenden Nuancen suchen. Das hermeneutische Prinzip der wohlwollenden Interpretation ist außer Kraft gesetzt.

Unser kognitives System ist auf Kategorisierung und Verallgemeinerung eingestellt. Wer mit sich ehrlich ist, wird auch bei sich entdecken, dass er Menschen vom ersten Kontakt an aufgrund von Äußerlichkeiten und Verhaltensweisen in Schubladen steckt. Das bedeutet nicht, dass wird diesen Kategorien nicht entkommen können, aber spontan bestimmen sie oft Wahrnehmung, Denken und eben auch das Sprechen.

Sprache ist immer wertend, viele Substantive, Verben, Adjektive und Adverbien haben eine pejorative oder  meliorativ (abwertende oder aufwertende) Bedeutung. Rein sachliche Äußerungen und neutrale Beschreibungen sind eher selten. Wertungen sind tief in der Sprache verankert, Werten ist ein elementarer Sprechakt und eine Grundlage für das Entstehen von Werten und Moral. Was war zuerst: die Werte, die dann auf den Sprachgebrauch einwirken, oder das sprachliche Werten, das schließlich Werte hervorbringt? Natürlich sollte man auf die Wahl der Worte achten, aber die Sprache von Wertungen zu reinigen, ist ein vergebliches Unterfangen.

Es gibt keine eindeutige Grenze zwischen rationaler Kritik und Diskriminierung. Wenn ich das Verhalten einer Person oder Beschlüsse einer Institution kritisiere, dann ist das mit Wertungen verbunden, die für eine Person oder Institution herabsetzend, beleidigend oder diskriminierend wirken können. Wenn das Kriterium, was diskriminierend ist, den Adressaten zugesprochen wird, dann werden Kritiker mundtot gemacht: Man kann den Islam nicht mehr als frauenfeindlich oder die israelische Siedlungspolitik gegenüber den Palästinensern als annektionistisch bezeichnen.

Bei strenger political correctness bleiben auch Witz , Satire, Ironie und tiefere Bedeutung auf der Strecke. Ironie ist politisch immer gefährlich und wird leicht und gern missverstanden. Witze haben meist Menschen als Vertreter einer Gruppe zur Zielscheibe: Pfaffen, Schwiegermütter, Ärzte, Politiker usw. Satire spitzt gnadenlos zu, übertreibt, spottet, prangert an. Für Betroffene können diese Sprachformen durchaus als beleidigend und diskriminierend empfunden werden.

Menschen konstruieren sich eine Identität, je nach geschichtlicher Situation oder persönlichen Erfahrungen kann ein Teil der Identität dominant sein: Homosexuelle definieren sich durch ihre Sexualität, Frauen durch ihr soziales Geschlecht, Schwarze über ihre Hautfarbe. Aber wenn diese Merkmale im Selbst- wie im Fremdbild zum Kernbestandteil der Identität werden, dann reagiert die Person empfindlich auf vermeintliche Diskriminierungen, obwohl eine gewisse Gelassenheit souverän wirken würde. (17.05.2021)

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Wahlabfall

Die Landtagswahl war am 14.3. Überall in der Stadt hängen noch nicht entsorgte, traurige Plakate herum. Foto: St.-P. Ballstaedt (07.05.2021)

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Lächerlich 🤣

Heute, am 2.5., ist der Welttag des Lachens. Lachen nimmt den gesamten Körper in Anspruch: die Gesichtsmuskeln, das Zwerchfell, die Lunge, die Stimmbänder, den Magen-Darm-Trakt, Herzfrequenz und Durchblutung nehmen zu, Hormone werden ausgeschüttet und – derzeit besonders nützlich – das Immunsystem aktiviert Killerzellen.  Die Gelotologie (Lachforschung) hat viele Daten dazu gesammelt, die man in einem Satz zusammenfassen kann: Lachen ist gesund!

Aber worüber lachen wir, was ist lächerlich? Im Rahmen meiner Beschäftigung Humor gehe ich dieser Frage seit Jahren ohne Ergebnis nach. Lachen erfolgt ja immer fast reflexhaft auf einen meist äußeren, selten auch inneren Reiz. Wir lachen über Missgeschicke, Peinlichkeiten, Diskrepanzen, aus Freude, auch Schadenfreude, über Albernheiten, Witze und Zoten. Es gibt das enthemmte, schallende, sarkastische, zwanghafte, verschmitzte, befreiende Lachen, aber ich finde keinen gemeinsamen Nenner des Lächerlichen. Wobei das Adjektiv „lächerlich“ eine pejorative Konnotation des Abschätzigen und Verächtlichen mitführt: Das Lächerliche verdient Spott und Häme. Auch das französische Wort „ridicule“ transportiert diese Bedeutungsnuance. (02.05.2021)

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