Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Rindfleisch-Bildchen

Mit schwerem Herzen habe ich mich von drei Alben mit Liebig-Fleischextrakt-Sammelbildern getrennt, die ich aus dem Nachlass meine Vaters übernommen habe. Die Alben sind nicht mehr in guter Verfassung, aber sie enthalten 190 Serien der beliebten Bilder. Ich habe sie an einen leidenschaftlichen Sammler verkauft, der Interesse an ihnen hat: „Mein Wunsch ist es, möglichst alle Bilder zu sammeln die in den verschiedenen Ländern erschienen sind“, so auf seiner Website.

Die Bildserien erschienen ab 1875 in Paris, über die Auflagenhöhe ist nichts bekannt, es gab seltene Serien und sogar Fälschungen! Bis zum 1. Weltkrieg wurden die Bildchen als Chromolithographien gedruckt, später mit unterschiedlichen Offsetverfahren. Von den gestaltenden Graphikern sind nur wenige Namen bekannt, einen künstlerischen Anspruch hatten Bilder nicht.

Kulturhistorisch nteressant sind die Themen der Serien, die wegen der Verbreitung im städtischen Bürgertum und in verschiedenen Ländern weltanschaulich neutral blieben: geografische, naturkundliche und historische Ereignisse, Sportarten, berühmte Künstler, Dramen und Opern, aber auch Suchbilder und Bilderrätsel. Auf jedem Bildchen ist der Fleischextrakt-Glas abgebildet. Ein Kulturhistoriker hat die Bildchen auf zwei CDs katalogisiert: Bernhard Jussen (Hrsg.): Liebig’s Sammelbilder. Vollständige Ausgabe der Serien 1 bis 1138, Atlas des historischen Bildwissens. Berlin: Max-Planck-Instituts für Geschichte, 2002/2008.

  

Seiten aus Steckalben für Liebigbildchen mit drei Serien: Manöverbilder, Walfischfang, spezielle Bücher (zum Vergrößern ins Bild klicken). Foto: St.-P. Ballstaedt (18.08.2019)

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Playboy vs. Youporn

Die Frage, ob Männer stärker und anders auf sexuelle Reize in Bildern oder Filmen reagieren, hat mich schon immer interessiert. Dazu zwei neuropsychologische Untersuchungen:

Eine finnische Forschergruppe hat mit dem EEG Hirnaktivitäten im sogenannten okzipitotemporalen Kortex ein Areal nachgewiesen, das auf nackte Haut spezialisiert ist: Je mehr nackte Haut sichtbar ist, desto stärker sprechen die Neuronen an. Dieser Effekt ist bei Männern größer als bei Frauen, was herkömmlichen Erwartungen entspricht, denn Männer denken ja nur an das eine.

Jetzt haben Forscher in der Abteilung für Physiologie kognitiver Prozesse im Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik andere Ergebnisse vorgelegt. Eine Metaanalyse von 61 Studien belegt, dass Männer wie Frauen auf erotische Bilder und Filme neuronal gleich reagieren: In den Mustern von Magnetresonanz-Aufnahmen zeigt sich kein Unterschied. Aber ein interessanter geschlechtsunabhängiger Effekt zeigte sich beim Vergleich von Bildern und Filmen. Bilder rufen ein breiter gefächertes neuronales Muster hervor als Filme, offenbar regen sie die Fantasie der Betrachtenden mehr an.

Die neuronalen Muster müssen aber keinesfalls zu gleichen kognitiven Reaktionen führen. Hier spielen zahlreiche soziale und kulturelle Einflüsse eine Rolle: Sexualerziehung, Religion, Rechtssystem. (14.08.2019)

Jari K. Hietanen, & Lauri Nummenmaa: The Naked Truth: The Face and Body Sensitive N170 Response Is Enhanced for Nude Bodies”, PLoS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0024408.

Mitricheva E, Kimura R, Logothetis NK, Noori HR. Neural substrates of sexual arousal are not sex-dependent. Proceedings of the National Academy of Sciences USA, 2019.

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Brainfuck

Schon einmal habe ich interessante Piktogramme an einer Kirche in Tiflis vorgestellt, jetzt erreicht mich eine neue Serie aus einer Garage in der Innenstadt von Tiflis. Die beiden ersten Piktos sind selbstverständlich, das dritte ist bei uns nicht verbreitet. Seine Bedeutung:  „Don’t fuck my brain“ oder einfach „no brainfuck“ oder eingedeutscht „geh keinem auf die Nerven“. (07.08.2019)

Klare Verhaltensvorschriften in Georgien. Foto: Gustav Geißler

Nachtrag: Noch ein paar Piktogramme aus Georgien: Hier ist offenbar nur Pfeiferauchen erlaubt.

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Sammelbildchen

Eine Form der visuellen Kultur ist das Sammeln von Bildchen, die dann in Alben eingesteckt oder -geklebt werden.

Bilder zur Verkaufsförderung einzusetzen, geht auf Franz Stollwerck zurück, der sie aber aus Frankreich importierte. Er verkaufte ab 1840 „Bilder-Chocolade“ mit Fotos auf dem Einwickelpapier, sein Sohn entwickelte diese Idee weiter und legte ab 1887 der Schokolade Bilder bei, je sechs gehörten zu einem Thema. Erst nachdem er Geldpreise für besonders gute Bildfolgen auslobte, beteiligten sich viele Gebrauchs-oder Reklamekünstler, aber auch Maler wie Adolph Menzeloder Max Liebermann an der Produktion hochwertiger Vorlagen.

Die bekannten Bilder zu Liebigs Fleischextrakt erschienen ab 1875 in Paris, als 1890 dazu auch Einsteck-Sammelalben angeboten wurden, begann die Sammelleidenschaft um sich zu greifen.

Zwischen den Kriegen dominierten Zigarettenbilder, die in Alben zu Themen verschiedenster Art eingeklebt wurden. Ich selbst habe noch Bildchen gesammelt, ab den 50er Jahren nicht nur von Zigarettenfirmen, sondern auch von Birkel, Knorr, Sanella, Nestlé. Das Foto zeigt mein Sammelalben-Archiv, ohne die Liebigs-Fleischextrakt-Alben, die ich von meinem Vater übernommen habe.

Sammelfleiß, der teilweise durchaus zur Allgemeinbildung beitrug. Manche Texte in den Alben, besonders wenn es um Geschichte und Kriege geht, sind aber nur schwer erträglich. Foto: Steffen-Peter Ballstaedt (06.08.2019)

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Grenzenlos

Die Liebe kennt keine Schranken, auch nicht zwischen Bäumen: Hier umwurzelt  im Schönbuch ein Nadelbaum eine Buche. Oder erdrückt sie, aber das ist bei der Liebe ja oft nicht unterscheidbar. Foto: St.-P. Ballstaedt (03.18.2019)

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Upskirting

Als ich Anfang der sechziger Jahre die Tanzstunde besuchte, wurden in einer Woche die Geschlechter getrennt: Die Mädchen bekamen Schmink- und Schönheitstipps, die Jungen Anstandsregeln beigebracht. Darunter auch diese: Steigt man mit einer Dame eine Treppe hinauf, so hält man sich auf der Geraden hinter ihr, um sie beim Straucheln aufzufangen. An der Treppenbiegung muss man hingegen schnell aufschließen, denn sonst könnte man ihr unter den Rock schauen. Tatsächlich war ein Blick unter einen Rock ein Ziel der Begierde, obwohl es ja auch nicht mehr zu entdecken gab wie in einem Badeanzug oder einem Eislaufröckchen.

Warum diese Erinnerung an die Pubertät? In der Zeitung lese ich in einem Artikel, dass Frauen eine Online-Petition gestartet haben, die das heimliche Fotografieren unter Röcke unter Strafe stellen soll. Vorbild sind England und Wales, wer dort unter einen Rock fotografiert, der muss bis zu zwei Jahren Gefängnis rechnen. Jetzt arbeiten die Justizminister daran, diese „Gesetzeslücke“ bei uns zu schließen. Nun gibt es sicher sinnvollere Einsätze für eine Kamera, aber muss man eine derartige Handlung gleich kriminalisieren? Wer im Web nach derartigen Fotos sucht, findet nur harmlose Bildchen. Ein echter Hingucker ist hingegen die berühmte Szene im Erotikthriller „Basic Instinct“, in der Sharon Stone gekonnt ihre Beine übereinanderschlägt, aber auf DVD und mit Stopptaste. (28.07.2019)

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Schon wieder Emojis

Wer meinte, dass Emojis nur eine Randerscheinung der digitalen Kommunikation darstellen, der hat sich wohl getäuscht. 2019 hat das  Unicode Consortium 230 neue Emoijis aufgenommen, für 2020 wird bereits in der Emoji-Gemeinde spekuliert, was wohl kommen wird. Auf der Website emojimore kann man alle Kern- und Nebenbedeutungen der Emoijs nachlesen.

 

 

 

Die zehn beliebtesten Emoijis zeigt diese Infografik von Sebastian Weiß von emojimore, der mehrere Datensätze zusammengeführt hat (zum Vergrößern hineinklicken). Wer den Realzeit-Einsatz von Emojis auf Twitter verfolgen möchte, kann dies mit dem emojitracker tun (Warnung bei Epilepsie!).

 

 

 

Dieses Emoiji hat wohl wenig Chancen, ich habe es nach einem Selfie mit dem Tool Gboard selbst zusammengebastelt. (18.07.2019)

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Unschöne Wörter

Hier habe ich ein paar Wörter gesammelt, die bei mir unschöne Assoziationen und Vorstellungen auslösen:

Wanderröte, Harnschau, Abzocke, Ambulantierung, Vorhautverklebung, Beißvorfälle, Vollpfosten, Freistellungsvertrag, Trümmerbruch, Zweckehe, Uhrglasnagel, Ohrwurm, Benutzeroberfläche, Laktoseintoleranz, Scheidenfurz, Übergriffkriminalität, Klebepistole, Abwasserhebeanlage, Brustwarze, Hornhauthobel, Weichziele, Trockensumpfschmierung, Staunässe, Couleurdame, Schottergarten, Arschrosette.

Fast alle Wörter sind Komposita, die oft Konzepte in Zusammenhang bringen, die eigentlich nichts miteinander zu zun haben. (13.07.2019)

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Schon wieder Selfies

Über Selfies als neue Form bildlicher Kommunikation habe ich mich bereits ausgelassen und bin zu einer eher negativen Bewertung gekommen: narzisstisches Impression Management, man zeigt sich wie man gesehen werden will. Im Gegensatz dazu habe ich künstlerische Selbstportraits als Erforschung der eigenen Person, als Form der Selbsterkenntnis abgehoben. In der Reihe „Digitale Bildkultur“ ist zu diesem Thema ein Büchlein eines Kunstwissenschaftlers und Medientheoretikers herausgekommen.

Wolfgang Ullrich (2019): Selfies. Die Rückkehr des öffentlichen Lebens. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach.

Ullrich will den negativen Urteilen über Selfies (narzisstisch, nicht authentisch, trivial, Symbol des Kulturverfalls usw.) etwas Positives gegenüberstellen. Wie schon der Untertitel andeutet, wird hier eine andere, recht gewagte Interpretation von Selfies angeboten. Er bezieht sich auf den Soziologen Richard Sennett, der das öffentliche Leben als eine Inszenierung von gesellschaftlichen Rollen ansieht. Der Fotograf oder die Fotografin bringt mit dem Selfie nur eine Rolle  zum Ausdruck, hinter einem Selfie versteckt sich das Individuum: „Selfies fungieren dabei als perfekte Fassade des Privaten“(S. 25). Ullrich vergleicht die Selfies mit den Masken des antiken Theaters, hinter denen der Akteur eine Rolle spielte. Bei den Posen, Grimassen, Veränderungen mit Filtern und Stickern muss man die schauspielerische Leistung und die Kreativität würdigen.

Zwei Punkten in der Argumentation von Wolfgang Ullrich möchte ich widersprechen:

Für Ullrich sind Gesichtsausdrücke, Gesten und Posen Artefakte, die in jeder Gesellschaft neu kodifiziert werden, aber das ist so nicht korrekt. Aus den Untersuchungen von Paul Ekman wissen wir, dass die Mimik für elementare Emotionen kulturübergreifend ist, die Gesellschaft kann sie nur mehr oder weniger unter Kontrolle bringen, deshalb wird der Ausdruck von Masken und Emojis interkulturell verstanden

Ullrich sieht in den Selfies „vermündlichte Bilder“ und eine „mündliche Bildkultur“, er zieht damit einen Vergleich zur gesprochenen Sprache. Selfies sind flüchtig wie eine gesprochener Aussage, es gibt visuelle  Konventionen und Dialekte. Analog zu Sprachwendungen will er von Bildwendungen sprechen (S.55). An vielen Stellen habe ich dafür plädiert, Sprache und Bilder als zwei verschiedene Zeichensysteme oder Kodes zu behandeln und auseinanderzuhalten und nicht von Bildsprache, Bildgrammatik und dergleichen zu reden, auch wenn es oberflächliche Übereinstimmungen geben mag.

Ullrich wirkt wild entschlossen, den Selfies vor allem Positives zuzusprechen, das ist gegenüber den vielen negativen Urteilen bis zum Kulturverfall durchaus erfrischend.  Er sieht in der Kommunikation mit Selfies eine Demokratisierung, da erstmals jede Person selbst Bilder produzieren und veröffentlichen kann. Das ist nicht falsch, obwohl er den Gebrauch von Selfies ein wenig zu hoch ansetzt: „Als Millionen über Millionen weltweit damit anfingen, sich selbst zum Bild zu machen, begann nicht weniger als eine neue Phase der Kulturgeschichte.“ (S. 66) (05.07.2019)

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Welt der Schinken

Neuerdings bieten alle Supermärkte in Plastik verpackten „Traditionsschinken“ an, die Fachgeschäfte oft mit dem Adjektiv „metzgerfrisch“ versehen. Was soll das für Schinken sein und vor allem, was haben für vorher für Schinken gegessen? Es handelt sich um mit injizierter Salzlake gepökelten Kochschinken aus der entbeinten Keule des Schweins, kein  Formfleischschinken oder Schinkenimitat. Aber worin unterscheidet sich die Zubereitungsart? Auch in der „Welt der Schinken“ finde ich keinen Hinweis auf Traditionsschinken, der als polnischer, mallorquinischer, westfälischer und natürlich bayerischer Traditionsschinken angeboten wird. (30.06.2019)

 

 

 

 

 

Ein Traditionsschinken: Alte und schwere Bücher waren früher in Schweinsleder gebunden, seit dem 18. Jahrhundert werden sie deshalb „Schinken“ genannt. Quelle: Wikimedia Commons

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