Der Schlager als kulturelles Phänomen wird von Intellektuellen verachtet und gemieden. Soziologisch ist diese Gattung aber durchaus ein interessanter Seismograf gesellschaftlicher Verhältnisse. In einem Bändchen über Schlager von Rainer Moritz steht der Satz: „Der Schlager fungiert als Krückstock und Gleitmittel der Gesellschaft.“ (S. 85). Schlagerevents füllen riesige Hallen, ein altersmäßig durchmischtes Publikum singt mit, klatscht, umarmt sich, tanzt und schwenkt das Smartphone. Die Grenzen zu Pop, Chanson, Rap, Rock, Musical, Volksmusik usw. sind nicht so sauber zu ziehen, wie es manche Puristen gern hätten. In der Schlager-Show treten auch Mireille Mathieu, Anastacia, Wincent Weiß und David Garrett auf (der fidelt ja überall).
Es wäre eine schöne Aufgabe, die Texte einmal inhaltsanalytisch zu untersuchen. Die Themen der Texte sind universal: eine entstehende Liebe, eine unerfüllte Liebe, das Loblied auf einen Partner oder eine Partnerin, das Auseinanderleben und die Trennung, gern auch Eifersucht. Und dann noch die Liedchen, die schlicht Lebensfreude ausdrücken sollen: Sommer, Sonne, Strand. Oft haben die Texte einen sexuellen Subtext, der durchaus die geltenden Normen unterläuft, aber erst in den Gehirnen der Zuhörenden entsteht („Ein Bett im Kornfeld“., „Warum hast du nicht nein gesagt?“). Neu ist die Berücksichtigung sexueller Varianten. Homoerotik ist nicht mehr tabu. Manche Texte lassen es offen, ob eine Frau, ein Mann oder eine diverse Person besungen wird. Oft haben die Texte einen sexuellen Subtext, der durchaus den geltenden Normen nicht entspricht, und erst in den Gehirnen der Zuhörenden entsteht: „Ein Bett im Kornfeld“ (Jürgen Drews), „Joana, geboren um Liebe zu geben“ (Roland Kaiser), „Warum hast du nicht nein gesagt?“ (Kelly/Kaiser). Während sexuelle Anspielungen früher eher diskret waren, wird man sprachlich heute deutlicher: „Wir lagen im Sand, die Unschuld verschwand“ (Meite Kelly). Oft werden Frieden und Harmonie in den Liedern beschworen: „99 Luftballons“ (Nena).
Der Prototyp der Schlagersängerin ist immer noch blond, schlank und hochbeinig (Helene Fischer, Vanessa Mai, Michelle, Melissa Naschenweng), aber Abweichungen sind inzwischen gern gesehen (Meite Kelly, Kerstin Ott). Stimme und Performance sind bei einigen Schlagerkünstlern durchaus beeindruckend. Bei einem Vergleich von Anastacia mit Andrea Berg oder Helene Fischer schneiden die deutschen Sängerinnen nicht schlecht ab. Nur die Lieder sind meist dürftiger, die Musik ist vorhersehbar, alles klingt irgendwie ähnlich.
Es gibt einige Beiträge, die für das Bierzelt geeignet sind, man kann mitsingen, mitschunkeln, Handyschwenken, tanzen. Die Melodien bleiben sofort im Ohr, die Texte sind an Einfalt kaum zu unterbieten: „Wie viele Hände hat der Octopus“ (Mountain Crew), „Hulapalu“ (Rampensau Andreas Gabalier), „Cordula Grün“ (Die Draufgänger). DJ Ötzi bleibt die Partystimmungskanone („Tirol“, „Love, Peace & Vollgas“). Oft sind es nur Singsilben, die weiter keine kognitive Verarbeitung verlangen: „Uh La La“ (Meite Kelly), „Hodi odi ohh di ho di eh“ (Gabalier), eine lyrisch fast anspruchsvolle Lautreihe. „Tralala“ und „Trulala“ sind ja auch beliebte Bestandteile von Volksliedern.
Es herrscht ein hoher Grad der Emotionalisierung. In jeder Sendung wird ein Comeback oder ein Abschied von der Bühne zelebriert. Es wird an kranke oder verstorbene Künstler mit ihren Beiträgen erinnert. Trotz hoher Trennungs- und Scheidungsraten im Schlagermilieu werden die Werte der Familie hochgehalten: Grüße an die Oma, an die Kinder, an den Ehemann, die aktuelle Geliebte (extrem in der Zarrella-Show). Oft fließen Tränen der Trauer oder der Rührung. Florian Silbereisen kämpft oft mit den Tränen, was ihn durchaus sympathisch macht.
Eine Schlagershow füllt riesige Hallen und Stadien mit Menschen, die ein einheitliches kollektives Verhalten zeigen, wie man es auch bei Fußballspielen beobachten kann. Kein technischer Aufwand wird gescheut: LED-Wände, Lasereffekte, Pyrotechnik, Windmaschinen, Konfettikanonen, Nebelwerfer, Hydraulische Podien, Luftballons, Drohnen usw. Oft überlagert die Präsentation völlig die Interpreten, sie sind nur noch Statisten der Bühnentechnik. Und Florian Silbereisen moderiert versiert mit immer denselben Sprüchen: „Was ist das für eine Stimmung!“ (28.06.2026)
Lektüre: Rainer Moritz: Schlager. 100 Seiten. Ditzingen: Reclam, 2019.