Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Wahlabfall

Die Landtagswahl war am 14.3. Überall in der Stadt hängen noch nicht entsorgte, traurige Plakate herum. Foto: St.-P. Ballstaedt (07.05.2021)

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Lächerlich 🤣

Heute, am 2.5., ist der Welttag des Lachens. Lachen nimmt den gesamten Körper in Anspruch: die Gesichtsmuskeln, das Zwerchfell, die Lunge, die Stimmbänder, den Magen-Darm-Trakt, Herzfrequenz und Durchblutung nehmen zu, Hormone werden ausgeschüttet und – derzeit besonders nützlich – das Immunsystem aktiviert Killerzellen.  Die Gelotologie (Lachforschung) hat viele Daten dazu gesammelt, die man in einem Satz zusammenfassen kann: Lachen ist gesund!

Aber worüber lachen wir, was ist lächerlich? Im Rahmen meiner Beschäftigung Humor gehe ich dieser Frage seit Jahren ohne Ergebnis nach. Lachen erfolgt ja immer fast reflexhaft auf einen meist äußeren, selten auch inneren Reiz. Wir lachen über Missgeschicke, Peinlichkeiten, Diskrepanzen, aus Freude, auch Schadenfreude, über Albernheiten, Witze und Zoten. Es gibt das enthemmte, schallende, sarkastische, zwanghafte, verschmitzte, befreiende Lachen, aber ich finde keinen gemeinsamen Nenner des Lächerlichen. Wobei das Adjektiv „lächerlich“ eine pejorative Konnotation des Abschätzigen und Verächtlichen mitführt: Das Lächerliche verdient Spott und Häme. Auch das französische Wort „ridicule“ transportiert diese Bedeutungsnuance. (02.05.2021)

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Neue Sprache, freie Rede

Kübra Gümüşay: Sprache und Sein. Berlin: Hanser, 2021.

Das Buch ist nicht mehr ganz frisch, seit einem Jahr ist es bereits in der 16. Auflage auf dem Markt und auch mehrfach rezensiert, aber eben noch nicht vor mir.

„Sprache und Sein“, ein anspruchsvoller Titel, den Kübra Gümüşay für ihr Buch gewählt hat. Und schon schrecke ich vor meiner Formulierung zurück: Unterstelle ich damit nicht, dass ich einer türkischstämmigen, feministischen, muslimischen Frau ohne linguistische und philosophische Ausbildung ein derartiges Thema nicht zutraue?

Gleich vorweg: Eine theoretisch neue Einsicht zum Verhältnis von Denken und Sprache vermittelt das Buch nicht, seine Stärke liegt darin, die Schwächen und Grenzen der Sprache an konkreten Situationen und Erlebnissen deutlich zu machen: Die Autorin berichtet aus der Perspektive einer Frau, die sich in unserer Gesellschaft nicht aufgenommen, sondern immer noch als Fremde behandelt fühlt. Sie erzählt zahlreiche Beispiele und viele betreffen den sprachlichen Umgang, z.B. in TV-Talkshows, zu denen sie oft geladen wird.

Gümüşay beklagt die Macht der Benennung: Es sind die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft, die eine Minderheit benennt als Migranten, Flüchtlinge, Muslime, Behinderte, Juden usw. bezeichnet. Das sind Kollektivnamen, die die Menschen in kategoriale Schubladen packen und Grundlage für Verallgemeinerungen sind. Nach Ansicht der Autorin beraubt dies die Menschen ihrer Individualität und führt zu Stereotypen und Vorurteilen. Benennung ist Machtausübung mittels Sprache. Sprachkritik hat dies schon oft als Problem thematisiert: Mit jedem Wort wird kategorisiert: „Die Welt in Kategorien zu betrachten, ist eine Notwendigkeit“ (S. 134). Wenn wir einem fremden Menschen gegenüberstehen, dann kategorisieren wir spontan aufgrund von Äußerlichkeiten, Aussehen, Hautfarbe, Kleidung usw., denn Anhaltspunkte für seine Persönlichkeit haben wir noch nicht. Wenn ich eine Frau mit Kopftuch als vermutlich gläubige Muslima kategorisiere, dann vermute ich genau das, weshalb sie ein Kopftuch aufsetzt, nämlich um ihren Glauben zu zeigen. Diese Kategorien werden zu Käfigen, wenn sie mit einem Absolutheitsanspruch versehen werden: Meine Begriffe, meine Sichtweise ist die einzig richtige. Deshalb die Forderung von Gümüşay, die Perspektive wechseln zu, zu akzeptieren, dass es andere Perspektiven auf die Welt und die Menschen gibt und sich zu bemühen, eine andere Perspektive einzunehmen (Role Taking in der Soziologie).

Soweit kann ich der Autorin folgen. Aber im Verlauf der Lektüre wird mir doch unbehaglich, drei kritische Punkte möchte ich anmerken:

  1. Gümüşay bemerkt nicht, dass sie aus kritisierten Zwangskategorisierung auch nicht herauskommt, denn auch sie etikettiert heftig: Sie fühlt sich umgeben von Rassisten, Sexisten, Antisemiten, Antiziganen, Klassisten, Rechtsradikalen, Homophoben, alles Kollektivnamen. Was Mitglieder dieser Gruppen vertreten, sind nach Ansicht der Autorin grundsätzlich keine legitimen Meinungen. Auch spirituelle und religiöse Aussagen sollte man nicht verteidigen und rechtfertigen müssen, also auch ein Ausschluss eines schwierigen Themas. Zurück bleibt ein Stuhlkreis der Wohlmeinenden, die sich gegenseitig auf die Schulter klopfen.
  2. Die Autorin wünscht sich eine herrschaftsfreie, nicht diskriminierende Sprache. Die Ablehnung offen abschätziger und beleidigender Redensarten (hate speech) hat meine volle Zustimmung, aber die Schwelle der Empfindsamkeit liegt sehr niedrig. Wer nicht gendert, diskriminiert die Frauen, wer einen Schwarzen nach seiner Heimat frägt, inspiziert ihn als Objekt und reduziert ihn auf die Herkunft usw. Die Sprache transportiert unvermeidlich Präsuppositionen und Konnotationen, es gibt im kommunikativen Alltag keine neutrale Protokollsprache. Wer es darauf anlegt, wird immer eine versteckte Diskriminierung aufspüren.
  3. Die Bemühung um eine neue Sprache wird einseitig verteilt: Die Autorin verlangt mit Recht, dass die Benennenden eine Sensibilität für ihren Sprachgebrauch entwickeln sollen, aber Kommunikation ist immer ein kooperatives Unternehmen: Ich kann auch erwarten, dass man mir nicht andauernd niedere Motive unterstellt. In der Hermeneutik gibt es für der Kommunikation das „principle of charity“. Die Autorin spricht an einer Stelle auch von einem „wohlwollenden Diskurs“ (S.180). Für die interkulturelle Kommunikation ist Nachsicht ein unbedingtes Prinzip.

Ich stelle mir vor, ich begegne Frau Gümüşay in einer Gesprächsrunde, ich würde nach der Lektüre ihres Buches keinen spontanen Satz mehr über die Lippen bringen, aus Sorge, dass mir eine Formulierung unterläuft, die als unangemessen, diskriminierend oder beleidigend wahrgenommen werden könnte. Ende der Kommunikation. (30.04.2021)

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Mal wieder Stencils

Es macht sich in Tübingen bemerkbar, dass kaum Studierende an der Uni sind: Es fehlen die öffentlichen Botschaften an Mauern und Wänden. Jetzt habe ich zwei gefunden, aber kann sie wieder einmal nicht deuten. Fotos: St.-P. Ballstaedt (25.04.2021)

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Buchstabierhilfen

Ursprünglich waren Buchstabierhilfen beim Telefonieren wichtig, weil die Übertragung noch oft schlecht war und deshalb Missverständnisse ausgeräumt werden mussten. Die erste Idee 1890 war eine Buchstabiertafel, die den Buchstaben Zahlen zuordnete: A wie eins, B wie zwei, C wie drei usw. Das war aber umständlich, da den Fernsprechteilnehmenden die Liste immer vorliegen musste.

1903 werden deshalb den Buchstaben Vornamen zugeordnet: A wie Albert, B wie Bertha, C wie Citrone . Das letzte Beispiel zeigt, dass man zu einer unverwechselbaren Übertragung nicht immer einen Vornamen gefunden hat, das gilt auch für Q wie Quelle und Y wie Ypsilon. Besonders das Militär ist an einer verbindlichen und verständlichen Buchstabiertafel interessiert.

Nach verschiedenen kleinen Änderungen wird es 1933 interessant, als  die Oberpostdirektion eine Postkarte erreicht, in der die jüdischen Namen D wie David, N wie Nathan, S wie Samuel, Z wie Zacharias als für nationale Kreise nicht akzeptabel ausgemerzt und durch deutsche Namen wie Dora oder Siegfried ersetzt werden sollen. Für N fiel den Reformern nicht zufällig Nordpol ein, nach der Geschichtsschreibung der Nazis stammten von dort die Arier!

Derzeit sitzt man im Deutschen Institut für Normung an einer Überarbeitung der Buchstabiertafel. Jetzt soll auf Vornamen völlig verzichtet werden, denn sie spiegeln die kulturelle Diversität der Bevölkerung nicht mehr wieder, zudem müsste man die gleiche Anzahl männlicher wie weiblicher Vornamen wählen. Jetzt sollen es deutsche Städtenamen werden, also z.B. A wie Aachen, B wie Berlin, W wie Worms. Hoffentlich im Proporz der Bundesländer und keine Schattenorte wie D wie Dachau, N wie Nürnberg, P wie Potsdam.

Meine Kenntnisse habe ich aus: Clemens Schwender: Wie benutze ich den Fernsprecher? Die Anleitung zum Telefonieren im Berliner Telefonbuch 1881-1996/97.  Frankfurt am Main: Peter Lang, 1997. (21.04.2021)

Wer hat`s erfunden? Eine Schweizer Buchstabentafel an einem Militärtelefon vorwiegend mit Städtenamen. Quelle: Wikimedia Commons.

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Tierschutz

In der FR hat ein Artikel über Störche eine Diskussion über das Gendern von Tieren ausgelöst. In dem Text ist immer von Störchen die Rede, die Störchinnen wurden nicht berücksichtigt. Es gibt das (sächliche) Schwein in den Geschlechtern Sau und Eber oder das (sächliche) Pferd in den Geschlechtern Hengst und Stute. Ein Vorteil von Schwein und Pferd: Auch diverse Tiere sind mitgemeint. Aber bei anderen Tieren wird es schwierig. Man spricht gedankenlos von Katzen und behauptet einfach, die Kater mit zu meinen. Oder was ist mit dem Wurm, warum gibt es keine Wurme oder Wurmin? Und die Schlange, da fehlt doch der Schlang oder ein Schlangerich. Tiere können sich nicht wehren, da kann man rücksichtslos drauflos reden. (20.04.2021)

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Heilssuche

In einem Artikel in der Frankfurter Rundschau habe ich gelesen, dass in Frankreich im Verlauf der Covid-Pandemie etwa 500 sektenähnliche Gruppen entstanden sind. Die Grenzen zwischen Sektierern, Gesundheitsaposteln und Verschwörungstheorien sind dabei fließend. Darunter sind neue Gurus und esoterische Gruppen mit Heils- und Heilungsversprechen. Auf den deutschen Querdenker-Demos wird man eine ähnliche Mischung entdecken.

Im Umgang mit der Pandemie lässt wie in einem Labor die Entstehung religiöser Überzeugungen und Glaubensinhalte beobachten: Schon David Hume sah in den Ängsten und Sorgen, die die Menschen umtreiben, eine Wurzel religiöser Glaubensvorstelllungen: Religion als Erklärung für Bedrohliches, Religion als Beruhigungs- und Heilmittel und Religion als Kooperationsverstärker, der Menschen in Gruppen ein Wir-Gefühl verschafft.

Dabei sind selbst die aberwitzigsten Vorstellungen und Praktiken nützlich: Das Virus wurde durch den Mobilfunkstandard 5G ausgelöst;  Bill Gates ist Produzent des Virus, das als Biowaffe freigesetzt wurde; mit dem Impfstoff werden Mikrochips verabreicht; das Virus  wirke nur bei denen, die nicht an Gott glauben; der Aluhut dient der Abwehr telepathischer Einflüsse; eine Urintherapie schützt vor SARS-CoV-2 usw. usw. Offenbar ist jede Erklärungs- und Abwehrmaßnahme willkommen, um der Unsicherheit zu entgehen, mit der Menschen offenbar schlecht zurechtkommen. (12.04.2021)

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Stern

Man merkt, dass wenig Studiernde in Tübingen weilen, ich finde keine interessanten Sticks oder Stencils mehr. Hier ein ausgeschnittener Stern, der ein Regenfallrohr in der Bursagasse verschönert. Foto: St.-P. Ballstaedt (05.04.2021)

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Funzen

Im Duden-Verlag ist ein Büchlein erschienen, das der Journalist Andreas Neuenkirchen zusammengestellt hat. „Kann man sagen, muss man aber nicht. “ Es enthält eine Sammlung von Wörtern, die als Plattitüden, Scheußlichkeiten und sprachliche Unfälle bezeichnet werden. Der Autor möchte nicht als Sprachpolizist auftreten, er will keine Sprachgewohnheit verdammen, aber doch „einen kritischen Blick werfen auf einige oft unachtsam nachgeplapperte und viel zu schnell verinnerlichte Wortungetüme (S. 6). Er betitelt sein Vorwort clever mit: Eine Kritik an der Kritik der Sprachkritik.

Vielen Bewertungen von Wörtern kann ich aber nicht folgen. Ein Beispiel des Verb „funzen“, das für „Funktionieren“ verwendet wird. Nach den Beispielen im Leipziger Wortschatz ist es 2018 aufgekommen, bei der taz ist es sehr beliebt: „Aber schon diese zwei Punkte erfordern auch im Kapitalismus erhebliche Veränderungen, wenn der weiter funzen soll“ (28.03.2018). Mir gefällt die knackige Wortverkürzung, der Autor mag sie nicht.

Es gibt übrigens einen Vorläufer: Der Schauspieler und Kabarettist Walter Gross trat nach Kriegsende im Berliner Hörfunk-Kabarett „Die Insulaner“ als Jenosse Funzionär auf und persiflierte die politische Funktionäre. (31.03.2021)

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