Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Unschöne Wörter

Hier habe ich ein paar Wörter gesammelt, die bei mir unschöne Assoziationen und Vorstellungen auslösen:

Wanderröte, Harnschau, Abzocke, Ambulantierung, Vorhautverklebung, Beißvorfälle, Vollpfosten, Freistellungsvertrag, Trümmerbruch, Zweckehe, Uhrglasnagel, Ohrwurm, Benutzeroberfläche, Laktoseintoleranz, Scheidenfurz, Übergriffkriminalität, Klebepistole, Abwasserhebeanlage, Brustwarze, Hornhauthobel, Weichziele, Trockensumpfschmierung, Staunässe, Couleurdame, Schottergarten.

Fast alle Wörter sind Komposita, die oft Konzepte in Zusammenhang bringen, die eigentlich nichts miteinander zu zun haben. (13.07.2019)

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Schon wieder Selfies

Über Selfies als neue Form bildlicher Kommunikation habe ich mich bereits ausgelassen und bin zu einer eher negativen Bewertung gekommen: narzisstisches Impression Management, man zeigt sich wie man gesehen werden will. Im Gegensatz dazu habe ich künstlerische Selbstportraits als Erforschung der eigenen Person, als Form der Selbsterkenntnis abgehoben. In der Reihe „Digitale Bildkultur“ ist zu diesem Thema ein Büchlein eines Kunstwissenschaftlers und Medientheoretikers herausgekommen.

Wolfgang Ullrich (2019): Selfies. Die Rückkehr des öffentlichen Lebens. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach.

Ullrich will den negativen Urteilen über Selfies (narzisstisch, nicht authentisch, trivial, Symbol des Kulturverfalls usw.) etwas Positives gegenüberstellen. Wie schon der Untertitel andeutet, wird hier eine andere, recht gewagte Interpretation von Selfies angeboten. Er bezieht sich auf den Soziologen Richard Sennett, der das öffentliche Leben als eine Inszenierung von gesellschaftlichen Rollen ansieht. Der Fotograf oder die Fotografin bringt mit dem Selfie nur eine Rolle  zum Ausdruck, hinter einem Selfie versteckt sich das Individuum: „Selfies fungieren dabei als perfekte Fassade des Privaten“(S. 25). Ullrich vergleicht die Selfies mit den Masken des antiken Theaters, hinter denen der Akteur eine Rolle spielte. Bei den Posen, Grimassen, Veränderungen mit Filtern und Stickern muss man die schauspielerische Leistung und die Kreativität würdigen.

Zwei Punkten in der Argumentation von Wolfgang Ullrich möchte ich widersprechen:

Für Ullrich sind Gesichtsausdrücke, Gesten und Posen Artefakte, die in jeder Gesellschaft neu kodifiziert werden, aber das ist so nicht korrekt. Aus den Untersuchungen von Paul Ekman wissen wir, dass die Mimik für elementare Emotionen kulturübergreifend ist, die Gesellschaft kann sie nur mehr oder weniger unter Kontrolle bringen, deshalb wird der Ausdruck von Masken und Emojis interkulturell verstanden

Ullrich sieht in den Selfies „vermündlichte Bilder“ und eine „mündliche Bildkultur“, er zieht damit einen Vergleich zur gesprochenen Sprache. Selfies sind flüchtig wie eine gesprochener Aussage, es gibt visuelle  Konventionen und Dialekte. Analog zu Sprachwendungen will er von Bildwendungen sprechen (S.55). An vielen Stellen habe ich dafür plädiert, Sprache und Bilder als zwei verschiedene Zeichensysteme oder Kodes zu behandeln und auseinanderzuhalten und nicht von Bildsprache, Bildgrammatik und dergleichen zu reden, auch wenn es oberflächliche Übereinstimmungen geben mag.

Ullrich wirkt wild entschlossen, den Selfies vor allem Positives zuzusprechen, das ist gegenüber den vielen negativen Urteilen bis zum Kulturverfall durchaus erfrischend.  Er sieht in der Kommunikation mit Selfies eine Demokratisierung, da erstmals jede Person selbst Bilder produzieren und veröffentlichen kann. Das ist nicht falsch, obwohl er den Gebrauch von Selfies ein wenig zu hoch ansetzt: „Als Millionen über Millionen weltweit damit anfingen, sich selbst zum Bild zu machen, begann nicht weniger als eine neue Phase der Kulturgeschichte.“ (S. 66) (05.07.2019)

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Welt der Schinken

Neuerdings bieten alle Supermärkte in Plastik verpackten „Traditionsschinken“ an, die Fachgeschäfte oft mit dem Adjektiv „metzgerfrisch“ versehen. Was soll das für Schinken sein und vor allem, was haben für vorher für Schinken gegessen? Es handelt sich um mit injizierter Salzlake gepökelten Kochschinken aus der entbeinten Keule des Schweins, kein  Formfleischschinken oder Schinkenimitat. Aber worin unterscheidet sich die Zubereitungsart? Auch in der „Welt der Schinken“ finde ich keinen Hinweis auf Traditionsschinken, der als polnischer, mallorquinischer, westfälischer und natürlich bayerischer Traditionsschinken angeboten wird. (30.06.2019)

 

 

 

 

 

Ein Traditionsschinken: Alte und schwere Bücher waren früher in Schweinsleder gebunden, seit dem 18. Jahrhundert werden sie deshalb „Schinken“ genannt. Quelle: Wikimedia Commons

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Todesanzeigen

Die Traueranzeigen in den Tageszeitungen haben in den letzten Jahren ihr Erscheinungsbild geändert. War früher ein Kreuz das einzige Dekor, so  tauchen viele sogenannte Symbolbilder auf, die Redaktionen bieten sie den Anzeigenkunden an: ein Baum, der seine Blätter im Wind verliert, betende Hände, eine verlöschende Kerze, ein Ginkgo-Blatt, eine Rebe, eine sich entblätternde Rose, ein geknicktes Ährenbündel, eine davonfliegende Taube usw. In einer nächsten Phase werden die Anzeigen individualisiert: ein Foto des/der Verstorbenen, ein Bild, das sein Hobby ausdrückt z.B. ein Motorrad, ein Wanderstock, ein Traktor, ein Musikinstrument, ein Fußball. Die Säkularisierung des Sterbens kommt voran.

Der Soziologe Werner Fuchs hat 1969 ein Buch „Todesbilder in der modernen Gesellschaft“ vorgelegt, in dem er auch Todesanzeigen ausgewertet hat. Ich habe keine systematische Inhaltsanalyse durchgeführt, aber auffallend ist, dass die üblichen Bibelsprüche durch Dichterworte abgelöst werden. Auf Platz 1 sicher die letzte Strophe des Gedichts „Mondnacht“ von Eichendorff: „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.“ Oft findet man selbstverfasste Verse und Sinnsprüche. Hingegen sind die Sprachformeln und Metaphern für das Sterben seit den 60er Jahren gleich geblieben, noch immer wird entschlafen, Abschied genommen, von Gott abberufen, in die ewige Ruhe eingegangen und aus der Mitte gerissen, und das oft völlig unerwartet, auch im Alter von 93 Jahren. (28.06.2009)

Totenschädel findet man auf alten Epitaphen häufig, in Traueranzeigen werden sie gemieden. Dieser geflügelte Schädel ziert das Epitaph von 1769  für Michael Weillenpöck aus Wegscheid, Pfarrer von Sarleinsbach in der Marienkapelle (Oberösterreich ). Quelle: Wikimedia Commons.

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Bilderrätsel 8

Bei der derzeitigen Hitze schaffe ich es nur, ein weiteres Bilderrätsel hochzuladen. Ist das ein Bild von Jackson Pollock oder was habe ich hier fotografiert? Tipp: durch Anklicken vergrößern. Auflösung im Kommentar. Foto: Steffen-Peter Ballstaedt (27.06.2019)

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Warnpiktogramme

Die Standardisierung und Optimierung von Sicherheitszeichen sollte eigentlich aufgrund empirischer Untersuchungen erfolgen, es gibt dazu eine Reihe von Evaluationsverfahren: Assoziationstests, Zuordnungstests, Wahrnehmungstests. Das erfolgt aber meist nicht, d.h. aber, die Gestaltung eines Piktogramms hängt mehr oder weniger von den Ideen eines Grafikers ab.

So wurden 2012 die Warnpiktogramm nach DIN 4844 ersetzt durch Piktogramme nach DIN EN ISO 7010. Vergleicht man beide Varianten, so bleibt manchmal unklar, worin die Verbesserung bestehen soll. Ein Beispiel: Das Piktogramm „Kein Zutritt für Personen mit Herzschrittmachern oder implantierten Defibrillatoren“.

In der neuen Variante (ISO 7010) ist das implantierte Gerät (Batterie und Impulsgenerator) nicht als Punkt symbolisiert, sondern als schematisierter Herzschrittmacher bzw. Defibrillator abgebildet. Diese Darstellung ist näher am wirklichen Aussehen als der schlichte Punkt in der alten Version. Was die Durchstreichung betrifft, ist die alte Version (DIN 4844) aber deutlicher, hier ist das Herz mit dem roten Balken in der Wahrnehmung klar durchgestrichen und das Herz bleibt als Figur erhalten.

Noch eine Bemerkung, die alle Verbotsschilder nach diesem Muster betrifft. Der rote Kreis wurde ja den Verkehrsschildern entlehnt, dort steht er für ein Verbot. Was verboten ist, wird dabei im Kreis abgebildet (z.B. Überholen). Wenn diese Abbildung durchgestrichen wird, dann haben wir es eigentlich mit zwei Verneinungen zu tun, das bedeutet aber eine Zustimmung. Ich gebe zu, das ist semiotische Spitzfindigkeit. Aber eigentlich würde eine rote Durchstreichung oder alternativ der rote Kreis ausreichen. (19.06.2019)

Kein Zutritt für Personen mit Herzschrittmachern oder implantierten Defibrillatoren. Links die alte Version nach DIN 4844, rechts die neue Version nach DIN EN ISO 7010. Welche ist verständlicher?. Quelle: Wikimedia Commons

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Forest Bathing

Das ist ein neuer Trend in Lifestyle-Magazinen: Gemeint ist ein Waldspaziergang, mit den Tipps, tief einzuatmen, sich zu entspannen und die Atmosphäre in sich einfließen zu lassen. Darauf muss man erst einmal kommen. Das Waldbaden stammt aus Japan, dort als „shinrin yoku“ verbreitet. Wie bei jedem Trend gibt es sofort Experten, mit denen ein geführtes und therapeutisches Waldbaden möglich ist und die dabei in die Praxis der Achtsamkeit und des Wahrnehmen einüben. Die betreuende Bademeisterin (in der Mehrzahl sind es Frauen) macht auf den Gesang eines Vogels, das Rascheln von Blättern oder den Geruch von Pilzen aufmerksam.

Alle Sinne werden beim Forest Bathing angesprochen, der Wald stärkt das Immunsystem und aktiviert Selbstheilungskräfte. Foto: St.-P. Ballstaedt (11.06.2019)

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Lieblingstitel

Hilarion G. Petzold: Kulturtheoretische und neuropsychologische Überlegungen zu Fundamentalismusproblemen, Migration und prekärer Identitätsbildung in „unruhigen Zeiten” am Beispiel dysfunktionaler neurozerebraler Habitualisierung durch Burka, Niqab, Genital Mutilation. Hückeswagen, 2016. URL (10.06.2019)

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Allerweltsparteien

Ein Wort kommt derzeit oft in der politischen Kommunikation vor: Volkspartei. CDU und SPD wollen tapfer weiter Volksparteien sein, obwohl ihre Wahlergebnisse und Umfragewerte dagegensprechen. Die GRÜNEN scheuen sich vor dem Wort zurück und das mit gutem Grund. Als Volkspartei bezeichnet man in der Politikwissenschaft eine Partei, deren Programm die  Mitglieder und Wähler aus allen gesellschaftlichen Schichten, Generationen und Weltanschauungen anspricht. Aber kann es in einer differenzierten Gesellschaft überhaupt Volksparteien geben, die eine volonté générale bündeln? Eigentlich nur, wenn sie mit einem weitgehend von konkreten Inhalten freien Programm auftreten: Gerechtigkeit, Solidarität, Wohlstand, Klimaschutz, Gesundheit, da wird kein Bürger und keine Bürgerin etwas dagegen haben, aber welche konkreten Maßnahmen und Gesetze sich dahinter verbergen, das bleibt zunächst offen. Das Wort Volkspartei gibt es nur in Deutschland, ähnlich ist der englische Begriff Catch-all Party, der Politologe Otto Kirchheimer spricht auch von Allerweltspartei. Nach den neusten Wahlergebnissen ist das Ende der sogenannten Volksparteien gekommen, verschiedene gesellschaftlich Interessen müssen in unterschiedlich zusammengesetzten Regierungen um Kompromisse ringen. Frage: Kann man ohne Populismus eine Volkspartei werden? (06.06.2019)

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Bilderrätsel 7

Weil mir nichts Besseres einfällt wieder einmal ein Bilderrätsel: Was ist ich hier fotografiert? Vergrößertes Bild durch Anklicken. Auflösung im Kommentar. Foto: St.-P. Ballstaedt (31.05.2019)

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