Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Weg zum Glück

Zum dritten Mal habe ich eine Broschüre in meinem Briefkasten gefunden „Der Weg zum Glücklichsein“. Ich freue mich natürlich, dass sich jemand anonym um mein Glück kümmert, denn es hat sich kein Absender eingeschrieben.

In den Texten findet man wirklich viele nützliche Imperative, z. B. „Genießen Sie Alkohol nicht im Übermaß“, „Treiben Sie keine Promiskuität“, „Erzählen Sie keine schädlichen Lügen“, „Kommen Sie Ihren Verpflichtungen nach“, „Seien Sie kompetent“ und „Morden sie nicht“. Mancher Tipp kommt einem bekannt vor und im Impressum, das man mit der Lupe lesen muss, entdecke ich „L. Ron Hubbard Library“, also Scientology! Aber einen wirklich guten Rat habe ich gleich auf der Seite 1 in einer Fußnote gelesen:

„Wörter haben manchmal mehrere verschiedene Bedeutungen. In den Fußnoten dieses Buches finden Sie jeweils nur die Bedeutung, die das Wort im Textzusammenhang hat. Sollten Sie in diesem Buch irgendwelchen Wörtern begegnen, die Ihnen nicht bekannt sind, so schlagen Sie diese in einem guten Wörterbuch nach. Anderenfalls können Missverständnisse und möglicherweise Unstimmigkeiten entstehen!“

Missverständnisse und Unstimmigkeiten sind für manches Unglück verantwortlich, deshalb sollte diese Fußnote für alle Bücher obligatorisch sein. (10.08.2020)

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Gestaltprinzip

So wird der Mensch zum Schwein. Aufkleber von PeTA, der mit dem Figur-Grund-Prinzip der Wahrnehmungspsychologie spielt. Foto: St.-P. Ballstaedt (09.08.2020).

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Verschwörungen

Die Covid-19-Pandemie offenbart wieder einmal dramatisch, wie das menschlich Gehirn in Extremsituationen tickt. Für viele Menschen ist Unsicherheit und Bedrohung schwer erträglich, sie suchen eine Erklärung und akzeptieren dabei auch abstruse Erklärungen, wie sie sich derzeit vor allem im Netz und auf Demonstrationen verbreiten. Derselbe kognitive Mechanismus ist auch für die Wirkung von Glaubenssystemen zuständig: Existenzängste, Krankheiten, Tod, das ist nur mit einem entsprechenden Glauben auszuhalten, wobei zu beobachten ist, dass ein Wahnsystem umso erfolgreicher ist, desto surrealer, verworrener und widersprüchlicher es sich präsentiert. Das stärkt den Zusammenhalt unter den Gläubigen und grenzt radikal vom Rest der Menschheit ab. Wie hieß es nicht schon in der christlichen Theologie: Credo quia absurdum est. Die Verschwörungstheoretiker als Corvidioten zu beschimpfen wird nichts bringen, denn sie brauchen ihr Denksystem zur Stütze ihrer personalen und sozialen Identität. Deshalb sind sie auch keiner Argumentation zugänglich. Aber wer ist anfällig für diese Reaktion auf Gefühle der Bedrohung und Unsicherheit? Man kann ja auch anders reagieren, z.B. wissenschaftliche Untersuchungen durchführen oder wenigstens zur Kenntnis nehmen, deren Befunde zwar auch keine ewigen Wahrheiten darstellen, aber wenigstens vernünftige Handlungen anleiten können. Aber vielleicht ist die Wissenschaft ja auch nur ein Glaubenssystem unter anderen. (04.08.2020)

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Bilderrätsel 13

Was sind das für merkwürdige Strukturen (vergrößern hilft)? Auflösung im Kommentar. Foto: St.-P. Ballstaedt (30.07.2020)

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Oulipo

Die im letzten Beitrag  vorgestellt Literatur in Leichter Sprache kann als ein oulipotischer Versuch eingeordnet werden. Oulipo ist ein Akronym für L‘ Ouvroir de Littérature Potentielle“, übersetzt etwa „Werkstatt für Potentielle Literatur“, einem Zusammenschluss vorwiegend französischer Autoren, gegründet 1960 von Raymond Queneau und Francois Le Lionnais. Ihm gehören z.B. Italo Calvino, Marcel Duchamp und Oskar Pastior an. Die Mitglieder bleiben auch nach ihrem Ableben Mitglieder, sie sind bei Zusammenkünften wegen Todes entschuldigt.

Das Anliegen von Oulipo ist eine Erweiterung sprachlicher Möglichkeiten durch selbstgesetzte Schreibregeln, die von sprachlichen Routinen befreien und zu kreativen Ausdrucksmöglichkeiten führen sollen. Ein kurioses Beispiel ist der Roman »La Disparition« von Georges Perec, der den Buchstaben „e“ nicht benutzt. Er wurde unter dem Titel »Aton Voyls Fortgang« ebenfalls ohne „e“ ins Deutsche übersetzt (erschienen 1986 bei Zweitausendeins). Hier eine Leseprobe:

„Macht war somit durch Abschaffung und Auslöschung unmöglich: zwo Tag darauf schoß man mit Tanks vom Quai d’Anjou aus aufs Dach vom Turm Sully-Morland, wo Magistrat und Administration Zuflucht fand. ’N Amtsrat ging bis hinauf aufs Dach, winkt mit’ m Tuch, das grau und farblos war, und tat durchs Mikrophon kund, daß man schlicht und schmucklos abdankt, und bot dann, für sich, sofort Kollaboration an. Doch das nützt ihm nichts, man tat, was schon in Planung war, man griff mit Sturmtanks an, rücksichtslos, und da gabs nicht Mahnung noch Ultimatum.“

Die Herkunft der Idee des kreativen „contrainte“ aus der Pataphysik des Alfred Jerry und dem Surrealismus ist unverkennbar. Schreiben in Leichter Sprache kann als ein derartiger oulipotischer Zwang gesehen werden. (23.07.2020)

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Literatur für alle

Die Leichte Sprache (LS) wurde für Menschen mit kognitiven Behinderungen entwickelt, um ihnen eine barrierefreie Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. So sind inzwischen viele Websites offizieller Institutionen und auch wichtige Dokumente in leichter Sprache abrufbar.

Aber was ist mit Literatur? Soll man Jules Verne, Mark Twain, Shakespeare in Leichte Sprache übersetzen. Man hat es getan, um Menschen mit eingeschränkten Sprachfähigkeiten von der Literatur nicht auszuschließen. Die Geschichten bleiben so erhalten, aber die poetische Sprache geht natürlich verloren. Aber was ist, wenn Literatur gleich in Leichter Sprache geschrieben wird? 13 zeitgenössische Autorinnen und Autoren haben das in einem Projekt am „Literaturhaus Frankfurt am Main“ getan, darunter bekannte Namen wie Alissa Walser, Arno Geiger, Judith Hermann. Das Buch hat leider einen unschönen Titel und ein unschönes Cover:

 

 

 

Hauke Hückstädt (Hrsg.): LiEs das Buch! Literatur in einfacher Sprache. München: Piper, 2020.

 

 

 

 

Einige Geschichten habe ich gelesen und bin überrascht, dass mir die Lektüre nicht langweilig wurde, trotz einfacher Wörter und Sätze. Viele Hauptsätze, wenige nachgeordnete Nebensätze, wenige Sprachbilder, die erklärt werden, viele Wortwiederholungen, viele Verben statt Nominalisierungen. Aber auch mit eingeschränktem sprachlichem Werkzeug kann man gute Geschichten erzählen, z.B. über eine jüdische Familie in einem Versteck in Amsterdam mit dem anspruchsvollen Titel. »Die Zeit ist ein Einweck-Gummi. Sie ist ohne Anfang und Ende« von Alissa Walser. Oder die Erzählung über eine langjährige Ehe, »Ich verlasse dich« von Julia Schoch. Aus ihr habe ich zwei Seiten abfotografiert, damit man sich einen Eindruck von diesem Stil verschaffen kann (zum Vergrößern ins Bild klicken).

Der Herausgeber rechnet mit 16 bis 17 Millionen Menschen als Adressaten im engeren Sinn: Menschen mit Behinderungen, funktionale Analphabeten,  Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche, Migranten, die Deutsch lernen. Aber die Texte sollen keinen Lesenden unterfordern, auch nicht einen entdeckungsfreudigen Akademiker. (22.07.2020)

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Lecker

Drogen in Tübingen? Kein Problem! Hier ein Angebot auf einer Kachel im Pissoir des Kinos Atelier. Foto: St.-P. Ballstaedt (20.07.20)

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Emoji-Tag

Jetzt habe ich doch tatsächlich gestern am 17.Juli den Welt-Emoji-Tag vergessen! Wenigstens nachträglich ein Rätsel: Welches Sprichwort wird hier dargestellt? Auflösung im Kommentar.

Die digitale Archäologie der Emojis ist noch nicht völlig erforscht, wie so oft gibt es eine Reihe von Vätern. Scott Fahlmann schlug 1982 die Smileys für die digitale Kommunikation vor, Shigetaka Kurita entwarf die erste Kollektion aus 176 Piktogrammen. Inzwischen hat Unicode über 3300 Emojis genehmigt und es kommen immer neue dazu. Wer konnte ahnen, dass sich aus den schlichten Bildchen ein visuelles Zeichensystem für die globale Kommunikation entwickeln sollte. (18.07.2020)

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Präsenz

Einen offenen Brief „Zur Verteidigung der Präsenzlehre“ als Grundlage eines universitären Lebens haben bisher 5455 Hochschulangehörige unterschrieben. Sie befürchten, dass durch die Corona-Krise die digitale und virtuelle Lehre die Präsenzlehre verdrängen könnte. Dabei sind Formulierungen zu lesen, die an humboldt‘sche Ideale erinnern: „Universität als Ort der Begegnung“, als „gemeinsam belebter sozialer Raum“ mit „einem kritischen kooperativen und vertrauensvollen Austausch mündiger Menschen“. Ob die üblichen Vorlesungen und Seminare diesem Anspruch genügen?

Die Vorlesung ist eine veraltete Lehrform aus dem Mittelalter, als Bücher noch nicht gedruckt waren. Der Professor hat eine Passage vorgelesen und dann kommentiert, die Studierenden schrieben mit: Frontalunterricht. Ich halte die Vorlesung nur noch in drei Fällen für sinnvoll: 1. Wenn tatsächlich neue Inhalte aus der Forschung berichtet werden, die man so noch nicht in Lehrbüchern nachlesen kann. 2. Wenn der Professor eine rhetorische Begabung zur sprachlichen Vermittlung hat, wenn er Ideen im Kopf der Zuhörenden entzünden kann. 3. Wenn die Zuhörenden durch interaktive Komponenten einbezogen werden, bei spielen auch digitale Medien eine Rolle.

Was Seminare betrifft, so habe ich viele besucht und selbst durchgeführt, die wenigsten waren diskussionsfreudig und kreativ, meist bestanden sie aus einer Abfolge von Referaten und Präsentationen mit anschließend ein paar Fragen immer derselben Studierenden. Jetzt mache ich Erfahrungen mit Online-Präsenz-Seminaren über Zoom. Noch ist das anstrengend, da man erst die Software völlig beherrschen muss, um wieder die Inhalte zu fokussieren. Aber gefragt, gechattet und diskutiert wird hier oft mehr als im Seminarraum.

Was ich sagen möchte: Wenn die Corona-Krise eine Rückbesinnung auf das humboldtsche Ideal einer universitären Gemeinschaft und seine tatsächliche Umsetzung einleiten würde, dann wäre das erfreulich. Für die Vermittlung von Grundlagen, z.B. Methoden, sind virtuelle Formate aber durchaus geeignet, um mehr Raum und Zeit für den „Ort der Begegnung“ zu haben. (05.07.2020)

Ort der Begegnung: Hörsaal an der RWTH Aachen. Quelle: Wikimedia Commons.

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Korrekte Bilder

Im Städel hängt ein Bild des Malers Georg Herold, der zu den Jungen Wilden gerechnet wird. Aus Lizenzgründen kann ich es hier nicht zeigen, aber wer es sehen möchte, kann auf diesen Link klicken. Zu den Meisterwerken der Kunst wird man es wohl nicht zählen, aber hier geht es um den Inhalt: Aus eine Gruppe Weißer wird ein Backstein auf einen Schwarzen geworfen. Jetzt hat eine entsetzte Betrachterin das Bild als rassistisch empfunden und verlangt, dass es abgehängt wird. Um in dem Gemälde von Herold Rassismus zu entdecken, muss man recht oberflächlich interpretieren, weder die Person des Malers noch das Sujet legen diese Deutung nahe. Und der Titel „Ziegelneger“ ist unkorrekt provokativ gemeint, wie es sich für einen Jungen Wilden gehört.

Über zwei ähnliche Fälle, in denen sich Betrachtende über sexistische Inhalte beschweren, habe ich in einem Beitrag bereits berichtet: Es ging um ein Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner und eines von Balthus (Fränzi). Dass einige seiner Bilder religiöse  Gefühle verletzen, wurde auch schon George Grosz vorgeworfen.

Angeblich soll ja Kunst verstören und provozieren, aber wenn sie das wirklich einmal tut, soll man sie schnell aus den Augen schaffen. Korrekte Bilder zeigen nur liebliche Landschaften, Blumen und schöne Menschen. (03.07.2020)

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