Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Krisenvokabular

In der Wortwarte habe ich einmal nachgeschaut, welche neuen Wortbildungen die Corona-Krise hervorgebracht hat. Hier eine Liste: Außer-Haus-Verbot, coronalastig, Homeofficierung, Isolationseinrichtung, Zuhause-Langeweile, Heimschick-Dienst, Zombiebakterien, Gemüsespende, Kitaverbot, Verangstwortung, Zustellfenster, Infektionsmonitor. (01.04.2020)

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Notruf

Hier war wohl jemand mit dem Einsatz nicht zufrieden. Gefunden auf einer Betonwand in der Brunnenstraße in Tübingen. Foto: St.-P. Ballstaedt (29.03.2020)

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Bilderrätsel 11

Was sehen wir hier? Nicht schwer zu erraten, aber doch schön anzuschauen. Auflösung im Kommentar. Foto: St.-P. Ballstaedt (27.03.2020)

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Aktueller Humor

Im All treffen sich zwei bewohnte Planeten: Fragt der eine: „Lange nicht gesehen, wie geht es dir? – „Sehr schlecht, ich bin mit Menschen infiziert und bekomme kaum noch Luft.“ – Antwortet der andere: „Da habe ich ein gutes Mittel dagegen, Corona, das hilft garantiert.“

(gefunden in einem Leserbrief im Schwäbischen Tagblatt vom 24.03.2020)

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Historischer Humor 10

Immanuel Kant’s Schriften gehören nicht zur Lektüre von Humorforschern, nur in der „Der Kritik der Urteilskraft“ ([§ 54] Anmerkung) macht der Philosoph sich Gedanken über das Lachen: „Es muss in allem, was ein lebhaftes erschütterndes Lachen erregen soll, etwas Widersinniges sein.“ Und weiter: „Das Lachen ist ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts.“ Kant war ein beliebter Gesellschafter, vielleicht erzählte er auch Witze. In seinem Text referiert er drei Witze als Beispiele, sie werden nicht erzählt, sondern sind in den theoretischen Text eingebettet. Ich bin so frei, sie unter Beibehaltung seiner Diktion herauszulösen:

Ein Indianer öffnet an der Tafel eines Engländers in Surare eine Bouteille mit Ale und sieht das Bier in Schaum verwandelt herausdringen. Er zeigt mit vielen Ausrufungen seine große Verwunderung. Auf die Frage des Engländers was denn hier so verwunderlich sei, antwortet er: „Ich wundere mich auch nicht darüber, dass es herausgeht, sondern wie ihr`s habt herein kriegen können.“

Der Erbe eines reichen Verwandten will dessen Leichenbegängnis recht feierlich veranstalten. Aber er klagt, dass es ihm nicht recht gelingen will, denn je mehr er seinen Trauerleuten Geld gebe, betrübt auszusehen, desto lustiger sehen sie aus.

Ein Kaufmann, der aus Indien mit all seinem Vermögen in Waren zurückkehrt, wird in einem schweren Sturm genötigt, alles über Bord zu werfen. Darüber grämte er sich so, dass ihm darüber in derselben Nacht die Perücke grau wird.

Das sind Kant`s Witze und man kann wohl davon ausgehen, dass sie ihm auch gefallen haben, sonst hätte er sie nicht in seinen Text aufgenommen. Eine tiefsinnige Interpretation der Witze hat Rainer Stollmann vorgelegt, in seinem Buch: „Angst ist ein gutes Mittel gegen Verstopfung“. Aus der Geschichte des Lachens. Berlin: Vorwerk 8 (2010; S.123 ff.). Für ihn richtet sich der erste Witz gegen den Empirismus und der zweite gegen den Rationalismus, beides Positionen, gegen die Kant mit dem berühmten Satz argumentiert: „ „Begriff ohne Anschauung ist leer,  Anschauung ohne Begriff ist blind“. Im dritten Witz macht er sich über seine Transzendentalphilosophie lustig. Ja, wenn Philosophen Witze erzählen! Immerhin hat er uns drei Witze im Zeitalter der Aufklärung überliefert. (22.03.2020).

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Lästling

Da benutzt man sein Leben lang seine Muttersprache und entdeckt noch immer unbekannte Wörter. Der Maulwurf wurde von der Deutschen Wildtier-Stiftung zum Tier des Jahres 2020 gekürt. Bei Gärtnern ist er nicht gern gesehen, dabei – so der Deutsche Schädlingsbekämpferverband  – ist er kein Schädling, sondern nur ein Lästling. Er ist im Erdreich sehr nützlich, denn er lockert die Erde auf, nur seine aufgeworfenen Hügel werden ungern gesehen.

Lästling steht sogar im Duden und ist eine Bildung mit dem Suffix -ing, die im Deutschen oft vorkommt: Liebling, Schützling, Neuling, Findling usw. Substantive, bei denen das Suffix an ein Adjektiv angehängt wird und damit eine Person mit einer bestimmten Eigenschaft charakterisiert, oft auch abwertend wie Feigling, Wüstling, Lüstling, alles Maskulina! Neuere Bildungen sind der Naivling oder der Primitivling. Ausnahmen sind der Frühling und der Schwindling, eine Pilzgattung, zu der z.B. der Knoblauchschwindling gehört. (18.03.2020)

Ein Lästling (talpa europaea) und ein Schwindling (marasmius rotula). Quelle: Wikimedia Commons

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Digitales Ich

GOOGLE hat es sich etwas kosten lassen und der letzten Ausgabe des SPIEGEL ein Heft beigelegt. Ausgangsthese: Wir hinterlassen durch alle Handlungen im Web wie Navigieren, Recherchieren, Buchen, Reservieren, Einkaufen, Kommunizieren, Streamen, Spielen, Bezahlen unsere Spuren, die zusammengefasst ein „digitales Ich“ oder eine „elektronische Identität“ bilden. Lassen wir einmal die Frage ausgeklammert, ob es so etwas wie ein Ich und eine Identität überhaupt gibt, sicher ist, dass unsere Hinterlassenschaften im Web etwas über uns aussagen, über Interessen, Bedürfnisse, Motive.

So wie wir ein soziales Ich in den Beziehungen mit anderen aufbauen, erhalten und verändern, so trägt auch digitale Kommunikation wie Mailen, Chatten, Bloggen, Fototausch zu unserem Ichgefühl bei. Hier sehe ich kein Problem. Etwas anders sind die Daten, die wir bei Netflix, Amazon, Facebook, Twitter, Google usw. ohne kommunikative Absicht hinterlassen. So lernt Netflix lernt mit jeder Serie, die wir anschauen oder auch nur den Trailer anklicken, mehr über unsere Vorlieben, ein Algorithmus berechnet daraus Empfehlungen und er ist lernfähig: Wer länger keine Erotikfilme mehr angeschaut hat, aber dafür Tierfilme, der bekommt zunehmend Tierfilme angeboten. (Kann man aus dieser Veränderung aber erschließen, dass sich seine erotische Bedürfnisse verändert haben?)

Was mich ärgert: Philosophische Konzepte wie „Ich“ und „Identität“ werden benutzt, um profitorientierte kommerzielle Interessen zu bemänteln. Diese Firmen interessieren sich nicht für Philosophie, sondern verdienen mit unseren Profilen bzw. errechneten Identitäten Geld. Sandra Matz, Assistant Professor of Management an der Columbia Business School in New beschäftigt sich als  Computational Scientist mit Psychografischem Profiling: Wie lassen sich aus den Daten im Web Nutzerprofile für das Marketing erstellen. Aus den Likes bei Facebook werden z.B. introvertierte und extrovertierte Nutzer ermittelt, die dann personalisierte Werbung bekommen. Ihr Resümee: „Ich denke, die Menschen müssen begreifen, was Daten Positives herbeiführen und wie sehr wir alle durch die Analyse von Daten profitieren“

Die Beilage versucht, die Vorteile der Datenerhebung und -zusammenführung zu preisen und gleichzeitig die Privatsphäre zu schützen. GOOGLE stellt sein Safety Engeneering Center (GSEC) in München vor. Dort wirkt ein Privatsphäre-Team, das Datenschutz- und Sicherheitsprodukte entwickelt. Merkwürdig: Ein firmeneigene Abteilung, die gegen das eigene Geschäftsmodell arbeitet? (16.03.2020)

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Lektüre zur Debattenkultur

Bernhard Pörksen/ Friedemann Schulz von Thun: Die Kunst des Mineinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik. München: Carl Hanser. 20,00 €, ISBN 978-3-446-26590-5

Der Tübinger Medienwissenschaftler und der Hamburger Kommunikationspsychologie diskutieren gern miteinander, es ist schon ihr zweites in Dialogform veröffentlichtes Buch. (Lektüre zur Kommunikation). Die Gespräche wurden mündlich face-to-face geführt, aber – wie Schulz von Thun im Nachwort gesteht – enorm überarbeitet. Die inhaltlichen Anschlüsse sind elegant, dem Gegenüber fällt immer etwas Weiterführendes oder das passende Beispiel ein, sie spielen sich die Bälle, sprich Stichworte geschickt zu.

Das Buch geht von einer „Gefährdung von Gespräch und Diskurs“ in unserer Gesellschaft aus, einer gefährlichen „Diskursverwilderung“. Aber „die Art und Weise des Sprechens und Streitens ist der entscheidende Gradmesser demokratischer Vitalität“ (S. 40). In den Gesprächen werden Problemzonen der gesellschaftlichen Kommunikation behandelt: Talkshow-Debatten, Skandalisierung, Desinformation und Fake News, Krise des Journalismus, Hassattacken in den sozialen Netzwerken, Verschwörungstheorien, Umgang mit der neuen Rechten usw. Fokus bleibt aber das konstruktive Miteinanderreden und Streiten. Die Autoren umkreisen ihr Kernthema in zahlreichen Wiederholungen. Pörksen spielt dabei die Rolle des Stichwortgeber und Draufgängers, er stellt Thesen auf und spitzt sie manchmal zu, Schulz von Thun gibt den Friedemann, der die Spitze als versierter Mediator wieder abschleift, immer weise abwägend, einschränkend, ausgleichend.

Was arbeiten die beiden an Empfehlungen für eine gelungenes Gespräch heraus? Hier nur Stichworte: Dem Gegenüber muss ein Minimum an Wertschätzung und Respekt entgegengebracht werden, statt Abwertung und Diffamierung. Ein Mindestmaß an Empathie und eine Anstrengung des Verstehens (nicht des Einverständnisses) ist auf beiden Seiten erforderlich. Der Streit muss um die Sache gehen ohne die Person herabzusetzen (Prinzip der respektvollen Ablehnung, S. 88), z.B. durch eine „rückwirkende Generalisierungen“ mit Aussagen wie: „Sie haben ja schon immer…..“. Überprüfbaren Beschreibungen und subjektiven Bewertungen müssen getrennt werden. Man soll die Stärken der Argumentation des anderen anerkennen und die eigenen Schwachpunkte  einzugestehen. (Souveränität höherer Ordnung, S. 142). Grundsätzlich soll man davon ausgehen, dass auch ein ungeliebter Gesprächspartner nicht in allem unrecht hat. Und schließlich hilft hin und wieder Humor als Mittel  der Depolarisierung und Entkrampfung (S. 80). Das Gespräch wird als „dialektisches Wechselspiel von Akzeptanz und Konfrontation“ aufgefasst.

Kein Zweifel: Das sind nützliche Prinzipien und Empfehlungen, denen wohl niemand widersprechen wird, aber warum werden sie oft nicht eingehalten? Meine Vermutung: Die beiden Akademiker unterschätzen die Macht der Gefühle. Frustrationen, narzisstische Kränkungen, Macht- und Ohnmachtsgefühle, Ängste, Unsicherheit, Sorgen, all das bestimmt die menschliche Kommunikation mit. „Der Mensch ist ein Gefühlswesen“, stellt der Psychologe zwar fest, aber er verlangt eine rationalen Kraftakt, wenn er kommunikative Kompetenz so beschreibt: „Stimmige Kommunikation ist authentisch und wirkungsbedacht zugleich, ist darauf aus, die eigene innere Wahrheit zu offenbaren und ebenso der Situation gerecht zu werden, die in ihren Besonderheiten und ihren inhärenten Herausforderungen erkannt sein will“ (S. 209). Oder anders formuliert: „Stimmig ist eine Verlautbarung dann, wenn sie erstens auf Wahrheit beruht, zweitens in unaufdringlicher Weise wahrhaftig ist und drittens beziehungsverträglich formuliert ist und zu einer konstruktiven Reaktion einlädt.“ (S. 164). Beim reflektierten Schreiben bekommt man das vielleicht noch hin, aber in der spontanen Alltagskommunikation und in emotional aufgeladenen Debatten? Zumindest ich fühle mich dadurch überfordert.

Die beiden Gesprächspartner sind sich bewusst, dass ihre Empfehlungen für vernünftige Verständigung schwer umzusetzen sind (wie schon die Konversationsmaximen von Grice oder die Geltungsansprüche bei Habermas). Dazu Pörksen: „Was sich vermitteln lässt, sind allenfalls Metarezepte, geistige Rahmenbildungen und gedankliche Werkzeuge, um im möglichst hellen Bewusstsein abzuwägen, was man tun könnte und vielleicht tun sollte““ (S. 165). Und im Nachwort formuliert Schulz von Thun  als Lernziele ein „geschärftes Dilemmabewusstsein“ und ein „Kompass für Stimmigkeit“ (S. 209). (11.03.2020)

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Superzeichen

Aus vielen Einzelzeichen eines Streckenplans wird ein Superzeichen: Ein Saurier auf der Pirsch, der den ganzen Bodensee als Rucksack mitschleppt. Aufgenommen auf dem Bahnhof Schaffhausen. Foto: St.-P. Ballstaedt (07.03.2020)

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