Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Sprechgewohnheit

Zum Gendern in der Sprache habe ich mich bereits mehrfach geäußert und zwar durchweg positiv. Ich sehe darin einen Prozess des Sprachwandels, den ich grundsätzlich für richtig halte. Untersuchungen haben auch gezeigt, dass Leserlichkeit und Verständlichkeit nicht leiden, wenn auf ungewohnte Formulierungen verzichtet wird (Frauschaft, Rednerinnenpult). Von Vorschlägen, die sich zwar lesen aber nicht aussprechen lassen halte ich allerdings wenig (Lehrer*innen, LehrerInnen).

Jetzt habe ich in der Evaluation einer Vorlesung eine harsche Rückmeldung bekommen. Durch meine Sprache offenbare ich, dass mir an der Gleichstellung der Geschlechter nichts liegt, da ich nicht durchgängig genderneutral formuliere. Dazu: Ich gebe mir Mühe, aber richtig in Fleisch und Blut sind mir die neuen Formulierungen noch nicht eingegangen. Da ich frei spreche, falle ich immer wieder in die alten Sprachgewohnheiten zurück und das wird sich wohl in meinem Leben auch nicht mehr ändern. Ich vergesse eine Form (Adressat und Adressatin) oder habe Probleme mit einer nachfolgenden Pronominalisierung (sie und er). Übrigens sprechen auch die meisten Frauen nicht genderneutral, aber ihnen lässt man das eher durchgehen. (07.12.2019)

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Nuttenmode

Die oberste Feministin des Landes, Alice Schwarzer, hat Frauen kritisiert, die in „Nuttenmode“ herumlaufen. Gemeint sind Kleidungsstücke, die eine gewisse Quantität an Hautoberfläche nicht abdecken.

Es ist erstaunlich, dass sie das abschätzige Wort „Nutten“ für Frauen benutzt, die ihren Lebensunterhalt durch Prostitution verdienen. Die Herkunft des Wortes ist übrigens unklar, es wurde wohl für ein junges kleines Mädchen benutzt. Nuttig bedeutet ursprünglich zierlich, unbedeutend, schlecht, also mit zunehmender pejorativer Konnotation.

Ebenso erstaunlich ist ein Kommentar der Journalistin  Sonja Thomaser in der FR: Die Frage, was frau anziehen soll, spielt keine große Rolle, es wird angezogen, „was uns praktisch morgens vom ersten Kleiderbügel entgegenfällt, was vom Vortag nicht müffelt und einfach was uns gefällt, worin wir uns wohlfühlen, was uns Spaß macht zu tragen“. Auch sexy Dessous zieht frau nur an, weil sie sich darin schön findet.

Ist das so? Nach meiner Erfahrung mit Frauen stimmt das nicht (allerdings ist meine Stichprobe nicht allzu groß).  Auch als Semiotiker muss ich widersprechen, denn auch Kleidung hat Zeichencharakter im sozialen Umgang. Roland Barthes hat die Mode als einen sozialen Kode analysiert (Système de la mode, 1967). Was wir, Frauen wie Männer, anziehen, folgt gesellschaftlichen Konventionen, die schnell wechseln können (Mode), und berücksichtigt natürlich die jeweilige kommunikative Situation. Das gilt für den Business Anzug wie für die Nuttenmode. Manchmal ist die Kleiderwahl vielleicht unbewusst, aber zufällig ist sie nicht. (30.12.2019)

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Sie und Er

Für meine Sammlung von Toiletten-Piktogrammen habe ich im Bahnhofsgasthof „Gleis Süd“ in Horb ein originelles Design gefunden. Foto: St.-P. Ballstaedt (29.11.2019)

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Rund ums Haus

In einer Zeitung habe ich an einem Tag gleich zwei für mich neue Wörter gelesen.

Zuerst Einhausung (auch Umhausung). Damit wird die völlige oder teilweise Umbauung von störenden Emissionsquellen gemeint, z.B. Mülltonnen (durch Betonwände), Straßen (durch Überdachung) oder auch Maschinen (Schallschutz). Dann Verhäuselung. Damit ist die Zersiedlung von Landschaft gemeint, teilweise auch das illegale Bauen von größeren Häuschen gegen das Raumplanungsgesetz, z.B. in Gärten und schwäbischen Gütle.

Das Lexem Haus (germanisch hus) hat viele und interessante Ableitungen in allen Wortarten erfahren: Häuschen (aus dem Häuschen geraten), Behausung, Häusler, Hausierer, hausen, hausieren, unbehaust, häuslich. Und es ist Bestandteil zahlreicher Komposita: Hausrat, Haushalt, Haushälterin, Haussuchung, Haustier, Hausfrau, Hausherr und schließlich Hausmannskost. (23.11.2019)

Verhäuselung und Zersiedlung in Feldkirchen in Kärten- Quelle: © Wikipedia / joadl / Cc-by-sa-3.0-at

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Nutzlast

Mal wieder ein interessantes Schild, das mir aus Neuseeland zugespielt wurde. Piktogrammkritik: Die Botschaft ist nach kurzer Betrachtung klar, aber eigentlich ist das Piktogramm überladen, denn der obere Teil ist überflüssig, es soll ja nur vor Überlastung gewarnt werden. Zudem gehört die Person neben dem 10+ rot durchkreuzt. Foto: Kristina Taatz mit herzlichem Dank (16.11.2019)

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Kunst-Events

In diesem Herbst in Frankfurt im Städel „Making Van Gogh“, in Potsdam im Museum Barbarini seine „Stillleben“, im Louvre in Paris die Gemälde von Leonardo da Vinci, letztes Jahr in Wien „The best of Bruegel“ im Historischen Museum, heuer Albrecht Dürer im Albertina Museum, im Rijksmuseum in Amsterdam Rembrandt. Ausstellungen, die ich früher möglichst nicht ausgelassen hätte. Zu großen Manet-Ausstellung bin ich 1983 nach Paris geflogen (heute ein peinliches Geständnis, aber der TGV fuhr noch nicht von Stuttgart), 1985 (mit dem Zug) nach Wien zur Ausstellung „Traum und Wirklichkeit. Wien 1870-1930“. Heute bleibe ich zu Hause. Mir macht es keinen Spaß, mich in Menschengruppen von einem Gemälde zum anderen zu bewegen und andauernd läuft einem jemand mit dem Smartphone oder Audioguide vor das Bild. Es ist nicht mehr möglich, sich in ruhiger Betrachtung auf ein Bild einzulassen. Ich habe schon Besucher mit einem Opernglas vor den Exponaten gesehen. Als ich einmal einen Stich in kleinem Format mit den Augen zu nahekam, wurde die Alarmanlage ausgelöst. Bereits vor etlichen Jahren habe ich im Louvre in einer Menschtraube vor der Mona Lisa gestanden, in gehörigem Abstand, das Bild hinter Bleiglas, rechts und links ein bewaffneter Wachmann. Wie kann sich da die oft beschworene Aura eines Bildes entfalten? In einem guten Bildband oder einer Reproduktion im Web kann ich in Ruhe jedes Detail studieren, jeden Pinselstrich nachverfolgen, inzwischen sind auch die Farben akzeptabel, obwohl das Blondrot eines Tizian oder das Gelb eines Van Gogh vor dem Original intensiver wirken. (15.11.2019)

Besucher des Louvre bei der Kunstbetrachtung und das schon im Jahr 2005. Foto: Werner Willmann, Wikimedia Commons.

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Übergang

Ein nostalgisches Schild an einem unbeschränkten Bahnübergang an der Wachau-Bahn in Krems. Auf der Strecke verkehren nur noch Dieselfahrzeuge. Foto: St.-P. Ballstaedt (10.11.2019)

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Hegel und andere

Gleich vorweg: Hegel ist kein von mir geschätzter Philosoph: Ich habe etwas gegen Systemphilosophie und den Idealismus, zudem hat mich als Student die Lektüre der „Phänomenologie des Geistes“ um viel Zeit und fast den Verstand gebracht.

Aber bei einem Besuch in Marbach habe ich die Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne „Hegel und seine Freunde. Eine WG-Ausstellung“ besucht. Erwartet habe ich die üblichen Schaukästen mit Briefen, Dokumenten und aufgeschlagenen Büchern, aber ich wurde mit einer Serie von Selbstexperimenten, Denkanstößen auf Karten, Schreibaufgaben, Wahrnehmungserlebnissen usw. konfrontiert. In die WG kommen zu Besuch: Johann Wolfgang von Goethe, David Friedrich Strauß, Friedrich Theodor Vischer, Eduard Mörike, Heinrich Heine, Georg Simmel, Margarete Susman, Franz Kafka, Hermann Hesse, Hannah Arendt, Paul Tillich, Theodor W. Adorno, Heiner Müller, Peter Hacks, Alfred Andersch, Robert Gernhardt und Eckhard Henscheid, Hans-Georg Gadamer, Judith Butler, Ulrich Schlösser usw. Ich entdecke immer wieder Bezüge und Assoziationen, die mir vorher nicht bewusst waren. Eine Art Konstellationsforschung, die Ideen nicht nur in einem einzelnen Kopf lokalisiert, sondern sie in einem kreativen Kreis von Köpfen umherwandern lässt.

Abstrakte Begriffssysteme wie in der Philosophie sind schwer anschaulich zu vermitteln. Versuche kann man im Deutschen Museum für Philosophie in Jena bewundern, z. B. zu Descartes oder LaMettrie. Dort stehen diverse Exponate, die abstrakte Ideen in eine konkrete Form überführen, in eine visuelle Philosophie zum Begreifen. Hier möchte ich auch die Bastelkästen des performativen Philosophen Hanno Depner anführen: „Kant für die Hand. Die „Kritik der reinen Vernunft“ zum Basteln und Begreifen“. Und neuerdings: „Wittgensteins Welt – selbst hergestellt. Der »Tractatus« als Turm zum Basteln und Begreifen. Mit Anleitung und Bausatz“. Es sind Versuche, das Denken handwerklich umzusetzen, intellektuell anspruchsvoll bleiben die Versuche allerdings: Das Falten und Kleben nimmt einem das Denken nicht ab (06.11.2019)

Der Weltgeist in Marbach, zwei Eindrücke aus der Hegelschen WG. Fotos: St.-P. Ballstaedt

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Schweinerei

Links am Eingang des Kupferbaus in Tübingen steht seit Wochen diese Botschaft: Ein Stencil eines schreienden Schweins, darunter eine silbern übermalte rote Schrift, vermutlich von Tierschützern, deren Inhalt man erschließen kann, wenn man den darunter ein gesprayter Kommentar liest. Das zweite Beispiel habe ich an der Neckarbrücke gefunden, wieder ist der Text silbern übermalt. Fotos: St.-P. Ballstaedt (01.11.2019)

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ALDI-Grusel

Wer den aktuellen Prospekt zum Wochenangebot von ALDI durchblättert, ist immer auf dem Laufenden. Kein Supermarkt springt so schnell auf neue Trends auf, sei es Bio, Veggie und jetzt sogar krumme Äpfel. In der letzten Ausgabe ist Halloween das Thema, vor allem bei den Lebensmitteln.

Halloween-Bräuche brachten Einwanderer aus dem katholischen Irland in die USA, z.B. die ausgehöhlten und beleuchteten Kürbisse. Seit den 90er Jahren verbreitet sich Halloween auch in Europa, vor allem gepuscht von bestimmten Branchen: Kostüme, Scherzartikel, Dekorationen, Süßigkeiten. ALDI bietet jetzt gruselige Rezeptvorschläge, die jeden Sternekoch erfreuen und die besonders lecker schmecken. (23.10.2019)

Freakadellen in Blutsoße, Gespenstersnacks, Rote Bete Kuchen mit Geistern, Gruselpaprika. Scans: St.-P. Ballstaedt

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