Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Betonmauer 2

An der Mauer der Justizanstalt Stein in Krems hat die Künstlerin Ramesch Daha die Seiten des Strafgefangenen-Registers von 1944/45 aufgetragen. Sie sollen an die „Kremser Hasenjagd“ erinnern: Am 6. 4.1945 wurden 386 überwiegend politische Häftlinge durch Angehörige der Waffen-SS, der Wehrmacht, der SA und örtlicher NS-Getreuer gejagt und ermordet. Das Wandgemälde soll an das Massaker erinnern.

Es ist tatsächlich ein Gemälde: Die Seiten wurden Punkt für Punkt auf die Mauer übertragen und dann mit blauer Farbe ausgemalt. Selten fand ich Kunst im öffentlichen Raum so eindrücklich und überzeugend. Foto: St.-P. Ballstaedt (23.09.2018)

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Betonmauer 1

Neben den vielen Schmierereien wieder einmal ein gelungenes Stencil auf Tübingen Waldhäuser-Ost, die Betonmauer-Struktur ist perfekt einbezogen. Wer abgebildet ist und was es bedeutet, das weiß ich bisher nicht. (22.09.2018)

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Lebenshilfe, Sterbehilfe

Drei Bücher von drei Philosophen über das Altern und das Sterben, die ich als Zugehöriger der Zielgruppe gelesen habe.

Wilhelm Schmid: Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden. Berlin: Insel Verlag, 2014.

Der als philosophischer Lebenskünstler und Seelsorger bekannt gewordene Erfolgsautor stand mit seinem Büchlein 145 Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, davon 18 Wochen auf Platz 1, jetzt wird die 22. Auflage verkauft. Woran liegt der Erfolg? Der Text ist angenehm kurz und bietet eine wohlwollende Sicht auf das Altern und das Sterben. Schmid lässt zwar keine körperliche, seelische oder soziale Einschränkung aus, aber alles hat schon seinen Sinn und aus allem können wir etwas lernen. Der Autor ist wild entschlossen, in jedem Gebrechen etwas Positives zu sehen. Und im letzten Kapitel „Gedanken zu einem möglichen Leben nach dem Tod“ öffnet er noch diskret ein Fensterlein ins Jenseits: Wir wissen zwar nichts Genaues, aber vielleicht gibt es ja doch etwas nach dem Tod. Unsere Atome und unsere Energie gehen ohnehin wieder in den kosmischen Kreislauf des Werdens und Vergehens ein. Jeder fühlt sich durch die tröstliche Argumentation angesprochen, jeder erkennt sich irgendwo im Text wieder. Was seine konkreten Ratschläge betrifft, so führt uns Schmid immer auf den Mittelweg, weg von dunkler Wildnis und steilen Klippen. Es predigt eine bejahende Gesinnung und Haltung zum Leben, immer schön ausgewogen. Sein zentraler Begriff: Gelassenheit.

Odo Marquard: Endlichkeitsphilosophie. Über das Altern. Stuttgart: Philipp Reclam, 2013.

Die Textsammlung hat Franz Josef Wetz zusammengestellt, darunter ein Gespräch, das er mit dem 84-Jährigen geführt hat. Der Philosoph ist 2015 gestorben. Er hat eine klassische akademische Karriere hinter sich, viele Preise, Orden und Ehren. Keine großen Werke, aber viele Essays, die ungewöhnlich flott und pointiert geschrieben sind, er selbst bezeichnet sie als „Transzendentalbelletristik“. Der skeptische Philosoph hat zu Sterben und Tod wenig Tröstliches beizutragen, einem Zitat von Hans Blumenberg stimmt er „uneingeschränkt“ zu: „Niemand lässt sich darüber trösten, dass er sterben muss. Alle Argumente sind schlicht bis lächerlich, die dafür Trost- und Tröstungsfähigkeit unterstellen.“ Altern bedeutet, dass alles mühsamer und anstrengender wird, dass man immer weniger Zukunft hat und sich seiner Entbehrlich bewusst wird. Der Tod ist das definitive Ende, das Leben davor bleibt meist ein Fragment. Die Botschaften der Religion, konkret des Christentums, überzeugen ihn nicht. „Ein kleiner Ersatz für den religiösen Trost ist für mich der Schlaf.“ Schlaf statt Auferstehung, das ist eine erstaunliche Alternative! Aber es gibt – wie kann es bei diesem Philosophem anders sein – einige Kompensationen. So die „Schandmaulkompetenz“ der Alten, die mit illusionslosem Blick beobachten und unbekümmert sprechen und schreiben können, da sie auf keine Karriere Rücksicht nehmen müssen und nur noch wenig Zukunft haben. Und dann vor allem der Humor mit einer Distanz zur Wirklichkeit und sich selbst. Daraus folgt Gelassenheit und Altersmilde.

Otfried Höffe: Die hohe Kunst des Alterns. Kleine Philosophie des guten Lebens. München: C.H.Beck, 2018.

Der Philosoph ist 75 Jahre alt, auch er hat eine klassische akademische Karriere hinter sich: Professor für Ethik und Sozialphilosophie an etlichen aus- und inländischen Hochschulen, einige erfolgreiche Bücher, viele Ehrungen, seit 2011 emeritiert. Er verfällt in keine Altersklagen, sondern will die Diskurse über das Altern zurechtrücken und gegen die Macht der negativen Altersbilder anargumentieren, hierin mit Schmid vergleichbar. Jede Einschränkung und jedes Gebrechen wird angesprochen, aber es wird immer etwas Positives dagegengesetzt. Sein Text ist aber deutlich anspruchsvoller als der populäre Traktat von Schmid. Er lässt eine Reihe von Philosophen und Literaten aufmarschieren: Plato, Aristoteles, Epikur, Cicero, Schopenhauer, Jacob Grimm, Ernst Bloch u.v.m. Seine Hauptbegriffe sind Würde und Selbstbestimmung, die bei jedem Menschen unantastbar sind. Es geht ihm um das individuelle Altern und seine gesellschaftlichen Bedingungen, in seinem Fokus steht vor allem das soziale Umfeld des Alterns, die Kliniken, Seniorenheime, Hospize. Er sieht die Gesellschaft in der Verantwortung. Aber auch der oder die Alternde kann einen individualethischen Beitrag bringen: Erstaunlicherweise sind seine Ratschläge konkreter als beim Lebensberater Schmid oder dem Skeptiker Marquard (die er beide keiner Zitierung für Wert befindet): Die vier L „Laufen, Lernen, Lieben, Lachen“ bilden ein eingängiges Programm: Bewegung, geistige Anregungen, soziale Kontakte, Humor.

Fazit

Bei allen drei Autoren spürt man, dass sie ein erfülltes Leben hatten und es ihnen im Alter vergleichsweise gut geht: gesundheitlich, finanziell, sozial. Marquard ist mir sympathisch, er streicht keine Salbe auf jeden negativen Aspekt des Alterns wie Schmid. Höffe stellt Altern und Sterben in einen größeren Zusammenhang als die beiden anderen, die vor allem die Familie hervorheben, aber Sozial- und Gesundheitspolitik nicht berücksichtigen. Letztlich altert und stirbt jeder auf seine individuelle Weise. (21.09.2018)

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Austriazismen

Aus Österreich habe ich einige österreichische Ausdrücke mitgebracht. So lese ich in der Gratiszeitung ÖsterreichHeute vom 14.9. von einem Detektiv in der Stadt Amstetten, der gegen „Hundstrümmerl“ vorgeht, weil Hundehalter nicht zu einem „Gackerlsackerl“ greifen.

Beim Heurigen habe ich einen „Gemischten Satz“ getrunken, das ist ein Wein, der aus verschiedenen Rebsorten ohne festes Mischungsverhältnis zusammen gekeltert wird und daher ein vielschichtiges und abwechselndes Geschmackserlebnis hinterlässt. In einer EU-Verordnung wurde der „Gemischte Satz“ als geschützte Bezeichnung aufgenommen. (15.09.2018)

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Taktische Zeichen

Auf dem Weg zur 65. Weltpflügermeisterschaft auf dem Hofgut Einsiedel habe ich Zeichen an den Bäumen entdeckt, die offenbar den möglichen Einsatz der Feuerwehr regeln sollten. Bei meiner Recherche bin ich auf eine unglaubliche Menge sogenannter taktischer Zeichen gestoßen. Ursprünglich militärischen Ursprungs wurden sie für Organisationen mit Sicherheitsaufgaben wie Feuerwehr oder Katastrophenschutz teilweise übernommen. Die Zeichen sind in den Dienstvorschriften festgelegt und dienen der Steuerung und Kommunikation bei einem Einsatz. Sie bestehen meist aus einem Grundzeichen und Zusatzzeichen.

   

Die zwei vertikalen Striche stehen beim Militär für Bataillon/Geschwader, bei der Feuerwehr für Abteilung /Verband II. – Das taktische Zeichen besteht aus dem Grundzeichen: Quadrat auf der Spitze steht für eine Person, die rote Füllfarbe steht für die Feuerwehr, die drei Punkte für den Zugführer. Quellen: Foto  St.-P. Ballstaedt; Piktogramm: Wikimedia Commons (06.09.2018)

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Unehrenwerte Hinterlassenschaften

Ein Text, der durch zwei nicht so häufige Wörter auffällt: eine „ehrenwerte“ Gegend und „Hinterlassenschaften“.

Dass ich in einer derartigen Gegend wohne, war mir bisher entgangen, bei dem Adjektiv fällt einem gleich ein Song von Udo Jürgens ein: „Ein ehrenwertes Haus“. Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm findet man seitenlang Ableitungen vom Wort „Ehre“ von „ehrbegierig“ über „Ehrenblüte“ (für Jungfräulichkeit) bis „Ehrenschändung“, aber „ehrenwert“ habe ich nicht gefunden.

Das Verb „hinterlassen“ ist bei den Grimms aufgeführt und bedeutet „etwas hinter sich lassen“ oder „zurücklassen“, „namentlich bezüglich eines gestorbenen“. So ist Hinterlassenschaft das von einem Verstorbenen zurückgelassene: sein Vermächtnis, Erbe, Nachlass.  Wie das Wort auf die Fäkalien kommt? Wohl ein Euphemismus, denn Kot oder Scheiße will man in einer ehrenwerten Gegend nicht schreiben. (01.09.2018)

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Zwiebelliebe

Aus dem Sommerloch eine Entdeckung am Frühstückstisch: Die Kunststoff-Pelle der Zwiebel-Leberwurst ist warenästhetisch mit einer Liebesszene ausgeschmückt: Zwei Zwiebeln himmeln sich an! Herzhaft! Foto: St.-P. Ballstaedt (26.08.2018)

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Trinker

An jedem Pfahl und Mast kleben Gegen-Rechts-Sticker und Antifa-Sticker. Etwas wirklich Originelles ist nicht zu finden. Deshalb dieser schon etwas verschmutzte Kleber, der einen Dialog aus dem Film „Casablanca“ zitiert:

STRASSER:
What is your nationality?
RICK (pokerfaced)
I’m a drunkard.

Der Sticker ist in verschiedenen Versionen verbreitet und der Text auch auf T-Shirts zu haben. Foto: St.-P. Ballstaedt (16.08.2018)

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Bilderrätsel 2

Wieder eine Oberfläche, aber was wird abgebildet? Die Lösung kann man im Kommentar nachlesen. Foto: St.-P. Ballstaedt (14.08.2018)

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Schönwendig

In dem Buch „Kleine Geistesgeschichte das Lachens“ dankt der Autor Friedemann Richert im Vorwort seiner Mutter: „Mit ihrem fröhlichen Lachen hat sie meiner Familie und mir das Leben in seiner Schönwendigkeit nahegebracht.“ Schönwendigkeit? Das Wort habe ich noch nie gehört oder gelesen. Es der Versuch einer Übersetzung aus dem Altgriechischen: Eutrapelia ist eine Tugend gesitteter und gebildeter Männer, die Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik beschreibt: „Gewisse Scherze nämlich geziemt es sich wohl für einen solchen Mann zu machen und anzuhören; es ist ein Unterschied zwischen dem Scherz vornehmer und roher, dem Scherz gebildeter und ungebildeter Personen.“ – „Die aber angemessen zu scherzen wissen, heißen „eutrapeloi“, das bedeutet wohlgewandt, da sie sich wohl zu wenden wissen.“ Schönwendig bedeutet, dass man sich dem Schönen zuwendet und das Ordinäre meidet. Ob man da noch viel zu lachen hat? (09.08.2018)

Aristoteles lachte nur schönwendig, nicht unter seinem Niveau. Römische Kopie nach einer Skulptur des Bildhauers Lysippos. Rom, Palazzo Altemps. Quelle: Wikimedia Commons.

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