Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Trotzworte

In Tübingen beginnt heute eine „Queere Woche“, was mich veranlasst hat, dem Wort „queer“ nachzugehen, das eine ähnliche Geschichte wie „schwul“ hinter sich hat. Beide waren ursprünglich Schimpfworte vornehmlich für Homosexuelle, dann haben diese es mit positiven Konnotationen als Selbstbenennung übernommen. Geusenworte nennt man Worte mit einer derartigen Umdeutung. Geusen (niederländisch geuzen) nannten sich die niederländischen Freiheitskämpfer im Achtzigjährigen Krieg , nachdem sie vom spanischen Adel mit dem französischen Wort „gueux“ als Bettler beschimpft wurden. Eine treffende deutsche Bezeichnung für Geusenworte: Trotzworte.

Die Bezeichnung „queer“ wurde in den USA ursprünglich abwertend für Homosexuelle verwendet, später ausgeweitet auf alle Personen, die den heterosexuellen Normen nicht entsprechen. Seit Mitte der 90er Jahre wird „queer“ als positive Selbstbezeichnung verwendet. Das englische Wort stammt vermutlich vom Deutschen „quer“ ab, das wiederum auf das lateinische Verb „torquere“ zurückgeht, das „drehen, verdrehen“ bedeutet. Queere Personen liegen quer zu den herrschenden Normen. Der Etymologie entsprechend wird ein Stadtrundgang „Queer durch Tübingen“ angeboten.

Im Wortschatz Leipzig ist „queer“ im Wortgraphen inmitten diverser Lebensformen verankert. Screenshot: St.-P. Ballstaedt (22.10.2021)

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Symbolfoto

Immer häufiger sieht man in Zeitungsartikeln oder auf Websites sogenannten Symbolfotos, als Bebilderung zu einem Thema, das entweder sehr abstrakt ist oder zu dem man keine konkreten Fotos hat. Dann greift man zu einem Ersatzbild, das in einem losen Zusammenhang zum Thema steht. Beispiel: Ein Text über Wikipedia kann mit dem folgenden Symbolbild kombiniert werden. Quelle: Wikimedia Commons.

Warum das allerdings als Symbolbild bezeichnet wird, ist nicht verständlich, denn es zeigt ja konkrete Gegenstände, die keine symbolischen Zeichen darstellen. Ausdrucke und Stifte verweisen eher auf Print als auf ein Online-Medium,  den Kaffee konnte man als Symbol für geistige Tätigkeit aufassen. Es ist ein Ersatz- oder Verlegenheitsfoto. Um eine Verwechslung mit dokumentarischen Fotos zu vermeiden, müssen nach dem Pressekodex des Deutschen Presserats Symbolbilder als solche kenntlich gemacht werden. Das Symbolbild ist ein Produkt des Bebilderungszwangs in den modernen Medien. (19.10.2021)

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Lipliner

„Der Look heute: Statt auffälliger Umrandung ist der Lipliner nur eine Nuance dunkler.“ Diesen Kosmetik-Tipp habe ich in der Kundenzeitschrift einer Drogerie-Kette gelesen.  Das passende Model schaut einem daneben tief in die Augen. Auf den Folgeseiten ein Artikel mit dem Titel „Alle Tage schön“. Gemeint sind „die Tage“. Der Zyklus wird in vier Phasen eingeteilt: Menstruation, Follikelphase, Ovulationsphase, Lutealphase. In jeder Phase braucht die Haut eine andere Pflege, damit die Frau immer einen makellosen Teint vorweisen kann. Besonders in der fertilen Ovulationsphase will man ja anziehend wirken. Auf vielen weiteren Seiten Kosmetikartikel und Pflegetipps, immer garniert mit attraktiven Models. Auffallend ist doch, dass alle Tipps den Schauwert und die erotische Ausstrahlung erhöhen sollen. Frauen schminken sich zu Objekten der Begierde. (16.10.2021)

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Bilderrätsel 20

Da mir nichts Gescheiteres einfällt, wieder einmal ein Bilderrätsel: Was zeigt uns dieses Foto? Auflösung im Kommentar. Foto: St.-P. Ballstaedt (13.10.2021)

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Gewicht der Worte

Als Lektüre für eine Reise an die Ostsee habe ich mir folgenden Roman mitgenommen:

Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte. München: Hanser, 2020.

Worte beschäftigen mich ja seit Jahren und von einem literarischen Philosophen wie Peter Bieri habe ich mir viel versprochen. Gleich auf der 14. Seite spricht mich eine Passage an:

„Jetzt, da er wieder eine Zukunft hatte, wollte er verschwenderisch mit der Zeit umgehen. Spüren, wie sie verstrich, ohne dass er etwas tat. Spüren, dass er nicht mehr atemlos einem Ende entgegentrieb. Spüren, dass er Dinge aufschieben konnte, ohne es später zu bereuen.“

Das Buch behandelt Fragen, über die ich mir schon oft den Kopf zerbrochen habe: Wie würde ich mit der Tatsache umgehen, wenn mir die Mediziner nur noch wenige Monate zu leben geben? Was würde es sich anfühlen, wenn ich durch einen Schlaganfall eine Aphasie erleide und plötzlich der Sprache nicht mehr mächtig bin? Im Buch durchlebt diese Situationen Simon Leyland, der wie kein anderer in der Sprache lebt, ein britischer Übersetzer, der zahlreiche Sprachen beherrscht. Problem des Übersetzen spielen auch eine große Rolle und sind sehr anschaulich beschrieben. Aber trotz meines Interesses an der Thematik fesselt mich das Buch wenig und ich sehe den Grund darin, dass es sehr konstruiert und intellektuell geschrieben ist. Es hat etwas Bildungsbürgerliches, Biederes, Braves an sich, die Personen sind alle sehr reflektiert und sehr kultiviert, selbst die Emotionen werden distanziert kognitiv aufgearbeitet. Das sind keine Personen aus Fleisch und Blut, sie sollen nur Ideen transportieren. Zudem ist der Text sehr redundant und bietet wenig Überraschungen, selbst die Peripetie, die Fehldiagnose, wird schon sehr früh angedeutet. Ich habe das Buch nicht bis zum Ende gelesen. (06.10.2021)

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Alte Liebe

Um die Liebe steht es an der Ostseeküste nicht so gut: Entweder darf man sie nicht öffentlich mit Schlössern bekunden und wenn man doch einen Winkel findet, dann rostet selbst alte Liebe. Fotos: St.-P. Ballstaedt (28.09.2021)

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Steilküste

Es ist erstaunlich, wie verständlich Warnpiktogramme auf alle möglichen Gefahrensituationen hinweisen können. Hier an der Steilküste von Ahrenshoop. Foto: St.-P. Ballstaedt (27.09.2021)

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Noch einmal Sicherheit

Vor einem Jahr habe ich bereits auf die zunehmende Anzahl von Sicherheitshinweisen an Baustellen hingewiesen. Heute bin ich an einer Baustelle in meinem Wohnviertel vorbeigegangen und habe  so viele Sicherheitshinweise wie noch nie gesehen. Ganz neu sind für mich die Sicherheitscartoons. Es gibt wohl keinen Ort, an dem man sich sicherer fühlen kann als auf einer Baustelle. Zum Vergrößern ins Bild klicken. Fotos: St.-P. Ballstaedt (16.09. 2021)

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Bunt und harmlos

Am 19. April 2020 habe ich zur Ikonografie der Seuche diese beiden Bilder des Corona-Virus mit folgendem Kommentar versehen: „Unter dem Elektronenmikroskop bleich und unscheinbar, als wissenschaftliches Computerbild bedrohlich“.

Da lag ich völlig falsch, wie ein aktuelle Studie der Autonomen Universität Barcelona in der Online-Fachzeitschrift PLOS One zeigt: Eine Befragung ergab, dass das Virus in einer bunten und dreidimensionalen Abbildung als weniger bedrohlich und ansteckend empfunden wird. Die schwarz-weißen verwaschenen Fotos hingegen wirken eher beunruhigend. PR- und Werbefachleute wird das wenig überraschen. Wer also z.B. Impfgegner überzeugen will, sollte auf bunte Cartoon-Viren verzichten. (14.09.2021)

Guckt zwar grimmig, ist aber nicht ernst zu nehmen. Quelle: Agnes Avagyan: https://www.live-karikaturen.ch

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Hermelinde

Das schöne Spätsommerwetter haben wir dem Hoch Hermelinde zu verdanken. Diesen weiblichen Vornamen habe ich bisher noch nie gehört, aber im 19. Jahrhundert und in Österreich wird er nicht selten vergeben. Was der Vorname ursprünglich bedeutet, darüber habe ich verschiedene Versionen gelesen. Aus dem Althochdeutschen steht „lind“ in viele Namen für „sanft, mild“; Gerlinde =  die Sanfte mit dem Speer; Sieglinde = die sanfte Siegerin. Aber Hermelinde?

Seit 1954 vergibt das Institut für Meteorologie der FU Berlin Namen für Hoch- und Tiefdruckgebiete. Bis 1997 hatten Tiefs weibliche Vornamen, Hochs männliche. Nach Protesten gegen diese Einseitigkeit erhalten seit 1998 die Tiefdruckgebiete in geraden Jahren weibliche und die Hochdruckgebiete männliche Vornamen, in ungeraden Jahren ist dies umgekehrt. Jedes Jahr startet mit dem Buchstaben A, anfangs arbeitete man eine erstellte Namensliste ab, war man mit dem Alphabet durch, dann geht es wieder mit A los. Seit November 2002 kann ein „Wetterpate“ gegen Bezahlung den Namen des jeweiligen Tiefs oder Hochs bestimmen, das ist inzwischen fast immer der Fall. Für ein Hochdruckgebiet muss man 360 Euro auf den Tisch lagen, ein Tiefdruckgebiet ist preiswerter: 240 Euro.

Damit sind die Benennungen geschlechtlich ausgeglichen, allerdings werden sich andere sexuelle Orientierungen im Wetterbericht nicht wiederfinden. (07.09.2021)

Im Bann von Hermelinde. Quelle: https://www.wetterdienst.de

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