Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Historischer Humor 14

Den deutschen Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing wird man nicht zu den humorvollen Autoren zählen, aber er hat zahlreiche Sinngedichte, Sinnsprüche und heitere Verse geschrieben, die sich vor allem mit den Themen Wein und Weib befassen. Obwohl er mit Minna von Barnhelm eine selbstbewusste und mit Emilia Galotti eine moralische Frauengestalt auf die Bühne gebracht hat, sind seine Verse über Frauen heute nicht mehr korrekt. 

Auf die feige Mumma
Wie kommt’s, daß Mumma vor Gespenstern flieht,
Sie, die doch täglich eins im Spiegel sieht?

Wert der Frauen
Zweimal taugt eine Frau, für die mich Gott bewahre,
Einmal im Hochzeitsbett und einmal auf der Bahre.

Das böse Weib
Ein einzig böses Weib lebt höchstens in der Welt:
Nur schlimm, daß jeder seins für dieses einz’ge hält.

Auf Frau Trix
Frau Trix besucht sehr oft den jungen Doktor Klette.
Argwohnet nichts! Ihr Mann liegt wirkliche krank zu Bette.

Längere Gedichte wie „Die Schöne von hinten“ oder das „Muster der Ehe“ sind ebenfalls recht eindeutig, aber unsere Klassiker waren da nicht zimperlich und der Correctness noch nicht verpflichtet. (31.07.2022)

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Antisemitische Bildsprache (2)

Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein aufmerksamer Besucher oder eine Besucherin der Documenta neue Bilder entdeckt, die ein Erregungspotential mit sich bringen. Diesmal kein Wimmelbild auf einem öffentlichen Platz, sondern recht versteckt in einer 34 Jahre alten Broschüre eines algerischen Frauenkollektivs. Die comicartigen Bildes syrischen Künstlers Burana Karkoutly zeigen z.B. israelische Soldaten mit Davidstern auf dem Helm als entmenschlichte Roboter, einer bedroht ein kleines Kind. Anders als bei der ersten Debatte um antisemitische Bildsprache wird diesmal mit der Entrüstung auch der Kontext der Bilder mitgeliefert. Die Broschüre stammt aus dem Archiv einer feministischen Kollektivs aus Algerien, das damit Solidarität mit den Palästinenserinnen ausdrücken sollte.
Es handelt sich hier eindeutig um „israelfeinlichen Antisemitismus“, befindet die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen (RIAS). Das ist eine problematische Formulierung, denn man sollte Antisemitismus und Kritik an der Politik Israels schon trennen. Mit seiner Siedlungspolitik hintertreibt Israel eine Zweistaatenlösung. Dass israelische Soldaten aus Palästinensersicht negativ dargestellt werden, kann in diesem Kontext nicht verwundern. Natürlich kann man die bildliche Darstellung kritisch hinterfragen, aber jetzt wird der ganz große Hammer geschwungen: Dem antisemitischen Hass soll mit Abbruch der Weltkunstausstellung ein Ende gesetzt werden. Ist das verhältnismäßig? (30.07.2022)

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Headlines

Zwei Zeitungen hatten die selbe Idee. Die Frankfurter Rundschau zeigt ein Foto mit einem nachdenklichen Mario Draghi mit der Unterschrift: Draghisch. Die TAZ zeigt ein Foto mit Lega-Chef Matteo Salvini und “Forza-Itakia-Zombie Silvio Berlusconi” , in ihrer Mitte Fratelli-d’Italia Chefin Giorgia Meloni. Die Überschrift: Italienische Draghikomödie. (23.07.2022)

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Erinnerungskultur

Wer durch Tübingen spaziert, der wird an einigen Pfosten von Straßenschildern einen Knoten finden. Der soll darauf hinweisen, dass die Person, nach der die Straße benannt ist, historisch mit Antisemitismus, Kolonialismus oder Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wird und als belastet gilt. Ist in diesen Fällen eine Ehrung durch einen Straßennamen vertretbar? Die Ehrung mit einem Straßennamen geschieht nach bestimmten politischen, gesellschaftlichen und ethischen Wertvorstellungen, die sich wandeln. In Tübingen wurde dazu eine Kommission eingerichtet, die 14 Straßennamen unter die kritische Lupe nimmt.

Ein Betroffener ist der Tübingen Philosoph und Pädagoge Eduard Spranger. Er lehrte von 1946 bis 1950 an der Universität Tübingen. Er war damals ein wichtiger Vertreter einer geisteswissenschaftlichen Pädagogik, der sich für das humanistische Gymnasium und die Lehrerausbildung einsetzte. Hauptwerke sind „Lebensformen“ (1921) und „Die Psychologie des Jugendalters“ (1924). Ab 1933 war er Mitglied des Kampfbunds Stahlhelm, der im selben Jahr in die SA integriert wurde. Er war zwar nicht in der NSDAP, aber kann als demokratieskeptischer Nationalist und Militarist, Antisemit und Sympathisant der Nationalsozialisten bezeichnet werden. Wer seine Vita durchliest, der wird eine durchwachsene Mischung aus Erkenntnissen, Weisheiten, Irrtümern, Fehleinschätzungen, Vorurteilen usw. finden, wie sie bei vielen aktiven Menschen vorkommt. Auch ich möchte in keiner Goebbels-Straße oder in einem Mengele-Weg wohnen. Aber wenn wir bei Straßennamen nach reinen Lichtgestalten suchen, dann werden wir in Zukunft nur noch durch Straßen gehen, die nach Blumen, Vögeln und Bäumen benannt sind. (21.07.2022)

Die Idee der Verknotung stammt aus einem Wettbewerb der Hochschule für Kommunikation und Gestaltung Stuttgart von Milena Scher und Vanessa Cataldo. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Bildersturm

Die Generaldirektorin der documenta ist nach dem Antisemitismus-Eklat von ihrem Amt zurückgetreten, sehr geschickt hat sie sich auch nicht verhalten. Aber wenn wegen ein paar antisemitischen Comicfiguren auf einem 20 Jahre alten Wimmelbild aus Indonesien die Zukunft der ganzen Kunstschau infrage gestellt wird, ist das schon reichlich überzogen. Wo bleibt hier der interkulturelle Dialog, um den es doch  auf der documenta gehen sollte? In einem Artikel der FR hat die EthnologinVanessa von Gliszczynski, die Kustodin im Depot des Weltkulturen Museums in Frankfurt, zu verstehen versucht, warum die Vertreter verschiedener westlicher Geheimdienste als Figuren gezeichnet wurden, die im deutschen Kontext so viel Aufregung erzeugen konnte. Es ging in dem Bild um den Versuch, die Schreckensherrschaft des Diktators Suharto aufzuarbeiten. In den indonesischen Schattenspielfiguren findet man Wurzeln dieser Darstellungen, in denen z. B. das Schwein Gier, der Hund Gewalt und die Ratte Korruption symbolisieren. Das Künstlerkollektiv Taring Padi hat sich mehrfach entschuldigt, es hat die Brisanz dieser Bilder für die deutsche Szene nicht erkannt. Daraus sollte man lernen, statt jetzt einen Bildersturm auszulösen und alle Kunstwerke zu inspizieren, ob sich dort Antisemitismus heraus- oder hineininterpretieren lässt (oder Sexismus oder Kolonialismus oder Rassismus). Etwa 10 bis 15% der deutschen Bevölkerung haben antisemitische Einstellungen, so Daten aus soziologischen Erhebungen. Da müssen wir wachsam bleiben, statt uns in der Sphäre intellektueller kunstästhetischer Auseinandersetzungen abzureagieren. (17.07.2022)

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Übernamen

Eine besondere Spielart des Humors sind Spitznamen und Kosenamen. Das Adjektiv „spitz“ bedeutet ursprünglich „schmal zusammenlaufend und in einem stechenden Punkt endend“. Übertragen bedeutet das Wort „verletzend“ und „anzüglich“. Seit dem 17. Jh. gibt es das Wort Spitz- oder Spottnamen, die meist eine persönliche Eigenschaft einer Person aufspießen. Oft abwertend („Lügenbaron“ für Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg), es gibt allerdings auch positiv konnotierte (“Häuptling Silberzunge“ für Kurt Georg Kiesinger)und ambivalente Spottnamen („Mutti“ für Angela Merkel). Politisch korrekt sind die karikaturhaften Bezeichnungen selten.

Das gilt auch für Kosenamen, die zwar vorwiegend eine positive Konnotation haben wie die gebräuchlichen Namen „Schatz“ oder „Engel“. Aber „Mäuschen“, „Baby“, “Hasi”  oder „Spatz“ sind zwar positiv gemeint, aber nicht gerade emanzipatorisch. „Knutschkugel“ oder „Pupsbär“ sind originell, aber verweisen auf persönliche Vorlieben, die nur in einer Privatsprache kommunizierbar sind. Alle Formen von Wortspielereinen sind bei der Erfindung von Übernamen zu finden, Beleidigungen sind oft nicht weit entfernt (“Rumsauer” für Peter Ramsauer als Verkehrsminister).

Ein Buch über Spitznamen hat ein Liturgiewissenschaftler (!) vorgelegt: Guido Fuchs: “Vorwiegend heiter bis boshaft: Spitznamen in der Literatur. Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2011. (03.07.2022)

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Antisemitische Bildsprache (1)

Das passt ja gut in meine Serie: Antisemitsche Bestandteile im Werk des indonesischen Künstlerkollektivs „Taring Padi“ auf der documenta fifteen, in deren Vorfeld schon Antisemitismusvorwürfe geäußert wurden.

Was ist auf einem großen Wimmelbild auf dem Friedrichsplatz in Kassel zu entdecken? Ein Jude mit Schläfenlocken und einer SS-Rune auf dem Hut als Vampir mit gespaltener Zunge und rot unterlaufenen Augen. Und ein Soldat mit Schweinsgesicht mit Davidstern und einem Helm mit der Aufschrift „Mossad“. Ohne Zweifel judenfeindliche Darstellungen. Jetzt wird das Kunstwerk mit schwarzem Tuch verhüllt, auf Wunsch vieler Organisationen soll es vollständig entfernt werden. Peinlich für das ebenfalls indonesischen Kuratoren-Kollektiv Ruangrupa, das keine sehr sensible Hand bei der Auswahl der Exponate bewiesen hat.

Was aber doch auffällt: Kein Wort wird darüber verloren, was das riesige Gemälde eigentlich darstellt, denn die beiden Figuren stehen ja in einem weiteren Kontext. Auf der Website schreibt das Kollektiv: „Für ihren Beitrag zur documenta fifteen führt Taring Padi seine drei Hauptgrundsätze fort: organisieren, bilden und agitieren. Das Motto lautet Bara Solidaritas: Sekarang Mereka, Besok Kita (Flamme der Solidarität: Zunächst kamen sie um ihrer selbst willen, dann kamen sie unseretwillen). In Deutschland, Indonesien, den Niederlanden und Australien fanden im Vorfeld der documenta fifteen Workshops statt – etwa mit Migrant*innen, Straßenkünstler*innen und Schüler* innen. Gemeinsam schufen sie künstlerische Arbeiten zu sozialpolitischen Themen. Darunter sind großformatige Banner und etwa 1000 Wayang kardus, die im Kasseler Zentrum ausgestellt werden und auch Teil von Auftritten sein sollen.“ Was ist die Botschaft des Bildes? Das interessiert anscheinend keinen Menschen, man stürzt sich auf zwei isolierte Figuren, die antijüdischen Stereotypen entsprechen.

Leider konnte ich keine lizenzfreien Fotos des gesamten Werks und der kritisierten Bildbestandteile finden. Man kann sie auf der Website der Deutschen Welle anschauen. (21.06.2022)

Nachtrag. Heute lese ich in der FR einen Artikel von Harry Nutt, der genau das ausdrückt, was ich sagen wollte: „Keine Kunst ohne Kontext, es wäre also denkbar gewesen, nach genauerer Prüfung zu einem Ergebnis zu kommen, das eine schnelle Bewertung zumindest zu ergänzen vermag, der sich am Nachmittag viele Kunstkritiker:innen, aber auch verantwortliche Politikerinnen […] mit demonstrativem Entsetzen angeschlossen hatten.“ Wie ich schon in einigen Beiträgen (über Kirchner, Balthus, Herold) angemerkt habe, halte ich wenig von Verboten von Bildern oder visuellen Symbolen. Ich begreife auch nicht, warum jetzt die gesamte Dokumenta als peinlich, unerträglich, antisemisch beschimpft wird. Eine offene Gesellschaft wird doch ein problematisches Exponat ertragen können, ohne hysterisch zu werden. Kunst soll doch zum Denken und zu Auseinandersetzungen anregen oder will man nur noch Blumenbilder und Stillleben akzeptieren? (22.06.2022)

Noch ein Nachtrag: Bei einer Diskussion über das abgehängte Kunstwerk an der Universität Kassel sprach sich  der israelische Soziologe Natan  Szaider gegen die Entfernung des Bildes aus. Antisemitismus sei ein integraler Bestandteil der Moderne, der nicht wegpädagogisiert werden könne. Da kann ich nur zustimmen. (23.06.2022)

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Ecclesia und Synagoga

Noch ein Beispiel der christlichen Ikonografie des Mittelalters: die symbolische Darstellung des Christentums und des Judentums durch zwei Frauenfiguren. Das Paar flankiert oft eine Darstellung Jesu im Bogenfeld des Kirchenportals. Die Ecclesia ist eine schöne, stolze und aufrechte Frau, meist mit einer Krone als Herrschaftszeichen sowie einem Kreuz und einem Kelch als Zeichen für das Christentum. Daneben steht die Synagoga in eingefallener Haltung mit verbundenen Augen in einem abgewandten Gesicht. In der einen Hand hält sie eine gebrochenen Lanze, in der anderen manchmal eine entgleitende Torarolle oder Gebotstafeln, auf dem Boden liegt eine Krone.

Mit den beiden Figuren wird die Überlegenheit des Christentums gegenüber dem Judentum visualisiert. Das ist keine so drastische Beleidigung wie die Judensau, aber einen deutliche Herabsetzung der jüdischen Religion. Die Darstellung der Synagoga hat sich über die Jahrhunderte ausschließlich zum Negativen verändert, sie wurde häßlich und verkommen dargestellt. Das ist ein frühes Beispiel, wie mit Bildern als visuelle Argumente (Kirchen-)Politik gemacht wird. (16.06.2022)

Dieses Figurenpaar der Ecclesia und Synagoga befindet sich an Notre-Dame in Paris. (zum Vergrößern ins Bild klicken). Quelle: Wikimedia Commons

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Die Judensau

Ein Urteil des BGH des erregt die Gemüter: Das Relief der Judensau an der Stadtkirche in Wittenberg darf dort verbleiben, da es durch Begleittafeln in einen kritischen und distanzierenden Kontext gestellt wird. Das Schandmal sei so zu einem Mahnmal geworden.

Die Darstellung von Juden in intimen Kontakt zu Schweinen ist seit dem Hochmittelalter ein beliebtes Motiv antijudaistischer christlicher Kunst. In der Wittenberger Version hängen Juden an den Zitzen einer Sau, ein Rabbiner hebt den Schwanz und schaut in den After. Derartige Darstellungen sollten die Juden verhöhnen, diffamieren und demütigen. Intimitäten zwischen Mensch und Tier sind in der Tora verboten und das Schwein gilt im Judentum als unrein. Das Bildmotiv kommt in Europa als Relief und Skulptur in etwa 50 Varianten vor, dazu in unzähligen Drucken und Flugblättern. Man kann die meisten in Wikipedia anschauen.

Sollen derartige Darstellungen an Kirchen verschwinden und in einem Museum gezeigt werden? Ich meine, sie sollten an den Kirchen verbleiben. Besonders an der Stadtpfarrkirche in Wittenberg erinnert das Relief daran, dass Martin Luther ein fanatischer Judenhasser war und das Christentum erheblich zum Antisemitismus beigetragen hat. Es zu entfernen würde bedeuten, sich dieser Tradition nicht zu stellen, sondern sie verschwinden zu lassen. Die evangelische Landesbischöfin Ilse Junkermann sah das im Reformationsjahr 2017 genauso: Die Kirche müsse „diese Wunde unserer eigenen Geschichte offen halten“. Ob die Bodenplatte und die Erläuterungstafel in einer schwer lesbaren und verschwurbelten Sprache allerdings ihre aufklärerische Funktion erfüllen, daran kann gezweifelt werden. Aber das lässt sich ja ändern. (15.06.2022)

Eine üble antisemitische Darstellung, aber muss sie unseren Augen entzogen werden oder sollte sie nicht als Mahnmal im öffentlichen Raum verbleiben, gerade an einer Kirche, um religiöse Toleranz anzumahnen? Quelle: Wikimedia Commons.

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