Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

0

Verflucht, verdammt und zugenäht!

Malediktologie nennt sich ein Zweig der angewandten Psycholinguistik, es geht um die Wissenschaft vom Fluchen und Schimpfen oder die Psychologie der verbalen Aggression. Als vorweihnachtlicher Beitrag hier die etymologische und pychologische Analyse von vier beliebten Flüchen:

Verpiss dich!

Pissen ist seit dem 14. Jahrhundert vermutlich lautmalerisch entstanden, denn Kleinkinder motiviert man mit „Ps, Ps“ zur Abgabe des Harns. „Sich verpissen“ hat die Bedeutung „sich unbemerkt zurückziehen“, ursprünglich auf den Abort. Gegen 1840 kommt der Ausdruck in der Soldaten- und Jugendsprache auf. Ein Verpisser ist ein Mann, der sich unangenehmen Aufgaben entzieht.

Mit dem Ausdruck wünscht man, dass eine Person aus dem Gesichtskreis verschwindet. Dazu würde „Hau ab!“ ausreichen. Verpiss dich verweist aber auf den Ab-Ort, an den man jemanden wünscht: Auf die Toilette, die als eher unsauberer und tabuisierter Raum gilt, wo man sich nicht lange aufhält.  „Verpiss dich!“ impliziert damit eine Herabsetzung oder Beleidigung einer Person, mit der man nichts zu tun haben möchte. Der Befehlston drückt Dominanz und Durchsetzungsfähigkeit aus (Song von Tic Tac Toe: Verpiss dich! 1996).

 Es gibt andere Ausdrücke, die einen unliebsame Person an einen entfernten Ort wünschen: „Fahr zur Hölle!“, „Geh zum Teufel!“ oder früher: „Geht hin, wo der Pfeffer wächst“. Diese Redewendung ist erstmals 1512 dokumentiert, damals war damit Indien gemeint und das war das Ende der bekannten Welt. Kolumbus wollte ja bekanntlich nach Indien.

Fuck, fucking!

Ein Anglizismus aus dem Englischen. So ganz geklärt ist die Herkunft des Wortes nicht, man vermutet die Quelle im Altgermanischen mit der ursprünglichen Bedeutung „schlagen“. Erst im 16. Jahrhundert lässt es sich als Vulgärausdruck nachweisen. In einer Umfrage in der britischen Bevölkerung belegte fuck den dritten und der abgeleitete Begriff motherfucker den zweiten Platz in der Liste der übelsten Schimpfwörter. Im englischen Sprachraum gibt es zahlreiche Fluchvarianten mit dem dirty F-Wort.

Im Deutschen gibt es erstaunlich wenige Flüche, die sich auf das Sexuelle beziehen. Ein vergleichbarer Fluch ist “verfickt“, der aber wenig gebräuchlich ist. Wie religiöse Flüche wird hier ein Tabu oder zumindest eine soziale Norm gebrochen, indem ein in der Alltagssprache schmutziges Wort benutzt wird. Das F-Wort ist besonders in puritanisch geprägten Gegenden eine kleine Provokation, verweist es doch auf einen triebhaft-sündigen Akt auch noch mit einem vulgären Wort. Rapper und Rockmusiker verwenden es gern in ihren Texten, die Stelle wird dann im Radio mit einem Beep überdeckt.

„Fuck“ oder „Fucking“ ist vor allem in der Jugendsprache geläufig, aber die sexuelle Bedeutung (Konnotation) hat sich verflüchtigt, das Wort dient vor allem der Verstärkung einer emotionalen Aussage. Der Ausdruck bestätigt oft eine Gruppenzugehörigkeit und grenzt von den seriösen Erwachsenen ab. Obszöne Flüche, die gesellschaftliche Normen verletzen, werden häufig von Männern, genutzt, um als echte Kerle und harte Knochen zu gelten (Rapper, Rocker, Kriminelle). Bei Frauen signalisiert es oft eine Anpassung an dieses Stereotyp der Männlichkeit oder Emanzipation vom klassischen Frauenbild.

Scheiße!

 Das Wort stammt aus dem Mittelhochdeutschen „schizen“, seit dem späten Mittelalter ist es gebräuchlich. Scheiße ist das verbreitetste Fluchwort in Deutschland, es kommt in zahllosen Redewendungen und Komposita vor: „Scheißwetter“, „scheißfreundlich“, „Scheißjob“, „Besser als in die Hand geschissen“, „Scheiße bauen“, „jemanden aus der Scheiße holen“, „bescheißen“. Neutralisierte Form: „Scheibenkleister“. Die Zischlaute eignen sich besonders zum emotionalen Ausdruck.

 Auch hier wird mit der Verwendung ein Tabus gebrochen, indem ein Wort aus der Vulgärsprache benutzt wird. Der Ethnologe Alan Dundes hat in einem Buch viele Belege aus der deutschen Sprache zusammengetragen, die einen analen deutschen Nationalcharakter belegen sollen. „Scheiße“ ist in allen sozialen Schichten so verbreitet, dass es seine vulgäre abwertende Bedeutung fast eingebüßt hat und rhetorisch als Verstärkung einer Aussage verwendet wird: Scheißwetter, beschissene Lage usw. Die Verwendung eines Fluchwortes erreicht kommunikativ immer die Zuwendung von Aufmerksamkeit. Es wird deshalb auch eingesetzt, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, gerade in Kontexten oder bei Personen, bei denen man es nicht erwartet. „Scheiße“ ist das Passepartout der Flüche, denn es eignet eigentlich für jede Situation, wenn einem etwas nicht in den Kram passt oder etwas schiefgeht.

Verdammt!

 Lateinisch „damnare“ bedeutet „verurteilen“, „schuldig sprechen“, „strafen“, das Wort stammt also aus dem juristischen Bereich. In dieser Bedeutung wird es ins Althochdeutsche und Mittelhochdeutsche entlehnt. Später bekommt es eine religiöse Bedeutung: Beim ältesten Fluch in der Bibel verflucht Gott die Schlange! „Verdammen“ heißt aus der göttlichen Gnade ausstoßen, von Gott zur Hölle verdammt werden. Gotteslästerliches Fluchen stand früher unter Strafe, es war eine Zungensünde! Als Fluch dann zunehmend säkularisiert, d.h. der religiösen Bedeutung  entkleidet, wie z.B. in dem Lied „Verdammp lang her“ von BAP. Hier hat das Wort nur noch eine verstärkende Funktion: „Es ist heute verdammt kalt.“

Verdammen ist ursprünglich ein kommunikativer Akt: Nur Gott oder ein Herrscher kann jemanden verdammen. Als Fluch wird „verdammt“ aber monologisch verwendet. „Verdammt noch mal!“ ist ein Ausdruck von Unmut und Ärger. Menschen brauchen ein Ventil. Fluchen dient dem Stressabbau bei starken Emotionen, sowohl kommunikativ interpersonal als auch monologisch intrapersonal. Das können negative aber auch positive Emotionen sein. „Verdammt“ kann man auch bei Freude oder Überraschung ausrufen. Fluchen ist eine Art Stress-Management bei Angst und Ärger.

Eine beliebte Steigerungsform ist: „Verdammt und zugenäht!“ Die Wendung stammt aus einem Studentenlied in dem es heißt:

Ich habe eine Liebste, die ist wunderschön,
sie zeigt mir ihre Äpfelchen, da ist’s um mich gescheh’n.
Doch als mir meine Liebste der Liebe Frucht gesteht,
da hab’ ich meinen Hosenlatz verflucht und zugenäht.

Einer anderen Ableitung zufolge wurde der Ausruf gebraucht, wenn beim studentischen Fechten einer der Paukanten einen so schweren Schmiss erhielt, dass er sofort genäht werden musste.

Psychologischer Nachtrag

Die Verwendung eines Fluchwortes dient innerhalb einer Gruppe oft der Herstellung von Gemeinsamkeit und Solidarität, gerade weil sich eine Gruppe sprachlich abgrenzen möchte. Ein Beispiel ist das Wort „geil“. Fluchen reduziert soziale Distanz und verringert soziale Spannungen. Fluchwörter kennzeichnen auch einen bestimmten kommunikativen Stil, z.B. bei Rappern.

Flüche wie „Fuck“, „Verdammt“ oder „Scheiße“ haben aber auch monologisch einen nachweisbaren Effekt: In Experimenten reduzieren sie die Empfindung von Schmerz und erhöhten das Durchhaltevermögen. Fluchen ist deshalb wohl auch ein häufiger Bestandteil des Geburtsvorgangs. Wer sich also mit dem Hammer auf den Finger schlägt, tut gut daran zu fluchen, um den Schmerz zu reduzieren.

Fluchen  und Schimpfen werden im Gehirn getrennt von anderen sprachlichen  Aktivitäten verarbeitet. Dabei sind Teile des limbischen Systems (Basalganglien, Amygdala) unterhalb des Großhirns involviert, in denen die Gefühle lokalisiert sind. Das belegen Fälle von Aphasie, in denen die Sprachfähigkeit verloren ist, aber das Fluchen erhalten bleibt. Dies trifft auch bei Demenz zu.  Das Tourette-Syndrom belegt diese Sonderstellung durch zwanghaftes Fluchen und das unkontrollierte Ausrufen unanständiger Wörter (Koproplalie). Es ist umstritten, inwieweit Fluchen dem Willen unterliegt oder ob es auch reflexhaft, zwanghaft auftritt. (09.12.2022)

0

Historischer Humor 15

„Leider sind keine erzählten Witze aus der Antike überliefert“, habe ich in einem Beitrag zum historischen Humor 8 behauptet. So ganz stimmt das aber nicht, denn es gibt eine griechische Witzsammlung „Philogelos“ (Lachfreund), in der 265 Witze nach älteren Vorlagen im 5. Jahrhundert zusammengestellt sind. Zu einem Gastmahl (Symposium) wurde gern ein Spaßmacher eingeladen, der die Gesellschaft mit Witzen und Scherzen unterhalten sollte. Vielleicht war das Witzbuch ein Aufschrieb besonders zündender Witze und diente als Fundus für einen Auftritt. Die Witze sind nach Kategorien geordnet, die einem durchaus bekannt vorkommen: Witze über Gefräßige, Trunksüchtige, Grobiane und Stinker, aber der Großteil sind Witze über die Dummheit, die in allen Schichten, also nicht nur bei den gelehrten Scholastikos zu finden ist. Bei den Altphilologen hat die Witzsammlung keinen guten Ruf: oft zu derb, unsäglich öde, niveaulos. Drei sehr unterschiedliche Witze habe ich ausgewählt:

Jemand begegnet einem Scholastikos und sagt: „Der Sklave, den du mir verkauft hast, ist gestorben.“ – „Bei den Göttern“, sagt der Angesprochene, „solange er bei mir war, hat er nichts dergleichen getan!“ (Nr. 22)

Ein junger Mann hatte zwei alte Weiber zu Gaste gebeten und sagte zu seinem Diener: „Der, die will, gebt zu trinken, und der, die will, tut was Liebes!” Da riefen beide zugleich: „Wir haben keinen Durst!“ (Nr. 245)

Ein Mann mit stinkendem Atem begegnet einem Arzt. „Sieh Herr“, sagt er, „mein Zäpfchen hat sich gesenkt“ und er machte seinen Mund weit auf. Der Arzt wandte sich ab und sagte: „Nicht dein Zäpfchen hat sich gesenkt, sondern dein Arschloch hat sich gehoben.“ (Nr. 235)

Bei den meisten Witzen muss eine heutige Lesende/ein heutiger Lesender nicht mehr lachen, obwohl die Witze von der Machart von den unseren gar nicht weit entfernt sind. Es fehlt aber der kulturelle Resonanzraum für die Pointen, in dem die Witze zünden konnten. Sklaven gehören nicht mehr zum Alltagspersonal, aber Witze über Mundgeruch und sexaktive alte Frauen findet man auch in modernen Witzsammlungen. (05.12.2022)

0

Schön bunt

Die Bilder, die das Hubble- und neuerdings das James-Webb-Weltraumteleskop liefern, begeistern nicht nur die Astronomen, sondern vor allem auch die Laien, die sich Poster und Kalender mit Aufnahmen aus dem All an die Wand hängen. Was aber dabei gern vergessen wird: Auch wenn wir zum etwa 7.700 bis 9.600 Lichtjahre entfernten Carina-Nebel reisen könnten, einen derartig ästhetischen Anblick wie in ABB. 01 würden wir nicht genießen.

Die spektakulären Bilder sind mit digitalen Kameras mit unterschiedlichen infraroten Wellenlängen aufgenommen, die unsere Augen nicht wahrnehmen können. Um sie sichtbar zu machen, bekommen die Daten jeder Wellenlänge einen Grauwert zugeordnet, dann werden die Bilder übereinandergelegt und den Grauwerten werden Farben unseres sichtbaren Spektrums zugeordnet. Welche Farbe der jeweiligen Wellenlänge entsprechen soll, ist eine subjektive und ästhetische Entscheidung, die aber von unserer natürlichen Wahrnehmung beeinflusst ist. So wurde in der Aufnahme aus dem Carina-Nebel dem Hintergrund ein Blau zugeordnet, das an den Himmel erinnert, den Nebelwolken ein Braun, das uns an Berge und Landschaften denken lässt. Kunsthistoriker vermuten diese Farbgebung durch die amerikanische Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts inspiriert. Was wir sehen ist also ein visuelles Artefakt, das sicher auch einen Marketing-Effekt hat: Wir sind von den Einblicken ins All derart fasziniert, dass wir die immensen Summen für diese Projekte billigen. Lektüre: Pippa Goldschmidt (2022). The Webb Telescope Shows the Universe as We Hope to See It. In: Art Review. (17.11.2022)

Aufnahme des Webb-Teleskops eines Sternentstehungsgebietes im Carina-Nebel veröffentlicht am 12. Juli 2022. Quelle. NASA, Wikimedia Commons.

0

Akustische Kommunikation

Es gab eine Zeit auf unserer Erde, in der Regen auf Felsen prasselte, die Wellen der Meere rauschten, Stürme und Gewitter tobten. Aber es war still, denn es gab keine Wesen mit Sinnesorganen, das die Schallwellen in Geräusche verwandeln konnten. Im präkambrischen Meer lebten wurm- quallen und schwammartige Wesen, aber die waren vermutlich taub. Es ist ein Rätsel der Evolution, welches Tier erstmals Laute erzeugte und Laute wahrnahm. Einen Vorteil hatte das schon, ein Schrecklaut konnte andere Tiere warnen, ein Lockruf die Paarung einleiten.

Der Bioakustiker Gabriel Jorgewich-Cohen und sein Team versuchen die Ursprünge der akustischen Kommunikation zu enthüllen. Sie belauschten mit sensiblen Aufnahmegeräten Tiere, die als stumm und/oder taub galten, z.B. Schildkröten, Brückenechesen, Blindwühlen und Lungenfische. Man entdeckte eine große Zahl kurzer und leiser Laute: Röhren, Stöhnen, Knarren, Glucksen, Quietschen, Fauchen, Knurren, Röcheln, Knacken, Klappern, Grunzen, Grummeln, Gurgeln, Fiepen. Zum Erzeugen der Geräusche ist oft eine Lunge notwendig, aber manche Tiere knirschen mit den Zähnen oder klappern mit Knochen. Diese Gerausche haben bereits eine nachweisbare kommunikative Funktion.

Bleibt das Rätsel, wie sich die akustische Kommunikation evolutionär entwickelt hat. Die Herstellung von Geräuschen war offenbar kein Problem, aber wie haben sich Ohren entwickelt, diese auch wahrzunehmen, und wie hat sich ein Gehirnareal spezialisiert, sie richtig zu interpretieren? (14.11.2022)

Heringe kommunizieren akustisch über Fürze. Sie schnappen an der Wasseroberfläche Luft, die sie dann dosiert aus dem Anus entweichen lassen. Was wohl in einem Schwarm für Botschaften ausgetauscht werden? Foto: Axel Kuhlmann, PublicDomainPictures.net

0

Falscher Baum

Nach ähnlichen Vorfällen in Paris, Dresden, Frankfurt, Florenz haben Klimaaktivisten auf zwei Gemälde, die zu den Ikonen der Malerei gehören, einen Anschlag verübt. 

Zwei Aktivistinnen der Gruppe „Just stop Oil“ haben in der britischen Nationalgalerie die „Sonnenblumen“ von Vincent van Gogh mit einer Tomatensuppe attackiert, das Video dazu kann man auf der Website anschauen. Ein Paar der Gruppe „Letzte Generation“ hat Potsdamer Barberini Kartoffelbrei auf das Gemälde „Getreideschober“ von Claude Monet geschleudert. Auch diese Attacke findet man schnell im Web. Alle vier klebten sich dann an der Wand oder dem Boden fest. Die Empörung ist natürlich groß, obwohl die Kunstwerke nicht beschädigt wurden: Sie waren hinter Glas ausgestellt. Die Aktion richtet sich also nicht gegen die Gemälde oder die Maler, sondern gegen die Betrachtenden, denen der Blick auf die Bilder verwehrt wird. Die Botschaft lautet: Ihr genießt hier Bilder aus der Natur und dem bäuerlichen Leben, aber außerhalb des Museums lasst ihr das alles vor die Hunde gehen. 

Man mag die Aktion für wenig sinnvoll erachten, für Aufmerksamkeit hat sie jedenfalls gesorgt. Es gäbe aber sicher bessere Orte und Institutionen für derartige Aktionen: z.B. umweltschädliche Massentierhaltungen, SUV-bauende Autokonzerne, lebensmittelvernichtende Discounter usw. Die Aktivisten und Aktivistinnen haben an den falschen Baum gepinkelt, so Ingeborg Ruthe in der FR. (27.10.2022)

1

Kaputte Wörter

Der Journalist und Kulturredakteur Matthias Heine hat schon mehrere Bücher über Wörter vorgelegt: über verbrannte oder eingewanderte Wörter, über Wörter der Jugendsprache, über Tiere in der Sprache (Affenzahn und Eselsbrücke). Jetzt kann man eine neues Buch von ihm lesen:

Matthias Heine: Kaputte Wörter? Vom Umgang mit heikler Sprache. Berlin: Dudenverlag, 2022.

Man beachte das Fragezeichen im Titel! „Ich gehe von der Grundüberzeugung aus, dass keine Regierung, keine Behörden und erst recht keine Minderheiten den 200 Millionen Deutschsprechern vorzuschreiben haben, welche Wörter sie gebrauchen.“. Da wird er aber Ärger bekommen, da die aktuelle Sprachkritik  einen  korrekten Wortgebrauch einfordert. Nicht mehr gebrauchsfähige Wörter sind z.B.: behindert, anschwärzen, Curry, Indianer, Landstreicher, Naturvolk, Hasenscharte, um nur ein paar aufzuführen. Unbedacht ausgesprochen können derartige Wörter erhebliche Kommunikationsstörungen auslösen.

Der Autor rekonstruiert die aktuelle Kritik an einem bestimmten Wort durch die Geschichte seines Bedeutungswandels. Die Bedeutung eines Wortes wird ja mit dem lautlichen oder grafischen Zeichen nicht mitgeliefert, sondern entsteht im Kopf der Sprachbenutzer. Ein Wort wie Schwuler wurde lange diskriminierend benutzt, jetzt ist es eine selbstbewusste Eigenbezeichnung. Wie sagt nicht Wittgenstein: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ Wenn das stimmt, dann macht es schon einen Sinn, sich über den Gebrauch eines Wortes mit problematischen Konnotationen klar zu werden und das Wort in bestimmten Gebrauchskontexten zu vermeiden. Wir brauchen aber keine Sprachwächter, die wie die Trüffelschweine nach versteckten Diskriminierungen suchen. (25.10.2022)

0

Fundstücke

Zwei  Weisheiten, die ich an Häusern am Kaiserstuhl entdeckt habe. Foto: St.-P. Ballstaedt (15.10.2022)

0

Vage Botschaft

Diesen sonderbaren Aufkleber in sicherer Höhe habe ich gestern an einem Ampelmast in Tübingen gefunden. Hoffentlich erreicht die Botschaft den Adressaten und wird verstanden (zum Vergrößern ins Bild klicken). Foto: St.-P. Ballstaedt (02.10.2022)

1

Oberweite

Viele Dating-Apps bieten im Web ihre Dienst an, neben den Edel-Vermittlungs-Börsen Tinder, Elitepartner, Parship auch viele mit vielversprechenden Namen wie LoveScout24, Spätzlesuche (für Ba-Wü), Landverliebt, Zweisam, Lebensfreude, die letzten beiden für Singles 50+ . Daneben hat sich in vielen Zeitungen und Zeitschriften noch die Anzeigen-Rubrik „Bekanntschaften“ erhalten. Auffällig: Die Suchenden sind überwiegend Frauen und viele schon 70+. Nach der demografischen Entwicklung ist das nicht überraschend, denn wir werden immer älter, aber die Frauen haben eine längere Lebenserwartung von etwa 5 Jahren (Männer 78,5 Jahre, Frauen 83,4 Jahren).

Was verwundert, sind die Eigenschaften, mit denen sich Frauen anpreisen: Naturverbunden, humorvoll, unternehmungslustig, tierlieb, umgänglich, liebevoll sind viele, aber auffällig oft wird auch mit erotischen Reizen geworben: Eine attraktive Witwe (82) wünscht sich Kuschelabende. Viele preisen ihre Figur an: „hübsch anzusehen“ (78) „schlanke Figur“ (79) oder „mit schöner Oberweite“ (70). Wohlgemerkt: Das ist keine moralische Bewertung, sondern eine soziologische Beobachtung. (22.09.2022).

1

Nachtsamkeit

Noch immer gilt die PR-Regel: Man kann Aufmerksamkeit erregen, wenn man die Sprache verändert: Man missachtet orthografische Regeln (BahnCard) oder erfindet einen Neologismus (googeln, simsen) oder bastelt ein Kofferwort wie „nachtsam“. Ein Kofferwort besteht aus mindestens zwei morphologisch überlappenden Wörtern, zwei Bedeutungen sind sozusagen in ein Wort gepackt: hier Nacht und Achtsamkeit. Das ergibt oft eine neue Bedeutung: Es geht als Präventionsmaßnahme um Achtsamkeit im Nachtleben, um sexuelle Übergriffe zu verhindern. „Nachtsam“ ist Leitwort einer Kampagne der „Anlauf- und Fachberatungsstelle Frauenhorizonte – gegen sexuelle Gewalt e.V.“ in Freiburg gefördert durch die Koordinierungsstelle „Sicherheit im Nachtleben“ des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg. (14.09.2022)

0