Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Dress Code

Piktogramme am Eingang zur Metekhi-Kirche in Tblisi (Tiflis) Georgien. Vor allem für Frauen nur auf den zweiten Blick verständlich. Foto: Max Steinacher (21.07.2018)

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Fränzi

Vom Verfranzen zu Fränzi, dem Kindermodell von Ernst Ludwig Kirchner. Eine Zeichnung von ihm: „Liegender nackter Mann mit Kind auf dem Rücken“ ist jetzt in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen: Es zeigt ein nacktes Mädchen mit roten Haaren in sexualisierter Pose auf dem Rücken eines Mannes sitzen, die Schenkel gespreizt, man sieht die rot akzenutierte Vulva. Es handelt sich um Lina Franziska Fehrmann, genannt Fränzi im Alter von neun Jahren. Auch von anderen Brücke-Künstlern wie Erich Heckel und Max Pechstein wurde sie in erotischen Posen gemalt. Sie war im Künsterjargon die Muse der Maler.

Nach den vielen Missbrauchsskandalen hat sich der Blick auf diese Bilder geändert, sie erregen bei Betrachtenden Anstoß. Darf man ein derartiges Bild ausstellen? Der Kunsthistoriker Felix Krämer sieht darin eindeutig eine Missbrauchsdarstellung, der Kulturjournalist Christian Saehrendt spricht von „ästhetisch-erotischer Ausbeutung Minderjähriger“. Pädophile Motive sind in Kirchners Bildern oft zu finden, aber was damals wirklich zwischen den Malern und ihren Modellen, auch erwachsene Frauen, ablief, das wissen wir nicht. Gern wird eine Tagebuchnotiz von Kirchner zitiert: „Heckel als geiler Sachse stürzte sich auf sie und vögelte sie ab“, aber wer mit „sie“ gemeint ist, bleibt unklar (Fränzi war es sicher nicht).

Dass es zwischen Kindern und Erwachsenen zu erotischer Anziehung kommen kann, wird niemand leugnen, nachdem Sigmund Freud dem Kind den Nimbus des Reinen und Asexuellen genommen hat. Das entscheidende ist: Der Erwachsene hat eine moralische Verpflichtung, derartigen Impulsen nicht nachzugeben, da ein Kind in Abhängigkeit nicht frei entscheiden kann. Pädophilie ist eine Tatsache, ihre Behandlung sehr schwierig, die Neigung bekommt man nicht wegtherapiert, aber den Umgang mit den Impulsen kann man zu steuern lernen.

Kunst zeigt nicht die Wirklichkeit, sondern eine Vorstellung von Wirklichkeit, Kunst zeigt auch unsere Fantasien und Alpträume. Wenn wir hier zensieren, dann werden viele Bildwerke abgehängt werden müssen. Sicher alles von Balthus, der Liebesbeziehungen zu mehreren Minderjährigen unterhielt. Oder von Paul Gauguin, der auf Tahiti eine 13-Jährige zur Frau nahm. Vor allem die Mädchenakte von Egon Schiele, der allerdings dafür bereits inhaftiert wurde. Edvard Munch sorgte mit seinem Bild „Pubertät“ 1894 für einen Skandal. Und Klimt? Und Picasso? Der Roman „Lolita“ müsste auch makuliert werden, usw. usw…. (18.07.2018)

Nachtrag: Einen Tag nach meinem Beitrag bekam ich einen Artikel von Bailey Sebastian & Scott R. Stroud, „#MeToo_and the_Arts“, der das Problem am Beispiel des berühmten Gemäldes „Thérèse Dreaming“ von Balthus diskutiert. Eine Besucherin des Metropolitan Museum of Art hatte Anstoß an dem Bild genommen und in einer Online-Petition das Abhängen von Bilder verlangt, in denen Menschen sexualisiert dargestellt werden. Derartige Bilder förderten den Voyeurismus. Inzwischen geht die Diskussion allerdings in die Richtung, dass ein Museum die Verantwortung hat, derartige Bilder in einen kulturhistorischen Kontext zu stellen und damit eine Diskussion über die Rolle der Frau anzuregen. (19.07.2018)

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verfranzen

„Sorry, dass ich zu spät komme, ich habe mich total verfranzt.“ Im Duden ist das Verb „verfranzen“ aufgeführt, es stammt aus der Fliegersprache. Aber wo kommt der sonderbare Wortstamm „franz“ her? In keinem meiner etymologischen Wörterbücher ist das Wort verzeichnet,  bei Heinz Küpper im „Wörterbuch der deutschen Umgangssprache“ steht der Hinweis, dass es sich um ein Wort aus der Soldatensprache handelt. In Wiktionary dann die Auflösung: “Fliegersprache des Ersten Weltkriegs: Franz war eine Bezeichnung für den für die Navigation zuständigen Copiloten (heute noch im Motorsport als Franzer  üblich), ist man die falsche Route geflogen, so hatte man sich verfranzt, da der Franz versagt hatte.” (15.07.2018)

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Bilderrätsel

Was habe ich hier für ein Motiv vor die Linse bekommen? Zum Vergrößern ins Bild klicken. Foto: St.-P. Ballstaedt (10.07.2018

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Wirkungsgleich

In den letzten Wochen waren wir Zeuge der Karriere eines Wortes aus dem Mund des großen CSU-Vorsitzenden und Heimatministers Horst Seehofer. Er stellt eine Forderung nach Zurückweisung von Asylsuchenden an den Grenzen auf und verlangt dann von der Kanzlerin und dem EU-Gipfel eine wirkungsgleiche Lösung, sonst…..

Aber wurde das Wort neu geboren? Nein, es ist im späten 19. Jahrhundert in Physik und Biologie nachweisbar, wo die Wirkungen von pharmakologischen Stoffen verglichen wurden. Von da ist es in die Gesundheitspolitik gewandert und Seehofer war 1992 bis 1998 Gesundheitsminister! Es ging damals um ein Gesetz, das die Gesundheitsausgaben verringern sollte: „Es sieht vor, die Apotheker zu verpflichten, unter wirkungsgleichen Präparaten jeweils das reiswerteste abzugeben“ (Tagesspiegel).

Das Wort ist vielleicht ein Kandidat für das Wort des Jahres 2018. Für Spötter und Satiriker eine Steilvorlage, Zeit online über die Schwesterparteien CDU und CSU. „Zwei, die nicht mehr wirkungsgleich sind.“

Dieser Beitrag ist inspiriert von einer Wortgeschichte von Matthias Heine in der Welt online (03.07.2018)

Nachtrag: Zu Wortneuschöpfungen der Politiker  ein Artikel von Stephan Hebel in der Frankfurter Rundschau. Dazu auch mein Beitrag über Ankerzentren.

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Drohnenverbot

Ein neues Piktogramm, das es aber wieder in zahlreichen Varianten gibt. Diese fand ich an einem Eingang zum Babelsberger Park in Potsdam. Foto: St.-P. Ballstaedt (30.06.2018)

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Geschmeide

Hat das Geschmeide um den Hals einer Frau etwas mit ihren geschmeidigen Bewegungen zu tun? Auf den ersten Blick nicht, aber Geschmeide und Geschmeidigkeit haben dieselbe lexemische Wurzel, nämlich mittelhochdeutsch gesmide = Schmiedearbeit, ursprünglich Waffen und Rüstung, später auch Metallschmuck. Im 18. Jahrhundert Bedeutungsverengung auf Schmuck bzw. Goldschmiedearbeit. Geschmeidig bedeutet ursprünglich biegsam, nachgiebig, also leicht zu schmieden. (19.06.2018)

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Serviervorschlag

Ein sonderbares Wort auf Lebensmittelverpackungen: Serviervorschlag. Bei blickdichter Verpackung hat der Gesetzgeber eine Abbildung des Lebensmittels erlaubt. Da Bilder die Entscheidung der Konsumenten beeinflussen, wird natürlich eine leckere Präsentation gewählt, die mit dem Inhalt optisch meist wenig zu tun hat. Wenn zusätzlich das Produkt mit Petersilie, Zwiebelringen oder einem Radieschen garniert ist, die Teil des Produktes sind, dann ist gesetzlich die Kennzeichnung als Serviervorschlag notwendig, § 11 (1) LFGB, da sonst eine Irreführung vorliegt. Eine Irreführung stellt allerdings weniger die Garnitur dar als das Foto, das oft in keiner Hinsicht den Inhalt abbildet. In einem Beitrag zur Warenästhetik habe schon einmal darauf verwiesen.

Auch wenn man die Ölsardinen aus ihrer Dose befreit, wird man sie nie so schön getrennt auf einem Salatblatt servieren können, deshalb links unten dezent der Hinweis: Serviervorschlag. Foto: St.-P. Ballstaedt (18.06.2018)

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Der erste Satz

Ein Schriftsteller, ich habe vergessen wer, hat einmal gesagt, das Schwierigste beim Schreiben eines Romans sei der erste Satz. Habe man den ersten Satz, dann fließen die folgenden Sätze aus der Feder. Der erste Satz ist wie eine Grundsteinlegung, so der Autor Franz Schätzing. Die Initiative Deutsche Sprache hat 2007 einen Wettbewerb über den schönsten ersten Satz in der deutschsprachigen Literatur ausgeschrieben. Der Sieger:

„Ilsebill salzte nach.“ (Günter Grass: Der Butt)

Tatsächlich ein genialer Startsatz, der einen mitten in ein Geschehen hineinnimmt. Zudem der seltene Name Ilsebill, der sofort eine Assoziation an den Fischer und seine Fru wachruft. Auf den zweiten Platz kam ein längerer Startsatz:

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ (Kafka: „Die Verwandlung“).

Noch ein paar Beispiele für – meines Erachtens -gelungene erste Sätze:

„Die Sonne schien, da sie keine Wahl hatte, auf nichts Neues.“ (Samuel Beckett: Murphy)

„Wenn Eileen Holland gefragt wurde, ob sie Geschwister habe, musste sie manchmal einen Augenblick nachdenken.“.(Jonathan Franzen: Schweres Beben)

“Da er Raat hieß, nannte die ganze Schule ihn Unrat.” (Heinrich Mann: Professor Unrat)

“Schwöre, dass du keine anderen mehr fickst, oder es ist Schluss.” (Philip Roth: Sabbaths Theater)

Und schließlich mein liebster Romananfang, der in einem Satz den Charakter der Hauptperson Jean-Jacques Rousseau anreißt:

„Er liegt im Bett, onaniert und stellt sich Mama dabei vor.“ (Karl-Heinz Ott: Wintzenried)

In den literarischen Schreibwerkstätten wird die Magie des ersten Satzes beschworen, er muss viele Funktionen erfüllen: Leselust erzeugen, in die Geschichte hineinnehmen, emotional berühren. Wie man diesen Satz allerdings findet, kann auch eine Schreibwerkstatt nicht vermitteln. (09.06.2018)

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Kolibri

Auch an Tübinger Hauswänden: eine Kolobri-Stencil. Das Motiv ist sehr beliebt, als Schablone und als Vorlage für Tattoos. Auf der Haut von Frauen gern auch in Farbe und mit einer Blüte. Der Kolibri symbolisiert Energie und Leidenschaft, wegen seines Schwirrfluges mit 40 bis 40 Flügelschlägen pro Sekunde. Und er ist ein Botschafter für Genuss und Lebensfreude. (03.06.2018)

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