Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Kommunikationsstile

Die SPD hat in NRW Federn lassen müssen und jetzt werden die Gründe dafür gesucht. Eine Ursache wird in allen Zeitungen genannt: Die suboptimale Kommunikation des Bundeskanzlers Olaf Scholz: Er sei schmallippig, zurückhaltend, ängstlich, abwartend, reißt nicht mit, erklärt zu wenig, rede zu wenig emotional, sei teilweise schwer verständlich, wirke nicht überzeugend, komme insgesamt langweilig und sedierend rüber. Demgegenüber werden der klare Kommunikationsstil bei Annalena Baerbock und der nachdenkliche bei Robert Habeck gelobt.

Nun stellt sich die Frage, ob ein Kommunikationstraining oder ein/e Kommunikationsmanager/in da Abhilfe schaffen könnte. Man kann die Artikulation, die Körpersprache, die Rhetorik in Grenzen sicher verändern, aber bleibt man dann noch authentisch? Oder wird man zum Schauspieler, der ein antrainiertes Verhalten präsentiert? Man sollte nicht vergessen, dass der Stil von Scholz vor nicht allzu langer Zeit noch als Besonnenheit und Unaufgeregtheit durchging. Zudem sind jetzt wichtigere Probleme zu diskutieren und Entscheidungen zu fällen, als die Zeit mit Kommunikationsübungen zu verbringen. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass unterschiedliche Persönlichkeiten auch unterschiedliche Kommunikationsstile haben, die sich vielleicht mit zunehmenden Anforderungen verändern, aber nicht schlicht abtrainiert werden können. (17.05.2022)

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stoned

Diesen drastischen Aufkleber habe ich an einem Laternenmast in Tübingen gefunden. Die Botschaft ist klar: Kiffer gegen Rechts. Stone steht für Kiffer, 420 ist ein amerikanisches Codewort für Cannabis. Die Art der Attacke ist mir aber nicht verständlich. Foto: St.-P. Ballstaedt (12.05.2022)

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Frühlingsfest

Jetzt hat es einige Schausteller auf dem Cannstatter Frühlingsfest erwischt. Besucherinnen haben mit Entsetzen entdeckt, dass an manchen Fahrgeschäften Frauen in sexistischer Weise dargestellt sind. Die Motive der Schausteller- oder Kirmes-Malerei in Airbrush-Technik mit knalligen Farben und karikaturhaften Überzeichnungen gehen auf die Pin-ups und die Kinotransparentmalerei zurück: Frauen in erotischen Posen, die Brust und Hintern betonen, tiefe Dekolletees und gern Frauen, denen der Wind das Kleidchen lüftet oder ein Dund das Röckchen runterzieht. Nach einem klärenden Gespräch haben die betroffenen Schausteller zugesagt, diese Motive übermalen zu lassen.

Bilderverbote sind immer interessante Indikatoren für zivilisatorische Prozesse, aber betrüblich ist es schon, dass diese markante Malerei zensiert wird. Gar kein Zweifel, dass Frauen hier als sexuelle Objekte abgebildet sind, aber auch die Männer werden nicht besonders schmeichelhaft als gewaltbereite Muskelpakete gezeigt. Und erst auf den Geisterbahnen: Was wird da an Außendekoration den Kindern an weiblichen Hexen und männlichen Monstern zugemutet. Auch hier ist noch Handlungsbedarf. (08.05.2022)

Muss man Waffeln mit Eiscreme so anbieten? Eigentlich nicht, aber sollte man es übermalen? Foto: Wolfgang Scherer.

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Nicht-flache Brüste

Da ist der Göttinger Sport und Freizeit GmbH ein wirklicher Coup gelungen, der sie in alle Blätter der Republik gebracht hat:“ Samstags und sonntags wird das Tragen eines Oberteils als Badebekleidung allen Besuchern der Schwimmhalle freigestellt.“ Konkret: Frauen dürfen auch oben-ohne ins Wasser. So weit, so schön.

Die Vorgeschichte: Letzten August ging eine Person nicht-binärer Identität mit nackten Brüsten ins Wasser. Die Bademeister sahen jedoch in den Brüsten ein weibliches Merkmal und damit einen Verstoß gegen die Badeordnung. Die Person bekam Badverbot.

Das soll nun nicht mehr passieren. Das queere Netzwerk ist sehr zufrieden. Der Geschäftsführer: “Es gibt keinen Grund, warum die als weiblich verstandene Brust stark sexualisiert wird und entsprechend verdeckt werden muss.“ Auf längere Sicht wird die Oben-ohne-Regelung als sinnvoll erachtet, „um der Sexualisierung nicht-flacher Brüste entgegenzutreten.“ Auch die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Göttingen befindet, dass für eine Gleichstellung der Geschlechter der weibliche Körper entsexualisiert werden muss.

Da hat man sich ja ein anstrengendes Projekt vorgenommen, denn die weiblich Brust ist zumindest in unserer Kultur ein erotischer Reiz mit biologischen Wurzeln. Schon in der Bibel  finden wir im Hohen Lied den schönen Satz: „Deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen, die unter den Lilien weiden.“ Welche Rolle Brüste, Busen, Dekolletees usw in Kunst und Kultur spielen, muss ich hier nicht ausmalen. Warum die Brüste, auch die nicht-binären, entsexualisisieren? Eine aberwitzige Begründung für die kleine Freiheit, mit nicht flachen Brüsten unverhüllt zu baden.

Auf eine Bebilderung dieses Beitrag verzichte ich diesmal, obwohl ich da hübsche Einfälle hätte. (03.05.2022)

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Historischer Humor 13

Aus den 70er-Jahren habe ich aus einer Anleitung für Lastfahrzeuggetriebe zwei Abbildungen, die damals witzig und adressatengerecht sein sollten, aber heute peinlich und sexistisch wirken. Auf beiden Bilder ist als Akteur ein spitznasiger Mann mit Mütze zu sehen. Im ersten Bild erhält er mit einem Transparentbild Einsicht in das Getriebe, was mit einer Metapher visualisiert wird. Im zweiten Bild lässt er sich an einem Diagramm den Zusammenhang zwischen Tempo und Zugkraft zeigen, auch hier wird eine gewagte Metapher benutzt.

Das war in den 70ern noch möglich: erotische Metaphern in einer technischen Dokumentation. Leider habe ich die Quelle für die Bilder nicht mehr ausfindig machen können. (02.05.2022)

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Holzvollernter

In den letzten Monaten waren etliche Artikel und Leserbriefe zum Thema Waldbewirtschaftung und Waldpflege in der Lokalzeitung. Aufgefallen ist mir dabei die Terminologie, die in der Forstwirtschaft benutzt werden: Eine kleine Liste von Fachwörtern:

Altersklassenwald, Waldfunktionskartierung, Zielstärkennutzung, Kurzumtriebsplantage, Altersklassenwald, Umtriebzeit, Endnutzung, Schlagpflege, Hiebsatz, Bonitierung, Ertragsklasse, Industrieholz, Erntefestmeter, Holzvollernter (Harvester), Rückgasse usw.

Wer sich für die Bedeutungen interessiert, kann sie im forstwissenschaftlichen Glossar nachschlagen. Irgendwie zeigen diese Wortbildungen doch deutlich das Verhältnis zum Wald, das die Forstwissenschaft vertritt und uns schlichten Waldfreunden nahebringen möchte. (25.04.2022)

Nach der Ernte. Waldendnutzung im Schönbuch. Fotos: St.-P. Ballstaedt

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Störfälle der Kommunikation

Welche Störfalle der Kommunikation gib es? Ich habe immer folgende Möglichkeiten unterschieden:

Das völlige Nichtverstehen kommt vor, wenn die Beteiligten über kein gemeinsames Zeichensystem verfügen. Beispiel: Sie  sprechen völlig verschiedene Sprachen. In diesem Fall gibt es allerdings noch nichtsprachliche Mittel der Verständigung wie Mimik, Gesten, Bilder usw.

Bei Schwerverständlichkeit kann eine Mitteilung nur mit erheblichem mentalen Aufwand verstanden werden. Dabei ist Schwerverständlichkeit graduell. Beispiel: Fachkommunikation zwischen Experten und Laien. Grundsätzlich gibt es Mittel, schwer verständliche Miteilungen durch verständliche Formulierungen zu ersetzen.

Das Missverständnis ist der kommunikativ heikelste Fall, denn der Adressat meint ja korrekt verstanden zu haben. Ein Missverständnis kann lange andauern, bevor es aufgelöst wird. Beispiel: Eine ironische Bemerkung wird ernst genommen.

Die Lüge ist der Gau der Kommunikation, denn wer jemanden belügt, der untergräbt das Vertrauen und gefährdet langfristig die Beziehung. Von der Lüge unterscheiden muss man die Fehlinformation, die nicht absichtlich  verbreitet wird. Beispiel: Eine falsche Nachricht im Journalismus durch unzureichende Recherche.

Die letzten Monate haben mich gelehrt, dass es eine weitere Gefährdung der Kommunikation gibt: die Desinformation. Das ist das gezielte Verbreiten falscher Informationen, um einzelne Personen, Gruppen oder die ganze Gesellschaft zu täuschen und zu manipulieren. Desinformation besteht oft aus bewussten Lügen (fake News), aber es gibt auch indirekte Formen wie Unterdrücken, Verschweigen, Übertreiben, Verharmlosen, Ablenken. Desinformation hat es immer schon gegeben, aber durch die virale Verbreitung haben sich Geschwindigkeit und Wirkungsbereich dramatisch vergrößert. Die taktische Erfindung und Verbreitung von Desinformation ist in den Bereichen Militär, Geheimdienste, Parteienpropaganda, Öffentlichkeitsarbeit geläufige Praxis. (20.04.2022)

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Kriegsvokabular

Beim Verfolgen des Kriegsgeschehens in der Ukraine überrascht es mich, wie schnell ich in militärischen Kategorien denke und spreche: Rückzug, Nachschub, Einkesselung, Verteidigung, Abschuss, Dauerbeschuss, belagert, umkämpft, verschanzt usw. Es ist, als ob man an einem fernen Computerspiel teilnimmt und sich Strategien und Taktiken überlegt. Ich muss mir immer wieder klar machen, dass es wirkliche Menschen sind, die sinnlos kämpfen und sterben. (18.04.2022)

Nachtrag: Offenbar geht es nicht nur mir so. In der Frankfurter Rundschau vom 20.4. hat Harry Nutt eine Kolumne “Auf dem Weg zum Militärexperten” geschrieben, in der er als anerkannter Kriegsdienstverweigerer sich jetzt über Fachbegriffe wie “schwere Waffen” informiert, um das Kriegsgeschehen nachvollziehen zu können. (20.04.2022)

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Nochmals: Kriegsfotos

Es ist merkwürdig, dass noch immer an der Vorstellung eines humanen Krieges festgehalten wird, den es nie gegeben hat. In allen Kriegen wurde gebrandschatzt, geplündert, vergewaltigt und wurden Zivilisten ermordet (es könnten ja Rebellen, Partisanen, Milizionäre sein). Es wurden Krankenhäuser und soziale Einrichtungen beschossen (es könnten sich ja Kämpfer dort verschanzt haben). Die Genfer Konvention ist gut gemeint, aber widerspricht der Strategie und der Taktik des Kriegführens.

Im Krieg in der Ukraine sind es wieder die Bilder, die die Gemüter erregen und aufrütteln, wie schon bei den Folterszenen von Abu-Ghuraib oder bei den ausgegrabenen Schädeln aus den Massengräbern von Srebrenica. Bilder schlagen stärker als eine Textnachricht auf die Emotionalität durch: Sorge, Angst, Furcht, Zorn, Hass, Mitleid werden aktiviert. Jetzt erreichen uns Fotos aus Butscha von zerstörten Häuserzeilen, auf der Straße liegen Tote mit dem Gesicht im Dreck. Gesichter, die man erkennen könnte werden gepixelt und damit zu anonymisierten Leichen. Die grausamsten Bilder von Getöteten und Verletzten werden uns nicht gezeigt, teilweise aus nachvollziehbaren Gründen, aber so bleibt die Unmenschlichkeit des Kriegs fern und abstrakt. (06.03.2022)

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Wohlstandsverlust

Mein Wort des Jahres 2022 steht jetzt schon fest: Wohlstandsverlust. Ein ungeheuerliches Wort im Munde von Politikern, sogar von Finanzminister Lindner. Nachdem wir gewohnt sind, dass Gehälter, Renten, Konjunktur, CO2-Emissionen usw. stetig steigen, ist jetzt denkbar, dass es einmal in die andere Richtung geht. Und der Staat wird wohl nicht alles kompensieren können, das bedeutet Einschränkungen, Verzichte, erzwungene Bescheidenheit. (06.04.2022)

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