Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Viva la Vulva

Am selben Tag in Tübingen entdeckt: zwei Aufkleber, die das weibliche Geschlecht thematisieren.

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Der erste Slogan „Viva la Vulva“ stammt von der „Linksjugend solid“, ein linker Jugendverband, der am 20.Mai 2007 in Berlin gegründet wurde. Die Linksjugend versteht sich als antikapitalistisch, sozialistisch, antifaschistisch, basisdemokratisch und feministisch. Die Bezeichnung „[’solid]“ betont die Ausrichtung des Verbandes als „sozialistisch, links, demokratisch“.

Die Stoßrichtung des zweiten Aufklebers ist nicht so eindeutig, er enthält (auf dem Foto verdeckt) eine URL, die auf die Website des Karikaturisten führt. Das Gesicht als Vulva dentata will nicht so recht zu der männlichen Figur passen. Aber vielleicht sehe und interpretiere ich auch falsch. (11.02.2018)

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Alternative Fakten

Zum Unwort des Jahres 2017 möchte ich auch noch einen späten Senf dazugeben. Eine Beraterin des amerikanischen Präsidenten hat die Wortverbindung in die Welt gesetzt, wohl ganz im Sinne ihres Chefs. Während Fake News schlicht Lügen sind, sind alternative Fakten nach dem Unwort-Jury-Mitglied Stephan Hebel eine Art Euphemismus, eine Verschleierung dieser Lügen.

Faktum ist ein Lehnwort aus dem Lateinischen, das im 16. Jh. als Terminus in der Rechtssprache auftaucht, es bedeutet „das Geschehene“ (synonym zu Delikt). Das entsprechende deutsche Wort „Tatsache“ taucht als Übersetzung von „matter of fact“ im 18. Jh. im theologischen Kontext auf. Damals ging es darum, ob sich das Christentum auf wirkliche Begebenheiten berufen könne. In der Erkenntnistheorie hat das Faktum eine wechselreiche Geschichte, aber man kann sich wohl heute darauf einigen, dass ein Faktum eine empirisch verifizierte oder zumindest bestätigte Tatsache ist. Das Wort „alternative Fakten“ stellt somit ein Oxymoron dar, denn ein Faktum kann keine Alternative haben.

Im politischen Diskurs ist die Wortverbindung nützlich, da sie unterstellt, dass es statt verschiedener Perspektiven, Meinungen und Interpretationen auch verschiedene Fakten zu einer Frage geben könne. Empirische Argumente sind damit hinfällig, der Weg in eine postfaktische Politik geebnet. (07.02.2018)

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Das Phrasenschwein…

…ist ein Sparschwein, in das man als Strafe eine Summe einwerfen muss, wenn man eine abgedroschene Phrase verwendet. Das berühmteste Phrasenschwein steht in der Sendung „Doppelpass“ des Deutschen Sportfernsehens (DSF), die Gäste müssen 5 Euro einwerfen, wenn sie eine Phrase, d.h. einen nichtssagenden Allgemeinplatz benutzen.

Aus dem Fernsehstudio ist das Phrasenschwein 2011 ausgebrochen und taucht in verschiedenen Zusammenhängen auf, wie das Wortschatz-Portal der Universität Leipzig registriert.

In der Frankfurter Rundschau gibt es die Kolumne „Phrasenschwein“, in der Worterfindungen und Wortgebrauch in der Politik kritisch unter die Lupe genommen werden. Dort schreibt auch Stephan Hebel, ständiges Mitglied in der Jury für das Unwort des Jahres, z.B. am 27.1.2018 über den Gebrauch des Wortes Einstieg in der SPD: „Wenn SPD-Leute sich über einen „Einstieg“ freuen, ist Vorsicht geboten. Denn darauf folgt, so ist zu fürchten, allenfalls Stillstand. […] Sie sind zufrieden, wenn sie irgendwo eingestiegen sind. Ob sich danach noch etwas bewegt, ist Nebensache.“

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Das Phrasenschwein ist ausgebüchst. Foto: St.-P. Ballstaedt (30.01.2018)

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Benennungen

In Wissenschaft und Technik müssen immer wieder neue Begriffe benannt werden, um die Kommunikation zwischen Fachleuten und zwischen Fachleuten und Laien zu ermöglichen. Aber wie kommt man zu neuen Benennungen? Hier bieten sich verschiedene Möglichkeiten an:

Terminologisierung. Ein Wort aus der Alltagssprache wird zum Fachterminus, wenn ihm eine eindeutige Bedeutung in einer Wissensdomäne zugeordnet wird. So hat „Wurzel“ in der Zahnmedizin eine neue Bedeutung und „Lager“ in der Technik. Terminologisierung von Alltagswörtern gibt es in allen Wissenschaften, z.B. haben Wörter wie Kraft, Geschwindigkeit, Arbeit in der Physik eine definierte Bedeutung. Die Terminologisierung ist oft eine metaphorische Übertragung, wie der Kopf der Schraube, der Zahn im Zahnrad usw. Besonders in den Sozialwissenschaften kann es zu Verständnisproblemen kommen, weil z. B. in der Psychologie viele Termini aus der Alltagssprache übernommen sind wie Wahrnehmung, Gefühl, Vorstellung usw., die aber in der Wissenschaft eine meist engere und eindeutigere Bedeutung wie im Alltag haben.

Zusammensetzung. Komposita sind eine Spezialität der deutschen Sprache, mit denen neue Wörter gebastelt werden können. Sie sind jedoch für das Verstehen nicht förderlich, sobald mehr als drei Wortstämme bzw. Basismorpheme zusammengestellt werden, wie z.B. bei dem Wortungetüm Ultrakurzwellenbereichweitenfernsehrichtfunkverbindung. Um das Wort zu verstehen, muss man beim letzten Bestandteil angekommen sein, es handelt ich um eine Verbindung über Richtfunk für das Fernsehen usw.

Mehrwortbenennungen. Sie sind oft ein besser verständlicher Ersatz für Komposita, der in anderen Sprachen häufig vorkommt: Leitung für Hochspannung (engl. tension lines) statt Hochspannungsleitungen.

Ableitungen. Ein Stammwort kann mit Prä- oder Suffixen zu neuen Wörtern verknüpft werden. Derartige Ableitungen aus Verben führen aber oft zu einem abstrakten Nominalisierungen: Ver/bind/ung; Vor/prüf/ung; Um/zäun/ung, Ent/sorg/ung; Über/griff/ig/keit. Wenn viele Nominalisierungen zusammenkommen, ergibt das Bürokratendeutsch oder  den Nominalstil: Nach Abschluss der Zählung ist die Durchführung von Kontrollbefragungen zulässig.

 Entlehnung. Wenn es in der eigenen Sprache kein Wort gibt, dann kann man aus einer anderen klauen bzw. entlehnen. Früher war es Griechisch (Archiv, Strategie, Dynamik, Akustik) oder Latein (Mutation, Selektion, Addition, Kapsel, Konflikt) heute sind Anglizismen beliebt (Computer, Download, Software, Input). Lehnworte können so heimisch werden, dass man ihren fremden Ursprung nicht mehr bemerkt, z. B. die Gallizismen aus dem Französischen wie Büro, Toilette, Abonnement.

Kontamination. Zwei Wörter werden zu einem neuen Wort verschmolzen: Motel (aus Motor und Hotel); Brunch (aus Breakfeast und Lunch); Smombie aus Smartphone und Zombie); Wikipedia (aus wiki hawaiisch = schnell und Enzyklopedie).

Neubildung, Neologismen. Dass ein Wort völlig neu erfunden wird, ist selten und setzt sich meist nicht durch. So wie „sitt“, das – analog zu satt – als Wort für den Zustand, genug getrunken zu haben, eingeführt werden sollte. Keiner benutzt den Neologismus. Das Wort „Handy“ ist eine rein deutsche Neubildung. Völlig neue Benennungen werden für Produkte und Marken erfunden. Es gibt Agenturen, bei denen man sich neue Wörter konstruieren und kaufen kann: Persil; Volvo; Evonic; Twingo; Solano; Amaris; Mégane.

Dass eine Sprache sich weiterentwickelt, das zeigt sich besonders an den Veränderungen im Vokabular. Welche Wörter jeden Tag neu aufkommen, kann man auf der Website  der Wortwarte unter dem Menüpunkt „Wörter von heute“ nachschauen. (27.01.2018)

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Outside

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Überall in Tübingen hat eine anonyme Frauengruppe „Feminismus gegen Palmer“ große Paste-Ups geklebt, das sind mit Kleister aufgeklebte Papierplakate. Foto: St.-P. Ballstaedt (26.01.2018)

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Heilende Worte

Ein Placebo ist eine pharmakologisch unwirksame Substanz, die aber eine erwartete Wirkung auslöst. Der Patient bekommt statt eines angeblich bewährten Schmerzmittels eine Zuckerpille, aber der Schmerz verschwindet. Der Effekt ist stärker, wenn die Pille „medizinisch“ schmeckt oder die Substanz gespritzt wird. – Bei einem Nocebo bekommt der Patient auch eine wirkungslose Substanz, aber mit angeblichen Nebenwirkungen, die dann auch prompt auftreten. Jeder kennt eine Person, die vor Einnahme eines Medikaments den Beipackzettel studiert, inzwischen oft ein Leporello von 50 cm Länge, und sich dann alle gelesenen Nebenwirkungen einstellen.

Beide Effekte sind gut erforscht und beruhen nicht nur auf Einbildung, sondern lassen sich oft objektiv messen, z.B. durch bildgebende Verfahren. Was wir über eine Substanz also lesen oder hören, das beeinflusst ihre Wirkungen in unserem Körper, deshalb wird auch von der heilenden Macht der Worte gesprochen. Aber nicht die Worte heilen, sondern die Begriffe und Vorstelllungen, die mit ihnen verknüpft sind. Philosophisch betrachtet sind Placebo-und Nocebo-Effekte beeindruckende Belege für den Einfluss des Geistes auf den Körper: Positive Erwartungen haben positive Effekte, negative Erwartungen negative.

Für die Pharmaindustrie sind das schlechte Nachrichten, denn sie müssen die Wirksamkeit neuer Medikamente gegenüber einem Kontroll-Placebo im Doppelblindversuch nachweisen (d.h. weder die Patienten noch die Ärzte wissen, wer welche Substanz erhält).

Kann man den Placebo-Effekt in der Therapie nutzen? Man könnte ja mit einer wirksamen Substanz starten und dann die Dosierung nach und nach reduzieren. Aber das wäre eine bewusste Täuschung des Patienten, die ethisch fragwürdig ist. Möglich wäre aber eine Art Konditionierung: Der Arzt/die Ärztin informiert den Patient vorher, wie gut verträglich und heilsam die Arznei wirken wird und verstärkt dann verbal jede entsprechende Rückmeldung des Patienten. „Man dachte immer, ein Medikament entfaltet im Körper automatisch seine Wirkstoffe, unabhängig davon, ob und wie ein Arzt mit dem Patienten darüber spricht. Doch das ist ein Irrglaube“ (Ulrike Bingel, Professorin an der Klinik für Neurologie der Universitätsklinik Essen).

Also sind die richtigen Worte in der Kommunikation zwischen Arzt und Patient zumindest Katalysatoren für eine heilsame Wirkung.

Dieser Beitrag wurde angeregt durch einen Artikel von Pamela Dörhöfer in der FR vom 23.1.2018: „Die Macht des Glaubens.“ (24.01.2018)

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Wandmal

Schmetterling

Da ich derzeit keine Zeit für einen inhaltlichen Beitrag finde, hier wenigstens eine hübsche Bemalung auf einer Betonwand in einer Unterführung in Bad Urach. Foto: St.-P. Ballstaedt (19.01.2018)

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Im Schritt

Nach Trumps Tipp: „grab her by the pussy“ ist der Griff in den Schritt der beliebteste sexuelle Übergriff. Zumindest in Tübingen, fast in jeder Ausgabe der Tageszeitung wird ein derartiger Griff vermeldet.

Das Wort „Schritt“ ist eine Ableitung des Verbs „schreiten“ und bedeutet das einmalige Vorsetzen eines Fußes. Seit dem Mittelhochdeutschen wird es wie im alten Rom auch als Längenmaß benutzt. Ein Schritt entspricht zwischen 71 und 75 Zentimetern. – Im Bereich der Schneiderei wird es zum Fachwort für „die stelle wo die beine am rumpfe sich beim schreiten auseinander geben: die hosen sind im schritt zu enge.“ (Wörterbuch der Gebrüder Grimm). – Als unerotische Geste kann der Griff in den Schritt eine Maßnahme gegen Harndrang, Juckreiz und bei Männern eine Verklemmung darstellen. Bei türkischen Männern ist der Griff in den Schritt genetisch bedingt, behauptet der Komiker Serhat Dogan: Sie suchen noch immer das Pferd zwischen den Beinen.- Eine erotische Aufladung bekommt der Griff in den Schritt als eine Geste, die Sänger und Sängerinnen gern benutzen, um sexuelle Appetenz zu kommunizieren, z.B. Mick Jagger, Michael Jackson, Madonna, Rihanna, Miley Cyrus und viele andere. (09.01.2018)

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Dirty Scrabble

Als Wortfetischist habe ich immer gern Scrabble gespielt, weil das zu interessanten Diskussionen führt: Ist das überhaupt ein Wort? Das Wort habe ich noch nie gehört? Das Wort hast du jetzt erfunden!

Die Partnersuche mit Speed-Dating führt gern zu verlegenen Situationen, ein Einfall eines Londoners Event-Manager soll die Kurztreffs lockerer gestalten. Die Suchenden spielen sieben Minuten miteinander Scrabble, wobei besonders unanständige Wörter gelegt werden sollen. Vorher ein paar Drinks zur Förderung des lexikalischen Gedächtnisses, dann geht es ohne Tabus und Schamgefühl ans Brett. Die schmutzigen Wörter sollen zu offeneren Gesprächen animieren und das erotische Kennenlernen befördern. Auch außerhalb von Speed-Dating ein Tipp für Singles! (04.01.2018)

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Moderne Beziehungsanbahnung über Gesellschaftsspiele. Kaum auszudenken, welche interessanten und freizügigen Gespräche mit diesen Wörtern ausgelöst werden können! Foto: St.-P. Ballstaedt

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Wörter mit Behinderung

Das Wort „Schwerbehindertenausweis“ ist sicher unschön und konnotiert eine pejorative Assoziation. In Rheinland-Pfalz gibt das Sozialministerium jetzt Hüllen für dieses amtliche Dokument aus, auf dem die Aufschrift „Schwerinordnungausweis“ steht. Dieser Euphemismus ist als Beitrag zur Inklusion gedacht.

Betroffene wie Nichtbetroffene tun sich schwer damit, ein Wort für einen ebenfalls oft schwammigen Begriff zu finden. Nach dem Ausdruck „behinderter Mensch“, bei dem die Behinderung als Adjektivattribut an erster Stelle steht, ist derzeit „Mensch mit Behinderung“ die offizielle korrekte Bezeichnung. Begründungen: 1. In dieser Formulierung steht der Mensch im Vordergrund, die Behinderung wird nur als Präpositionalattribut angehängt 2. Die Behinderung wird hier nicht am Menschen, sondern an den externen Barrieren festgemacht: Der Mensch ist nur behindert, weil eine bestimmte Umgebung ihn einschränkt.

Das sehen aber selbst Betroffene wie z.B. der Inklusionsaktivist Constantin Gosch nicht so. Nach seinem Sprachgefühl bedeutet die Präposition „mit“, dass der Mensch mit Behinderung diese mit sich trägt, sie also seine Eigenschaft ist und nicht durch die Umwelt bedingt. Er bevorzugt deshalb „behinderter Mensch“.

Andere Vorschläge: „Menschen mit Handicap“, aber der Anglizismus ist eigentlich nur eine Übersetzung in ein für uns neutraler klingendes Wort. Die Ausdrücke „Menschen mit besonderen Fähigkeiten“ oder „andersbefähigte Menschen“ gehen in Richtung Euphemismus, diese Ausdrücke gebrauchen zudem nur wenige Betroffene selbst. Ein weiterer Vorschlag ist der, auf den Allgemeinbegriff zu verzichten und konkret von Blinden, Querschnittsgelähmten, Gehörlosen usw. zu sprechen. Ob das die Person behindert oder nicht, wird damit nicht impliziert. Ist jeder Brillenträger sehbehindert? Bei kognitiven Problemen wird die konkrete Benennung aber wieder schwierig: „Menschen mit Lern- oder  Denkschwierigkeiten“ ? (03.01.2018)

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