Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

0

Eduard Engel

Wer sich mit verständlichem Stil beschäftigt, der kommt um die Stillehren von Ludwig Reiners nicht herum: „Stilkunst. Ein Lehrbuch deutscher Prosa“ (1943) und „Stilfibel. Der sichere Weg zum guten Deutsch“ (1951). Auch der aktuelle Stilpapst Rolf Schneider greift gern lobend darauf zurück. Durch einen Aufsatz des Schweizer Altphilologen Stefan Stirnemann „Ein Betrüger als Klassiker“ bin ich darauf gestoßen, dass das Werk von Reiners weitgehend ein Plagiat ist, abgeschrieben und modifiziert von Edward Engel, der als sein „Lebensbuch“ eine „Deutsche Stilkunst“ veröffentlicht hat (1911 bis 1931 in 31 Auflagen). Engel war Jude und erhielt Publikationsverbot, seine Bücher waren unerwünscht und er starb verkannt und verarmt. Das nutzte Ludwig Reiners, im Brotberuf Direktor einer Textilfirma, plünderte Engels Schriften, kürzte sie an vielem Stellen, versah sie mit einigen nationalsozialistischen Phrasen (er war seit 1933 in der NSDAP) und veröffentlichte 1944 die „Deutsche Stilkunst“, bis heute als Standardwerk im Buchhandel (allerdings ohne die nationalsozialistischen Phrasen).

Es ist ein großes Verdienst der Anderen Bibliothek, dass sie jetzt in zwei Bänden Engels Stilkunst wieder zugänglich gemacht hat, mit einem sehr aufschlussreichen Vorwort von Stefan Stirnemann, die mit dem Satz schließt: „Nun erhält Edward Engels Lebensleistung den Namen zurück.“ Man muss nicht allen Wertungen des sehr leidenschaftlich argumentierenden Engel teilen, aber hier schreibt ein überaus belesener Literat, der die deutsche Sprache perfekt beherrscht.

Schließlich noch eine Abbitte: Unter der Überschrift „Entwelschung“ habe ich am 1.1.2015 über Edwards Engels „Verdeutschungswörterbuch“ geschrieben, das ich zufällig in einem Antiquariat entdeckt hatte. Dabei habe ich mich über seine Eindeutschungen von Lehnwörtern lustig gemacht und ihn als Kämpfer für ein reines Deutsch als einen Wegbereiter der Ideologie des Nationalsozialismus bezeichnet. Jetzt habe ich gelernt, dass die Nationalsozialisten gar nicht gegen Fremdwörter waren: „Zur Sprache einer eroberten Welt gehörten für die Nationalsozialisten auch Fremdwörter“ (Stirnemann, 2016, XV). Und einen weiteren Aspekt habe ich übersehen: Edward Engel war gegen die Fremdwörter, weil sie die Verständigung behinderten: „Die Fremdwörterei ist die granitne Mauer, die sich in Deutschland zwischen den Gebildeten und den nach Bildung ringenden Klassen erhebt.“ Die Stilkunde von Engels lese ich jetzt mit großem Gewinn. (28.09.2016)

eduard_engel

Eduard Engel: Ein jüdischer Schriftsteller, der um sein Lebenswerk gebracht wurde. Quelle: Wikimedia Commons

0

Erlaubnis

Auf den ersten Blick ist es hübsch, wenn am Eingang des Botanischen Gartens in Zagreb nicht nur Verbote angezeigt werden. Hier ist erlaubt, mit Kinderwagen in den Garten zu gehen, Pflanzen zu berühren und zu malen, wenn man andere Besucher nicht stört. Aber auf den zweiten Blick ist es seltsam, dass derartig harmlose Tätigkeiten ausdrücklich erlaubt werden. (27.09.2016)

20160917_173024-2

Piktogramme, die in einem öffentlichen Raum etwas erlauben. Foto: Max Steinacher

0

Bedrohlich

Von den neuen Schockbildern auf Zigarettenschachteln ist eines ganz besonders schockierend: Ein Foto, auf dem ein nackter Mann in Embryo-Stellung auf seiner zerwühlten Bettdecke liegt. Darüber die Überschrift: „Rauchen bedroht Ihre Potenz“. Der Text-Bild-Bezug ist etwas seltsam, aber lässt der Fantasie gewisse Freiheiten. Offenbar hatte der junge Mann kein Glück bei der emissio penis und ist frustriert, dass die Zigarette danach ausfällt. (23.09.2016)

impotenz

Ein Schockbild, mit dem man viele Geschichten erzählen kann. Foto: St.-P. Ballstaedt

0

Postfaktisch

Ein Adjektiv erobert das deutsche Feuilleton: postfaktisch. Was sind Fakten? Wer sich mit Erkenntnistheorie befasst hat, der weiß (auch ohne postmoderne Belehrung), dass es das factum brutum nicht gibt: Auch Fakten machen nur im Rahmen von Interpretationen Sinn, aber sie müssen eine empirische Verwurzelung haben. Man kann zwar an Messverfahren oder Interpretationen zweifeln, aber ein Faktum lässt sich nur durch argumentative Kritik oder bessere Daten bekämpfen. Allein Gefühle dagegenzusetzen, das reicht nicht aus. Die alte Debatte, ob der Mensch eher durch Emotionen oder die Vernunft gesteuert ist, kann nur ein Ergebnis haben: Natürlich muss man Gefühle ernst nehmen, aber sie kommen aus alten Bereichen des Gehirns, die durch phylogenetisch obere Bereiche kontrolliert werden. Das ganze Unternehmen der Wissenschaft dient vor allem dazu, auf lange Sicht die Beliebigkeit von Aussagen einzuschränken. Ein Wutbürger, der auf die Lügenpresse schimpft, weil er dort nicht lesen kann, was er fühlt, macht von seinem Gehirn nur einen sehr einseitigen und beschränkten Gebrauch.

Warum aber gleich ein postfaktisches Zeitalter ausrufen, wenn einige Personen und Gruppierungen ihre Emotionen nicht kontrollieren können! Pegida und die AfD benutzen den Slogan „Mut zur Wahrheit“, aber sind an ihr überhaupt nicht interessiert. Religiöse Extremisten pflegen ihre dubiosen religiösen Gefühle, die nicht verletzt werden dürfen. Die Anhänger von Donald Trump bejubeln jeden seiner Hirnfürze, auch wenn sie den Fakten völlig widersprechen. Aber auch viele von jeder Kenntnis freien Kommentare in sozialen Netzwerken sind eine Warnung, das Erbe der Aufklärung nicht zu verspielen. Und Politiker stehen hier in der Verantwortung, nicht jedem Gefühl nachzulaufen, um durch ein paar Stimmen ihren Status abzusichern. In einem Gastkommentar in der NZZ von Edward Kaeser habe ich einen Satz gelesen, der zusammenfasst, was ich sagen möchte: „“Die Zersetzung der Demokratie beginnt mit der Zersetzung ihrer erkenntnistheoretischen Grundlagen.“ (22.09.2016)

0

Origamic architectur

Das Arbeiten mit Papier hat eine lange Tradition in Japan. Der japanische Architektur-Professors Masahiro Chatani hat zuerst Glückwunschkarten geschnitten und gefaltet, dann kam er auf die Idee, dass diese Handarbeiten ein gutes Mittel sind, um räumliches Denken in Architektur und Kunst zu fördern. Es gibt inzwischen verschiedene Stile, aber alle erinnern an die sogenannte Pop-up-Bücher, die beim Aufklappen ein dreidimensionales Bild ergeben. (17.09.2016)

pop-up-buch  origamic

Aufgeklapptes „Stehauf-Buch“ von 1937 aus dem Schreiber-Verlag. Quelle: https://www.flickr.com/photos/diepuppenstubensammlerin/25089694574 – Die Glückwunschkarte danaben wurde 2016 von Wolfgang Jäckle mit dem Skalpell geschnitten. Das Motiv „Bavaria 1/3“ stammt von einem alten undatierten Scherenschnitt. Aufgeklappt zeigt sie eine Tanzszene vor einem blauen Hintergrund. Foto: St.-P. Ballstaedt

Nachtrag: Noch zwei Beispiele aus der Werkstatt von Wolfgang Jäckle: „Ständchen“ und „Help“.

Digital StillCamera

Digital StillCamera

0

Gut vorbereitet

Gern spieße ich helvetische Besonderheiten auf. Diesmal habe ich in einem Automaten auf dem Bahnsteig in St. Margarethen folgendes Angebot entdeckt: nebeneinander links Partysticks, rechts Präservative und in der Mitte ein Schwangerschaftstest. (14.09.2016)

automatenangebot

Praktisches Automatenangebot in der Schweiz. Foto: St.-P. Ballstaedt

0

Historischer Humor 5

In einer Witzsammlung von Otho Melander aus dem Jahr 1617 kann man folgenden Witz lesen:

Von einem Artzt

Ein Artzt zoge von Rhom gen Athen / unnd wolt daselbsten die Griechische Sprach lernen. Da er nu die Grammatic durchlesen / und ein wenig Fundament darinn geleget hatte/ fieng er an Homerum zulesen / welcher dann viel vom Trojanischen Krieg geschrieben /sagt endlich: Da Achilles so hoch zu rühmen ist /weil er tappferlich für die Griechen gestritten / unnd viel umbs Leben bracht hat /wieviel mehr wird mich dann Griechenland preissen / in dem mein Kunst noch etwas grössers hinder sich hat /dann ich brauch nicht Wehr und Waffen /sondern schöne Kreuter /Wurtzeln unnd dergleichen /damit schick ich mehr Leuth auff den Kirchhof und unter die Erden /als Achilles jemals mit seinen Waffen erwürget hat.

Dass Ärzte ihre Patienten unter die Erde bringen, ist ein uraltes Witzmotiv, aber diese alte Variante wirkt auf uns nicht witzig, der Witz ist narrativ langatmig, es fehlt die zündende Pointe. Eine zweite Variante des Witzmotivs stammt aus den Fliegenden Blättern 1920:

Ausgerottet

„Hatten Sie nicht früher eine zahlreiche Verwandtschaft?“ – „Ja, aber vor einigen Jahren hat doch ein junger Arzt in unsere Familie geheiratet….“

Während beim Witz von 1617 das Verstehen explizit sprachlich angeleitet wird, bleibt beim Witz von 1920 viel implizit und muss zum Verstehen erschlossen werden. Und es geht noch knapper bei Otto, in der Presse gern als Blödelbarde bezeichnet:

„Schwester! – Zange! – Tupfer !– Sterbeurkunde!“

Das Witzmotiv zeigt eine Tendenz zur Verkürzung, wohl weil der Verständnishorizont der Adressaten das zulässt. Witze folgen zunehmend einem Ökonomieprinzip: Mit möglichst wenig Sprache soll kognitiv viel bewirkt werden. (09.09.2016)

0

Bekenntnis

Grafitto

„Gott sei Dank bin ich Atheist“. Graffito an einer Wand in Cuenca in Spanien. Foto: Max Steinacher. (07.09.2016)

0

Weintrinker

Dieser Sinnspruch steht an einer Weinhandlung in Karlsruhe. Er stammt vom britischen Weinkritiker Hugh Johnson, der seit 1971 den „World Atlas of Wine“ herausgibt und in Deutschland durch seinen Weinführer „Der kleine Johnson“ bekannt ist, der jedfes Jahr neu erscheint. (06.09.2016)

Weintrinker  Hugh_Johnson

Eine Weisheit von Hugh Johnson, der auf dem Foto bei einer Weinverkostung zu sehen ist. Foto: St.-P. Ballstaedt; Dhaser, Wikimedia Commons

0

Wandästhetik 3

Wanaesthetik

Beliebte Flächen für Sprayer sind die Internet-Verteilerkästen, hier ein Beispiel aus dem Stadtteil Tübingen-Wanne. Foto: St.-P. Ballstaedt (05.09.2016)

0