Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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VHS-Rekorder

Der erste VHS-Rekorder (Video Home System) wurde 1977 vorgestellt. 1985 stand in etwa sieben Millionen Wohnungen und damit in jedem vierten Haushalt ein Videogerät. Als meine Söhne noch klein waren, habe ich oft Kassetten mit Kinderfilmen aus der Videothek ausgeliehen. Ältere Filme waren billig, aber die Wiedergabequalität war schlecht, die Bilder waren so unscharf, dass man die Schriften im Abspann kaum lesen konnte. Das war auch kein Wunder, denn bei jedem Abspielen gab es an den Magnetbändern einen Abrieb, und damit einen kleinen Qualitätsverlust. Auch der Bandlauf war nicht immer optimal.

Seit 2000 werden die bandbasierten Videogeräte durch DVD-Rekorder als Aufnahmemedium für Privatanwender verdrängt. Jetzt hat der weltweit letzte Hersteller von Videorekordern und -kassetten, das japanische Unternehmen Funai Electric, die Produktion eingestellt. Wieder ist ein Medium am aussterben wie schon das Tonbandgerät, der Kassettenrekorder oder die Super-8-Filme. Ob die DVD und Blue-Ray das Streaming überleben werden? (24.07.2016)

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Jetzt als Exponat für das Museum für Mediengeschichte: eine VHS-Kassette. Quelle: KMJ Wikipedia

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Alternativlos

GegenAfD

Ein aktuelles politisches Stencil gegen die „Alternative für Deutschland“ an Tübinger Hauswänden. Foto: St.-P. Ballstaedt (21.07.2016)

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Gendergap

Als Gendergap wird die Lücke bezeichnet, die sich zwischen Basismorphem (Wortstamm) und dem geschlechtsbestimmenden Morphem auftut: Beamt_innen. Ein anderer Vorschlag ist das Gendersternchen: BeamtÞinnen. In der Computersprache dient der Stern als Wildcard für eine beliebige Anzahl von Zeichen. Mit diesen Binnenzeichen sollen alle Menschen einbezogen werden, die nicht in das bipolare Mann-Frau-Schema hineinpassen, z.B. Intersexuelle oder Transgender. Facebook bietet bekanntlich 60 Genderkategorien an. Die Leerstelle soll auf Menschen hinweisen, die sonst in der Sprache „gesellschaftlich und strukturell unsichtbar gemacht werden“ (Gudrun Perko).

Ich halte zunächst einmal alle künstlichen sprachlichen Veränderungen für problematisch, vor allem auch, wenn sie nur die Schriftsprache betreffen, das Gendergap als Unterstrich oder Sternchen ist nicht aussprechbar. Zudem wird hier ein gesellschaftliches Problem in die Sprache verlegt. Es sollte allen Spielarten des Menschlichen Toleranz entgegengebracht werden, das ist in Wirklichkeit schon schwer genug zu erreichen. Das Gefummele an der Sprache ist nur Nebenschauplatz, mit dem einige Theoretiker_Innen Aufmerksamkeit bekommen. (20.07.2016)

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Wandästhetik 2

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Noch zwei Beispiele aus der Münzgasse in Tübingen. Fotos: St.-P. Ballstaedt (17.07.2016)

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Wandästhetik 1

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Reißt man Graffiti fotografisch aus ihrem Kontext auf einer Wand, einer Mauer oder einem Verteilerkasten, dann entstehen Aufnahmen von eigenartiger Ästhetik. Fotos: links Friedrich Lehmann (mit Dank) und rechts  St.-P. Ballstaedt (15.07.2016)

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Moulagen

Bevor es die Farbfotografie gab, waren Moulagen ein Lehrmittel im medizinischen Unterricht. Dabei handelt es sich um Abdrücke erkrankter Körperteile, die von den Patienten aus Gips oder Silikon abgenommen und dann mit Wachs oder einem Wachs-Harz-Gemisch ausgegossen wurden. Nach Aushärten wurde der Abdruck direkt beim Patienten bemalt. Moulagen wurden vor allem im Bereich der Dermatologie und Venerologie (Haut- und Geschlechtskrankheiten) eingesetzt.

Im Museum der Universität Tübingen (MUT) ist derzeit eine Ausstellung von Moulagen zu sehen: Krankheit als Kunst(form). Moulagen der Medizin. Das MUT hat in den letzten Jahren viele interessante Ausstellungen organisiert. Warum gelingt es nicht, ein Wissenschaftsmuseum auf die Beine zu stellen, das die zahlreichen Dokumente der Wissenschaftsgeschichte  unter einem Dach präsentiert? (14.07.2016)

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Wachsmoulage von Elsbeth Stoiber (um 1950): Geschwulst bei Syphilis (Gumma) im Tertiärstadium. Das ist auch Medizingeschichte, denn derartige Krankheitsbilder sind inzwischen sehr selten. Quelle: NearEMPTiness, Wikimedia Commons

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Gotteszell

Manchmal ist die Sprache einfach witzig. Gotteszell ist kein ungewöhnlicher Name für ein Kloster. Es gibt einen Ort Gotteszell im Bayrischen Wald, der auf eine Klostergründung anno 1286 unter dem Namen Cella Dei zurückgeht. – Ein ehemaliges Dominikanerinnenkloster Gotteszell liegt außerhalb der Stadtmauern der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd, seit 1808 wird es als Zuchthaus genutzt, heute als Frauen-Strafvollzugsanstalt. Gotteszell als Name für eine Haftanstalt, das ist doch beruhigend für die Insassinnen: Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand. (EG 533). (13.07.2016)

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ADHS

ADHS

Der in Tübingen aktive Sprayer (oder eine Crew?) ADHS hat in Waldhäuser-Ost ein neues Piece hinterlassen: ein Graffiti-Writing im Blockbuster Style. Tiefere Bedeutung? Foto: St.-P. Ballstaedt (10.07.2016)

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Plurale Ökonomik

Beim Pinkeln im Kupferbau der Universität Tübingen (Hörsaalgebäude) sind mir auf den Kacheln bunte Aufkleber aufgefallen, auf denen jeweils eine Frage gestellt wird. Es handelt sich um eine Aktion des Netzwerks Plurale Ökonomik e.V., die für Pluralismus in der Volkswirtschaftslehre sensibilisieren soll. Es gibt 16 Fragen, die sich VWL-Studierende stellen können, wenn sie einseitig mit den üblichen neoliberalen und neoklassischen Ansätzen konfrontiert werden: „Der Zustand der Volkswirtschaftslehre ist sehr besorgniserregend: Der jahrzehntelange Glaube an die Naturgesetzlichkeit des Marktes als Ergebnis der einseitigen Fixierung auf die Neoklassik, der vorherrschende Modellplatonismus, mangelnde Selbstreflexion und fehlende Methoden- und Theorienvielfalt haben die VWL nicht nur als akademisches Fach in eine Sackgasse geführt: Die Einseitigkeit ökonomischen Denkens trägt auch zu den anhaltenden Krisen (Wirtschafts- und Finanzkrisen, Klima- und Umweltkrisen, Ernährungskrisen usw.) und der damit einhergehenden Perspektivlosigkeit bei.“ (09.07.2016)

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Sticker gegen die „Monokultur des Denkens“ in der Ökonomie. Quelle: Netzwerk Plurale Ökonomik

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Nein und Ja

Nach dem neuen Sexualstrafrecht ist ein strafbarer sexueller Übergriff gegeben, wenn jemand „gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sexuelle Handlungen an dieser Person vornimmt.“ Das ist auf ein Fortschritt gegenüber der bisherigen Regelung, dass nur das Abwehren von Gewalt eine klare Verneinung darstellt. Aber wie kann man den erkennbaren Willen klar kommunizieren? Ein explizites Nein ist ein klares Signal (auch wenn es sehr verschieden ausgesprochen werden kann!). Sprachliche Varianten wie „Lass das!“, „Ich will nicht“ oder „Hör auf!“ gehen auch noch als Verneinung durch. Nach der Sexualstrafrechtlerin Tatjana Hörnle reichen aber ein „Muss das sein!“ oder ein lustloser Gesichtsausdruck nicht aus. Aber nonverbalen Verneinungen wie Kopfschütteln oder Weinen werden anerkannt.

In den USA gibt es in jedem Bundesstaat ein eigenes Sexualstrafrecht. In Kalifornien gilt das noch striktere Prinzip „Yes means Yes“. Danach muss eine Person eindeutig „Ja“ sagen oder wenigstens mit dem Kopf nicken. Auf der juristisch sicheren Seite ist eine Person nur, wenn sie vor ihrer erotisch-sexuellen Handlung die Einwilligung abfragt: „Darf ich meine Hand auf deinen Oberschenkel legen?“ usw. usw. In der Beratung für Studierende wird der Vorschlag verbreitet, alle paar Minuten das Einverständnis mit dem Satz „Bist du okay?“ abzufragen.

Ein juristisch schwieriges Feld wird es bleiben, da Intimkommunikation meist keinen Zeugen hat, schon gar keinen kompetenten Semiotiker. Zudem spielt sich Sexualität ja oft in einem Bereich der Ambivalenz und Mehrdeutigkeiten ab. Die Beweislage bleibt so schwierig wie vorher, denn es steht Aussage gegen Aussage bzw. Interpretation gegen Interpretation. Falschbeschuldigungen aus Eifersucht oder Rache wird es weiterhin geben. Sicher wäre nur ein vorheriger Sexvertrag oder ein nachträgliches Beweisvideo. (07.07.2016)

sexstrike

Semiotisch eindeutig: ein Piktogramm, das man als Schild immer mit sich führen und in der Ehe neben dem Bett deponieren sollte. Quelle: http://pavon.kz

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