Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Socken in Sandalen

Die Bekleidung ist ein semiotischer Kode, den ich bisher nur selten thematisiert habe (Burkini und Krawatten). Aber jetzt!

Seit Jahren werde ich mit der Regel konfrontiert, dass man in Sandalen keine Socken anzieht, schon gar keine farbigen, das sieht übel aus und schickt sich nicht. Das ästhetische Argument will mir nicht einleuchten: Warum sehen krumme Zehen mit eingewachsenen Nägeln schöner aus als eine solide Herrensocke (Werbeslogan: Die Socke adelt den Mann)? Und das Argument der Schicklichkeit klingt sehr angepasst: Wer hat diese Regel eigentlich aufgestellt? Socken in Sandalen als Modesünde, Stilmakel und vor allem als „typisch deutsch!“

Im Mai 2014 riefen irgendwelche New Yorker Stylisten (der Strumpfindustrie?) plötzlich einen Trend zu Socke in Sandalen aus. Das Argument: Die Kombination eigne sich perfekt als Übergang vom Frühling in den Sommer und vom Sommer in den Herbst, aber im Sommer weiterhin bleibt sie ein Zeichen schlechten Geschmacks. Zu dieser modischen Liberalisierung wurden gleich wieder ein paar Regeln aufgestellt: Die Socken sollten dunkel, dünn und einfarbig sein. 2016 wurde einer neuer Streetstyle propagiert: Bunte Happy socks und eine alberne Socke, die die Zehen in der Sandale freilässt. Etliche Stylisten raten von diesen Trends aber auch wieder ab.

Warum lassen sich Menschen von irgendwelchen Stylisten, Modeschöpfern, Designern usw. vorschreiben, was gut aussieht und was sie anziehen sollen? (18.04.2018)

Meine Socken vom 18.04.2018, die Sandalen sind schon etliche Jahre alt. Foto: St-P. Ballstaedt

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Gangsta-Rapp

Dass Gangsta-Rapper jung, brutal und gutaussehend sind, sich gern als Machos und Provokateure produzieren, das gehört zum Image und bringt ja auch viele Kohle (für schnelle Autos und rassige Weiber). Aber wie sie die Branche und ihre Kritiker verarschen, ist schon bemerkenswert. Sie hauen irgendeinen Sprachmüll raus, aber meinen es nicht so, werden immer missverstanden, der Kontext wird übersehen und schließlich ist das ja Kunst. Welche Gesinnung Kollegah & Farid Bang pflegen, das ist nicht überraschend, irgendwo müssen ja die etwa 16% Antisemiten in Deutschland stecken. Aber was sind diese Lyrics für ein assoziativ-einfälltiges Geschwurbel, bei dem es wohl allein darauf ankommt, möglichst viele Reizwörter unterzubringen? „Und wegen mir sind sie beim Auftritt bewaffnet / mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ – „Mache wieder mal nen Holocaust, komm an’ mit dem Molotow.“ Kostproben aus früheren Songs: „Nutte, Zeit, dass du Putzlappen befeuchtest / Ich bring Schusswaffengeräusche wie die Schutzstaffel der Deutschen“ oder „Kid, es ist der Boss, der für ‘ne Modezeitschrift Posen einnimmt wie die Wehrmacht, die in Polen einschritt.“ Das „Zuhältertape Vol. 4“ wurde übrigens 2016 mit einem „Echo“ ausgezeichnet! Wer das hören will und versteht, soll es hören, immerhin schaffen es ja diese Songs in die Charts und die Verkaufszahlen sind super, aber muss man diese Texte mit einem Preis prämieren? Da sind doch die Liedchen von Helene Fischer direkt erfrischend. (16.04.2018)

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Hinweis

Ein Schild an der Haustür, das man eher selten zu lesen bekommt. Foto: St.-P. Ballstaedt (14.04.2018)

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Ehe

Ein neuer Roman von Wilhelm Genazino: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze. München: Hanser, 2018. Auf der Seite 8 lese ich folgenden Satz:

„Es erstaunte mich nicht, dass ich nach etwa einer halben Stunde meine ehemalige Ehefrau entdeckte, wobei mir zum ersten Mal auffiel, dass in dem Wort >ehemalig< das Wort >Ehe< aufgehoben ist, was ich gut gelaunt so deutete, dass in jeder Ehe ihre zukünftige Ehemaligkeit schon angekündigt sei.“

Ein hübsches Spiel mit Worten, natürlich stecken im Substativ „Ehe“ und dem  Adjektiv „ehemalig“ verschiedene Wortstämme. Das kurze, aber schwerwiegende Wort „Ehe“ stammt aus dem westgermanischen Wort für Gesetz, Recht, Vertrag; althochdeutsch „ewa“. Etymologisch ungeklärt ist, ob es derselbe Wortstamm wie „ewa“ in der Bedeutung „ewig“ ist. Ehe würde dann „ewig geltender Vertrag“ bedeuten. Um 1000 erfolgt die Bedeutungsverengung auf den Ehevertrag.

Die Konjunktion „ehe“ im Sinne von „bevor“(„Ich gehe nicht, ehe du kommst“) und das Adverb „eher“ im Sinne von „früher, lieber, mehr“ ( „Er hört eher leichte Musik“) haben dieselbe Wurzel. (05.04.2018)

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Gendern

In Wien findet geschlechtsneutraler Verkehr statt.  Fotos (mit herzlichem Dank): Andrea Rübsam (31.03.2018)

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Hail Satan

An vielen Masten in Tübingen findet man diesen kleinen Aufkleber, mit dem sich die Satanisten in Tübingen bemerkbar machen. Zwei Ihrer Symbole: Das Pentagramm, auch Drudenfuß, als Zeichen der Magie, und das auf dem Kopf stehende „Kreuz des Südens“, mit dem das christliche Kreuz verspottet wird. Den Hund kann ich nicht eindeutig deuten, vermutlich ein Kampfhund. Foto: St.-P. Ballstaedt (24.03.2018)

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Frühling

„Frühlingfrühlingfrühling. So nah war Deutsch ihr noch nie gegangen. Wenn sie nicht aufpaßte, war sie gleich stolz auf diese Sprache; weil, glaubte sie, Frühling nirgendwo offenbarender, und doch nicht flach werdend, ausgedrückt sein kann. Frühling, ein schöneres Wort dafür konnte es nirgendwo geben.“

Diese Passage aus Martin Walser: Der Augenblick der Liebe (2004, S. 110) hat mich nach dem Ursprung des Wortes suchen lassen. Als Gegensatz zum Herbst als Spätling wird im 15. Jh. das Wort “vrüeling” bzw. “frieling” abgeleitet. Es tritt neben Lenz als damals übliche Bezeichnung. Bei Luther ist der Frühling auch ein früh im Jahr geborenes Tier (wie Frischling). Auch als vor der Zeit geborenes Kind wird das Wort verwendet (heute Frühchen). Analoge Bildungen mit -ling als Suffix: Setzling, Neuling, Findling, Täufling. Alle diese Substantive sind männlich und haben bei Personen oft eine abwertende Bedeutung: Widerling, Wüstling, Feigling, neuerdings auch Primitivling oder Naivling. (21.03.2018)

Die Wortbildung findet sich häufig bei Pilzen: Tintling, Ritterling, Porling, Rehling, Röhrling, Krempling, Egerling, Borstling, Becherling, Schirmling usw. Im Bild ein Spei-Täubling. Quelle: Wikimedia Commons: James Lindsey at Ecology of Commanster

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Couragiert für die Heimat

Bleiben wir bei Thema „gendern“. Eine Mitarbeiterin im Familienministerium hat angeregt, den Text der deutschen Nationalhymne geschlechtergerecht umzuformulieren:

Einigkeit und Recht und Freiheit
für das deutsche Heimatland!
Danach lasst uns alle streben
Couragiert mit Herz und Hand!

Die Österreichische Bundeshymne und die Nationalhymne Kanadas wurden bereits geschlechtsneutral umformuliert. Hier sehe ich allerdings ein Problem. Der Text wurde 1841 von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben verfasst, die Melodie stammt aus einem Lied, das Joseph Haydn 1796/1797 zu Ehren des römisch-deutschen Kaisers Franz II. komponierte. Wir haben es also mit einem historischen Dokument zu tun, in das man nicht eingreifen sollte. Sonst müsste man viele Texte an die modernen Befindlichkeiten anpassen. Der Text wirkt auch in geschlechtsneutrale Form recht angestaubt.  Also wenn schon eine Änderung, dann ein ganz neuer Text und eine neue Melodie, die nicht zu Ehren eines Kaisers komponiert wurde (obwohl die Melodie sehr angenehm klingt, wenn sie nicht laut gegrölt wird). (16.03.2018)

Die Metapher vom blühenden Land löst auch politisch unliebsame Konnotationen aus. Quelle: Wikimedia Commons

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Kundin

Sprache ist ein Mittel der Kommunikation, auf das immer verschiedene Einflüsse einwirken: sprachimmanente (Lautverschiebungen, Ökonomieprinzip), soziokulturelle (Lehn- und Fremdwörter, Rechtschreibreformen, Fachsprachen), politische (Amtssprachen, Migration, Sprachkritik). „Die“ Sprache, die es zu pflegen und schützen gilt, gibt es nicht. Dies zunächst einmal gegen alle Aufgeregtheiten über sprachlichen Wandel.

Eine Kundin der Sparkasse hat bis vor den Bundesgerichtshof geklagt, weil sie in den Formularen als Kunde, Einzahler, Sparer, Kontoinhaber angesprochen wird. Der BGH hat entschieden: Frauen müssen in Formularen nicht extra erwähnt werden. Ein merkwürdiges Urteil, da schon die meisten Behörden und Firmen eine Doppelnennung oder Sparschreibung eingeführt haben. Auch wer nicht alle Kapriolen feministischer Sprachbereinigung mitmachen will: Die Doppelung ist doch wahrlich kein dramatischer Eingriff: Kunde/Kundin oder Inhaber/in oder Sparer und Sparerin.

Das Argument mit dem generischen Maskulinum, das geschlechtsneutral auch die Frauen mit meint, sticht hier nicht, da es ja um eine Einzelperson geht. Zudem: Das generische Maskulinum ist zwar grammatisch korrekt, aber psychologisch sind Frauen nicht mitgedacht und fühlen sich damit auch nicht einbezogen. Untersuchungen mit unterschiedlichen Methoden belegen, dass beim Lesen generischer Maskulina häufiger an Männer als an Frauen gedacht wird. Werden Personen danach gefragt, wer ihr beliebtester Maler oder Sportler sei, dann werden beim generischen Maskulinum kaum Frauen genannt, dagegen bei geschlechtsneutralen Formulierungen signifikant mehr. Frauen werden von Stellenanzeigen, die das generische Maskulinum verwenden, weniger zu einer Bewerbung motiviert. Weibliche Personen zeigen ein größeres Interesse an einem Beruf, wenn er geschlechtsneutral beschrieben wird. Alle diese Untersuchung sind bei Wikipedia unter dem Stichwort „Generisches Maskulinum“ mit Quellenangabe referiert.

Sprache dient der Kommunikation und die Adressatenorientierung ist ein Grundprinzip professioneller Kommunikation, deshalb ist das Anliegen der Linguistinnen, Frauen sprachlich sichtbar zu machen, durchaus berechtigt und wird sich wohl auch im Sprachgebrauch durchsetzen. (15.03.2018)

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Sorgfalt

Früher waren Metaphern ein rhetorisches Stilmittel, um Texte anschaulich und interessant zu gestalten. Inzwischen weiß man, dass Metaphern ausgerechnet für die Bildung von abstrakten Wörtern wichtig sind. Ein Wort ist abstrakt, wenn sein Referent in der Wirklichkeit nicht mit den Sinnen wahrnehmbar ist. Während konkrete Wörter in direkten Erfahrungen mit der Umwelt gelernt werden, werden abstrakte Wörter über die Sprache gelernt. Dementsprechend können abstrakte Wörter nur schwer eine visuelle oder andere Vorstellung auslösen.

Ein schönes Beispiel ist das Abstraktum „Sorgfalt“. Ein Nomen, das aus dem Adjektiv „sorgfältig“ abgeleitet wurde, mittelhochdeutsch „sorcveltic“. Sorgfältig bedeutet ursprünglich „vor Sorge voller Falten“. Diese anschauliche Bedeutung verblasst mit der Zeit, bei der Sorgfalt denkt niemand mehr an Sorgenfalten. Die Bedeutung von „sorgfältig“ hat sich verschoben auf ein Spektrum von gründlich und achtsam bis pedantisch und pingelig. Aber eine derartige Charaktereigenschaft sorgt wohl auch oft für Sorgenfalten auf die Stirn. (10.03.2018)

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