Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Charlie Hebdo

Es gehört zu den unerwarteten Folgen des Attentats auf die Redaktion der Satirezeitschrift, dass sie seitdem so viel Gewinn gemacht hat, dass sie jetzt sogar mit einer deutschen Ausgabe startet. Das ist mutig, denn den vulgären, unkorrekten, antireligiösen und mehrdeutigen Humor der Blattmacher dürften in Deutschland nur wenige Personen goutieren. In Tübingen wird über einen läppischen Papstwitz auf einer Feuerwehrsause wochenlang entrüstet in den Leserbriefen diskutiert! In der ersten Ausgabe gibt man sich Mühe, auf deutsche Verhältnisse einzugehen, aber die zahlreichen Merkel-Karikaturen finde ich etwas flach und nur begrenzt witzig. Die vierseitige Text-Bild-Reportage mit Interviews zur Befindlichkeit der Deutschen ist treffend, aber es fehlt der Biss und eine französische Sicht auf uns Deutsche. Trotzdem Bienvenue! Eine Bereicherung neben der Titanic und Eulenspiegel, die mir oft zu brav sind. Aus dem Mission Statement von Charlie: Charlie Hebdo c’est un coup de poing dans la gueule. Contre ceux qui nous empêchent de penser. Contre ceux qui ont peur de l’imagination. (04.12.2016)

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Typisch Charlie Hebdo: wenig feinsinnig und entlarvend. Eine Karikatur aus der ersten deutschen Ausgabe.

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Lektüre zum Vertrauen

Jürgen Wertheimer/Niels Birbaumer (2016): Vertrauen. Ein riskantes Gefühl. Salzburg: Ecowin by Benevento Publishing.

Ein Literaturwissenschaftler und ein Neuropsychologe tun sich zusammen, um das Gefühl des Vertrauens zu erforschen, der eine interpretiert dazu Texte der Weltliteratur, der andere referiert Befunde aus Laborexperimenten, Gehirnscans und hormonellen Mustern.

Das Thema Vertrauen hat bisher recht wenig Beachtung gefunden hat, dabei ist das „starke Gefühl des Vertrauens […] der Kitt, der die Welt im Innersten zusammenhält. Umgekehrt ist fehlendes Vertrauen oder glatter Vertrauensbruch wie ein Gift, das organische Zusammenhänge zersetzt und Bindungen auflöst.“ (S. 15) Menschliches Zusammenleben ist ohne Vertrauen kaum denkbar. Aber Vertrauen ist trügerisch und birgt stets die Gefahr enttäuscht und betrogen zu werden, denn Vertrauen wird gerade notwendig, wenn wir die Absichten des Gegenübers nicht sicher kennen. „Derjenige, der Vertrauen schenkt, liefert sich aus. Der, dem Vertrauen geschenkt wird, erfährt einen Machtzuwachs“ (S. 45).

Das Vertrauen lässt sich in eine Reihe von Unterformen aufteilen, wie sensorisches, motorisches und soziales Vertrauen, dazu noch Selbstvertrauen und Gottvertrauen. Das soziale Vertrauen ist das zentrale Thema des Buches. Aber ist Vertrauen überhaupt ein reines Gefühl? Die Autoren machen überzeugend deutlich, dass beim Vertrauen kognitive und emotionale Anteile, Prozesse im limbischen System und im präfrontaler Cortex nicht zu trennen sind. Beim Vertrauen wird erlebbar, dass Fühlen und Denken in schwer beschreibbarer Weise zusammenwirken: Vertrauen hat einerseits mit Erfahrungen, Vermutungen, Überlegungen, Entscheidungen zu tun, anderseits ist es ein Mischgefühl, eine emotionale Gemengelage, in der zahlreiche Komponenten ineinandergreifen: Unsicherheit, Hoffnung, Empathie, Angst, Neid, Eifersucht. Vertrauen ist so etwas wie ein Metagefühl, das andere Gefühle beeinflusst und steuert.

Während die Basisgefühle wie Angst, Wut, Freude, Ekel, Neugier u.a. einen biologisch festgelegten und interkulturell verständlichen Ausdruck haben, ist Vertrauen bisher weder in seinen körperlichen noch in seinen hirnphysiologischen Korrelaten klar nachweisbar. „Soziales Vertrauen ist über weite Strecken des Gehirns in vielen emotionalen und kortikalen Regionen verteilt“ (S. 37). Gemischte Gefühlszustände sind nichtsprachlich wie sprachlich schwer kommunizierbar und bieten deshalb Anlass für zahlreiche Missverständnisse. In Romanen und Dramen werden unzählige Szenarien des Vertrauens, Misstrauens, Vertrauensbruchs, Verrats und Betrugs durchgespielt, ein Dauerthema, Jürgen Wertheimer kann in die Vollen greifen: Euripides, Shakespeare, Schiller, Kleist, Hofmannsthal, Kafka, Tolstoi, Brecht, Grass und viele mehr. Die Literaturwissenschaft dominiert in dem Buch, Niels Birbaumer kann da oft kaum mithalten. Der Text wirkt an vielen Stellen so, als ob der Literaturwissenschaftler zuerst seine Interpretationen niedergeschrieben hat und dann der Neuropsychologe nach einer Andockstelle sucht, wo er einen Kommentar einfügen kann. Von Kleists „Verlobung in St. Domingo“ zum Bindungshormon Oxytozin ist es dann nur ein Sprung. Der Text wirkt oft additiv, nicht integrativ.

Schauen wir uns das Kapitel 2 genauer an, das eine theoretische Basis für die folgenden Kapitel legt. Der heimelige Begriff des Urvertrauens (basic trust bei Erik Erikson) wird auf den Prüfstand gestellt. Ergebnis: „Die Wahrheit ist, es gibt kein Urvertrauen. Die Kunst des Vertrauens ist das Produkt eines langwierigen und extrem aufwändigen Erfahrungs- und Erarbeitungsprozesses“ (S. 42). Der fängt schon im Uterus an, das zeigen Untersuchungen der Hirnaktivität beim fetalen emotionalen Lernen, die der Neuropsychologe referiert. Jetzt setzt der Literaturwissenschaftler ein und interpretiert Passagen aus „Tristram Shandy“ von Laurence Sterne und der “Blechtrommel“ von Günther Grass, danach ein Fallbericht des Neurologen Oliver Sacks. Dabei geht es um den Verlust sensorischen Vertrauens, mit der Entwicklung des sozialen Urvertrauens haben diese Passagen nur am Rande zu tun. Dann setzt der Neuropsychologe mit einigen Sätzen zu Schizophrenie und Demenz ein, gefolgt von Erkenntnissen zur Repräsentation von sozialen Vertrauen im Gehirn und der Oszillationen von verteilten Zellensembles. Daran schließen sich Interpretation von Karl Philipp Moritz, Robert Musil, Hugo von Hofmannsthal und schließlich Saint-Exupéry an, die unsere Vertrauensbedürftigkeit und -süchtigkeit aufzeigen. Alles interessant, aber sie liefern kein schlagendes Argument gegen den „Mythos Urvertrauen“. Auch bei Erik Erikson ist das Urvertrauen ja keine angeborene Mitgift, sondern entsteht in krisenhaften Auseinandersetzungen mit der sozialen Umwelt. Dabei kann auch ein Ur-Misstrauen entstehen, aber zu behaupten, es gibt überhaupt kein Ur-Vertrauen, leugnet die Möglichkeit einer verlässlichen und liebevollen Zuwendung als Urgrund einer Vertrauensbereitschaft, die allerdings im weiteren Leben immer wieder enttäuscht werden kann.

Konsequent problematisiert ein späteres Kapitel auch die Familie als Hort des Vertrauens. Hier wird unterstellt, dass Vertrauen eher ein Synonym „für Trägheit, Gewohnheit und Bequemlichkeit“ darstellt. Man muss einfach vertrauen und forscht lieber nicht weiter nach, um die „Vertrauensidylle“ nicht zu gefährden. Diese Hypothese wird nur an literarischen Beispielen diskutiert, hier vor allem an „Anna Karenina“ von Tolstoi. Die Psychologie pfropft nur einen letzten Absatz zum impliziten, d.h. nicht bewussten Lernen von Vertrauen auf, der zum Thema Familie gar nichts beiträgt.

An diesem – wie auch an anderen Kapiteln – wird deutlich, dass sich naturwissenschaftliche Befunde und geisteswissenschaftliche Interpretationen nicht einfach ergänzen. Jürgen Wertheimer lässt selten eine Gelegenheit aus, um zu sticheln, wie dürftig psychologische und neurologische Forschungen der Gefühle gegenüber den Beschreibungen und Erklärungen der Literatur ausfallen. Und er hat recht: Die in den Sozialwissenschaften beliebte “Boxologie“ mit Kästchen und deren Verknüpfung mit Pfeilen wirkt zwar ordnungsstiftend, aber auch reduktiv gegenüber der sozialen Wirklichkeit, trotz einer Kaskade von Variablen: Risikobereitschaft, Betrugsaversion, Bereitschaft zu verzeihen (Forgiveness), Vertrauensinvestment, Ängstlichkeit, Kooperationsbereitschaft, Gerechtigkeitssinn, Sensibilität für Betrug, Vertrauenserwartung, Labilität, Verlustängste usw. Die literaturwissenschaftlichen Interpretationen sind klug, aber der empirische Stellenwert der Texte wird nicht hinterfragt. Literatur ist ja keine Abbildung der Wirklichkeit, sondern doppelt gebrochen, durch den Autor und den Interpreten. Manchmal beschleicht den Lesenden der Eindruck, dass für vorgefasste Hypothesen selektiv literarische Belege herausgefischt werden.

Die Lektüre ist überaus anregend, aber es bleibt Patchwork, ein argumentativer roter Faden ist nur schwer erkennbar. „Vertrauen will erlernt sein“, so lautet der letzte, zusammenfassende Satz. Das Buch ist in einem Verlag der Red Bull Media House GmbH erschienen und macht deren Slogan alle Ehre: „Bücher, die den Geist beflügeln.“ (01.12.2016)

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Berührungsnotstand

Zum Thema Kuschelgruppen habe ich bereits am 22.05.2014 einen Beitrag geschrieben, aber das Thema hat an Aktualität nicht verloren, denn der Tastsinn wird vernachlässigt, vermutlich auch wegen der vielen digitalen Kontakte (Touchpad!). Der Psychologe Martin Grunwald, Leiter des Haptik-Forschungslabors an der Universität Leipzig, diagnostiziert ein „gesamtgesellschaftliches Körperinteraktionsdefizit“, dabei ist Körperkontakt „ein Lebensmittel“, nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Die Wellnessindustrie hat das Defizit erkannt, es werden Massagen und Körperübungen verschiedenster Art angeboten, aber auch Rudelkuscheln und Raufpartys, um einen Ersatz für den Berührungsnotstand zu finden. Auch der Hang zu diversen streichel- und schmusefähigen Haustieren hat damit zu tun. Therapiebegleithunde und Therapiekatzen werden immer häufiger bei Ängsten, Depression, Einsamkeit usw. in Altersheimen und Kurkliniken eingesetzt. (29.11.2016)

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Endlich kann ich einmal ein Katzenbild einsetzen: Wer ist der nächste Patient/Klient mit Kontaktbedürfnis? Quelle: https://pixabay.com/de

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Abkratzen

Ein unschönes Wort für „sterben“, aber woher kommt es? In adligen Kreisen wurde im 17. Jh. zum Abschied der höfische, höfliche Kratzfuß eingeführt, angeblich in galanten Kreisen als Nachahmung eines verliebten Taubers. Er war den Herren vorbehalten, die Damen machten einen Knicks. Beim Kratzfuß wird bei einer Verbeugung ein Arm vor den Oberkörper gedrückt, der andere vom Körper weggehalten und gleichzeitig ein Fuß nach hinten über den Boden gescharrt, wodurch ein kratzendes Geräusch entsteht. Abkratzen bedeutet also sich (mit einem Kratzfuß) verabschieden. Im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm wird „er muss abkratzen“ im Sinne von „er muss sich entfernen“ aufgeführt, allerdings ohne Bezug zum Kratzfuß. Dem ist ein eigenes Stichwort gewidmet und dort findet man das hübsche Verb „kratzfüßeln“ für das Verhalten eines devoten, unterwürfigen Schmeichlers. Das Abkratzen im Sinne von „endgültig verabschieden = sterben“, wird nach Heinz Küpper „Wörterbuch der deutschen Umgangssprache“ etwa seit 1800 benutzt. Vielleicht kommt es aus Wien, was mich nicht wundern würde. (26.11.2016)

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Wenceslas Hollar (1607 – 1677): The bowing gentleman. Quelle: Wikimedia Commons

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Unterjüngung

Die demografische Entwicklung der westlichen Industrienationen ist bekannt: Durch niedrige Geburtenzahlen und immer längere Lebenserwartung ist die Gesellschaft nicht überaltert – dieses Wort gilt als diskriminierend –  sondern unterjüngt. Viele Firmen haben bereits die Alten als konsumierende Zielgruppe entdeckt und natürlich sind sie auch eine interessante Zielgruppe für Versicherungen. SwissLife, der größte Lebensversicherungskonzern der Schweiz, hat jetzt in Deutschland eine Kampagne gestartet, die nach eigener Angabe „das Thema des längeren, selbstbestimmten Lebens“ an die Öffentlichkeit bringen möchte. Die Kampagnenmotive stammen von der Agentur Jung von Matt. Jedes Motiv greift eine verbreitete Altersbeschwerde auf und wendet sie ins Positive. Trotz Altersflecken, Koordinationsproblemen, Grauem Star, Schlaganfall und Herzrhythmusstörungen: Die Senioren bleiben vital und fidel. Es ist eine Lust zu altern! (23.11.2016)

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Zwei Motive aus der Kampagne, weitere Motive auf: SwissLife

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Netzsprache

Dass in Facebook, Twitter, WhatsApp und anderen sozialen Netzwerken eine verluderte Sprache benutzt wird, gehört zu den gängigen Urteilen über die neuen digitalen Kommunikationsformen. Tatsächlich weicht die Sprache von der üblichen Kommunikation ab: neue Wortschöpfungen, Akronyme und Abkürzungen, Ellipsen (unvollständige Sätze), Inflektive (seufz, grübel), Emojis usw. Im Stil ist die Netzsprache mehr von der Sprechsprache als von der Schriftsprache geprägt. Man darf nicht vergessen: Sprache ist ein Werkzeug zur Kommunikation, kein ästhetisches Objekt. Wenn die Verständigung funktioniert, hat sie ihren Zweck erfüllt. Die Menschen passen die Sprache an ihre kommunikativen Bedürfnisse an und man sollte die kreativen Aspekte des Netzstils nicht übersehen. Deshalb den Verfall der Sprache zu beklagen, ist recht voreilig. Darauf hat jetzt wieder die Germanistin Eva Gredel aufmerksam gemacht, sie ist Sprecherin des Wissenschaftsnetzwerks „Diskurse digital“.

Allerdings ist Sprache auch eine Denkhilfe, mit der wir Ordnung in unsere Gedanken und Gefühle bringen und sie äußern können. Die im Netz verbreitete Vulgär- und Hass-Sprache zeigt, was für Köpfe sich hier verbreiten. „Digitale Plattformen sind ein sozialer Raum, an dem gesellschaftliche Entwicklungen sprachlich beobachtbar werden“, so Eva Gredel. Was sonst nur in Kneipenhinterzimmern und bestimmten Gruppen ausgesprochen wird, das wird hier öffentlich. Die Gesellschaft wird dadurch transparenter. (19.11.2016)

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Pinkelgelb

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Wohl sehr hastig an die Hauswand aufgemalt, aber wieder einmal bleibt der Sinn der Botschaft unklar: Eine Liebeserklärung? Eine politische Botschaft? Ein Tag? Foto: St.-P. Ballstaedt (15.11.2016)

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Graffiti

Der Tübinger Gemeinderat hat beschlossen, mehr gegen Graffiti in der Stadt zu unternehmen. Da ich seit Jahren Graffiti in Tübingen dokumentiere, meine Meinung dazu: Dass der öffentliche Raum auch zur Kommunikation genutzt wird, gerade auch für subversive Botschaften, spricht für eine kulturell lebendige Stadt. Wer sich daran stört, sollte bedenken, dass uns ja an jeder Bushaltestelle und auf Großplakaten Werbung aufs Auge gedrückt wird. Manche triste Betonwand kann durch Street Art oder Urban Art durchaus gewinnen.

Aber in Tübingen treiben etliche Sprayer ihr Unwesen, die weder eine Botschaft haben, noch das geringste Talent zur Gestaltung, noch ein rudimentäres ästhetisches Empfinden. Es sind nur Schmieranten, die jede Fläche narzisstisch nutzen, um wenigstens einen hässlichen Tag zu anzubringen. Das Bedürfnis des Menschen, eine Spur zu hinterlassen, ist wahrscheinlich ein evolutionärer Ursprung der Kunst. Den elementaren grafischen Akt kann man bei Kindern beobachten, die gern kratzen, malen und schmieren.

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Auch Kotschmieren, das bei Kindern mit eingeschränkten Handlungs- und Kommmunikationsmöglichkeiten auftritt, um Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erhalten. Viele Zeichen an Mauern, Wänden und Verteilerkästen erinnern in Farbwahl wie Gestaltung an dieses kindliche Verhalten. Foto: ST.-P. Ballstaedt (14.11.2014)

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Irische Segenssprüche

Andachtsbüchlein, Kalender, Post- und Glückwunschkarten: Altirische Segenswünsche für jede Lebenslage sind beliebt. Sie entstammen angeblich keltischer Spiritualität, allerdings wird inzwischen jede Binsenwahrheit als irische Weisheit angeboten. Oft bekommen alltägliche Erlebnisse eine religiös-geistliche Überhöhung.

Mögest du leben, solange du willst, und es wollen, solange du lebst.

Besser ein Esel der dich trägt, als ein Pferd, das dich abwirft.

Man muss den Sprüchen allerdings zu Gute halten, dass tiefe Einsichten sprachlich oft in schlichten Sätzen ausgedrückt werden. Als Beispiel ein Aphorismus von Epikur:

Nichts genügt dem, dem das Genügende zu wenig ist.

Das ist mein 500. Beitrag im Blog, da ist ein zusätzlicher Segensspruch fällig:

Je weniger Verstand einer hat, umso weniger merkt er den Mangel.

Auch wenn die Resonanz auf meine Texte und Bilder bescheiden geblieben ist, mache ich weiter. (13.11.2016)

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Mnemosyne Bildatlas

Das letzte große Projekt des Kulturwissenschaftlers Aby Warburg, seinen Bildatlas, konnte man als Rekonstruktion im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe studieren. Die letzte, unvollendete Version wurde aufgrund von Fotodokumenten und Texten fast vollständig wieder zusammengestellt: 63 Tafeln mit etwa 971 Bildern, erstmals mit ausführlichen Kommentaren in einer Heftreihe.

Mnemosysne, die griechische Göttin der Erinnerung und die Mutter der Musen, ist die Schutzpatronin der Sammlung von Reproduktionen von Gemälden, Grafiken, Skulpturen, Reliefs, Wandteppichen, Handschriften, Spielkarten usw., wobei damals der akademische Rahmen der Kunstwissenschaft aufgebrochen wurde. Aby Warburg wollte eine historische Psychologie des menschlichen Ausdrucks auf den „Wanderstrassen der Kultur“ zusammenstellen, er sprach von „Pathosformeln“ als Darstellung von Gefühlen in Mimik, Gestik und Pantomimik. Konkret: „Die Mnemosyne will in ihrer bildhaften Grundlage […] zunächst nur ein Inventar sein der antikisierenden Vorprägungen, die auf die Darstellung des bewegten Lebens im Zeitalter der Renaissance nachweislich stilbildend einwirkten.“ (Warburg1929). So kann er z. B. zeigen, dass die tanzende Salome der Bibel wie eine griechische Mänade auftritt. Er wollte damit sein beeindruckendes kulturhistorisches Wissen in einer geplanten Buchpublikation zur Verfügung stellen.

Aby Warburg änderte immer wieder die Anordnung der Bilder, die Bildtafel war für ihn eine kreative Methode zur Entdeckung neuer Gegensätze, Variationen und Assoziationen. Das Projekt blieb fragmentarisch, ist aber auch prinzipiell nicht abgeschlossen. Die drei letzten Tafeln zeigen Bildmotive der 20er-Jahre, hier kommen auch Werbung, Presseerzeugnisse und Briefmarken vor und man könnte das Projekt bis in die Moderne weitertreiben. (11.11.2016)

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Ohne Kommentar ist der inhaltliche Zusammenhang der Anordnungen auf den Bildtafeln oft schwer zu erkennen, obwohl der Mitarbeiter Fritz Saxl 1928 schrieb: „Der Witz dieses Atlas muß doch sein zu zeigen, daß es sich hier um die beste Interpretation der Kunstwerke handelt.“ Foto: St.-P. Ballstaedt

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