Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Hochbetagt

Charles Aznavour ist 93 Jahre alt und startet Ende November eine Deutschlandtournee. Die Südwestpresse zitiert ihn mit dem Satz „Ich bin nicht alt, ich bin betagt.“ Was hat er wohl genau gesagt? Wahrscheinlich „âgé“ statt „vieux“, was mit aber meist mit „alt“ übersetzt wird. Das Adjektiv „betagt“ klingt einfach angenehmer, noch eindrücklicher „hochbetagt“. Das Wort haben wir wohl Luther zu verdanken, der übersetzt 1.Mose 24,1: „Abraham war alt und wol betaget.“ (22.11.2017)

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Essen

Die Nahrungsaufnahme für viele Zeitgenossen und –genossinnen zu einem Lebensinhalt geworden. Essen kann unter verschiedenen Bezugssystemen, modern Frames, thematisieren.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit ist Essen ein Gegenpol zu Hunger. Man war dankbar, wenn man auf dem Schwarzmarkt, bei Hamsterfahrten oder durch Mundraub (Fringsen) alle satt bekam, die Qualität spielte dabei keine Rolle: Brotsuppen, Getreidebrei, Kartoffel-, Kohl- und Steckrübeneintöpfe kamen auf den Tisch. Hauptsache kalorienreich, Butter war ein rationiertes und sehr begehrtes Lebensmittel.

Konsequent beurteilt man in der folgenden Aufbauphase der Republik das Essen rein quantitativ. Ein Lokal wird empfohlen, wenn riesige Portionen aufgetischt werden. Auf eine raffinierte Zubereitung wird weniger Wert gelegt: große Fleischstücke (Schnitzel wie Klosettdeckel), viele Beilagen (Kartoffel- und Teigwarenberge), ein See von mehliger Soße (bevorzugt braun und aus der Tüte). Die Zeit solider Hausmannkost.

Daneben entwickelte sich eine gehobene Esskultur, bei der nicht die große Portion zählt, sondern eine gute Zubereitung und der kulinarische Genuss. Der Sozialcharakter des Gourmets entsteht, für den vor allem Wolfram Siebeck eine Lanze bricht. Leisten können sich nicht alle diese Küche, deshalb wird auch über die kleinen Portionen der Nouvelle Cuisine damals gespottet.

Heute soll Essen vor allem der Gesundheit dienen und Krankheiten vorbeugen. Geschmack und Genuss spielen eine untergeordnete Rolle, Hauptsache gesund und alle Zutaten bio. Bewährte Lebensmittel werden zu Killern erklärt, wie Butter, Eier, Weißbrot, Zucker, Salz. Zahlreiche Allergien und Unverträglichkeiten kommen auf, die früher zu den seltenen Krankheiten gehörten. Da alles im Überfluss zu kaufen ist, kann man sich kulinarische Subkulturen leisten, für die spezielle, meist teure Lebensmittel hergestellt werden: veganer Käse, glutenfreies Brot, Sojawurst usw. Was gern übersehen wird: Diese Lebensmittel sind erst durch eine ganze Reihe Ersatz- und Zusatzstoffe genießbar, es sind künstliche Fabrikprodukte. Guten Appetit! (20.11.2017)

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Fikkefuchs

Vorkritiken auf SPIEGEL ONLINE und ZEIT ONLINE lassen nichts Gutes an dem Film, der am 16.11. in die Kinos kommt. Papa, der Stecher von Wuppertal, bringt seinem Sohnemann, der eine Kassiererin im Supermarkt vergewaltigt hat und gerade aus der Geschlossenen kommt, bei, wie man Frauen aufreißt, ohne Gewalt anzuwenden. Dabei wird mit deftigem Vokabular und unappetitlichen Szenen offenbar nicht gespart. Aber der Film interessiert mich nicht, nur das Plakat, das für ihn wirbt. Es durfte in Frankfurt und München in U-Bahn-Stationen und Tram-Haltestellen nicht aufgehängt werden. Der Vorwurf: Sexismus. Es ist immer aufschlussreich, wenn ein Bild zensiert wird, denn das sagt viel über die herrschende Mentalität aus.

Fikkefuchs

Das Plakat zeigt keine völlig neue Idee: Bei Tomi Ungerer lauert kein Fuchs, sondern ein Teufel zwischen den Schenkeln. Bei Roland Topor ist auf der Scham ein Geäst mit Vogelnest platziert. Derzeit ist alles, was eine sexuelle Assoziation aufkommen lässt, dem Verdacht des Sexismus ausgesetzt. Inzwischen ist das Verbot aufgehoben. Quelle: www.filmstarts.de (15.11.2017)

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Gilfen

Wieder einmal ein Wort, das mir im Schwäbischen Tagblatt aufgefallen ist und wohl auch nur hier verstanden wird: gilfen. Im Duden oder im Wortschatz der Universität Leipzig ist das Verb nicht zu finden, wohl aber im Grimm’schen Wörterbuch. Es stammt ursprünglich aus dem Altniederländischen und ist mundartlich besonders im Schwäbischen verbreitet. Seine Bedeutung: eine Mischung aus schreien, jammern, schluchzen. Einen Beleg bei Hans Sachs: „umb hilff ich gilff zu dir, Christe.“ Nach den Grimm’s „im neueren schriftum nur noch als lautmalendes wort für helles, hohes, klagendes schreien von tieren.“ Im Schwäbischen gilfen allerdings auch Menschen. (10.11.2017)

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Subversive Melodie

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Eine hübsche Melodie an etlichen Hauswänden in Tübingen. Die Tonfolge: a-c-a-b ist aber nicht ohne Hintersinn, denn das Akronym A.C.A.B. steht in etlichen Subkulturen für den Satz: All cops ar bastards. Foto: St.-P. Ballstaedt (05.11.2017)

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Gebotsschild

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Bei den vielen Verboten mal eine andere Alternative vor einem Tübinger Spielplatz, auf dem für die Kinder eine Dampfwalze und eine Betonmischmaschine, beide aus Holz, aufgebaut sind. Foto: St.-P. Ballstaedt (01.11.2017)

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Witwenschüttler

Dieses schöne Wort bezeichnet Boulevardjournalisten, die den Hinterbliebenen eines Unglücks auf den Leib rücken, um ein emotionales Statement oder Fotos der Opfer zu ergattern. Das Wort ist seit 1985 belegt, das Verb dazu lautet „witwenschütteln“. Wie das läuft, schildert der ehemalige Chefredakteur von BILD Udo Röbel :

„Hatte man etwa bei einem Unglück die Adresse von Hinterbliebenen herausgefunden, ist man sofort hingefahren, klar. Beim Abschied aber hat man die Klingelschilder an der Tür heimlich ausgetauscht, um die Konkurrenz zu verwirren. Ich war damals oft mit demselben Fotografen unterwegs, wir hatten eine perfekte Rollenaufteilung. Er hatte eine Stimme wie ein Pastor und begrüßte die Leute mit einem doppelten Händedruck, herzliches Beileid, Herr… Ich musste dann nur noch zuhören. So kamen wir an die besten Fotos aus den Familienalben.“ (Bildblog 6.1.2008)

Heute brauchen die Journalisten oft mehr mehr zu schütteln, denn Fotos von Opfern finden sie oft in den sozialen Netzwerken, die Verwendung missachtet allerdings Urheber- und Persönlichkeitsrechte. (28.10.2017)

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Indestructible

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Zwei Stencils an Leipziger Hauswänden. Fotos: St.-P. Ballstaedt (19.10.2017)

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Körpermodifikation

Nach einer aktuellen Studie an der Universität Leipzig nimmt die Anzahl der Personen, die sich einer Körpermodifikation unterziehen, laufend zu. In einer Befragung wurden Daten zu Tattoos, Piercings und Körperhaarentfernungen erhoben. Die Entfernung von Haaren wird eigentlich nicht zu den Körpermodifikationen gezählt, da sie mit keinem verletzenden Eingriff in den Körper verbunden sind. Einige Befunde: In der Körpermodifikation führen die Frauen: Etwa die Hälfte der Frauen zwischen 25 bis 34 Jahren tragen ein Tattoo, rund ein Drittel der Frauen zwischen 14 und 34 sind gepierct, bei den Männern sind es nur 14%. Was sind die Gründe für derartige, oft schwer rückgängig zu machende Eingriffe.

In vielen Kulturkreisen hatten Veränderungen am Körper eine rituelle Bedeutung, z.B. als Initiationsritus im Übergang vom Kind oder Jugendlichen zum Erwachsenen. Dabei spielte sicher auch das Aushalten von Schmerzen bei den früher blutigen Eingriffen eine Rolle. Der Psychologe Erich Kasten sieht in Körpermodifikationen eine Art der Autoinitiation, eine sichtbare Markierung des Erwachsenenseins. Dafür spricht, dass ein Großteil der Piercings und Tattoos zwischen 16 und 24 Jahren gestochen wird.

Ein wichtiges soziales Motiv ist die Kennzeichnung der Gruppenzugehörigkeit. In bestimmten kulturellen und subkulturellen Gruppen sind derartige Eingriffe Ausdruck der Zugehörigkeit und eines Wirgefühls. Stämme und Clans haben sich schon früher durch körperliche Zeichen voneinander abgegrenzt. Früher trugen nur Seeleute, Knastbrüder und Prostituierte Tattoos zur Schau. Durch die weite Verbreitung und die zunehmende Akzeptanz verliert diese Abgrenzung aber an Bedeutung.

Diese beiden ursprünglichen Motive werden heute durch ein ästhetisches Motiv überdeckt: Die meisten Personen mit Tattoos und Piercings geben die Verschönerung des Körpers als Grund für die Eingriffe an. Damit verlieren Körpermodifikationen ihr Image des Rebellischen und Subkulturellen, sie werden zu einer averbalen visuellen Kommunikation, um Jugendlichkeit und Aufgeschlossenheit zu signalisieren. (16.10.2017)

An_Evening_Under_the_Needle

Maggy, under the needle of Jason G., of Flaming Dragon Tattoo in Tacoma, WA. www.flamingdragon.com. Foto: Ray Elliott, Wikimedia Commons.

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Sologamie

In mehreren Zeitungen liest man über einen Trend zur Selbstheirat: Eine Person – bisher offenbar vor allem Frauen – heiratet sich selbst, nur symbolisch, denn trotz Ehe für alle ist die Sologamie rechtlich nicht anerkannt. Das ist vor allem Anlass für eine große Party, dabei wird das Ritual herkömmlicher Hochzeiten weitgehend eingehalten: Die Heiratswillige zieht ein bevorzugt weißes Brautkleid an, streift sich einen Ring über den Finger, schwört einen respektvollen Umgang mit sich selbst, ewige Liebe, andauernde Treue, also Versprechen, die so einfach gar nicht zu halten sind. Nicht jeder hat eine gute Beziehung zu sich selbst! Nach jüdisch-christlichem Gebot soll man ja den Nächsten lieben, wie man sich selbst liebt, was etliche Gewalttaten erklären könnte.

Was in der Hochzeitsnacht passiert, kann man sich vielleicht noch vorstellen, aber der Ehealltag dürfte doch ein wenig eintönig sein, sofern man nicht auf eine gespaltene Persönlichkeit bzw. eine dissoziative Identitätsstörung zurückgreifen kann.

Ob Selbstheirat bei Frauen eine feministische Großtat darstellt oder mit dem üblichen Ablauf eine Anpassung an patriarchalische Rituale, darüber wird noch heftig diskutiert. Auffällig ist, mit welchen Überschwang die Sologamistinnen ihre Lebensform preisen: große Selbstachtung, viel Liebe, kein Streit, null Eifersucht usw.

Mich interessiert noch eine praktische Frage: Kann man sich auch von sich wieder scheiden lassen? (07.10.2017)

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