Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Etymologie

Gern gehe ich der Geschichte von Wörtern nach, um die ursprüngliche Bedeutung und den Bedeutungswandel zu rekonstruieren. Dabei darf man aber nicht der Idee verfallen, eine wahre Bedeutung zu finden und damit Erkenntnis über die Begriffe oder gar die Dinge selbst zu gewinnen. Etymologie ist eine Sprachwissenschaft, keine Erkenntnistheorie. So meinte Gustav Jung, dass in jeder Sucht ein Suchen steckt, aber „Sucht“ und „suchen“ haben etymologisch nicht miteinander zu tun, wie „Friedhof“ nichts mit „Frieden“ und „Braten“ nichts mit „braten“ (siehe Olschansky, 2009). Eine falsche Etymologie kann auch missbraucht werden: So wurde im Mittelalter im Hexenhammer das Wort femina (Frau) etymologisch aus „fe“ (Glaube) und „minus“ (weniger) abgeleitet. Damit wurde belegt, dass Frauen anfällig für Abweichung vom Glauben und Zuwendung zur Hexerei sind. (26.05.2016)

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Schockbilder

Jetzt ist es also so weit, die Zigarettenschachteln müssen ab 20. Mai nach der EU-Tabakrichtlinie zu 65% mit einem Schockbild bedruckt werden, die ersten Packungen werden aber erst im Spätsommer auf dem Markt erwartet. Dass ich von derartiger Schockpädagogik wenig halte, habe ich schon in einem früheren Beitrag klar gemacht (ich bin Nichtraucher!): Die visuelle Umwelt wird durch die Fotos von angefaulten Füßen und schwarzen Zahnstümpfen nicht schöner. Vor allem ist mir keine Untersuchung bekannt, die eine nachhaltige Wirkung der Gruselbilder belegt. Zudem gibt sicher bald Überzieher, in die man die Schachtel stecken kann. (25.05.2016)

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Was müsste man wohl für Bilder auf alkoholische Getränke oder zuckerhaltige Lebensmittel drucken? Foto: St.-P. Ballstaedt

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Schnuffeltuch

Mein Lieblingswort für den Mai habe ich heute in der Zeitung gefunden: Ein Dreijähriger war frühmorgens ausgebüxt und um 05:30 Uhr im Schlafanzug mit Schnulli und Schnuffeltuch auf der Straße unterwegs. Bei Linus von den Peanuts war es noch die Schmusedecke. Schnuffeln ist eine Abwandlung von schnüffeln, das so viel bedeutet wie „hörbar in die Nase einziehen, um dadurch besser zu riechen“. Hunde beschnüffeln alles, es ist ein aktiver Einsatz des Riechsinns. Im übertragenem Sinn dann „nachspüren“ und „spionieren“. Der Schnüffler und der Schnüffelstaat sind weitere unerfreuliche Wortbildungen. (24.05.2016)

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Ohne Schmusedecke ist die große Schwester nicht zu ertragen: Scan: St.-P. Ballstaedt

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Nestbeschmutzer

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Ein leicht abgewandeltes, aber aktuelles Zitat von Tucholsky als Aufkleber in der Tübinger Altstadt, von V. (?). Foto: St.-P. Ballstaedt (22.05.2016)

Nachtrag: Noch ein Aufkleber wohl desselben Absenders, diesmal ein Zitat des amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson. Foto: Max Steinacher (23.05.2016)

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Heidenspaß

Warum hat man nicht nur Spaß, sondern einen Heidenspaß? Und was haben die Heiden damit zu tun? Das Wort „Heide“ hat eine sehr komplizierte Etymologie, seit 368 ist es im Gebrauch. Die Christen grenzten sich damit von den nichtchristlichen Religionen ab, die Getauften von den Götzenanbetern. Später wurden die Juden und Muslime nicht mehr zu den Heiden gezählt, da sie sich ebenfalls zu einer monotheistischen Religion bekannten. Wie die Barbaren für die Römer, so waren die Heiden für die Christen nur als ungezügelte, wilde, schreckliche, furchterregende Menschen vorstellbar. So wurde das Wort „Heiden“ zum verstärkenden Bestimmungswort, wenn man einen Ausdruck kräftig steigern wollte: Es gibt unter den Emotionen nicht nur einen Heidenspaß, sondern auch eine Heidenangst und einen Heidenzorn. Aber es gibt auch einen Heidenlärm und ein Heidenspektakel. (20.05.2016)

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So kann man das Wort auch interpretieren. Aus einem Internetangebot an heidnischen Stickern.

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Bioladen

Gestern Nacht auf dem Bahnhof Horb  habe ich dieses Plakat entdeckt, eine Kampagne verschiedener Bioläden. Ich weiß nicht, ob nur mein Gehirn so arbeitet, aber Tomaten (früher Liebesäpfel!) mit den Aussagen „Wir haben die Prallsten“ und Besorg’s dir im Bioladen“ zu kombinieren, weckt bei mir sexistische Assoziationen. Hoffentlich kommen nur wenige Kunden der Aufforderung nach. Die Tomaten sollten sich beim Werberat beschweren. (18.05.2016)

Sex-Tomaten

Keine überzeugende Smartphone-Aufnahme, aber das Plakatmotiv konnte ich im Internet nicht finden. Foto: St.-P. Ballstaedt.

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ESC

Gestern habe ich mir die Präsentation der Songs angeschaut (nicht mehr die Wertung, in der ja die Musik die geringste Rolle spielt). Der Aufwand an Lichtshow und Videos ist gigantisch und dominiert den Gesamteindruck. Aber das ist vielleicht seine Funktion: Als Test habe ich immer wieder die Augen geschlossen und dann oft nur ein dünnes, nicht radiotaugliches Liedchen gehört. Zu einem „Gesamtkunstwerk“ auf einer Bühne gehören auch visuelle Effekte, aber kein so ein hektisches und grelles Spektakel, das Musik, Text und Interpreten optisch erschlägt. (15.05.2016)

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Historischer Humor 4

Völlig ausgestorben und witzlos geworden sind Witze über freches und unfähiges Personal, die im 19. Jahrhundert weit verbreitet waren. Hintergrund war der Standesunterschied. Meist mäkelte die Hausherrin an Magd, Köchin oder Kindermädchen herum, die sich vor allem erotische Freiheiten herausnahmen, die ihrer weiblichen Herrschaft verwehrt waren. Der Hausherr hatte hingegen oft einen Hang fürs Küchenpersonal (14.05.2016).

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Zwei Bildwitze aus den Meggendorfers Humoristischen Blätter aus dem Jahr 1893, aus Band XII, Nr. 114 und aus Band XIII, Nr. 121. Scans: St.-P. Ballstaedt

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Sparkasse

Das rote Logo mit dem Punkt über dem S ist bekannt und wird für verschiedene Finanzierungsangebote abgewandelt. Der rote Punkt bleibt, aber aus dem S wird ein Schemabildch mit symbolischer Bedeutung: Bei „Weltweit ist einfach“ ist das ein Globus, bei „Wachsen ist einfach“ eine Gießkanne. In der Wahrnehmung führt der Punkt dazu, dass das Gesamtlogo spontan als Männchen interpretiert wird: beim Globus eine Person mit Blähbauch, bei der Gießkanne ein Mann mit starkem Harndrang. Zudem denkt man an hier das Gießkannenprinzip der Verteilung, eher eine negative Assoziation. (13.05.2016)

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Die prägnante Wahrnehmung durch die Gestaltprinzipien macht aus den beiden Komponenten eine Figur. Quelle: Sparkasse

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Glauben

Das Verb „glauben“ wird im Duden etwas stiefmütterlich behandelt, dabei hat es eine bemerkenswerte Semantik von der Vermutung bis zur Gewissheit (im Grimm’schen Wörterbuch sind dem Verb viele Seiten gewidmet): 1. In der Alltagssprache ist „glauben“ ein Synonym für „vermuten“: Es kommt oft anders, als man glaubt. 2. In einer zweiten Bedeutung verfestigt sich „glauben“: Obwohl es nur eine Vermutung ohne Beweis gibt, glaubt man es: Credo, quia absurdum est, ich glaube, weil es unvernünftig (eigentlich lt: falsch, ungereimt) ist. Glauben wird zum Bekenntnis gegen die Vernunft. 3. Schließlich meint „glauben“ im religiösen Sinn den Glauben an etwas unbedingt Wahres, etwas Offenbartes, Dogmatisches, Fundamentalistisches, ein Bekenntnis: Ich glaube an den Heiligen Geist…. Glauben kann man an Götter, Gott, Teufel, Geister, aber auch an die Schöpfung, die Dreifaltigkeit, die Unsterblichkeit, die Zehn Gebote, eine jungfräuliche Geburt usw., es gibt keine Beschränkung. Der substantivierte Glaube kann gefährlich werden: Wer nicht glaubt, der muss manchmal daran glauben! (12.05.2016)

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