Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

Travail accablant

Ein auch in Frankreich umstrittenes Projekt: Das Buch „Mein Kampf“ wird ins Französische übersetzt – Mon combat d’Adolf Hitler, Edition Fayard -, wie auch in der neuen deutschen Ausgabe unter kritischer Aufsicht von Historikern. Aber wer soll es lesen? Historiker, die sich für die deutsche Geschichte interessieren, die verstehen das Buch auch auf Deutsch. Aber vielleicht wird das Werk ja auch ein Bestseller wie in Deutschland.

Der Übersetzter ist Olivier Mannoni hat schon Goebbels Tagebücher übersetzt und ist mit der Sprache des Nationalsozialismus vertraut. Das Übersetzen ist für mich eine belastende Arbeit, wie er in einem Interview in Charlie Hebdo Nr. 1281/15 gesteht. Die Übersetzung offenbart alle Mechanismen der sprachlichen Manipulation: „Lorsque l’on traduit un tel texte, on analyse par la force des choses la manière dont ce mécanisme fonctionne et, je dois dire, il est assez terrifiant.“ (Le Point): „Wenn man einen derartigen Text übersetzt, analysiert man notgedrungen die Art, wie sein Mechanismus funktioniert, ich muss sagen, es ist recht erschreckend.“ Eine Übersetzung ist der härteste Test für einen Text. Eine semantische Schwierigkeit spricht er noch an: Wörter verlieren in der Übersetzung ihre Konnotationen: „Volk“ bedeutet nicht dasselbe wie „peuple“ in Frankreich oder „people in den USA. (18.02.2017)

Olivier_Mannoni_-_Salon_du_Livre_de_Paris_2015

Der richtige Kopf für einen verworrenen Text: Olivier Mannoni. Quelle: ActuaLitté, Wikimedia Commons

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Geschlechterkampf

Im Frankfurter Städel ist bis 19. März 2017 eine Ausstellung zu besichtigen, die sich mit den Geschlechterrollen von der Mitte des 19.Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges auseinandersetzt: Geschlechterkampf. Franz von Stuck bis Frida Kahlo. Das Leitbild der Ausstellung auf Katalog und Plakat zeigt eine vollbusige Kindfrau, die auf einem Hügel voller blutender Männerleichen hockt (Gustav Adolf Mossa: Sie, 1905). Auf der Rückseite des Katalogs präsentiert Salome, mädchenhaft und durchsichtig bekleidet den Kopf Johannes des Täufers (Jean Benner: Salome, 1899).

Als Mann verlasse ich die Ausstellung etwas beklommen: Der Mann macht im Geschlechterkampf keine gute Figur. Viele starke Frauen: Eva, Lilith, die Sphinx, Medusa, Lamia, Delila, Salome, Judith, Klytämnestra, Pythia; Frauen als Mänaden, Sirenen, Amazonen, Vamyre, Femmes fatales. Die Dominanz des Weibes ist erdrückend, zwischen Opfer ihrer Verführungskünste und Lustmörder ist offenbar keine Rolle für den Mann vorgesehen. Nun sind Kunstwerke nicht die Wirklichkeit, sondern die meist männlichen Künstler haben sich ihre Ängste von der Seele gemalt und sahen im sozialen Erstarken der Frau eine Bedrohung – so im Grußwort des Katalogs. Aber auch das stimmt nicht froh, denn auch damit werden Männer in vollständiger Abhängigkeit von der Frau definiert. Allerdings kann ich mir eine Ausstellung mit anderen Exponaten zum Thema Geschlechterkampf nicht vorstellen. (15.02.2017)

Geschlechterkampf von

Bezeichnendes Cover: Der Mann hat keine Chance, um den Hals hängen Pistole, Dolch und Gift als Schmuck. Im goldenen Heiligenschein steht in Latein ein Zitat des Satirikers Juvenal: „Das will ich, so befehle ich es. Als Grund genügt mein Wille.“ Quelle: Randomhouse

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Wieder Euphemismen

Die Asylpolitik wird verschärft, aber gleichzeitig sprachlich entschärft. Transitzentren dienen nicht dem Transit = der Durchreise, sondern dazu, Flüchtlinge erst gar nicht ins Land zu lassen. Statt Abschiebungen werden jetzt Rückführungen vorgenommen, denn „führen“ klingt humaner als „schieben“. Die Zentren, in denen die Rückführung vollzogen wird, werden von Thomas de Maizière Bundesausreisezentren genannt. Schon der Begriff „Asylbewerber“ ist eigentlich irreführend, weil ein Grundrecht auf Asyl besteht. Um ein Grundrecht kann man sich nicht bewerben, man hat es einfach. Die Neuen Deutschen Medienmacher haben ein Glossar mit Formulierungshilfen für die Berichterstattung über Migration, Kriminalität und Minderheiten herausgebracht. Das sind sprachliche Minenfelder. (10.02.2017)

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Stay green

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Botschaft mit etwas lieblos und grob gebastelter Schablone, vermutlich aus Pappe, mehrfach gesprayt am Schimpfeck in Tübingen. Foto: St.-P.Ballstaedt (06.02.2017)

Schocknamen

Im Kampf gegen den Tabakkonsum wurden in Frankreich bereits Zigarettenschachteln verordnet, auf denen im mittleren Drittel ein Schockbild und im oberen Drittel ein Warnhinweis aufgedruckt ist, auf dem unteren Drittel darf in neutraler Schrift der Markenname stehen. Jetzt geht es auch den Markennamen an den Kragen. Das Gesundheitsministerium hat Zigaretten- und Zigarrennamen verboten, die glamourös klingen und positive Konnotationen der Feminität, Maskulinität oder Eleganz auslösen können: Vogue, Fine, Allure, Corset, Paradiso. Ausnahme: Die Kultmarken Gauloises (Gallier) und Citanes (Zigeunerinen) dürfen ihren Namen behalten. Zu den Schockbildern kommen vielleicht bald noch Schocknamen. Hier ein paar Vorschläge für deutsche Marken. Zigaretten: Fumaroli, Sargnagel, Karzino, Sklerosis, Infarkto, Nicotini, Stent, Benzolo. Zigarren: Stinkadores, Bronchos. Zwar bin ich Nichtraucher, aber diese bevormundende schwarze Pädagogik geht mir zu weit. Wie sehen bald Produkte aus, in denen Alkohol, Zucker, Fette, Glutamat usw. enthalten sind? (05.02.2017)

Hallo Schatz,

das Meeting dauert noch… Advertising Postcard aus dem Jahre 2002 für das Klapphandy GD87 von Panasonic (03.02.2017)

Advertisung PostCard

Ein schönes Beispiel für die kommunikative Funktion des gewählten Bildausschnitts. Scan: St.-P. Ballstaedt

Winter des Lebens

Der Herbst des Lebens ist eine in Gedichten, Sprüchen und Reden oft benutzte Metapher für das Alter. Der Herbst steht hier für die Ernte nach einem erfüllten Dasein. Auf Fotos sieht man dazu alte Menschen an einem goldenen Herbsttag auf Parkbänken sitzen oder am Stock durch das Laub schreiten. Aber nach dem Herbst kommt der Winter: Warum gibt es keinen Winter des Lebens? Hier erstirbt und erstarrt die Natur, es ist neblig und kalt. In den bildlichen Allegorien des Winters sind oft alte Männer oder Greise abgebildet, sie sich über einem Feuer oder glühenden Kohlen die Hände wärmen. Das Wort „Greis“ ist aus dem mittelhochdeutschen gris = grau abgeleitet. Der Greis oder die Greisin sind an Haaren und Haut grau geworden. Den beliebten Vergleich der Jahreszeiten mit den Lebensaltern beendet man lieber im Herbst und lässt den Winter des Lebens aus. (01.02.2017)

Giuseppe_Nogari_Allegorie_Winter

Giuseppe Nogari: Allegorie des Winters, 1766. Dieser Greis kann sich an Körper und Kopf mit Fellen wärmen, aber nach erfülltem Leben sieht er nicht aus. Quelle: Wikimedia Commons.

Arschig

Heute in der Buchhandlung vor den Regalen mit Neuerscheinungen fallen mir mehrere Titel mit deftigem Vokabular auf, vor allem im Bereich der Lebenshilfe:

Alexandra Reinwarth: Am Arsch vorbei geht auch ein Weg. 2016
Tommy Jaud: Sean Brummel: Einen Scheiß muss ich. 2016
Anna Kraft/Erik Jäger: Ein Arsch – ein Ziel: meine Challenge. 2017
Gitte Härter: 30 Minuten Arschlöcher zähmen. 2012
Horst Lichter: Keine Zeit für Arschlöcher:…hör auf dein Herz. 2016

Von Horst Lichter erwartet man keinen anderen Titel, aber auch viele Romanautoren und –autorinnen haben anales Vokabular als Mittel der Aufmerksamkeitserregung entdeckt:

Jutta Sein: Arsch auf Augenhöhe. 2016
Christian Bauer: Ein nackter Arsch: Robert Simareks erster Fall. 2016
Frank Pape: Gott, du kannst ein Arsch sein. Stefanies letzte 296 Tage. 2016
Kerstin Hohlfeld/Leif Lasse Andersson: Ich heirate einen Arsch. 2014

Mal sehen, welcher Körperteil in die Buchtitel aufrückt, wenn der Arsch abgegriffen, um nicht zu sagen abgewischt ist. (28.01.2017)

Grundwerte

Werte

Über Grundwerte wird derzeit viel verlautet, hier hat jemand als Memo viele positive Wörter auf einem Aufkleber untergebracht, deutlich mit christlicher Schlagseite. Fundstelle: Tübingen, Mohlstraße. Foto: St.-P. Ballstaedt (25.01.2017)

Historischer Humor 6

Auch das Lachen hat seine historischen Bedingungen, dazu habe ich schon einige Beispiele geliefert. Im zweiten Witzbuch von Hellmuth Karasek „Das find ich aber gar nicht komisch. Geschichte in Witzen und Geschichten über Witze“ finden man viele Beispiele, dass Witze „ihre Entstehungszeit und ihr Verfallsdatum“ haben (S. 17). Dazu ein Kalauer, den Karasek berichtet:

Was entsteht, wenn ein Gebiss in einen Teller Spaghetti fällt?
Antwort: Zahnpasta

Dieser Witz verrät etwas über seine Entstehungszeit: Es gibt noch Zahnersatz, der nicht so recht haftet, und das Verstehen des Witzes setzt eine Kenntnis der italienischen Küche voraus. Die mediterane Küche ist seit dem Anwerbeabkommen 1955 mit den italienischen Gastarbeitern nach Deutschland eingewandert, der Aufschwung der Implantate lässt sich auf Ende der 1980er Jahre festlegen: Also der Witz wird wohl zwischen 1960 bis 1980 entstanden sein. Es gibt eine Archäologie des Witzes! (22.01.2017)