Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Hotter than hell

Im Rathaus Tübingen ist eine unscheinbare, aber wichtige Ausstellung von Karikaturen ostafrikanischer Künstler (Kenia, Tansania, Äthiopien) zu sehen. Thema: der Klimawandel. Für mich ist es überraschend, dass in Afrika nicht nur Karikaturen, meist am Computer, gezeichnet werden, sondern dass sie sich dort großer Beliebtheit erfreuen und in Printmedien, im Fernsehen und in sozialen Netzwerken zu finden sind. Allerdings sind auch dort Karikaturisten bedroht, wenn sie sich mit der politischen Führung anlegen.

Das Thema Klimawandel ist natürlich brisant: Afrika trägt am wenigsten dazu bei, aber bekommt die Folgen durch Dürrekatastrophen am meisten zu spüren. Dementsprechend deutlich und eindrücklich sind auch die Karikaturen. (16.07.2017)

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Zehn Banner mit 31 Karikaturen hängen im Foyer, man sollte einen Blick darauf werfen. Kuratiert hat die Ausstellung der kenianische Karikaturist Victor Ndula, Träger ist der “Verein zur Förderung von Bildung und Publizistik zu Umwelt und Entwicklung e. V. – Solidarisch Leben lernen“. Foto: St.-P. Ballstaedt

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YPZ ?

YPZ

Graffito am alten Pissoir am Alten Botanischen Garten in Tübingen. Foto: St.-P. Ballstaedt (09.07.2017)

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Hirn und Handy

Handy

Stencil in Tübingen an einer Hauswand in der Brunnenstraße. Foto: St.-P. Ballstaedt (07.07.2017)

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💋 Kussecht

Heute ist der Internationale Tag des Kusses. Der klassische Mundkuss als Berührung der Mundschleimhäute wird von manchen Ethologen auf das Füttern von Mund zu Mund zurückgeführt, was bei vielen Tieren, aber auch einigen Naturvölkern üblich ist. Diese Form der nonverbalen Kommunikation ist bei weitem nicht in allen, aber in vielen Kulturen in verschiedenen Varianten verbreitet: vom Nippen bis zum Zungenkuss, Spitzkuss, Luftkuss, Nasenkuss, Handkuss, Intimkuss, Schmerzkuss usw.

Dier kommunikative Bedeutung reicht von Verehrung, freundschaftlicher Begrüßung und Verabschiedung bis zur erotischen Zärtlichkeit und sexuellen Stimulation. Da der Mundkuss eine persönliche Intimität voraussetzt, ist er bei Prostituierten unerwünscht. Seine Bewertung ist kulturell sehr unterschiedlich, in etlichen Kulturen stellt er an der Öffentlichkeit einen Tabubruch dar, in der BRD wird das Küssen von Schwulen von vielen Zeitgenossen als peinlich bis anstößig empfunden.

In einem Knutschexperiment haben Mikrobiologen festgestellt, dass beim Küssen Millionen von Bakterien übertragen werden, die meisten sind harmlos außer Bakterien für Herpes, Pfeiffer-Drüsenfieber und Hepatitis B. HIV wird nicht übertragen! Gesundheitlich ist der Kuss meist sogar förderlich, da er durch Schlagbeschleunigung das Herz stärkt und das Immunsystem ankurbelt.

Wer den Internationale Tag des Kusses zu einem Überraschungskuss nutzen möchte, der sei gewarnt: Er kann strafrechtlich nach § 177 Abs. 1 Nr. 3 StGB als sexuelle Nötigung bzw. Vergewaltigung geahndet werden. (06.06.2017)  😘

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Scharf und groß

Am 29. Juni 2017 hat der Rat für deutsche Rechtschreibung einen neuen Buchstaben zur Welt gebracht: das Große ß oder das große scharfe ß oder das große Eszett. So sieht der Kleine bzw. Große in der Schriftart Linux Libertine aus:

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Das weicht optisch nicht sehr vom üblichen ß ab. Der Kleinbuchstabe für den stimmlosen s-Laut [s] entstand aus einer Ligatur aus s und z. Bei der Einführung des Buchdrucks wurden Druckschriften aus den damals geläufigen gebrochenen Schriften geschaffen, für die häufig auftretende Buchstabenkombination aus langem ſ und z mit Unterschlinge (ſʒ) wurde eine Ligatur-Letter geschnitten. Im heutigen standardisierten Gebrauch umfasst das deutsche Alphabet die 26 Grundbuchstaben des lateinischen Alphabets, die drei Umlaute (ä, ö, ü) sowie das Eszett (ß).

Da es im Deutschen kein ß als Wortanfang gibt, ist eine großes ß nur bei Druckschrift (Versalien, Kapitälchen) notwendig. Wer den Familiennamen Geißler trägt, möchte nicht unter einem Grabstein mit eingemeißeltem GEISSLER liegen. Zudem erweckt die Kombination SS im Deutschen keine guten Assoziationen (03.07.2017).

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Fotzköpfe

Jena

Gefunden von meinem Street-Scout in Jena (zum Vergrößern ins Blick klicken). Foto: Wolfgang Scherer (26.06.2017)

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Abtauchen

Abtauchen

Kontextbezogenes Graffito in der Fischerau in Freiburg im Breisgau. Foto: St.-P. Ballstaedt (22.06.2017)

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Lektüre zum Unbewussten

Philipp Hübl (2017). Der Untergrund des Denkens. Eine Philosophie des Unbewussten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Welche unbewussten Bedingungen beeinflussen unsere Entscheidungen und Handlungen? Da werden viele Möglichkeiten diskutiert: verdrängte unbewusste Wünsche, unterschwellige Wahrnehmungen, angeborene oder erworbene Präferenzen, sprachliche Verhexungen, diverse Selbsttäuschungen (z. B. In Autobiografien), intuitive Prozesse, neuronale Determinismen. Gegen alle zieht der theoretische Philosoph Philipp Hübl zu Felde, um das klassische Konzept einer selbstbestimmten und vernünftigen Person zu retten. Viel Feind, viel Ehr.

Er fasst seine Diagnose selbst prägnant zusammen: „Erstens entpuppen sich die meisten Thesen von der Macht des Unbewussten als maßlose Übertreibungen. Zweitens machen uns die wenigen unbewussten Einflüsse nicht zwingend hilflos oder unvernünftig. Und drittens zeichnet uns Menschen die kritische Vernunft aus, die wir bewusst einsetzen und durch Training verbessern können, um uns gegen Einfluss zu schützen.“ (S. 9) Also Entwarnung: Wir bleiben Herr im Haus, wir können frei entscheiden, wir besitzen Vernunft und Verstand. Natürlich gibt es Einschränkungen, die sind aber grundsätzlich überwindbar.

Um seine Thesen zu belegen, nimmt sich Hübl zahlreiche psychologische und neurowissenschaftliche Untersuchungen vor. Das philosophische Instrumentarium, das er zur Evaluation der Forschung anführt, ist allerdings in keinem Punkt neu: klare Begriffe, saubere Operationalisierung, Falsifizierung, vorsichtige Verallgemeinerung. Besonders der Sozial-  und Neurowissenschaft tut eine derartig kritische Instanz sicher gut, da manche Forscher mit empirischen Schnellschüssen die Medien erobern. Dagegen setzt Hübl eine kritische Philosophie: „Philosophen sind in begrifflicher Genauigkeit, im logischen Schließen und im Argumentieren geschult“ (S.24), Wer allerdings die Philosophie als eine Korrekturinstanz der empirischen Wissenschaften etabliert, sollte nicht verschweigen, dass auch eine umgekehrte Kontrolle sinnvoll ist: Befunde der empirischen Wissenschaften haben schon manch abstruse philosophisches Spekulation widerlegt.

Die Bemühung um klare Begriffe ist verdienstvoll, Hübl unterscheidet bewusstlose, nichtbewusste, unbewusste, unterschwellige, bewusste und aufmerksame Prozesse, vor allem die Präzisierung der Beziehungen von Bewusstsein und Aufmerksamkeit ist überzeugend. Dabei kritisiert der Philosoph aber die Forschung nicht, sondern übernimmt viele Erkenntnisse der kognitiven Psychologie. Die These: Veränderungen im Bewusstsein entsprechen immer Veränderungen in den Hirnprozessen, aber Veränderungen in Hirnprozessen nicht unbedingt Veränderungen im Bewusstsein. Dabei verursachen die Hirnprozesse aber nicht das Bewusstsein! Diese parallele Abhängigkeit wird als Supervenienz oder Emergenz bezeichnet, aber wie der qualitative Sprung von neuronalen Prozessen zu phänomenalen Erlebnissen zustande kommt, ist bisher ein Rätsel. Es ist mutig, dass Hübl sich zur „Keiner-hat-eine-Ahnung-Position“ bekennt und das Problem des Bewusstseins als „das größte Rätsel der Menschheit“ bezeichnet (S. 85).

Hübl hat kein akademisches Philosophiebuch geschrieben, sondern formuliert alltagssprachlich weitgehend ohne Fachjargon und belegt seine Hypothesen oft mit alltäglichen Beispielen. Seine Argumentation ist klar gegliedert und nachvollziehbar. Allerdings verführt die flotte Schreibe auch dazu, über manche Aussage hinwegzulesen. Da wird zu, Beispiel unter der Überschrift „Der letzte macht das Ich aus“ gegen die Ansicht argumentiert, dass das Selbst keinen festen Ort im Gehirn hat, an dem es konstruiert wird: „[…] diese These ist doppelt vorschnell, denn erstens konstruiert das Hirn ohnehin nichts, und zweitens spricht das Unvermögen, ein Hirnareal eindeutig als Sitz des „Selbst“ zu identifizieren, noch nicht gegen dessen Existenz.“ (S. 193). Dem zweiten Argument kann man zustimmen, aber auch dem ersten? Das Gehirn konstruiert nichts? Im Gegenteil: Das Gehirn konstruiert alles! Jede Wahrnehmung ist eine Konstruktion aufgrund sensorische Daten und warum sollte nicht auch das mysteriöse Selbst oder Ich eine nützliche mentale Konstruktion sein.

Insgesamt ist der Husarenritt für die kritische Vernunft sympathisch, aber es wirkt doch etwas hemdsärmelig, wenn der Autor nach seiner Diagnose verkündet, „dass wir so weiter leben können wie bisher.“ (S. 9). Tatsächlich? Das Handeln vieler Menschen ist durch irrationale und spekulative Theorien, durch Ängste und Vorurteile mitbestimmt. Die lebenspraktischen Tipps, wie man der kritischen Vernunft durch Training der Selbstbeherrschung und Konzentration zum Durchbruch verhelfen kann, sind dann doch etwas dürftig und offenbar nicht sehr wirksam. Zum Schluss kommen noch Kreativität und Kunst durch „kontrollierten Kontrollverlust“ zu ihrem Recht.

Fachphilosophen werden die Nase rümpfen, denn das Buch kann man auch im Liegestuhl oder Strandkorb lesen: Es ist anregend und provokant. Aber man sollte dabei den Rat des Autors befolgen und bei der Lektüre die kritische Vernunft trainieren: Gerade schwache Argumente sind besonders forsch formuliert. (21.06.2017)

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Kinderhände

Gerd-Edeltraud

Gerd & Edeltraud: Die nächste Generation an Streetart-Künstlern wächst heran (zum Vergrößern ins Bild klicken). Foto: St.-P. Ballstaedt (14.06.2017)

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Brüderle

Rainer Brüderle (FDP) hat 2013 durch die Evaluation des Dekolletees der Journalistin Laura Himmelreich eine Sexismusdebatte ausgelöst, seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört. (07.06.2017)

Bruederle

Wenig feinsinniges Stencil aus Freiburg/Br. in der Studentensiedlung am Flückigersee. Foto: Wolfgang Scherer

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