Of all affairs,
communication is the most wonderful.

John Dewey

 

Willkommen!

Mein Blog beschreibt, analysiert und bewertet Phänomene unserer Kommunikationskultur. Er soll die Augen und die Ohren für unsere sprachliche und visuelle Umwelt schärfen. Für mich ist er eine zwanglose Spielwiese für zufällige Entdeckungen und anfallende Gedanken. Man kann meinen Blog abonnieren.

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Infinite Semiose

Magritte malt das Bild einer Pfeife und schreibt darunter „This is not a pipe“. Diese Pfeife kann man nämlich nicht stopfen und rauchen, sondern nur ansehen, sie ist ein ikonisches Zeichen. Mein Foto des Bildes aus der Ausstellung in der Schirn ist wiederum ein indexalisches Zeichen, das reflektierte Lichtstrahlen in meinem Smartphone erzeugt haben.

Wer mein Foto gerade auf einem Monitor anschaut, der sieht eine Abbildung einer Abbildung. Und was ist eigentlich die Datei in meinem Smartphone, in der die Pixel als Repräsentation des Bildes gespeichert sind und wieder abgerufen werden können? Die Wahrnehmungen aller Reproduktionen der Pfeife sind visuelle Konstruktionen in einem neuronalen Netz, das Bild im Gehirn wird in die Wirklichkeit herausprojiziert. (24.03.2017)

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Grundkurs Semiotik: Die Abbildung einer Abbildung usw. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Albtrauf

Über nichts wird so gern und heftig gestritten wie um Logos. Die Stadt Mössingen hatte 25 Jahre lang ein verspieltes Logo mit einer Serifenschrift und einem schematisierten Blümchen (Blumenstadt!). Jetzt hat die Stadtverwaltung ein neues Logo in Auftrag gegeben. Es wurde von einer örtlichen Agentur nach Regeln des modernen Designs entwickelt. Dazu wurden identitätsstiftende Merkmale und Werte gesammelt, die dann in die Gestaltung eingeflossen sind: Lebendigkeit, Offenheit, Selbstbewusstsein. Schöne Eigenschaften, die aber sicher jede Stadt für sich reklamieren würde. Herausgekommen ist ein schlichtes rotes Quadrat, das von zwei parallel geschwungenen Linien durchtrennt wird. Das Selbstbewusstsein symbolisiert das kantige Quadrat (Quadratschädel!), die Offenheit der offene Durchbruch, die Lebendigkeit das Rot der Linien. Zudem fanden landschaftliche Merkmale Berücksichtigung: die Steinlach und der Albtrauf, beide fassen die parallelen Linien visuell zusammen. Die Steinlach als schematisierten Fluss kann man nachvollziehen, er fließt auch als Element im Stadtwappen von links unten noch rechts oben (Fortschritt!). Aber der Albtrauf? Als Trauf wird der Steilabfall der Schwäbischen Alb bezeichnet, im Logo sieht man aber höchstens einen Berghang. In das Design sind also viele Gedanken eingeflossen, jetzt wird darüber kontrovers diskutiert. (14.03.2017)

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Stadtwappen, altes Logo, neues Logo: Quellen: Wikimedia Commons; http://www.moessingen.de

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Schematisierung

Wenn Firmen ihr Image modernisieren, dann bedeutet das oft, dass vorhandene Abbilder und Logos schematisch vereinfacht werden. Ein Beispiel ist das Etikett des Tannenzäpfle der Badischen Staatsbrauerei Rothaus, ein Pils, das Kultstatus erreicht hat. Die ursprüngliche Schwärzwälderin in Tracht vor der Waldkulisse wird auf den modernen Flaschenetiketten kubistisch stilisiert, wobei der Gesamteindruck sich erstaunlicherweise kaum ändert.

Ein anderes Beispiel ist der Froschkönig von Erdal, der Firma für Pflegeprodukte: Seit 1903 ein realistischer grüner Wasserfrosch, der später rot eingefärbt wird und seit 1971 als schematisierter Frosch das Logo ziert. Warum überhaupt ein Frosch? Drei Argumente werden genannt: 1. Der Frosch hat eine Haut, die ihn vor Feuchtigkeit schützt (wie Erdal-Creme die Schuhe). 2. Hätten Schuhe Augen, so würden sie die Welt aus der Froschperspektive wahrnehmen. 3. Das adlige Attribut der Krone soll eine verkaufsfördernde Wirkung haben. Früherer Slogan: „Im Privatgebrauch an Fürstenhöfen“. (17.03.2017)

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Vom Realbild zum Schemabild. Quellen: St.-P. Ballstaedt; www.reklameschilder.com; Wikimedia Commons.

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Dreckige Fantasien

In einer Beilage der Frankfurter Rundschau vom 8.3.2017 zum Internationalen Frauentag schreibt Bascha Mika über den Status quo der Frauenemanzipation. Da darf Mister President mit seinem Beitrag nicht fehlen: „Trump konnte beweisen, dass ein Mann, der seine dreckigen Fantasien auslebt und propagiert, ein Gewinner ist.“ Trump ist frauenverachtend, sexistisch, machistisch, herrschsüchtig, narzisstisch usw. Aber ist die Vorstellung, eine Frau am Geschlecht zu berühren dreckig? Man sollte diese Fantasie nicht hinausposaunen oder gar umsetzen, aber ist sie „dreckig“? Im folgenden Artikel erinnert Siri Hustvedt an den männlichen Mythos der unreinen Frau, die als schmutzig, unrein und befleckt gilt.

Es gibt nicht nur Männerfantasien, sondern auch Frauenfantasien, wie ich aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen erfahren habe, z.B. aus dem Jahrbuch der Erotik „Mein heimliches Auge“ (hg. von Claudia Gehrke),  das vor allem der weiblichen Erfahrung von Sexualität Raum gibt. Schon als Student habe ich 1979 einen Sammelband „Wo die Nacht den Tag umarmt“ (hg. von Gudula Lorez) mit erotischen Fantasien und Geschichten von Frauen gelesen. Die Fantasien sind teilweise herzhaft, aber als „dreckig“ würde ich sie nie bezeichnen. (15.03.2017)

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Betonmusik

Betonmusik

Wieder einmal ein Stencil, mit Auslassungen durchaus anspruchsvoll geschnitten. Fundort: eine der scheußlichen Betonwände in Tübingen, Waldhäuser-Ost. Foto: St.-P. Ballstaedt (12.03.2017)

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Fleisch

Tabubruch ist noch immer eine perfekte Strategie zur Erregung von Aufmerksamkeit. Zwei aktuelle Beispiele:

Die Netflix-Serie „Santa Clarita Diet“ über eine Hausfrau, die sich in einen kannibalischen Zombie verwandelt, hat mit Plakaten geworben, die nach wenigen Tagen aus dem öffentlichen Raum entfernt werden mussten.

Dasselbe gibt für die neue Kampagne von Yves Saint Laurent, dessen Soft-Porno-Plakate in Paris die Gemüter bewegen und erregen. Auch sie werden verschwinden müssen. Das ist nicht die erste Kampagne dieser Art, vor ein paar Jahren wurden Gruppensex-Fotos als anstößig empfunden .

Das Schöne an den Kampagnen: Ist erst einmal Aufsehen erregt, dann kann das Plakat ruhig verschwinden, über die Marke oder das Produkt wird wieder berichtet und gesprochen. (09.03.2017)

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Yves Saint Laurent/ Instagram

Tabubrüche: Kannibalismus und Genitalpräsentation bei Primaten. Quellen: Netflix und Saint Laurent/Instagram

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Abschlusskugeln

Als Bestandteil der visuellen und taktilen Umgebung wird der Abschlusskugel bisher wenig Beachtung geschenkt. Ein runder Abschluss aus Edelstahl oder Holz an Zäunen, Treppengeländern, Gardinenstangen, Kleiderhaken, Pfosten. Keine Kanten und Grate mit Verletzungsgefahr, sondern ein runder Handschmeichler. Die martialische Variante sind Spitzen, die Speeren und anderen Stichwaffen nachempfunden sind. (04.03.2017)
Abschlusskugeln

Ein Sortiment von Gardinenstangen mit Abschlusskugeln. Quelle: Produktfoto auf www.ebay.de.

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Intermedial

Aus dem Schauspiel-Repertoire des Staatstheaters Stuttgart 1916/17:

Das Fest (nach dem Film von Thomas Vinterberg)
Das kalte Herz (nach einer Erzählung von Wilhelm Hauff)
Die Leiden des jungen Werther (nach dem Briefroman von Goethe)
Herbstsonate (nach dem Film von Ingmar Bergman)
Pfisters Mühle (nach dem Roman von Wilhelm Raabe)
Pünktchen und Anton (nach dem Roman von Erich Kästner)
Ronja Räubertochter (nach dem Buch von Astrid Lindgren)
Tote Seelen (nach dem Roman von Nikolai Gogol)
Tschewengur (nach dem Roman von Andrej Platonov)
Die Marquise von O./Drachenblut (nach Novellen von Heinrich von Kleist)
Der Hals der Giraffe (nach dem Roman von Judith Schalansky)
Fräulein Else (nach der Erzählung von Arthur Schnitzler)
Fräulein Smillas Gespür für Schnee (nach dem Roman von Peter Høeg)
Unterm Rad (nach der Erzählung von Hermann Hesse)
Das Stuttgarter Hutzelmännlein (nach dem Märchen von Eduard Mörike)
Ehen in Philippsburg (nach dem Roman von Martin Walser)

Aus dem Repertoire des Landestheaters Tübingen LTT 15/16/17:

Abgesoffen (nach dem Roman von Carlos Eugenio López)
Bilder deiner großen Liebe (nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf)
Demian (nach dem Roman von Hermann Hesse)
Soul Kitchen (nach dem Film von Fatih Akin)
Herz der Finsternis (nach dem Roman von Joseph Conrad)
Szenen einer Ehe (nach dem Film von Ingmar Bergman)
Angerichtet (nach dem Roman von Herman Koch)
Schuld und Sühne (nach dem Roman von Fjodor Dostojewski)
Wie im Himmel (nach dem Film von Kay Pollak)
Der Sandmann (nach dem Schauermärchen von E.T.A. Hoffmann)
Ruf der Wildnis (nach dem Roman von Jack London)
Tschick (nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf)

Fällt etwas auf? Warum so viele Adaptionen von Romanen und Filmen auf der Bühne?
Es gibt offenbar viele Regisseure und Dramaturgen/Regisseurinnen und Dramaturginnen, die zwar kein eigenes Stück schreiben können, aber doch gern als Ko-Autoren die Ideen anderer ausnutzen. Der Transfer von einem Medium in ein anderes ist sicher reizvoll und das Ergebnis muss nicht schlecht sein. Aber bleibt da nicht das Theaterrepertoire auf der Strecke? Gibt es keine aktuellen Theaterstücke mehr? (27.02.2017)

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Brillennazi

In der Volksschule erkannte meine Lehrerin bald, dass ich die Tafelanschriebe nicht lesen konnte und deshalb musste ich wegen Kurzsichtigkeit eine Brille tragen, im zarten Alter von sieben Jahren damals (1953) selten. Das Angebot an Brillen für Kinder war spärlich und die Modelle waren sicher von keinem Modedesigner entworfen (AOK-Brille). Mit den Augengläsern in einem Metallgestell sah ich irgendwie lächerlich aus, deshalb werde ich mit einem Schimpfwort gehänselt: Brillen-Nazi. Das Wort habe ich nie vergessen, aber sein Sinn blieb mir verborgen. Ich vermutete ein Kompositum mit der abwertenden Bezeichnung für einen Nationalsozialisten.

Heute weiß ich es besser: „Nazi“ ist ursprünglich eine Koseform des Vornamens Ignaz (lat. Ignatius = der Feurige) der in Bayern und Österreich verbreitet war. Abwertend gebraucht wird das Wort für eine einfältige, törichte Person, so auch einen dummen Brillenträger. Die Bezeichnung „Brillennazi“ wird auch für jemanden benutzt, der selbst Brillen nicht ausstehen kann und deshalb eher Kontaktlinsen trägt: „Ich bin ein richtiger Brillennazi.“ (25.02.2017)

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Fasnet

Fasnacht

Kindlich oder kindisch? Malerei in der Clinicumsgasse in Tübingen. Foto: St.-P. Ballstaedt (24.02.2017)

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