Author Archive | SP Ballstaedt

Orientierung

Es passiert mir immer wieder, dass ich bei einem oft gebrauchten Wort plötzlich stutze und mich die Herkunft interessiert. So fiel mir jetzt beim Wort „Orientierung“ auf, dass das Wort „Orient“ darin steckt. Wie das?

Lateinisch „oriens“ ist ein Partizip des Verbs „orior“ = „sich erheben, aufgehen“ und bezeichnet den Osten, wo  – von Rom aus gesehen – die Sonne aufgeht. Später Übertragung auf die Länder im Osten im Gegensatz zum Okzident.

In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts gibt es das französische Verb „orienter“ = „sich nach dem Aufgang der Sonne, dann nach den Himmelsrichtungen ausrichten“. Der Begriff wird ausgeweitet auf die Suche nach einer Richtung im geografischen Raum, später auch im mentalen Raum. Man kann sich auch geistig orientieren. (29.11.2021)

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Brustwarzen

Warum ist das Zeigen weiblicher Brustwarzen, eines doch sehr nützlichen Organs,  in den USA ein visuelles Tabu?

Wir erinnern uns an Nipple-Gate: Am 1.2.2004 sah in einer durchaus anzüglichen Liveshow die Choreografie vor, dass Justin Timberlake die schwarze Korsage von Janet Jackson wegreißen sollte. Er ergriff zu herzhaft zu, erwischte auch den Büstenhalter und entblößte die rechte Brust. Die Brustwarze war mit einem sonnenartigen Nippleshield gepierct, also optisch für einen Auftritt vorbereitet. Trotzdem führt das zu einem Skandal. Bei der Federal Communications Commission beschwerten sich mehr als eine halbe Million Menschen über die unanständige Enthüllung. Die Bußgelder für unsittliche Inhalte wurden daraufhin erhöht, Liveshows nur noch zeitverzögert ausgestrahlt.

Jetzt hat Madonna auf Instagram eine Fotostrecke veröffentlicht, in der sie sich in Unterwäsche lasziv auf, vor und unter einem Bett räkelt, darüber schwebt an der Wand ein barocker Putto. Die Plattform hat die Bilder gelöscht und erst freigegeben, nachdem die Brustwarzen von Madonna mit Herz-Emojis überdeckt wurden. Die Sängerin kommentiert: „Ich finde es immer noch erstaunlich, dass wir in einer Kultur leben, die es zu lässt, dass jeder Zentimeter des weiblichen Körpers gezeigt wird, außer der Brustwarze.“ (28.11.2021)

Männliche Brustwarzen sind  kein Objekt der Begierde, sie dürfen freizügig gezeigt werden. Foto: Wikimedia Commons.

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Ihrzen, Erzen, Siezen, Duzen

Ein Bereich, auf dem sich sprachliche Veränderungen vollziehen ist die pronominale Anredeform im Deutschen. Sie hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder geänderte (dazu ein Wikipedia-Artikel). Im 12. Jahrhundert wurde in Anlehnung an das Französische in höheren Kreisen geihrzt: „Habt Ihr den Brief erhalten, gnädiger Herr?“ Neben Duzen und Siezen gab es im 17. Und 18. Jahrhundert auch das Erzen, die Anrede mit Er bei Untergebenen und Standesniederen: „Hat er denn keinen Mumm in den Knochen!“

Im 20. Jahrhundert war es im deutschen Sprachraum üblich, nur Familienangehörige, Verwandte und enge Freunde zu duzen. Mit der 68er-Bewegung wurde das Duzen unter Studiereden und auch mit progressiven Dozenten üblich. Ich habe mich mit den Studierenden grundsätzlich gesiezt. Ein Kollege sprach die Studierenden mit Vornamen und Du an, wollte aber selbst mit Sie angesprochen werden, eine demonstrative sprachliche Distinktion. Mir wäre es unmöglich vorgekommen, einen Studenten in der Prüfung zu duzen und ihm dann mitzuteilen: „Karl, du bist leider in der Klausur durchgefallen.“ Mit dem Du wird eine vorhandene soziale Asymmetrie verschleiert.

Derzeit lässt sich beobachten, dass das Siezen auf vielen Feldern abgeschafft wird. Z.B. werden wir in der Werbung oft mit Du angesprochen: „Diese Zeit gehört dir“ (Deutsche Bahn) oder „Entdecke wie verlockend Ordnung sein kann“ (Ikea). Mein Weinhändler schreibt zu einem Prospekt: “Anbei schicke ich euch die aktuelle Weinkarte.” Ich empfinde das als anbiedernd und aufdringlich. In Social Media wird fast durchgängig geduzt, Xing präsentiert „Deine Woche, kurz zusammengefasst“.

In der Schweiz geht man mit dem Du freier um. An Hochschulen duzen sich auch die Dozenten und Assistenten. In Schweizer Firmen wurde ich bei der Anmeldung gleich darauf hingewiesen, dass sich alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen duzen, wenn ich das nicht wolle, solle ich das angeben. Da ich kein Außenseiter sein wollte, stimmte ich zu: „Ich bin der Steffen“, was mir aber immer befremdlich vorkam. In etlichen Firmen und Konzernen mit angelsächsischen Normen ist heute das Du üblich, um Gemeinschaft und Solidarität zu demonstrieren.

In den letzten zwei Jahrzehnten hat das spontane und ungefragte Duzen in vielen Kommunikationssituationen zugenommen, Vorbilder sind die englische und nordeuropäische Sprachen. Meine Ansicht: Das Du ist eine sprachliche Form, Abstand zu halten, das Anbieten des Du ist ein sozialer Akt der Wertschätzung, den ich nicht missen möchte. (27.11.2021)

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Unschöne Wörter

Charlotte Parnack, Ressortleiterin bei der ZEIT, hat einen launischen Beitrag über „Wörter aus der Hölle“ geschrieben, so ihre drastische Metapher. Dabei geht es schlicht um Wörter, die bei ihr offenbar unerfreuliche bis eklige Assoziationen, Vorstellungen und Emotionen auslösen. Dazu gehören „lecker“, „Höschen“,“ purzeln“. Nun können die Wortformen nichts dafür, was sie in einem neuronalen Netzwerk im Gehirn auslösen, außer vielleicht lautmalerische Wörter wie „knarren“, „wehen“, „Furz“. Unschöne Wörter kommen nicht aus der Hölle, sondern aus der Geschichte des jeweiligen Sprachgebrauchs.

Wiglaf Droste und Gerhard Henschel haben früher In der Satirezeitschrift titanic Listen ekliger Wörter zusammengestellt: „Drüsennässe“, „Gewebeprobe“, „Grindgabel“, „Standardstützstrumpf“, „Vaginalzäpfchen“. Bei diesen Ausdrücken ist der Assoziationshof offensichtlich. Eines meiner unappetitlichen Wörter ist tatsächlich „nässen“. (18.11.2021)

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Gedenken

Gleich wenn man den Bahnhof von Krems an der Donau verlässt, fallen sie auf den Gehwegen auf: Weiße Teppiche, die mit Schablonen und Leimfarbe aufgetragen sind. Ein Projekt im öffentlichen Raum der Künstlerin Iris Andraschek, mit dem an das Schicksal von 105 Jüdinnen erinnert werden soll. Jeder Teppich ist anders gestaltet und „hineingewebt“ sind biografische Daten der Frauen, über ihre Flucht, Deportation, Ermordung. Das Projekt ist vergleichbar mit den  Stolpersteinen des Künstlers Gunter Demnig, die in Deutschland an das Schicksal von jüdischen Menschen erinnern sollen.

Die Stolpersteine werden bleiben, die Teppiche durch Witterungseinflüsse bald verblassen. Stolperstein: Wikimedia Commons, Teppich-Fotos: St.-P. Ballstaedt (14.11.2021)

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The Länd

Der Werbeslogan für Baden-Württemberg „Wir können alles außer Hochdeutsch“ hatte einen gewissen arroganten Charme und hat sich auch in den Köpfen eingeprägt. Jetzt soll er durch „Wir sind THE LÄND“ abgelöst werden. Es ist ja üblich, sprachliche Regeln zu verletzen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Lexikalische Regeln wie bei „ServicePoint“, „FleischQualität, oder „YouTube“; syntaktische Regeln beim Klassiker „Hier werden Sie geholfen, oder „Wir lieben Technik. Wir hassen teuer“ und „Mit Karte, ohne kompliziert“.

Mit „The Länd“ werden gleich zwei Sprachen verhunzt. Der neue Slogan soll Internationalität und Selbstbewusstsein transportieren. Dazu ein Blick von außen: Die Neue Züricher Zeitung schreibt zur „fatalen Werbekampagne“: „Eine unklare Zielgruppe wird betont humorig angesprochen, ohne negative Streueffekte zu berücksichtigen und ohne dem Prinzip der Verständlichkeit Genüge zu tun.“ Etwa 21 Millionen Euro soll die neue Imagekampagne oder „Dachmarkenkampagne“ gekostet haben, das könnte ein Fall für den Rechnungshof werden. (06.11.2021)

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Bildethik

Zugegeben, das folgende Buch habe ich mit dem Vorurteil zur Hand genommen, dass es jetzt nach der korrekten Sprache auch um korrekte Bilder geht, von denen sich niemand diffamiert oder in seiner Identität beeinträchtigt fühlt.

Christian Schicha: Bildethik. Grundlagen, Anwendungen, Bewertungen. München: UVK Verlag, 2021.

Das Vorurteil war unbegründet. Das Buch referiert unaufgeregt über visuelle Kommunikate, die rechtliche Vorgaben missachten oder ethische Normen verletzten. Wie der Untertitel ankündígt, wird das Thema in drei Abschnitten behandelt:

Grundlagen. Der einleitende Teil zur Bildtheorie bleibt recht oberflächlich, Ansätze zur Bildwissenschaft und zu Visual Culture Studies werden nur gestreift. Weder wird eine brauchbare Bildtypologie eingeführt, noch sind die Abschnitte über Bildwahrnehmung und Bildwirkung auf dem Stand der Forschung. Die normativen Aspekte der visuellen Kommunikation sind in juristische und ethische Verfehlungen aufgeteilt. Das gültige Bildrecht als Teil des Medienrechts wird mit seinen Sanktionsmöglichkeiten vorgestellt. Demgegenüber hat die Bildethik außer Rügen des Deutschen Presserats oder Werberats als Instanzen der Medienselbstkontrolle keine Sanktionsmöglichkeiten, sondern setzt auf Reflexion und Sensibilisierung. Das Verhältnis von Ethik, Moral und Recht bleibt dabei unklar, Ethik und Moral als Grundlagen des Rechts werden offenbar gleichgesetzt.

Anwendungen. Darunter werden konkrete Fälle verstanden, die juristische und ethische Probleme aufwerfen. Alle Bereiche der visuellen Kommunikation sind berücksichtigt: Dokumentar- und Kunstfotografie, Fotojournalismus, Kriegsberichterstattung, Politische Bilder, Werbung, Modefotografie, Satire und Karikatur usw. Man bekommt einen guten Überblick über derzeitige Problemfelder und Fallbeispiele, von den Folterfotos aus Abu-Ghuraib über anorektische Models und sexistische Werbung bis zu den Mohammed-Karikaturen. Das Kapitel 11 fällt dabei aus dem Rahmen, da es sich mit den Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung und den damit verbundenen Verfälschungen befasst, die alle Anwendungsfelder betreffen: Wahl von Perspektive und Ausschnitt, Retuschen, Einfügungen und Tilgung, Farbveränderungen, Montage usw.

Bewertungen. Hier werden die Anwendungsfelder einer bildethischen Evaluation unterzogen, eigentlich sind es Zusammenfassungen der vorangegangenen Kapitel, die wenig Neues bieten. Alle Bewertungen orientieren sich an der Beachtung der Menschwürde, der Maxime der Nichtschädigung und der Berücksichtigung des Persönlichkeitsschutzes. Dabei wird kein gültiger Kriterienkatalog angeboten, da die ethische Beurteilung eines Bildes vom jeweiligen Zeitraum, der jeweiligen Kultur mit ihren Werten und den kommunikativen Absichten im konkreten Einzelfall abhängt. Es werden Argumente zusammengetragen, die bei der Entscheidung helfen, ob ein Bild veröffentlicht werden soll oder man lieber darauf verzichtet. Nur ein Beispiel: Es gibt ein Foto aus dem Jahr 2005, das den abgerissenen Kopf einer jungen palästinensischen Selbstmordattentäterin zeigt, die sechs Menschen in den Tod gesprengt hat. In der Schweiz gab es eine Debatte, nachdem das Bild in einer Monatsbeilage der NZZ veröffentlicht wurde. Der Kommunikationswissenschaftler Peter Glotz verteidigte das Foto: „Wo hinter Bildern ein Sinnhorizont erkennbar wird, eine Anklage, eine These, rechtfertigt das Objektivitätsgebot auch härteste Bilder.“ Der Schweizer Presserat war anderer Meinung. Er sah den Respekt vor der Menschenwürde verletzt, der auch für eine Selbstmordattentäterin gilt. Zudem sollte man die Lesenden nicht mit Schockbildern überfallen, die letztlich nur eine „knallige Illustration“ darstellen (Peter Studer: Presseräte zu Bildern von Krieg und Gewalt. In zhwinfo: Die Macht der Bilder. Winterthur, ZHW, 2006, 13-16)

Es ist also stets eine Einzelfallprüfung erforderlich, die die Entwicklung einer „ethischen Kompetenz“ voraussetzt und keinesfalls zu eindeutigen Urteilen führen muss.

Das Buch endet mit einem Serviceteil, in dem Initiativen, Bücher, Aufsätze, Zeitschriften und Filmbeiträge vorgestellt werden, die sich mit normativen Fragen der visuellen Kommunikation befassen. Das Buch bietet damit einen hervorragenden Einstieg in das komplexe Thema.

Abschließend zwei Anmerkungen zur Buchproduktion: Im Text sind eine Unmenge teilweise sinnentstellender grammatikalischer Fehler stehen geblieben. Ein abschließendes Lektorat hat offenbar nicht stattgefunden oder war sehr oberflächlich. Ein weiteres Ärgernis sind ausgerechnet die Bilder, viele im Briefmarkenformat oder mit einer Auflösung, die weder Schriften noch Details erkennen lassen. (01.11.2021)

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Paste-Up

Paste-Ups als eine Form der Street-Art sind gezeichnete Bilder, die ausgeschnitten und auf Wände gekleistert werden. Diese schöne Beispiel habe ich in der Altstadt von Tübingen gefunden. Bedeutung wie so oft unklar. Foto: St.-P. Ballstaedt (27.10.2021)

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Trotzworte

In Tübingen beginnt heute eine „Queere Woche“, was mich veranlasst hat, dem Wort „queer“ nachzugehen, das eine ähnliche Geschichte wie „schwul“ hinter sich hat. Beide waren ursprünglich Schimpfworte vornehmlich für Homosexuelle, dann haben diese es mit positiven Konnotationen als Selbstbenennung übernommen. Geusenworte nennt man Worte mit einer derartigen Umdeutung. Geusen (niederländisch geuzen) nannten sich die niederländischen Freiheitskämpfer im Achtzigjährigen Krieg , nachdem sie vom spanischen Adel mit dem französischen Wort „gueux“ als Bettler beschimpft wurden. Eine treffende deutsche Bezeichnung für Geusenworte: Trotzworte.

Die Bezeichnung „queer“ wurde in den USA ursprünglich abwertend für Homosexuelle verwendet, später ausgeweitet auf alle Personen, die den heterosexuellen Normen nicht entsprechen. Seit Mitte der 90er Jahre wird „queer“ als positive Selbstbezeichnung verwendet. Das englische Wort stammt vermutlich vom Deutschen „quer“ ab, das wiederum auf das lateinische Verb „torquere“ zurückgeht, das „drehen, verdrehen“ bedeutet. Queere Personen liegen quer zu den herrschenden Normen. Der Etymologie entsprechend wird ein Stadtrundgang „Queer durch Tübingen“ angeboten.

Im Wortschatz Leipzig ist „queer“ im Wortgraphen inmitten diverser Lebensformen verankert. Screenshot: St.-P. Ballstaedt (22.10.2021)

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Symbolfoto

Immer häufiger sieht man in Zeitungsartikeln oder auf Websites sogenannten Symbolfotos, als Bebilderung zu einem Thema, das entweder sehr abstrakt ist oder zu dem man keine konkreten Fotos hat. Dann greift man zu einem Ersatzbild, das in einem losen Zusammenhang zum Thema steht. Beispiel: Ein Text über Wikipedia kann mit dem folgenden Symbolbild kombiniert werden. Quelle: Wikimedia Commons.

Warum das allerdings als Symbolbild bezeichnet wird, ist nicht verständlich, denn es zeigt ja konkrete Gegenstände, die keine symbolischen Zeichen darstellen. Ausdrucke und Stifte verweisen eher auf Print als auf ein Online-Medium,  den Kaffee konnte man als Symbol für geistige Tätigkeit aufassen. Es ist ein Ersatz- oder Verlegenheitsfoto. Um eine Verwechslung mit dokumentarischen Fotos zu vermeiden, müssen nach dem Pressekodex des Deutschen Presserats Symbolbilder als solche kenntlich gemacht werden. Das Symbolbild ist ein Produkt des Bebilderungszwangs in den modernen Medien. (19.10.2021)

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