Author Archive | SP Ballstaedt

Historischer Humor 12

Humor ist ein Ventil, um mit Stress und Frustration umzugehen, deshalb schießen Corona-Witze wie die Pilze aus dem Boden. Für Witze allerdings ein schwieriges Thema, wenn man niemanden verletzen will, deshalb sind Kabarettisten, Komiker und Comedians bisher eher vorsichtig.

1679 wütete in Wien in die Pest und damals war ein Bänkelsänger und Sackpfeifer sehr beliebt: der liebe Augustin. Er dichtete und sang respektlose Lieder und eines ist bis heute bekannt: „O du lieber Augustin“. Ob es wirklich auf ihn zurückgeht ist unklar, aber die Pest ist der Anlass für die Verse:

Jeder Tag war ein Fest,
Und was jetzt? Pest, die Pest!
Nur ein groß‘ Leichenfest,
Das ist der Rest.

Augustin, Augustin,
Leg`nur ins Grab dich hin!
O du lieber Augustin,
Alles ist hin!

Eine Geschichte ist überliefert. Nach einer Kneipentour schlief Augustin seinen Rausch in der Gosse aus. Dort wurde er von Siech-Knechten gefunden, die Opfer der Pest einsammelten. Sie hielten ich für tot, karrten ihn vor die Stadt, kippten die Schnapsleiche in ein Massengrab und streuen Kalk darüber. Am folgenden Tag erwachte Augustin und begann zwischen den Leichen zu singen und zu pfeifen, bis er aus der Grube gezogen wurde. Er überlebte und verabeitete das Erlebnis in diesem Lied. Der Kerl hatte sicher Humor. (30.11.2020)

Die erste Strophe des Volkslieds in Josef Pommers „Liederbuch für die Deutschen in Österreich“ (1905). Quelle. Wikimedia Commons.

0

Kontaktfasten

Wegen Covid-19 sollen Kontakte möglichst eingeschränkt werden, und in diesem Zusammenhang habe ich heute erstmals das Wort „Kontaktfasten“ gelesen. Es wurde von Frau Margot Käßmann gebraucht, aber offenbar gibt es das Wort bereits in anderen Zusammenhängen. So lese ich über den Aufenthalt in einer Fachklinik für Psychosomatik und Psychotherapie:

„Es gelten Fastenvereinbarungen in der […] Klinik, d.h. es sind keine üblichen, süchtig machenden Stoffe oder Ablenkungen erlaubt. Es wird u.a. gefastet von Fernsehen, Radiohören, Zeitung oder Romane lesen, von Handys und Computern, von Alkohol, Nikotin, Drogen oder nicht verordneten Medikamenten, von Zucker und Süßigkeiten, von Romanzen und sexuellen Kontakten. Zudem gibt es in den ersten zwei Wochen ein Kontaktfasten von Familie, Freunden und Arbeitskollegen.“

Fasten bedeutet ursprünglich den Verzicht auf Nahrung aus religiösen Gründen, später auch aus gesundheitlichen (Heilfasten). Hier wird die Bedeutung als Verzicht auf viele liebgewordenen Dinge und Gewohnheiten ausgeweitet. Das Verb „fasten“ ist seit dem Althochdeutschen im 9. Jh. gebräuchlich, darin steckt das Adjektiv „fest“ und das Adverb „fast“. Fasten bedeutet ursprünglich  „fest sein gegenüber Speis und Trank“. (24.11.2020)

0

Kommunikationsabbruch

Dialogbereitschaft und Miteinanderreden wird in Konfliktsituationen oft gefordert, aber es gibt auch Möglichkeiten, die Kommunikation zu verweigern. Z.B. die Entwertung der Kommunikation bei psychisch Erkrankten, die die Wörter ihrer Bedeutung berauben und unverständlich und vieldeutig sprechen. Paul Watzlawick u.a. haben derartige Taktiken Kommunikationsverweigerer vorgestellt, mit denen diese Personen  dem Dilemma „Man kann nicht nicht kommunizieren“ zu entkommen versuchen.

Es gibt den Rückzug aus der Gemeinschaft, wie ihn Peter Bichsel von einem alten Mann in seiner Geschichte „Ein Tisch ist ein Tisch“ erzählt, der alle Dinge umbenennt und damit die sprachliche Kommunikation mit anderen Mensch unmöglich macht. Die Geschichte endet mit den Sätzen: „Der alte Mann im grauen Mantel konnte die Leute nicht mehr verstehen, das war nicht so schlimm. Viel schlimmer war, sie konnten ihn nicht mehr verstehen. Und deshalb sagte er nichts mehr. Er schwieg, sprach nur noch mit sich selbst, grüßte nicht einmal mehr.“

In einer Beziehung oder im Umgang mit Kindern ist der Kommunikationsabbruch eine harte Strafe, die aber nicht konsequent durchgezogen werden kann, denn es gibt ja die mimische oder gestische Kommunikation. In dem Roman „Die Katze“ von Georges Simenon – und seinen Verfilmungen – lebt ein altes Ehepaar zusammen, das kein Wort mehr miteinander spricht, allerdings wird eine rudimentäre  Kommunikation mit Notizzetteln aufrecht erhalten.

Die modernste Variante der Kommunikationsverweigerung ist das Ghosting, der Abbruch einer digitalen Kommunikation ohne Ankündigung , wie es in Online-Partnerbörsen oder mit Dating-Apps nicht ungewöhnlich ist. Ein Austausch über Chat oder SMS wird ohne Begründung beendet. Die Exkommunikation kann die Betroffenen sehr verunsichern und Verlustängste auslösen.

Unter welchen Bedingungen soll man die Kommunikation mit einem Menschen abbrechen? Wie lange soll man sich z.B. mit politisch uneinsichtigen Fundamentalisten jeder Couleur auseinandersetzen, die kompromisslos eine Haltung vertreten, die auf nicht hinterfragbaren Grundwahrheiten beruht? Aber alle Formen des Kommunikationsabbruchs sind problematisch: Wer nicht mehr miteinander redet, der redet meist übereinander und dadurch werden Konflikte vertieft. (22.11.2020)

0

Fundstücke

Visuelle Trouvaillen auf einer Wanderung durch den Schönbuch. Fotos: St.-P. Ballstaedt (19.11.2020)

0

Ellipsen

In der Linguistik ist eine Ellipse (altgrch. = Auslassen) eine syntaktische Konstruktion, bei der ein Satzglied weggelassen wird, da es für den/die Adressaten aus dem Kontext ergänzt oder erschlossen werden kann. In der Alltagsprache sind Ellipsen eine ökonomische Sprachverwendung: „Benimm dich [gut]!“; „[Möchten Sie] sonst noch was?“; [Ich bitte Sie um] Entschuldigung!“.

Ellipsen können sich zu gängigen Phrasen verfestigen (Konventionalisierung): „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“; „Ende gut, alles gut.“ Einige derartige Phrasen sind besonders interessant. Das Verb „trinken“ ist transitiv, es verlangt nach einem Akkusativobjekt: „Er trinkt einen Kaffee.“ Lässt man ein Akkusativobjekt weg, dann ergibt sich ein andere Bedeutung: „Er trinkt“, natürlich nicht stilles Mineralwasser, sondern Alkohol. Er ist Alkoholiker bzw. Trinker. Ähnlich beim Verb „sitzen“. Wenn wir von jemandem sagen: „Er sitzt“, dann nicht auf einem Stuhl, sondern im Gefängnis. Er ist ein Krimineller. Die sozial unerwünschten Ergänzungen bleiben diskret unausgesprochen. (17.11.2020)

0

Black Panthers

Warum die beiden die Faust zeigen, bleibt unklar. Stencil, das ich in Freiburg/Br. an einem Verteilerkasten gefunden haben. Foto: St.-P. Ballstaedt (13.11.2020)

0

Authentische Zeugnisse

Was fällt an der Überschrift auf? Sie klingt wenig originell, denn diese Wortkombination hat man schon oft gelesen: Zeugnisse werden gern mit dem Adjektiv authentisch verbunden. Derartige geläufige Wortkombinationen oder gefestigte Gebrauchsmuster hat der Journalist Hans Hütt aus mehreren umfangreichen Sprachkorpora gefischt und kommentiert.

Hans Hütt: Wilde Jahre, kühne Träume. Sprache im Wandel der Zeit. Berlin: Dudenverlag, 2020

Behandelte Wortverbindungen sind z.B. allmähliche Einsicht, bewegte Bilder, digitale Aufrüstung, gescheiterte Existenz, kluger Kopf, massiver Druck, notwendiges Umdenken, vergessener Winkel. Derartige Phrasen sind beliebt, vor allem wenn es mit dem Schreiben schnell gehen muss, aber sie sind rhetorisch wenig originell. Die Adjektive verraten etwas über die Konnotationen des Substantives. Ein Beispiel, das ich von Hans Hütt übernehme (S. 12): Die Wörter Neigung, Talent, Gabe, Interesse sind bedeutungsähnlich. Aber Neigung wird mit den Attributen fatal, schädlich, sexuell, sadistisch, pädophil kombiniert. Gabe und Talent hingegen mit besonders, kostbar, hoffnungsvoll, vielversprechend, göttlich, einzigartig. Neigung hat also eine abwertende Konnotation, Gabe und Talent haben hingegen positive Konnotationen. Die Bedeutung von Interesse ist weitgehend neutral: Interessen sind groß, rege, öffentlich, berechtigt. Hans Hütt empfiehlt deshalb, in einem Lebenslauf nicht von persönlichen Neigungen zu sprechen, sondern von persönlichen Interessen. (09.11.2020)

0

Sensitivity

Trigger-Warnungen insbesondere vor Filmen sollen darauf vorbereiten, dass der Film Szenen enthält, die bei bestimmten Personen als Auslöser für Angst oder Panik wirken können, z. B. Darstellungen von Folter, Vergewaltigung, Suizid. Für Menschen mit psychischen Vorbelastungen kann das ein nützlicher präventiver Schutz sein.

Inzwischen haben sich Trigger-Warnungen aber ausgeweitet. So wird vor dem Filmklassiker „Vom Winde verweht“ in der deutschen Fassung eine Warnung vorangestellt, dass der Film rassistische Inhalte enthält, die bestimmte Zuschauer verstören könnten: Die Darstellung der Sklaverei ist in dem Film tatsächlich hochgradig problematisch, aber muss man davor warnen? In Amerika gab es bereits die Forderung, den Film nicht mehr zu zeigen, obwohl er ein zeitgeschichtliches  Dokument der amerikanischen Mentalität darstellt.

Und es geht noch einen Schritt weiter. Ausgehend von amerikanischen Universitäten soll auch bei Literatur vor allen Inhalten gewarnt werden, die auf religiöse, sexuelle, ethnische Minderheiten oder Menschen mit Behinderung verletzend wirken könnte. Inzwischen gibt es den Sensitivity Reader als Beruf, der oder die Manuskripte mit dem Fokus lektoriert, ob in Wörtern und Sätzen diskriminierende Ausdruckweisen vorkommen. Dazu gehören auch sogenannte Mikroaggressionen, die zwar harmlos erscheinen, aber andere Personen indirekt abwerten, z.B. wenn ich zu einem Migranten sage „Sie sprechen ja gut deutsch. Woher kommen Sie eigentlich?“ Das Sensitivity Reading soll ausdrücklich keine Inhalte und Ausdrucksweisen verbieten, sondern nur dafür sensibilisieren, wie sie auf bestimmte Lesende wirken könnten. Der Autor bzw. die Autorin soll den Sprachgebrauch noch einmal überdenken.

Ich habe mir noch einmal die Romane durch den Kopf gehen lassen, die ich in den letzten Monaten gelesen habe, ich glaube nicht ein Text würde das Sensitivity-Lektorat ohne  Beanstandungen überstehen. Auch die Klassiker kämen wohl nicht ungeschoren davon.

Die Welt ist nicht so sauber, gerecht und  vorurteilsfrei, wie wir sie uns vielleicht wünschen, aber müssen wir davor von Zensoren geschützt werden? In Amerika hat sich der Begriff „Generation Snowflake“ für Personen verbreitet, die überaus sensibel, emotional verletzlich, psychisch labil und wenig resilient gelten. Aber diese Bezeichnung soll natürlich wieder als diskriminierend, abwertend und beleidigend aus dem Sprachgebrauch verbannt werden. (08.11.2020)

0