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Vage Botschaft

Diesen sonderbaren Aufkleber in sicherer Höhe habe ich gestern an einem Ampelmast in Tübingen gefunden. Hoffentlich erreicht die Botschaft den Adressaten und wird verstanden (zum Vergrößern ins Bild klicken). Foto: St.-P. Ballstaedt (02.10.2022)

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Oberweite

Viele Dating-Apps bieten im Web ihre Dienst an, neben den Edel-Vermittlungs-Börsen Tinder, Elitepartner, Parship auch viele mit vielversprechenden Namen wie LoveScout24, Spätzlesuche (für Ba-Wü), Landverliebt, Zweisam, Lebensfreude, die letzten beiden für Singles 50+ . Daneben hat sich in vielen Zeitungen und Zeitschriften noch die Anzeigen-Rubrik „Bekanntschaften“ erhalten. Auffällig: Die Suchenden sind überwiegend Frauen und viele schon 70+. Nach der demografischen Entwicklung ist das nicht überraschend, denn wir werden immer älter, aber die Frauen haben eine längere Lebenserwartung von etwa 5 Jahren (Männer 78,5 Jahre, Frauen 83,4 Jahren).

Was verwundert, sind die Eigenschaften, mit denen sich Frauen anpreisen: Naturverbunden, humorvoll, unternehmungslustig, tierlieb, umgänglich, liebevoll sind viele, aber auffällig oft wird auch mit erotischen Reizen geworben: Eine attraktive Witwe (82) wünscht sich Kuschelabende. Viele preisen ihre Figur an: „hübsch anzusehen“ (78) „schlanke Figur“ (79) oder „mit schöner Oberweite“ (70). Wohlgemerkt: Das ist keine moralische Bewertung, sondern eine soziologische Beobachtung. (22.09.2022).

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Nachtsamkeit

Noch immer gilt die PR-Regel: Man kann Aufmerksamkeit erregen, wenn man die Sprache verändert: Man missachtet orthografische Regeln (BahnCard) oder erfindet einen Neologismus (googeln, simsen) oder bastelt ein Kofferwort wie „nachtsam“. Ein Kofferwort besteht aus mindestens zwei morphologisch überlappenden Wörtern, zwei Bedeutungen sind sozusagen in ein Wort gepackt: hier Nacht und Achtsamkeit. Das ergibt oft eine neue Bedeutung: Es geht als Präventionsmaßnahme um Achtsamkeit im Nachtleben, um sexuelle Übergriffe zu verhindern. „Nachtsam“ ist Leitwort einer Kampagne der „Anlauf- und Fachberatungsstelle Frauenhorizonte – gegen sexuelle Gewalt e.V.“ in Freiburg gefördert durch die Koordinierungsstelle „Sicherheit im Nachtleben“ des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg. (14.09.2022)

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Mikroaggressionen

Das aggressive Verhalten war zu meiner Studienzeit ein zentrales Thema der Sozialwissenschaften. Die Kontroverse verlief zwischen der Psychoanalyse und der Ethologie nach Konrad Lorenz auf der einen Seite, die einen Aggressionstrieb annahmen, und der Frustrations-Aggressions-Theorie auf der anderen Seite, die eher soziale Frustrationen für aggressives Verhalten verantwortlich machte (und es gab etliche vermittelnde Positionen).

Aber was ist aggressives Verhalten? Es gibt die eindeutigen Fälle physischer Gewalt gegen Personen und Sachen, es gibt psychische Gewalt, die schon schwerer zu definieren ist und es gibt verbale Gewalt in Form von Beleidigungen, Beschimpfungen usw. Eine Form ist schwer fassbar: Aggressionen, die sich eher versteckt äußern: Man geht jemandem aus dem Weg, man übergeht jemanden, man stellt eine verletzende Frage usw. In der derzeitigen Diskriminierungsdebatte wurden dafür die Mikroaggressionen eingeführt, das sind subtile Demütigungen und Herabsetzungen sprachliche und nichtsprachlicher Art. Das Konzept bringt aber ein Problem mit sich: Was als Mikroaggression gewertet wird, das bestimmt das Wahrnehmen und Erleben des Adressaten. Das Feld möglicher Mikroaggressionen wird damit unüberschaubar. Das aktuelle Beispiel ist die Frage, z.B. an einen Schwarzen: „Wo kommen Sie denn her?“ Diese Frage transportiert angeblich die Botschaft „Du gehörst hier nicht her.“, sie diskriminiert. Tatsächlich ist das wohl eine der ältesten Fragen der Welt, um mit einem Menschen in Kontakt zu treten und sie ist nicht nur gesprächsanbahnend, sondern kann durch wirkliches Interesse motiviert sein. Aber die Definitionshoheit hat der Angesprochene.

Welche Handlung mit einer Äußerung vollzogen wird, das ist die Grundfrage der Sprechakttheorie und hier gibt es in der Alltagskommunikation viele vage und mehrdeutige Fälle. Wie ist z.B. der Satz zu verstehen: „Ein wenig mehr Pfeffer hätte die Roulade schon vertragen.“ Ist das nicht eine Kritik am Koch bzw. der Köchen, nicht richtig würzen zu können? Oder die sachliche Frage „Hast du den Rauchmelder angebracht?“ kann als Mikroaggression empfunden werden. In der Kommunikationstheorie entsteht Bedeutung in einem gemeinsamen Prozess, in dem nicht nur eingeht, was ein Empfänger versteht, sondern auch was der Absender meint. Zudem spielt die Sprechsituation eine Rolle, wird das nicht berücksichtigt, dann werden Mikroaggressionen zum politische Kampfbegriff, der wissenschaftlich unbrauchbar ist. Und es wird fast unmöglich, etwas zu sagen, was nicht als Mikroaggression verstanden werden kann. (07.09.2022)

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Querdichter

Im Land der Dichter und Denker gibt es nicht nur Querdenker, sondern auch Querdichter. Einer oder eine hat in Tübingen diesen postkartengroßen Aufkleber in Umlauf gebracht. (28.08.2022)

Im Reimen noch etwas schwach, aber durchaus meinungsstark. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Wachlappen

Über ein Reinigungsutensil wird wieder gesprochen, das lange Zeit eigentlich nur in der Beschimpfung vorkam: „Du Waschlappen“. Der Lappen, ein herabhängendes Stück Stoff oder ein Kleiderfetzen, muss für viele Beschimpfungen herhalten: Angstlappen, Jammerlappen,  Putzlappen (für Pantoffelheld), Sauflappen, Schmacht- oder Schmalzlappen (für gefühlsduselige Liebhaber), Schmierlappen (für Kriecher und Schleimer). Und dann gibt es den Lapparsch und den Lappsack für eine energielose träge Person. Auffällig: Bezeichnungen, die bevorzugt auf Männer angewendet werden. Diese einseitige Diskriminierung müsste man eigentlich beseitigen! (24.08.2022)

Waschlappen

Schon etwas abgenutzt liegen sie noch im Schrank: die alten Waschlappen, immer einer für oben herum und einer für unten herum. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Sprechende Namen

Nomen est Omen, so der Befund, als mein Sohn Florestan (der Blühende) sich mit etwa fünf Jahren ernsthaft für Blumen und Pflanzen zu interessieren begann  Meinem Sohn Philipp (der Liebhaber der Pferde) wurden immer wieder Pferde gezeigt in der Erwartung, dass er an den Tieren Gefallen findet. Aber vergeblich und auch Florestan ist nicht Gärtner geworden. Viele Namen haben aufgrund Ihrer Herkunft Bedeutungen, die auf Wesenszüge der Benannten verweisen. Manche Eltern wollen wohl auch durch absichtsvolle Namenvergabe den Charakter des Nachwuchses mitbestimmen. Hier hat sich ein magisches Denken, eine Art Wortzauber erhalten.

Sprechende Namen sind ein altes Stilmittel der Literatur. Schon in der Mythologie tragen Akteure gern Namen, die auf Eigenschaften verweisen: Prometheus (der Vorausschauende), sein Bruder Epimetheus (der Danach-Denkende). Weitere Beispiele: Der Simplicius (lat. simplex = einfach, naiv) bei Grimmelshausen wird wegen seiner Einfalt und Ahnungslosigkeit so genannt. In Schillers »Kabale und Liebe« trägt ein etwas einfältiger Adliger den Namen „von Kalb“, ein kriecherischer und intriganter Sekretär heißt treffend „Wurm“.  Gottlieb Biedermann hat Max Frisch in seinem Drama »Biedermann und die Brandstifter« einen braven Kleinbürger benannt. In seinem Roman »Homo faber« ist Walter Faber( lat. Handwerker, Schmied)  ein technisch orientierter Mensch. In Thomas Mann`s Novelle »Tristan« kommt ein Großhändler namens Klöterjahn vor. Klöten ist ein niederdeutsches Wort für Hoden, Jahn ist eine Kurzform von Johannes, einer umgangssprachlichen Bezeichnung für das männliche Glied. Und der Klassiker: “Prof. Unrat” bei Heinrich Mann.

Das Sprichwort „Nomen est omen“ stammt übrigens vom Komödiendichter Plautus, es lautet dort „Nomen atque Omen“ (ein Namen und sogar ein Vorzeichen“. (21.08.2022)

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Hauchdünn

Es gibt sie noch: Die Pariser-Automaten in Kino-Toiletten für die Zeit nach dem Film. Hier im Kino Atelier in Tübingen. Foto: St.-P. Ballstaedt (15.08.2022)

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Historischer Humor 14

Den deutschen Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing wird man nicht zu den humorvollen Autoren zählen, aber er hat zahlreiche Sinngedichte, Sinnsprüche und heitere Verse geschrieben, die sich vor allem mit den Themen Wein und Weib befassen. Obwohl er mit Minna von Barnhelm eine selbstbewusste und mit Emilia Galotti eine moralische Frauengestalt auf die Bühne gebracht hat, sind seine Verse über Frauen heute nicht mehr korrekt. 

Auf die feige Mumma
Wie kommt’s, daß Mumma vor Gespenstern flieht,
Sie, die doch täglich eins im Spiegel sieht?

Wert der Frauen
Zweimal taugt eine Frau, für die mich Gott bewahre,
Einmal im Hochzeitsbett und einmal auf der Bahre.

Das böse Weib
Ein einzig böses Weib lebt höchstens in der Welt:
Nur schlimm, daß jeder seins für dieses einz’ge hält.

Auf Frau Trix
Frau Trix besucht sehr oft den jungen Doktor Klette.
Argwohnet nichts! Ihr Mann liegt wirkliche krank zu Bette.

Längere Gedichte wie „Die Schöne von hinten“ oder das „Muster der Ehe“ sind ebenfalls recht eindeutig, aber unsere Klassiker waren da nicht zimperlich und der Correctness noch nicht verpflichtet. (31.07.2022)

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Antisemitische Bildsprache (2)

Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein aufmerksamer Besucher oder eine Besucherin der Documenta neue Bilder entdeckt, die ein Erregungspotential mit sich bringen. Diesmal kein Wimmelbild auf einem öffentlichen Platz, sondern recht versteckt in einer 34 Jahre alten Broschüre eines algerischen Frauenkollektivs. Die comicartigen Bildes syrischen Künstlers Burana Karkoutly zeigen z.B. israelische Soldaten mit Davidstern auf dem Helm als entmenschlichte Roboter, einer bedroht ein kleines Kind. Anders als bei der ersten Debatte um antisemitische Bildsprache wird diesmal mit der Entrüstung auch der Kontext der Bilder mitgeliefert. Die Broschüre stammt aus dem Archiv einer feministischen Kollektivs aus Algerien, das damit Solidarität mit den Palästinenserinnen ausdrücken sollte.
Es handelt sich hier eindeutig um „israelfeinlichen Antisemitismus“, befindet die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen (RIAS). Das ist eine problematische Formulierung, denn man sollte Antisemitismus und Kritik an der Politik Israels schon trennen. Mit seiner Siedlungspolitik hintertreibt Israel eine Zweistaatenlösung. Dass israelische Soldaten aus Palästinensersicht negativ dargestellt werden, kann in diesem Kontext nicht verwundern. Natürlich kann man die bildliche Darstellung kritisch hinterfragen, aber jetzt wird der ganz große Hammer geschwungen: Dem antisemitischen Hass soll mit Abbruch der Weltkunstausstellung ein Ende gesetzt werden. Ist das verhältnismäßig? (30.07.2022)

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