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Kaufladen

Wenn man von der Bedienung im Dirndl zum Frühstück gefragt wird: „Wünschen Sie noch etwas vom Ei?“, dann ist man in Österreich.

Auf der Straße bin ich einem Wort begegnet, das bei uns bereits auf dem Wortfriedhof gelandet ist: Kaufladen, früher auch Kaufmannsladen. Ursprünglich war das ein nach vorne umgelegter Fensterladen als Auslagebrett, auf dem ein Kauf abgewickelt wird, vergleichbar einem Bauchladen.

Noch eine Besonderheit: Der Bankomat hat mir zwei Hunderteuro-Scheine ausgegeben, mit denen ich gleich im Hotel bezahlt habe, denn in Deutschland wird man sie in kaum einem Geschäft los. Dabei wird der 20-Euro-Schein am häufigsten gefälscht (14.09.2019)

In Krems in der Donau in der Schillerstraße befindet sich Angela`s Kaufladen. Foto: St.-P. Ballstaedt.

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Stellvertreter

In der Grammatik werden die Pronomen gern als Stellvertreter für ein Nomen bezeichnet, aber es gib andere stellvertretende Ausdrücke, die jeder aus Erfahrung kennt. In angespannten Situationen ist es wohl jedem schon passiert, dass ihm beim Sprechen ein gesuchtes Wort partout nicht einfällt, obwohl man genau weiß, dass man es in seinem Lexikon im Gehirn gespeichert hat: das Es-liegt-mir-auf -der-Zunge-Phänomen! Kurioserweise weiß man dabei oft, mit welchem Buchstaben es anfängt oder wieviel Silben es hat. Was das Phänomen über die Wortspeicherung und die Wirtfindung aussagt lassen wir einmal beiseite.

Viele ältere Mensch klagen darüber, dass ihnen Wörter, oft Personen oder Orte, nicht mehr einfallen. Auch mir geht es nicht anders. Ein Beispiel: Im Fluss einer Vorlesung über die Gesprächsmaximen von Paul Grice will ich den Begriff der Maxime bei Immanuel Kant erläutern. Während ich frei rede, spüre ich, dass mir der Name „Kant“ nicht einfällt, ein Name, den ich wirklich oft benutzt habe. Das peinliche Vergessen kann ich durch eine Umschreibung wie „der wichtigste deutsche Aufklärer“ oder der „Philosoph aus Königsberg“ kaschieren, und chon wenige Sätze nach der Wortfindungsstörung fällt mir der Name meist wieder ein.

Im Alltag benutzen wir gern inhaltsleere Stellvertreterwörter wie „das Dingsda“ oder Floskeln wie „na, du weißt schon“, wenn ein Wort nicht abrufbar ist. Quälend können aber Wortfindungsstörungen bei einer Dysphasie werden, z.B. nach einem Schlaganfall. Die Person weiß, was sie sagen will, aber die Wörter stehen nicht mehr zur Verfügung. (09.09.2019)

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Stille Post?

Erst jetzt habe ich ein Buch entdeckt, das bereits 2007 erschienen ist, und eine Familiengeschichte zwischen Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Diktatur und Nachkriegsjahren aufgrund von persönlichen Dokumenten rekonstruiert.

Christina von Braun: Stille Post. Eine andere Familiengeschichte. Berlin: Propyläen, 2007

Warum eine „andere“ Familiengeschichte? Der Autorin, Kulturwissenschaftlerin und Filmemacherin geht es um zwei Aspekte, die bisher in Biografien vernachlässigt wurden:

1. Sie will nachweisen, dass bestimmte Sichtweisen, Mentalitäten, Konflikte von Generation von Generation vererbt werden, nicht biologisch über die Gene, sondern über unbewusste psychologische Kanäle, über Erziehung, Vorbilder, Lektüre und vor allem inoffizielle Erinnerungen in Briefen, Tagebüchern, Gesprächen, Fotos. Unbewusste Erbschaften, für die ich im Studium der Entwicklungspsychologie den Ausdruck „Milieuvererbung“ gelernt habe. Die Autorin verwendet dafür die Metapher von der „stillen Post“, die mir aber nicht sonderlich einleuchtet. Denn bei dem bekannten Kinderspiel wird eine Ausgangsbotschaft im Verlauf der Weitergaben durch Auslassungen, Hinzufügungen, Missverständnissen usw. verändert. In der Familiengeschichte geht es aber vor allem um unerwünschte, subversive, illegale, intime, „geflüsterte“ Botschaften, die eigentlich unter der Decke der offiziellen Geschichtsschreibung bleiben.

2. Nach der Autorin wird die stille Post vor allem von Müttern auf die Töchter weitergegeben. „Bei den Frauen gelangt die Geschichte über die Psyche der Mütter in die nächste Generation und macht sich so in der Psyche der Töchter breit“ (S.105). Männer hingegen schreiben offizielle Memoiren, in denen sie ihr Leben in den Strom der Geschichte einordnen. Diesen Unterschied gibt es wohl tatsächlich, aber auch Männer schreiben Tagebücher und Briefe, die stille Post als reine Domäne der Frauen zu reklamieren, ist gendermäßig etwas verkürzt. Allerdings ist richtig, dass die Erfahrungen und Leistungen von Frauen und ihre Lebensgeschichten oft völlig untergehen. Ein eindrucksvolles Beispiel ist die Großmutter der Autorin, Hildegard Margis, eine selbstbewusste alleinerziehende Frau, die einen Verlag gründet und später in einer Widerstandsgruppe gegen die Nazis arbeitet.

Trotz der Einwände bietet die inoffizielle andere Familiengeschichte über drei Generationen Einblicke, die die offiziellen Geschichtsschreibung bereichern (obwohl es ja inzwischen Oral History oder Mentalitätsgeschichte gibt). Die Probleme und Konflikte der Menschen in den politischen Wirren dieser Jahrzehnte sind mir noch nie so plastisch vor Augen gestanden, wie bei der Lektüre dieses Buches. (01.09.2019)

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Hochzeitsfotos

Eine Soziologie des Visuellen wurde von Pierre Bourdieu begründet, der sich mit den gesellschaftlichen Funktionen des Fotografierens und Filmens beschäftigt hat.

Pierre Bourdieu et al. Eine illegitime Kunst. Die sozialen Gebrauchsweisen der Photographie. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt, 1981.

Inzwischen habe sich etliche Forscher Fotoalben oder Super-8-Filme ausgewertet, hier nur zwei interessante Publikationen.

Cord Pagenstecher: Private Fotoalben als historische Quelle. Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, 6, 2009, 449-463.

Petra Lucht/Lisa Marian Schmidt/René Tuma (Hrsg.): Visuelles Wissen und Bilder des Sozialen: Aktuelle Entwicklungen in der Soziologie des Visuellen. Berlin: Springer VS, 2012.

Im Museum der Alltagkultur im Schloss Waldenbuch sind in einem Raum Hochzeitsfotos ausgestellt, mit denen ein Fotograf alle Hochzeiten in Jungingen von 1880 bis 2017 dokumentiert hat. Anfangs die arrangierten Posen vor der Kamera, man musste für ein scharfes Bild noch stillstehen, der Mann mit Zylinder meist rechts hinter der Frau, die damals noch ein schwarzes Brautkleid trug und einen Hochzeitskranz mit weißem Schleier, sofern sie noch Jungfrau war. „Unkeusche Frauen“ durften kein Weiß tragen und wurden mit einer schwarzen Haube vorgeführt. Das Hauzig-Gwand war ein öffentliches Zeichen, mit dem die Kirche ihre Moralvorstellungen demonstrierte. Erst ab 1930 kommt das weiße Brautkleid auf, es ist teurer und kann nur einmal getragen werden, die schwarzen Hochzeitskleider konnte man auch an Festtagen tragen. Die Aufstellung einer Hochzeitgesellschaft oder die Abfolge im Hochzeitszug sind sind streng geregelt. In den frühen Fotos schauen alle ernst direkt in die Kamera, manchmal sogar traurig, in den 1960er Jahren wird die Kleidung bunter, die Posen sind gelockter, aber der Fotograf liebt noch immer klassische Aufstellungen, die Brautleute lachen in die Kamera oder schauen sich tief in die Augen. (23.08.2019)

Hochzeitsbilder als sozialwissenschaftliche Dokumente und eine Anekdote, die mir für den schwäbischen Humor typisch erscheint. Fotos: St.-P. Ballstaedt

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Rindfleisch-Bildchen

Mit schwerem Herzen habe ich mich von drei Alben mit Liebig-Fleischextrakt-Sammelbildern getrennt, die ich aus dem Nachlass meine Vaters übernommen habe. Die Alben sind nicht mehr in guter Verfassung, aber sie enthalten 190 Serien der beliebten Bilder. Ich habe sie an einen leidenschaftlichen Sammler verkauft, der Interesse an ihnen hat: „Mein Wunsch ist es, möglichst alle Bilder zu sammeln die in den verschiedenen Ländern erschienen sind“, so auf seiner Website.

Die Bildserien erschienen ab 1875 in Paris, über die Auflagenhöhe ist nichts bekannt, es gab seltene Serien und sogar Fälschungen! Bis zum 1. Weltkrieg wurden die Bildchen als Chromolithographien gedruckt, später mit unterschiedlichen Offsetverfahren. Von den gestaltenden Graphikern sind nur wenige Namen bekannt, einen künstlerischen Anspruch hatten Bilder nicht.

Kulturhistorisch nteressant sind die Themen der Serien, die wegen der Verbreitung im städtischen Bürgertum und in verschiedenen Ländern weltanschaulich neutral blieben: geografische, naturkundliche und historische Ereignisse, Sportarten, berühmte Künstler, Dramen und Opern, aber auch Suchbilder und Bilderrätsel. Auf jedem Bildchen ist der Fleischextrakt-Glas abgebildet.

Der Kulturhistoriker Bernhard Jussen hat die Bildchen im „Atlas des Historischen Bildwissens“ katalogisiert. Er will damit das kollektive Bildwissen der damaligen Zeit bewahren, um es als Korpus auswerten. Fleischextrakt war ein Luxusprodukt, die Bilder wurden im gehobenen Bürgertum gesammelt und angeschaut. Welches Bild über Geschichte und Kultur wird über sie vermittelt? Wie werden historische Personen dargestellt?

Bernhard Jussen (Hrsg.): Liebig’s Sammelbilder. Vollständige Ausgabe der Serien 1 bis 1138, Atlas des historischen Bildwissens. Berlin: Max-Planck-Instituts für Geschichte, 2002/2008.

  

Seiten aus Steckalben für Liebigbildchen mit drei Serien: Manöverbilder, Walfischfang, spezielle Bücher (zum Vergrößern ins Bild klicken). Foto: St.-P. Ballstaedt (18.08.2019)

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Playboy vs. Youporn

Die Frage, ob Männer stärker und anders auf sexuelle Reize in Bildern oder Filmen reagieren, hat mich schon immer interessiert. Dazu zwei neuropsychologische Untersuchungen:

Eine finnische Forschergruppe hat mit dem EEG Hirnaktivitäten im sogenannten okzipitotemporalen Kortex ein Areal nachgewiesen, das auf nackte Haut spezialisiert ist: Je mehr nackte Haut sichtbar ist, desto stärker sprechen die Neuronen an. Dieser Effekt ist bei Männern größer als bei Frauen, was herkömmlichen Erwartungen entspricht, denn Männer denken ja nur an das eine.

Jetzt haben Forscher in der Abteilung für Physiologie kognitiver Prozesse im Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik andere Ergebnisse vorgelegt. Eine Metaanalyse von 61 Studien belegt, dass Männer wie Frauen auf erotische Bilder und Filme neuronal gleich reagieren: In den Mustern von Magnetresonanz-Aufnahmen zeigt sich kein Unterschied. Aber ein interessanter geschlechtsunabhängiger Effekt zeigte sich beim Vergleich von Bildern und Filmen. Bilder rufen ein breiter gefächertes neuronales Muster hervor als Filme, offenbar regen sie die Fantasie der Betrachtenden mehr an.

Die neuronalen Muster müssen aber keinesfalls zu gleichen kognitiven Reaktionen führen. Hier spielen zahlreiche soziale und kulturelle Einflüsse eine Rolle: Sexualerziehung, Religion, Rechtssystem. (14.08.2019)

Jari K. Hietanen, & Lauri Nummenmaa: The Naked Truth: The Face and Body Sensitive N170 Response Is Enhanced for Nude Bodies”, PLoS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0024408.

Mitricheva E, Kimura R, Logothetis NK, Noori HR. Neural substrates of sexual arousal are not sex-dependent. Proceedings of the National Academy of Sciences USA, 2019.

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Brainfuck

Schon einmal habe ich interessante Piktogramme an einer Kirche in Tiflis vorgestellt, jetzt erreicht mich eine neue Serie aus einer Garage in der Innenstadt von Tiflis. Die beiden ersten Piktos sind selbstverständlich, das dritte ist bei uns nicht verbreitet. Seine Bedeutung:  „Don’t fuck my brain“ oder einfach „no brainfuck“ oder eingedeutscht „geh keinem auf die Nerven“. (07.08.2019)

Klare Verhaltensvorschriften in Georgien. Foto: Gustav Geißler

Nachtrag: Noch ein paar Piktogramme aus Georgien: Hier ist offenbar nur Pfeiferauchen erlaubt.

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Sammelbildchen

Eine Form der visuellen Kultur ist das Sammeln von Bildchen, die dann in Alben eingesteckt oder -geklebt werden.

Bilder zur Verkaufsförderung einzusetzen, geht auf Franz Stollwerck zurück, der sie aber aus Frankreich importierte. Er verkaufte ab 1840 „Bilder-Chocolade“ mit Fotos auf dem Einwickelpapier, sein Sohn entwickelte diese Idee weiter und legte ab 1887 der Schokolade Bilder bei, je sechs gehörten zu einem Thema. Erst nachdem er Geldpreise für besonders gute Bildfolgen auslobte, beteiligten sich viele Gebrauchs-oder Reklamekünstler, aber auch Maler wie Adolph Menzeloder Max Liebermann an der Produktion hochwertiger Vorlagen.

Die bekannten Bilder zu Liebigs Fleischextrakt erschienen ab 1875 in Paris, als 1890 dazu auch Einsteck-Sammelalben angeboten wurden, begann die Sammelleidenschaft um sich zu greifen.

Zwischen den Kriegen dominierten Zigarettenbilder, die in Alben zu Themen verschiedenster Art eingeklebt wurden. Ich selbst habe noch Bildchen gesammelt, ab den 50er Jahren nicht nur von Zigarettenfirmen, sondern auch von Birkel, Knorr, Sanella, Nestlé. Das Foto zeigt mein Sammelalben-Archiv, ohne die Liebigs-Fleischextrakt-Alben, die ich von meinem Vater übernommen habe.

Sammelfleiß, der teilweise durchaus zur Allgemeinbildung beitrug. Manche Texte in den Alben, besonders wenn es um Geschichte und Kriege geht, sind aber nur schwer erträglich. Foto: Steffen-Peter Ballstaedt (06.08.2019)

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Grenzenlos

Die Liebe kennt keine Schranken, auch nicht zwischen Bäumen: Hier umwurzelt  im Schönbuch ein Nadelbaum eine Buche. Oder erdrückt sie, aber das ist bei der Liebe ja oft nicht unterscheidbar. Foto: St.-P. Ballstaedt (03.18.2019)

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