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Gefahrgut

Vor ein paar Tagen bekam ich ein Paket mit einem großen auffälligen Aufkleber, den ich bisher nicht kannte, aber seine Bedeutung erschließen konnte: Es soll vor explodierenden Batterien gewarnt werden. Meine Recherche bestätigte die Bedeutung der UN-Nummer 3481: Lithium-Ionen-Batterien in Ausrüstungen oder Lithium-Ionen-Batterien, mit Ausrüstungen verpackt (einschließlich Lithium-Ionen-Polymer-Batterien)

Für den Transport gefährlicher Güter werden von den Vereinten Nationen durch einen Sachverständigenausschuss beim Wirtschafts- und Sozialrat globale Sicherheitsstandards erarbeitet. Diese Vorschriften liegen aktuell in ihrer 17. Fassung 2011 vor. Dazu gehört diese Piktogramm, dass vor überhitzten oder explodierenden Akkus in mobilen Geräten warnt.

Wie oft sich Akkus überhitzteen und explodiert, das weiß ich nicht, auf dem Bild sind vier intakte Batterien abgebildet. Aber ich frage mich, warum man sich nicht an den üblichen Gefahrgut-Kennzeichen orientiert hat: den auf der Spitze stehenden Quadraten. (23.02.2020)

Ein neues Piktogramm, daneben das UN-Kennzeichen Gefahrgutklasse 1 für Explosivstoffe und Gegenstände, die Explosivstoffe enthalten. Quelle: eigenes Foto und Wikimedia Commons.

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Kuckuckskinder

Ein besonders pikante Erscheinung menschlicher Intimkommunikation ist das Kuckuckskind, ein Kind, das eine Frau zur Welt bringt, aber das nicht ihr Ehemann oder Lebenspartner gezeugt hat. Das Wort „Kuckuckskind“ für diese Kinder klingt abwertend, sowohl für die Kinder wie auch für die Mutter, da ihr eine absichtliche Unterschiebung unterstellt wird. Es beleidigt sogar den Kuckuck, denn sein Verhalten ist genetisch festgelegt, ein Seitensprung der Frau aber nicht. Das neutrale Fachwort lautet Scheinvaterschaft oder Vaterschaftsdiskrepanz.

Wie oft kommen  derartige Kinder vor? Bei einer Metaanalyse über 67 Studien hinweg liegt die Rate der betroffenen Väter um die 2%, die Zahlen schwanken je nach Land: in Mexiko etwa 12%, in der Schweiz 0,8%, für Deutschland wurde in DER ZEIT 2018 einmal die Zahl von 7% verbreitet. Das beliebte Gesellschaftsspiel, beim Baby watching sofort Züge des Vaters oder Großvaters zu erkennen, sozusagen als Indiz für die Vaterschaft, ist ein psychologischer Niederschlag der Angst vor einer Scheinvaterschaft.

Durch DNA-Analyse ist die Vaterschaft heute eindeutig nachweisbar. Manchmal will auch die Mutter wissen, wer jetzt eigentlich der Vater ihres Kindes eigentlich ist. Die Rechtslage: Ein zweifelnder Vater kann von der Mutter des Kindes Auskunft über den genetischen Vater verlangen. Er kann mit mütterlicher Einwilligung den mutmaßlich genetischen Vater zur Vaterschaftsfeststellung zwingen und gezahlten Unterhalt von diesem einklagen. Psychisch ist es für die meisten Männer eine Ungewissheit schwer erträglich, aber noch schwieriger die Gewissheit. Gefühle von Betrug, Verrat, Verzweiflung, Hilflosigkeit und Hass vermischen sich. Es gibt eine Website für Scheinväter und Kuckuckskinder. In dem Drama „Die Wildente“ von Ibsen geht es um eine Scheinvaterschaft, deren Aufdeckung als „Lebenslüge“ in einer bisher funktionierenden Familie in die Katastrophe führt. Das Kuckuckskind Hedvig wird verstoßen, als der Scheinvater erfährt, dass sie nicht seine Tochter ist, und sie bringt sich um. (20.02.2020)

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Pale Blue Dot

Heute in jeder Zeitung: Ein Abdruck eines Fotos, das heute den 30. Geburtstag feiert, es wurde am 14.2.1990 von der Raumsonde Voyager 1 aufgenommen, ein Abschiedsbild von der Erde aus einer Entfernung von 6 Milliarden Kilometer, bevor die Sonde an den Rand unserer Sonnensystems entschwindet. Den US-Astronomen Carl Sagan hat das Bild zu einem Buch inspiriert: „Blauer Punkt im All“. Inzwischen ist Voyager 1 über 22 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt, aber sie sendet noch Daten!

Das Foto ist bei naiver Wahrnehmung wenig spektakulär, einzig interessant die Streifen, aber das sind fotografische Artefakte. Das Pünktchen sieht man erst bei sehr genauer Inspektion. Eine „eine atemberaubende Botschaft“ (FR vom 14.2.2020) wird erst durch Vorwissen daraus: Unsere Erde als unscheinbares Staubkorn im Universum, die Menschen darauf als einsame Bewohner. Ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass ein Bild nicht selbstverständlich ist, sondern erhebliche Voraussetzungen zum Verstehen hat. Das gilt für alle wissenschaftlichen Fotos: Man sieht nur, was man weiß. (14.02.2020)

Suchbild (zum Vergrößern ins Bild klicken): Welche Pixel bilden die Erde ab? Quelle: Wikimedia Commons

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blümerant

In der Serie „Babylon Berlin“ ist einigen Personen blümerant, d.h. sie fühlen sich unwohl, flau, übel. Das schöne Adjektiv steht zwar noch im Duden, aber im aktiven Wortschatz ist es kaum noch zu finden.

Das Wort wurde im 17. Jahrhundert im 30jährigen Krieg aus dem Französischen übernommen: „Bleu mourant“ ist die Farbe „mattblau“ oder „blassblau“, wörtlich „sterbendes Blau“. Das Wort sollte als „sterbeblau“ verdeutscht werden, setzte sich aber gegenüber dem wohlklingenden „blümerant“ nicht durch. Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm findet man es in der Farbbedeutung unter dem Buchstaben P: ein plümerantes Kleid.

Zu seiner übertragenen nichtfarbigen Bedeutung kommt das Wort erst im 19. Jahrhundert, vermutlich über den bläulichen Teint von Ohnmächtigen, denen vorher unwohl war. (07.02.2020)

Eine Mokka-Tasse mit Bleu-mourant-Dekor. Foto: Christoph Kaiser, flickr.com.

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Emotionsgemüse

Wer bei einer bestimmten Supermarktkette einkauft, wird seit einige Zeit mit neuen Bezeichnungen für Gemüse und Obst überrascht: Kleine Tomaten sind „Naschperlen“ oder „Mini-Leckerbissen“, Kartoffeln sind „Ackergold“, Zwiebeln sind „Erdperlen“, eine Mango ist ein „Tropentraum“, Zitronen sind „Muntermacher“, Orangen werden als „Sonnenkuss“ oder “Sonnentropfen“ vermarktet. Sie lieben Lebensmittel und geben ihnen deswegen Kosenamen? Die Tomaten schmecken meist wässrig, die Orangen strohig-fad, die Mangos sind meist unreif. Die Bezeichnungen sollen wohl als Euphemismen von der dürftigen Geschmacksqualität ablenken. Die Marketing-Abteilung will mir den „emotionalen Namen“ vermitteln, dass die Früchte etwas ganz Besonderes sind. (04.02.2020)

Hier sind es immerhin noch Tomaten aus Spanien: Aber man muss ja auch im Februar keine Tomaten essen, die meist nach nichts schmecken. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Inhalte überwinden

Wieder einmal habe ich ein Leckerli aus der Schweiz mitgebracht: An einem Mast fand ich einen Aufkleber, den Die Partei (Akronym für Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative) in der BRD vertreibt. Slogan: Inhalte überwinden! (31.01.2020)

Was macht dieser Aufkleber in Winterthur? Die Partei wird doch keine schwarzen Konten in der Schweiz unterhalten? Foto: St.-P. Ballstaedt

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Verdeutschungen

Philipp von Zesen (1619 – 1689) war ein Schriftsteller und Dichter, der nicht nur den ersten Barockroman geschrieben hat (Die Adriatische Rosemund), sondern vor allem für Wortschöpfungen und Wortübersetzungen bekannt wurde. Er gründete die Deutschgesinnte Genossenschaft, die zum Ziel hatte, die deutsche Sprache vor Einflüssen von Fremdwörtern zu bewahren. Viele seiner Verdeutschungen von Fremdwörtern haben tatsächlich Eingang in die deutsche Sprache gefunden, viele haben es aber nicht geschafft.

Hier eine Liste erfolgloser Verdeutschungen:

  • Entgliederkunst für Anatomie
  • Jungfernzwinger für Nonnenkloster
  • Meuchelpuffer für Pistole
  • Tageleuchter für Fenster
  • Scheidekunst für Chemie
  • Scheidezeichen für Komma
  • Krautbeschreiber für Botaniker
  • Schweisslöcher für Poren
  • Wortglied für Silbe
  • Lustgetöne für Musik

Hier eine Liste erfolgreicher Verdeutschungen:

  • Beifügung für Apposition
  • Bücherei für Bibliothek
  • Briefwechsel für Korrespondenz
  • Emporkömmling für Parvenü
  • Wahlspruch für Devise
  • Lustspiel für Komödie
  • Tagebuch für Journal
  • Kreislauf für Zirkulation
  • Leidenschaft für Passion

In vielen meiner Beiträge habe ich Absonderlichkeiten der Sprache behandelt. Jetzt ist ein Buch erschienen, das ich selbst gern zusammengestellt hätte:

Thomas Böhm & Carsten Pfeiffer (Hrsg.); Die Wunderkammer der deutschen Sprache. Gefüllt mit Wortschönheiten, Kuriositäten, Alltagspoesie und Episoden der Sprachgeschichte. Berlin: Verlag Das kulturelle Gedächtnis, 2019.

Wirklich eine Fundgrube für Sprachliebhaber, dazu grafisch anspruchsvoll präsentiert (2xGoldstein+Schöfer). Foto: St.-P. Ballstaedt (25.01.2020)

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Intimacy coordinator

Viele Schauspieler und Schauspielerinnen haben berichtet, dass für sie Sexszenen recht unangenehm und peinlich sind. Wem macht es auch schon Spaß, vor laufenden Kameras und dem Aufnahmestaff intim zu werden, zudem oft für viele Takes hintereinander. Eine Liebesszene ist ein psychisch schwierige Kommunikation zwischen den Akteuren.

Seit 2016 gibt es im Staff die Rolle des Intimacy coordinator, nicht zu verwechseln mit dem Intimacy choreographer, die oder die den Ablauf der intimen Szenen entwirft. Der Koordinator ist eine Art Supervisor, der auf das Einhalten bestimmter Regeln achtet:

  • Sinn und Stellenwert der erotischen Szene in der Story muss allen Beteiligten klar sein.
  • Die Akteure müssen der vorher festgelegten Choreografie und auch dem Grad der Nacktheit zustimmen.
  • Die Akteure dürfen mit einem Zeichen signalisieren, wenn sie die Aufnahme unterbrechen wollen.
  • Die Akteure werden vor und nach der Szene betreut, vor allen wenn es um Gewalt oder starke Gefühle geht

Meine liebste Sexszene läuft in „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ zwischen Julie Christie und Donald Sutherland ab (Regie Nicloas Roeg, 1974). Sie ist so eindrücklich, dass Publikum und Kritiker sie für real und nicht gespielt hielten. Die Darsteller haben das vehement dementiert.

Übrigens: Wenn ein oder eine Intimacy Coordinator gerade nicht für einen Film gebraucht wird, könnte er oder sie in vielen Schlafzimmern hilfreich wirken. (18.01.2020)

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Adieu Plastiktüte

Unter diesem Titel werden im Museum für Alltagskultur im Schloss Waldenbuch zwei Privatsammlungen mit insgesamt fast 50.000 Plastiktüten gezeigt, nicht alle auf einmal, sondern alle vier Wochen eine Auswahl zu unterschiedlichen Themen.

Am 1.6.2016 habe ich in einem Beitrag über Papiertüten das Ende der Plastiktüte angekündigt, dass es aber so schnell gehen würde, das habe ich nicht geahnt. Heute wird man im Supermarkt, Kaufhaus oder Wochenmarkt schief angeschaut, wenn man eine Plastiktüte verlangt. Plastiktüten sind zum Symbol der Konsum- und Wegwerfgesellschaft geworden, mit denen man als Werbeträger in der Öffentlichkeit herumgelaufen ist. Auslöser waren die schockierenden Fotos von riesigen Wolken von Plastik in unsere Ozeanen.

Sehr schön, dass einige Personen auf die Idee gekommen sind, diese Kulturobjekte zu sammeln. Die Tüten sind oft grafisch anspruchsvoll gestaltet, mit Bildern, Logos, Schriftzügen, Claims. Wie bei vielen Gegenständen des Alltags sind die Designer meist vergessen. (16.01.2020)

Plastiktüten an den Wänden, auf den Krabbeltischen und in Plastikcontainern. Fotos: St.-P. Ballstaedt

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Drachenschlange

Alfa Romeo ist nicht nur ein schöner Name für einen Autobauer, das Firmenlogo ist auch etwas Besonderes. Ein Exemplar habe ich an einer Garagentür in Tübingen gefunden. Seit 1910 gab es sechs Versionen des Logos, wie so oft von konkreter zu schematisierter Darstellung, dieses Logo verzierte die Autos  von 1972 bis 1999.

Ein blauer Kreis mit dem Firmen-Schriftzug, darin ein zweigeteilter Kreis. Links das rote Kreuz ist das Stadtwappen von Mailand, rechts ist eine drachenartige Schlange oder ein schlangenartiger Drachen abgebildet, die oder der – und da muss man genau hinschauen – eine menschliche Figur im Maul hat. Diese Darstellung stammt aus dem Wappen der mächtigen Familie Visconti aus Mailand. Das Tier heißt im Italienischen Biscione. Die Herkunft der Darstellung ist unklar, es gibt verschiedene Deutungen. Eine Variante behauptet, dass die Person nicht verschlungen, sondern ausgewürgt oder eleganter aus dem Maul geboren wird. Auf der Homepage der Firma liest man aber, dass es sich um eine „feindverschlingende Drachenschlange“ handelt. (10.01.2020)

Biscione auf dem Wappen der Visconti am Piazza del Duomo in Mailand. Das Schlangendrachenmotiv auf dem Logo von Alfa Romeo an einer Tübinger Garage. Quellen: Wikimedia Commons, Giovanni dall’orto; St.-P. Ballstaedt.

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