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Wahrheit

Brauchen wir den Begriff der Wahrheit? Eine absolute Wahrheit hat bisher nur Unheil angerichtet, denn sie ist notwendiger Weise mit Herrschaftsanspruch und Intoleranz verbunden: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben!“ lesen wir in der Bibel, d.h. es gibt nichts Wahres außer mir. Der Unfehlbarkeitsanspruch des Papstes ist für jeden außerreligiösen Menschen eine Zumutung. Wer behauptet, die Wahrheit zu verkündigen, dem sollte man zutiefst misstrauen.

Was die Wahrnehmung betrifft, geht man heute nicht davon aus, dass unsere Sinneseindrücke wahr sind. Hier setzt sich der Begriff Veridikalität durch: Wir wissen, dass unser Wahrnehmungen keine Abbildung der Wirklichkeit ist, sondern ein selektives und konstruktives Ergebnis der neuronalen Verarbeitung. Aber völlig falsch kann die Wahrnehmung auch nicht sein, sonst wären wir in der Evolution gescheitert.

Auch den Natur- oder Geisteswissenschaften kann man auf diesen vorbelasteten Begriff verzichten. In den Naturwissenschaften gibt es schon lange keine unbestreitbaren Wahrheiten, sondern nur Aussagen, die mehr oder weniger empirisch bestätigt oder argumentativ überzeugend sind. Statt Wahrheit also Wahrscheinlichkeit (es ist anscheinend so) oder Bestätigungsgrad. Wissenschaft tastet sich durch Versuch und Irrtum, Experiment und Falsifikation, voran. Das bekommt man derzeit in der Pandemie überzeugend demonstriert.

In den Geisteswissenschaften ist man vielleicht am ehesten von einem absoluten Wahrheitsbegriff (letzte Wahrheiten) entfernt, dann verbale und visuelle Dokumente lassen sich verschiedenen interpretieren. Jede Interpretation ist aber mehr oder weniger gut belegt und schlüssig, ein Kriterium ist die Nachvollziehbarkeit. In meinem kurzen Studium der Germanistik habe ich allerdings erlebt, dass Dozenten einen Geltungsanspruch für ihre Textauslegung gefordert und keinen Widerspruch zugelassen haben.

Fazit: Weg mit der Wahrheit! Wir brauchen sie nicht und sie behindert die Suche nach Erkenntnissen. Wir müssen mit vorläufigem Wissen leben und handeln. (11.01.2022)

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Fräulein

Heute vor 50 Jahren veranlasste der Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher in einem Runderlass für die Behörden, für jede weibliche Erwachsene die Anrede „Frau“ zu verwenden. Das war das offizielle Ende für das Fräulein als Bezeichnung für eine unverheiratete Frau. Ursprünglich waren Frau und Fräulein Bezeichnungen für Adelige (wie Herr und Junker). Die beiden Wörter haben eine interessante Geschichte, die in einem Wikipedia-Beitrag referiert wird.

Die Frauenbewegung der 70er Jahre verurteilte die Bezeichnung Fräulein, weil dadurch eine weibliche Person erst durch die Heirat mit einem Mann als erwachsene Frau angesehen wurde. Außerbehördlich wurde die Bezeichnung aber in der Alltagssprache noch benutzt, z.B. Fräulein als Anrede für eine weibliche Bedienung. Die feministische Linguistik  verurteilte 1980 die Verwendung des Wortes als sexistischen Sprachgebrauch.

Bemerkenswert: Einige Frauen, z.B. die Dichterin Annette Kolb oder die Schauspielerin Iris Berben, wollten auf die Bezeichnung Fräulein nicht verzichten, da sie Unabhängigkeit von eine Mann signalisiert. In einem Newsletter des Duden 2002 wird empfohlen, bei Personen, die Wert darauf legen, mit Fräulein angesprochen zu werden, dies auch zu respektieren.

Das Verschwinden des Fräuleins aus dem aktiven Wortschatz ist ein instruktives Beispiel, wie sich gesellschaftliche Entwicklungen und Sprachgebrauch beeinflussen. (16.01.2022)

Stellenanzeige der Bozener Nachrichten von 1917: Ein Fräulein für die Kindererziehung wird gesucht: Quelle: Wikimedia Commons.

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Geschwurbel

Das Wort „Geschwurbel“ taucht immer häufiger zur Abqualifizierung von mündlicher Rede oder schriftlicher Texte auf. Für mich klingt es irgendwie witzig: Es geht auf das mittelhochdeutsche Verb „schwurbeln“ oder „schwirbeln“ zurück, das so viel bedeutet wie “sich im Kreise drehen“, „herumwirbeln“. Als Geschwurbel werden Aussagen entweder als umständlich und unverständlich, oder schärfer als inhaltsleer und sinnlos bewertet, beides kommt häufig im Verbund vor. Der Schwurbel-Vorwurf trifft bevorzug den politischen oder weltanschaulichen Gegner, noch nie hat jemand von sich behauptet, Geschwurbel zu verbreiten. Die derzeitige Konjunktur des Wortes hat wohl mit der Pandemie zu tun: Impfgegnern und Querdenkern wird oft Geschwurbel vorgeworfen, wenn sie wissenschaftliche Befunde leugnen und Verschwörungstheorien verbreiten. Der kommunikative Vorteil des Schwurbel-Vorwurfs: Wer Geschwurbel absondert, mit dem braucht man sich nicht argumentativ auseinandersetzen.

Es gibt eine ganze Reihe bedeutungsähnlicher Wörter, mit denen man Aussagen abwerten kann: Gerede, Geschwätz, Gelaber, Geschwafel, Gesabbel, Geseire. (10.01.2022)

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Murale Weisheiten

Diese Weisheiten und noch viel mehr in einer Unterführung on Waldhäuser-Ost (zum Vergrößern ins Bild klicken). Fotos: St.-P. Ballstaedt (06.01.2022)

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Wissenschaftsfreiheit

Unter anderem im SPIEGEL habe ich von einer Untersuchung zweier Soziologen  gelesen:

Richard Traunmüller/Matthias Revers: Is Free Speech in Danger on University Campus? Some Preliminary Evidence from a Most Likely Case. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 72, 2020, S. 471-497. Online hier abrufbar.

Sie haben Studierenden der Universität Frankfurt einen Fragebogen mit Items folgender Art vorgelegt:

An der Universität sollte nicht lehren dürfen/nicht vortragen dürfen,

…wer denkt, dass Homosexualität unmoralisch und gefährlich sein.

…Wer glaubt, dass der Islam unvereinbar mit der westlichen Lebensweise ist.

…Wer glaubt, es gäbe biologische Unterschiede in der Begabung von Männern und Frauen.

Ein hoher Prozentsatz von Studierenden wollte diese Aussagen nicht in der Lehre hören, ein etwas geringerer auch nicht in einem Vortrag an der Uni. Daraus schließen die Autoren eine abnehmende Toleranz und eine Bedrohung des akademischen Betriebs durch die Cancel Culture.

Lassen wir einmal methodische Mängel was Repräsentativität, Rücklaufquote, Fragentyp betrifft beiseite, dann bleibt doch ein ungutes Gefühl. Denn die Universität ist der Wissenschaft verpflichtet, Meinungen und Glauben haben dort nichts verloren. Eine Meinung ist ein Fürwahrhalten, dem eine hinreichende Begründung fehlt. Noch radikaler gilt das für den Glauben, der keinerlei empirische Evidenz benötigt. Wissenschaft ist dazu angetreten, bloß Meinungen durch Wissen zu ersetzen, Glaubensinhalte und Bekenntnisse haben deshalb nichts an der Universität verloren. Es gehört nicht zur Freiheit der Forschung und Lehre, Meinungen und Glauben zu verbreiten. Deshalb sehe ich auch in den Antworten der Studierenden kein Alarmzeichen, sondern eine positive Reaktion. Ich möchte bei keinem Professor oder keiner Professorin studieren, die oder der die Meinung vertritt, dass Homosexualität unmoralisch ist. (29.12.2021)

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wohlgemut

Ich habe bereits einmal auf folgendes unterhaltsames Lexikon hingewiesen:

Roland Kaehlbrandt/Walter Krämer: Lexikon der schönen Wörter. Von  anschmiegen bis zeitvergessen.München: Piper, 2020.

Ein für mich schönes Wort suche ich dort vergebens: „wohlgemut“. Es klingt etwas veraltet und es gibt es auch bereits als „wolgemuot“ im Mittelhochdeutschen. Jeder kennt es aus dem Kinderlied über Hänschen-Klein, der wohlgemut in die Welt zieht, d.h. zuversichtlich und frohen Gemüts. Das Wort ist vor allem bei Dichtern beliebt und kommt in vielen Volksliedern vor. Rhetorisch wird „wohlgemut“ heute als Archaismus mit feinem ironischen Akzent benutzt, hier ein Beispiel aus dem Wortschatz Leipzig: „Die Haushaltspläne, die vor Weihnachten noch wohlgemut verabschiedet sind, sind jetzt mitunter kaum noch das Papier wert.“ „Gemüt“ gehört übrigens zu den deutschen Wörtern, die in ihrem Bedeutungsumfang kaum in eine andere Sprache übersetzt werden können. (13.12.2021)

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Liebe

Erkenntnisse an der Wand des Tübinger Schlosses (zum Vergrößern ins Bild klicken). Foto: St.-P, Ballstaedt (05.12.2021)

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Orientierung

Es passiert mir immer wieder, dass ich bei einem oft gebrauchten Wort plötzlich stutze und mich die Herkunft interessiert. So fiel mir jetzt beim Wort „Orientierung“ auf, dass das Wort „Orient“ darin steckt. Wie das?

Lateinisch „oriens“ ist ein Partizip des Verbs „orior“ = „sich erheben, aufgehen“ und bezeichnet den Osten, wo  – von Rom aus gesehen – die Sonne aufgeht. Später Übertragung auf die Länder im Osten im Gegensatz zum Okzident.

In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts gibt es das französische Verb „orienter“ = „sich nach dem Aufgang der Sonne, dann nach den Himmelsrichtungen ausrichten“. Der Begriff wird ausgeweitet auf die Suche nach einer Richtung im geografischen Raum, später auch im mentalen Raum. Man kann sich auch geistig orientieren. (29.11.2021)

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