Archive | Aktuell

Übergang

Ein nostalgisches Schild an einem unbeschränkten Bahnübergang an der Wachau-Bahn in Krems. Auf der Strecke verkehren nur noch Dieselfahrzeuge. Foto: St.-P. Ballstaedt (10.11.2019)

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Hegel und andere

Gleich vorweg: Hegel ist kein von mir geschätzter Philosoph: Ich habe etwas gegen Systemphilosophie und den Idealismus, zudem hat mich als Student die Lektüre der „Phänomenologie des Geistes“ um viel Zeit und fast den Verstand gebracht.

Aber bei einem Besuch in Marbach habe ich die Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne „Hegel und seine Freunde. Eine WG-Ausstellung“ besucht. Erwartet habe ich die üblichen Schaukästen mit Briefen, Dokumenten und aufgeschlagenen Büchern, aber ich wurde mit einer Serie von Selbstexperimenten, Denkanstößen auf Karten, Schreibaufgaben, Wahrnehmungserlebnissen usw. konfrontiert. In die WG kommen zu Besuch: Johann Wolfgang von Goethe, David Friedrich Strauß, Friedrich Theodor Vischer, Eduard Mörike, Heinrich Heine, Georg Simmel, Margarete Susman, Franz Kafka, Hermann Hesse, Hannah Arendt, Paul Tillich, Theodor W. Adorno, Heiner Müller, Peter Hacks, Alfred Andersch, Robert Gernhardt und Eckhard Henscheid, Hans-Georg Gadamer, Judith Butler, Ulrich Schlösser usw. Ich entdecke immer wieder Bezüge und Assoziationen, die mir vorher nicht bewusst waren. Eine Art Konstellationsforschung, die Ideen nicht nur in einem einzelnen Kopf lokalisiert, sondern sie in einem kreativen Kreis von Köpfen umherwandern lässt.

Abstrakte Begriffssysteme wie in der Philosophie sind schwer anschaulich zu vermitteln. Versuche kann man im Deutschen Museum für Philosophie in Jena bewundern, z. B. zu Descartes oder LaMettrie. Dort stehen diverse Exponate, die abstrakte Ideen in eine konkrete Form überführen, in eine visuelle Philosophie zum Begreifen. Hier möchte ich auch die Bastelkästen des performativen Philosophen Hanno Depner anführen: „Kant für die Hand. Die „Kritik der reinen Vernunft“ zum Basteln und Begreifen“. Und neuerdings: „Wittgensteins Welt – selbst hergestellt. Der »Tractatus« als Turm zum Basteln und Begreifen. Mit Anleitung und Bausatz“. Es sind Versuche, das Denken handwerklich umzusetzen, intellektuell anspruchsvoll bleiben die Versuche allerdings: Das Falten und Kleben nimmt einem das Denken nicht ab (06.11.2019)

Der Weltgeist in Marbach, zwei Eindrücke aus der Hegelschen WG. Fotos: St.-P. Ballstaedt

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Schweinerei

Links am Eingang des Kupferbaus in Tübingen steht seit Wochen diese Botschaft: Ein Stencil eines schreienden Schweins, darunter eine silbern übermalte rote Schrift, vermutlich von Tierschützern, deren Inhalt man erschließen kann, wenn man den darunter ein gesprayter Kommentar liest. Das zweite Beispiel habe ich an der Neckarbrücke gefunden, wieder ist der Text silbern übermalt. Fotos: St.-P. Ballstaedt (01.11.2019)

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ALDI-Grusel

Wer den aktuellen Prospekt zum Wochenangebot von ALDI durchblättert, ist immer auf dem Laufenden. Kein Supermarkt springt so schnell auf neue Trends auf, sei es Bio, Veggie und jetzt sogar krumme Äpfel. In der letzten Ausgabe ist Halloween das Thema, vor allem bei den Lebensmitteln.

Halloween-Bräuche brachten Einwanderer aus dem katholischen Irland in die USA, z.B. die ausgehöhlten und beleuchteten Kürbisse. Seit den 90er Jahren verbreitet sich Halloween auch in Europa, vor allem gepuscht von bestimmten Branchen: Kostüme, Scherzartikel, Dekorationen, Süßigkeiten. ALDI bietet jetzt gruselige Rezeptvorschläge, die jeden Sternekoch erfreuen und die besonders lecker schmecken. (23.10.2019)

Freakadellen in Blutsoße, Gespenstersnacks, Rote Bete Kuchen mit Geistern, Gruselpaprika. Scans: St.-P. Ballstaedt

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Prekäres Wortfeld

In der Schweizer Umsonstzeitung „20 Minuten“ habe ich erstmals das durchaus treffende Wort „Randständige“ für obdachlosen Personen gelesen. In meiner Diplomarbeit schrieb ich 1974 über Nichtsesshafte, Obdachlose oder Wohnsitzlose, so die offiziellen amtlichen Bezeichnungen. In der NS-Zeit waren es Wohnungslose. Frühere Bezeichnungen betonten das Umherstreifen: Vaganten und Vagabunden, dann Land- und Stadtstreicher, Stromer, im Amerikanischen Tramps.

Mit der Bezeichnung „Zwangs- oder Notwanderer“ wurde der gesellschaftliche und ökonomische Hintergrund thematisiert. Die Alltagssprache greift auffallende Verhaltensformen auf: Pennbrüder, Penner, Verwahrloste, Gammler, Schnorrer, Arbeitsscheue.

Die Betroffenen selbst nannten sich Kunden, seit 1828 ist das Wort in Rotwelsch mit der Bedeutung „wandernder Handwerksbursche, Bettler, Landstreicher“ belegt. Einer von ihnen, Gregor Gog gründete 1927 in Stuttgart die „Internationale Bruderschaft der Vagabunden“ und die Zeitschrift „Der Kunde“. 1929 wurde auf dem Stuttgarter Killesberg der erste Vagabunden-Kongress veranstaltet. Ein weitere Selbstbezeichnung seit den 80er-Jahren ist “Berber”.

Im Östereichischen und auch in Bayern ist die Bezeichnung “Sandler” verbreitet, woher sie kommt, habe ich noch nicht herausbekommen.

Bei den französischen Clochards ist die Etymologie nicht geklärt, entweder von clocher = hinken, oder von la cloche = die Glocke. Angeblich wurde sie nach einem Rechtsgrundsatz geläutet, wenn die Armen bei Marktschluss die auf dem Boden liegenden Reste aufsammeln durften. (14.10.2019)

Die Geschichte vom Vagabunden Gregor Gog ist als Comic erschienen: Johann Ulrich/ Bea Davies/ Patrick Spät: Der König der Vagabunden und seine Bruderschaft. Berlin: Avant Verlag, 2019.

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Hüpfburg

Diese Wort-Kombination aus einer wehrhaften Festung mit der Bewegungsart des Hüpfens finde ich überaus komisch. Erfunden wurde das für alle öffentlichen Feste und Veranstaltungen unentbehrliche Spielgerät 1977 von der österreichischen Unternehmerin Elisabeth Kolarik eher zufällig. Ihrer Tochter wollte sie eine aufblasbare Spielwiese ins Kinderzimmer stellen. Den Auftrag vergab sie an einen englischen Hersteller von Stoffen für Heißluftballons. Der Mann verstand die Maßangaben als Zoll statt als Zentimeter, die Spielwiese wurde 2,54-mal zu groß und war nur im Freien zu verwenden. Das war die Geburtsstunde der Hüpfburg. 1992 eröffnete Frau Kolarik im Prater das Café-Restaurant „Luftburg“, in dem mehrere derartiger Angebote zum Toben stehen. Da der markenrechtliche Name „Luftburg“ lautet, mussten Konkurrenzprodukte auf die Namen „Hüpfburg“ oder „Springburg“ ausweichen. (05.10.2019)

Eine originale Luftburg im Wiener Prater. Foto: Peter Gugerell, Wikimedia Commons.

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h>>

Alle Masten sind mit Aufklebern zugekleistert, viele politische Parolen und viel Werbung. Eine halbwegs originelle visuelle Botschaft habe ich gestern an einem Verteiler im Studierendendorf Waldhäuser-Ost in Tübingen gefunden. Die Bedeutung bleibt mir aber wie so oft verschlossen.

Schlichtes Stencil mit depressiv hockender Person und der Zeichenfolge h>>, deren Bedeutung ich nicht kenne. Foto: St.-P. Ballstaedt (04.10.2019)

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Beschämt

Das Wort „Fremdschämen“ hat es 2009 in den Duden geschafft, es wurde erstmals 2005 in einer Zeitungskritik über den Komiker Oliver Pocher benutzt. 2010 war es Wort des Jahres in Österreich, wo man es derzeit wieder gut gebrauchen kann. Fremdschämen beschreibt das Gefühl, wenn man das Verhalten einer Person oder einer Gruppe so peinlich findet, dass man sich stellvertretend für sie schämt.

Da wir beim Schämen sind: Flugscham ist ein aktuelles Wort, das noch nicht im Duden verzeichnet ist. Es ist eine Übersetzung aus dem Schwedischen.“Flygskam“. Die Schweden fliegen im Durchschnitt sieben Mal so viel als andere Europäer. Das Wort hat einen angebbaren Ursprung. Der schwedische Biathlet Björn Ferry unternimmt alle Reisen zu Sportevents nur mit der Bahn, auch wenn er zwei Tage unterwegs ist. Er hat ist damit in Schweden ein erfolgreicher Influencer. (01.10.2019)

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Autogerecht

1959 erschien das Buch des Architekten  Hans Bernhard Reichow: Die autogerechte Stadt – Ein Weg aus dem Verkehrs-Chaos. Seine Grundidee: In der Stadt sollten sich alle Planungen dem ungehinderten Verkehrsfluss des Autos unterordnen. Die Fußwege werden über Treppen, später auch Rolltreppen in Unterführungen unter die Straßen verlegt, damit der Verkehr nicht durch Überwege und Ampeln behindert wird. Alle Städte bauten Unterführungen.

Beim Bau des zentralen Omnibusbahnhofs in Tübingen 1960 wurden die Reisenden auf dem Weg zum oder vom Bahnhof ebenfalls in eine Unterführung unter der Europastraße und dem ZOB verbannt. Kein einladender Bahnhofsvorplatz, sondern ein abweisender Empfang. Als ich 1967 mit dem Studium in Tübingen begann, war die Unterführung noch mit Schaufestern Tübinger Geschäfte ausgestattet. Nach oft eingeschlagenen Scheiben zogen sich immer mehr Geschäfte zurück. Auch eine öffentliche Toilette wurde wegen Missbrauchs geschlossen, aber der bei Unterführungen nicht seltene Uringeruch blieb erhalten. Die mit Kacheln zugemauerten Schaukästen boten jetzt  gute Flächen für meist wenig begabte Sprayer. Die Unterführung verwahrloste.

Nachdem ein Fußgängerweg über die Europastraße eingerichtet wurde, benutzen nur noch wenige Passanten die Unterführung. Beim Umbau des Europaplatzes, der in wenigen Wochen beginnt, wird sie beseitigt. In einem Foto habe ich den trostlosen Ist-Zustand festgehalten. (26.09.2019)

Abschied von der Unterführung vom Bahnhof zum Anlagensee. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Bilderrätsel 10

Was zeigt uns dieses Foto? Zur Auflösung auf den Kommentar klicken. Für das Foto danke ich Wolfgang Jäckle. (21.09.2019)

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