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Headlines

Zwei Zeitungen hatten die selbe Idee. Die Frankfurter Rundschau zeigt ein Foto mit einem nachdenklichen Mario Draghi mit der Unterschrift: Draghisch. Die TAZ zeigt ein Foto mit Lega-Chef Matteo Salvini und “Forza-Itakia-Zombie Silvio Berlusconi” , in ihrer Mitte Fratelli-d’Italia Chefin Giorgia Meloni. Die Überschrift: Italienische Draghikomödie. (23.07.2022)

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Erinnerungskultur

Wer durch Tübingen spaziert, der wird an einigen Pfosten von Straßenschildern einen Knoten finden. Der soll darauf hinweisen, dass die Person, nach der die Straße benannt ist, historisch mit Antisemitismus, Kolonialismus oder Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wird und als belastet gilt. Ist in diesen Fällen eine Ehrung durch einen Straßennamen vertretbar? Die Ehrung mit einem Straßennamen geschieht nach bestimmten politischen, gesellschaftlichen und ethischen Wertvorstellungen, die sich wandeln. In Tübingen wurde dazu eine Kommission eingerichtet, die 14 Straßennamen unter die kritische Lupe nimmt.

Ein Betroffener ist der Tübingen Philosoph und Pädagoge Eduard Spranger. Er lehrte von 1946 bis 1950 an der Universität Tübingen. Er war damals ein wichtiger Vertreter einer geisteswissenschaftlichen Pädagogik, der sich für das humanistische Gymnasium und die Lehrerausbildung einsetzte. Hauptwerke sind „Lebensformen“ (1921) und „Die Psychologie des Jugendalters“ (1924). Ab 1933 war er Mitglied des Kampfbunds Stahlhelm, der im selben Jahr in die SA integriert wurde. Er war zwar nicht in der NSDAP, aber kann als demokratieskeptischer Nationalist und Militarist, Antisemit und Sympathisant der Nationalsozialisten bezeichnet werden. Wer seine Vita durchliest, der wird eine durchwachsene Mischung aus Erkenntnissen, Weisheiten, Irrtümern, Fehleinschätzungen, Vorurteilen usw. finden, wie sie bei vielen aktiven Menschen vorkommt. Auch ich möchte in keiner Goebbels-Straße oder in einem Mengele-Weg wohnen. Aber wenn wir bei Straßennamen nach reinen Lichtgestalten suchen, dann werden wir in Zukunft nur noch durch Straßen gehen, die nach Blumen, Vögeln und Bäumen benannt sind. (21.07.2022)

Die Idee der Verknotung stammt aus einem Wettbewerb der Hochschule für Kommunikation und Gestaltung Stuttgart von Milena Scher und Vanessa Cataldo. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Bildersturm

Die Generaldirektorin der documenta ist nach dem Antisemitismus-Eklat von ihrem Amt zurückgetreten, sehr geschickt hat sie sich auch nicht verhalten. Aber wenn wegen ein paar antisemitischen Comicfiguren auf einem 20 Jahre alten Wimmelbild aus Indonesien die Zukunft der ganzen Kunstschau infrage gestellt wird, ist das schon reichlich überzogen. Wo bleibt hier der interkulturelle Dialog, um den es doch  auf der documenta gehen sollte? In einem Artikel der FR hat die EthnologinVanessa von Gliszczynski, die Kustodin im Depot des Weltkulturen Museums in Frankfurt, zu verstehen versucht, warum die Vertreter verschiedener westlicher Geheimdienste als Figuren gezeichnet wurden, die im deutschen Kontext so viel Aufregung erzeugen konnte. Es ging in dem Bild um den Versuch, die Schreckensherrschaft des Diktators Suharto aufzuarbeiten. In den indonesischen Schattenspielfiguren findet man Wurzeln dieser Darstellungen, in denen z. B. das Schwein Gier, der Hund Gewalt und die Ratte Korruption symbolisieren. Das Künstlerkollektiv Taring Padi hat sich mehrfach entschuldigt, es hat die Brisanz dieser Bilder für die deutsche Szene nicht erkannt. Daraus sollte man lernen, statt jetzt einen Bildersturm auszulösen und alle Kunstwerke zu inspizieren, ob sich dort Antisemitismus heraus- oder hineininterpretieren lässt (oder Sexismus oder Kolonialismus oder Rassismus). Etwa 10 bis 15% der deutschen Bevölkerung haben antisemitische Einstellungen, so Daten aus soziologischen Erhebungen. Da müssen wir wachsam bleiben, statt uns in der Sphäre intellektueller kunstästhetischer Auseinandersetzungen abzureagieren. (17.07.2022)

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Übernamen

Eine besondere Spielart des Humors sind Spitznamen und Kosenamen. Das Adjektiv „spitz“ bedeutet ursprünglich „schmal zusammenlaufend und in einem stechenden Punkt endend“. Übertragen bedeutet das Wort „verletzend“ und „anzüglich“. Seit dem 17. Jh. gibt es das Wort Spitz- oder Spottnamen, die meist eine persönliche Eigenschaft einer Person aufspießen. Oft abwertend („Lügenbaron“ für Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg), es gibt allerdings auch positiv konnotierte (“Häuptling Silberzunge“ für Kurt Georg Kiesinger)und ambivalente Spottnamen („Mutti“ für Angela Merkel). Politisch korrekt sind die karikaturhaften Bezeichnungen selten.

Das gilt auch für Kosenamen, die zwar vorwiegend eine positive Konnotation haben wie die gebräuchlichen Namen „Schatz“ oder „Engel“. Aber „Mäuschen“, „Baby“, “Hasi”  oder „Spatz“ sind zwar positiv gemeint, aber nicht gerade emanzipatorisch. „Knutschkugel“ oder „Pupsbär“ sind originell, aber verweisen auf persönliche Vorlieben, die nur in einer Privatsprache kommunizierbar sind. Alle Formen von Wortspielereinen sind bei der Erfindung von Übernamen zu finden, Beleidigungen sind oft nicht weit entfernt (“Rumsauer” für Peter Ramsauer als Verkehrsminister).

Ein Buch über Spitznamen hat ein Liturgiewissenschaftler (!) vorgelegt: Guido Fuchs: “Vorwiegend heiter bis boshaft: Spitznamen in der Literatur. Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2011. (03.07.2022)

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Antisemitische Bildsprache (1)

Das passt ja gut in meine Serie: Antisemitsche Bestandteile im Werk des indonesischen Künstlerkollektivs „Taring Padi“ auf der documenta fifteen, in deren Vorfeld schon Antisemitismusvorwürfe geäußert wurden.

Was ist auf einem großen Wimmelbild auf dem Friedrichsplatz in Kassel zu entdecken? Ein Jude mit Schläfenlocken und einer SS-Rune auf dem Hut als Vampir mit gespaltener Zunge und rot unterlaufenen Augen. Und ein Soldat mit Schweinsgesicht mit Davidstern und einem Helm mit der Aufschrift „Mossad“. Ohne Zweifel judenfeindliche Darstellungen. Jetzt wird das Kunstwerk mit schwarzem Tuch verhüllt, auf Wunsch vieler Organisationen soll es vollständig entfernt werden. Peinlich für das ebenfalls indonesischen Kuratoren-Kollektiv Ruangrupa, das keine sehr sensible Hand bei der Auswahl der Exponate bewiesen hat.

Was aber doch auffällt: Kein Wort wird darüber verloren, was das riesige Gemälde eigentlich darstellt, denn die beiden Figuren stehen ja in einem weiteren Kontext. Auf der Website schreibt das Kollektiv: „Für ihren Beitrag zur documenta fifteen führt Taring Padi seine drei Hauptgrundsätze fort: organisieren, bilden und agitieren. Das Motto lautet Bara Solidaritas: Sekarang Mereka, Besok Kita (Flamme der Solidarität: Zunächst kamen sie um ihrer selbst willen, dann kamen sie unseretwillen). In Deutschland, Indonesien, den Niederlanden und Australien fanden im Vorfeld der documenta fifteen Workshops statt – etwa mit Migrant*innen, Straßenkünstler*innen und Schüler* innen. Gemeinsam schufen sie künstlerische Arbeiten zu sozialpolitischen Themen. Darunter sind großformatige Banner und etwa 1000 Wayang kardus, die im Kasseler Zentrum ausgestellt werden und auch Teil von Auftritten sein sollen.“ Was ist die Botschaft des Bildes? Das interessiert anscheinend keinen Menschen, man stürzt sich auf zwei isolierte Figuren, die antijüdischen Stereotypen entsprechen.

Leider konnte ich keine lizenzfreien Fotos des gesamten Werks und der kritisierten Bildbestandteile finden. Man kann sie auf der Website der Deutschen Welle anschauen. (21.06.2022)

Nachtrag. Heute lese ich in der FR einen Artikel von Harry Nutt, der genau das ausdrückt, was ich sagen wollte: „Keine Kunst ohne Kontext, es wäre also denkbar gewesen, nach genauerer Prüfung zu einem Ergebnis zu kommen, das eine schnelle Bewertung zumindest zu ergänzen vermag, der sich am Nachmittag viele Kunstkritiker:innen, aber auch verantwortliche Politikerinnen […] mit demonstrativem Entsetzen angeschlossen hatten.“ Wie ich schon in einigen Beiträgen (über Kirchner, Balthus, Herold) angemerkt habe, halte ich wenig von Verboten von Bildern oder visuellen Symbolen. Ich begreife auch nicht, warum jetzt die gesamte Dokumenta als peinlich, unerträglich, antisemisch beschimpft wird. Eine offene Gesellschaft wird doch ein problematisches Exponat ertragen können, ohne hysterisch zu werden. Kunst soll doch zum Denken und zu Auseinandersetzungen anregen oder will man nur noch Blumenbilder und Stillleben akzeptieren? (22.06.2022)

Noch ein Nachtrag: Bei einer Diskussion über das abgehängte Kunstwerk an der Universität Kassel sprach sich  der israelische Soziologe Natan  Szaider gegen die Entfernung des Bildes aus. Antisemitismus sei ein integraler Bestandteil der Moderne, der nicht wegpädagogisiert werden könne. Da kann ich nur zustimmen. (23.06.2022)

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Ecclesia und Synagoga

Noch ein Beispiel der christlichen Ikonografie des Mittelalters: die symbolische Darstellung des Christentums und des Judentums durch zwei Frauenfiguren. Das Paar flankiert oft eine Darstellung Jesu im Bogenfeld des Kirchenportals. Die Ecclesia ist eine schöne, stolze und aufrechte Frau, meist mit einer Krone als Herrschaftszeichen sowie einem Kreuz und einem Kelch als Zeichen für das Christentum. Daneben steht die Synagoga in eingefallener Haltung mit verbundenen Augen in einem abgewandten Gesicht. In der einen Hand hält sie eine gebrochenen Lanze, in der anderen manchmal eine entgleitende Torarolle oder Gebotstafeln, auf dem Boden liegt eine Krone.

Mit den beiden Figuren wird die Überlegenheit des Christentums gegenüber dem Judentum visualisiert. Das ist keine so drastische Beleidigung wie die Judensau, aber einen deutliche Herabsetzung der jüdischen Religion. Die Darstellung der Synagoga hat sich über die Jahrhunderte ausschließlich zum Negativen verändert, sie wurde häßlich und verkommen dargestellt. Das ist ein frühes Beispiel, wie mit Bildern als visuelle Argumente (Kirchen-)Politik gemacht wird. (16.06.2022)

Dieses Figurenpaar der Ecclesia und Synagoga befindet sich an Notre-Dame in Paris. (zum Vergrößern ins Bild klicken). Quelle: Wikimedia Commons

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Die Judensau

Ein Urteil des BGH des erregt die Gemüter: Das Relief der Judensau an der Stadtkirche in Wittenberg darf dort verbleiben, da es durch Begleittafeln in einen kritischen und distanzierenden Kontext gestellt wird. Das Schandmal sei so zu einem Mahnmal geworden.

Die Darstellung von Juden in intimen Kontakt zu Schweinen ist seit dem Hochmittelalter ein beliebtes Motiv antijudaistischer christlicher Kunst. In der Wittenberger Version hängen Juden an den Zitzen einer Sau, ein Rabbiner hebt den Schwanz und schaut in den After. Derartige Darstellungen sollten die Juden verhöhnen, diffamieren und demütigen. Intimitäten zwischen Mensch und Tier sind in der Tora verboten und das Schwein gilt im Judentum als unrein. Das Bildmotiv kommt in Europa als Relief und Skulptur in etwa 50 Varianten vor, dazu in unzähligen Drucken und Flugblättern. Man kann die meisten in Wikipedia anschauen.

Sollen derartige Darstellungen an Kirchen verschwinden und in einem Museum gezeigt werden? Ich meine, sie sollten an den Kirchen verbleiben. Besonders an der Stadtpfarrkirche in Wittenberg erinnert das Relief daran, dass Martin Luther ein fanatischer Judenhasser war und das Christentum erheblich zum Antisemitismus beigetragen hat. Es zu entfernen würde bedeuten, sich dieser Tradition nicht zu stellen, sondern sie verschwinden zu lassen. Die evangelische Landesbischöfin Ilse Junkermann sah das im Reformationsjahr 2017 genauso: Die Kirche müsse „diese Wunde unserer eigenen Geschichte offen halten“. Ob die Bodenplatte und die Erläuterungstafel in einer schwer lesbaren und verschwurbelten Sprache allerdings ihre aufklärerische Funktion erfüllen, daran kann gezweifelt werden. Aber das lässt sich ja ändern. (15.06.2022)

Eine üble antisemitische Darstellung, aber muss sie unseren Augen entzogen werden oder sollte sie nicht als Mahnmal im öffentlichen Raum verbleiben, gerade an einer Kirche, um religiöse Toleranz anzumahnen? Quelle: Wikimedia Commons.

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Gurkensalat

Ein Sticker an Tübinger Masten, dessen tiefere Bedeutung sich mir wieder einmal nicht erschließt. Foto: St.-P. Ballstaedt (12.06.2022)

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Herioc turn

Ein Wort liest und hört man derzeit erstaunlich häufig: Held oder Heldin. “Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“, ein Satz, den Bertold Brecht dem Galileo Galilei in den Mund gelegt hat. Es gibt Bücher, die Helden im Titel führen. Anne Weber: „Annette, Heldinnenepos“ oder Doris Dörrie „Heldin auf Reisen“. In Pristina wurde ein Denkmal für die während des Kosovo-Krieges vergewaltigten Frauen mit der Inschrift „Heldinnen“ aufgestellt. Ukrainische Soldaten im Krieg gegen Russland werden als Helden gefeiert, Helden brauchen immer ein bedrohliches Feindbild, vor dem ihre Taten bewertet werden.

Der Tübinger Komparatist Jürgen Wertheimer bietet eine Vorlesungsreihe „Europas phantastische Held*innen – eine literarische Spurensuche“ an, in dem er literarische Figuren der europäischen Geistesgeschichte interpretiert: König Lear – Don Quijote, Robin Hood – Wilhelm Tell, Zarathustra – Jesus, Macbeth – Hagen, Werther – Raskolnikow, Anna Karenina – Nora. Eine bunte Mischung, die man nur schwer unter dem Label „Held*in“ vereinen kann. Wertheimer will weg von einer martialischen Definition des Helden und bezieht sich auf eine Definition bei Aristoteles, der einem Helden die Eigenschaften dominant, ehrgeizig und hochmütig zuschreibt. Ein Held kann aber durchaus Fehler machen und auch einmal Scheitern, aber er geht daraus gefestigt hervor. Körperliche Stärke und Mut nennt Aristoteles nicht. Aber auch dieser Definition lassen sich die literarischen Personen nicht zuordnen. Raskolnikow ein Held? König Lear und Don Quijote sind doch – salopp gesprochen – unbelehrbare Sturköpfe, warum Helden? Gibt es für Wertheiner überhaupt eine literarische Figur, die nicht unter seine breite Kategorie des Helden fällt?

Im ZEITmagazin vom 2.6.2022 kann man einen Essay über Helden lesen: „Woher kommt der Mut?“ Als Urtypen des Heldischen werden die Gestalt des David im Alten Testament und die Gestalt der Judith beschrieben. Beide retten ihr Volk durch eine beherzte Tat. Hier werden zwei Merkmale ins Zentrum gestellt: Mut und Selbstvertrauen. Das sind Eigenschaften, die Nawalny oder Selensky gegenüber Putin zu Helden machen, der sich ja gern in heldischer Pose mit nacktem Oberkörper beim Jagen ablichten lässt. (11.06.2022)

In Comics und deren Verfilmung kämpfen Heldinnen mutig und mit Selbstvertrauen gegen das Böse. Bild: Cover der Serie Supergirl, Wikimedia Commons

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