Archive | Aktuell

Die Daltons

Und noch eine Grafitti-Fund in Freiburg im Breisgau: die Dalton-Bande als Blaskapelle. Es gibt übrigens den neuen Lucky-Luke-Band Nr. 99 “Fackeln im Baumwollfeld” mit bemerkenswerter politischer Botschaft. Foto: St.-P. Ballstaedt (02.11.2020)

0

Chapeau, Charlie Hebdo

Eine Karikatur über den türkischen Präsidenten Erdogan ist ja noch blasphemischer als eine Karikatur des Propheten Mohamed! Es ist schon tollkühn, ein derartiges Titelbild zu veröffentlichen, nachdem schon einmal die halbe Redaktion ermordet wurde und derzeit Menschen erschossen, abgestochen und enthauptet werden, die bei den Islamisten Missfallen erregt haben.

Leider habe ich in Tübingen kein Exemplar Nr. 1475 auftreiben können und eine lizensfreie Reproduktion habe ich auch nicht gefunden, aber auf der Website https://charliehebdo.fr kann man sogar eine animierte Version der Karikatur anschauen. (30.10.2020)

In der deutschen Ausgabe von Charlie Hebdo war Erdogan dreimal der Coverboy. Dass er völlig humorfrei ist, das kann man schon an der Physiognomie erkennen. Foto: St.-P. Ballstaedt

0

Catcalling

Vor einigen Monaten habe ich einen Beitrag zum Upskirting geschrieben, dem strafbaren Fotografieren unter den Rock. Jetzt habe ich über eine neue Gesetzesinitiative gelesen, die das Catcalling unter Strafe stellen will. Darunter wird verstanden, wenn ein Mann einer Frau nachpfeifft oder eine sexistische Bemerkung nachruft, wie z.B. „Ein süßer Arsch“. Das wird analog zu körperlichen Belästigungen als verbale Belästigung eingestuft. Damit kein Missverständnis aufkommt, ich finde diese Verhaltensweisen nicht akzeptabel. Aber mir fällt mit soziologischem Blick doch auf, dass schlechte Manieren, Unhöflichkeiten, Unverschämtheiten und Ungezogenheiten zunehmend justiziabel werden. Der Prozess der Zivilisation im Sinne von Norbert Elias nimmt seinen Lauf mit der Regulation von Verhaltensweisen. Vielleicht wird bald das öffentliche Entweichen einer Blähung oder das unappetitliche Schmatzen beim Essen als Delikt behandelt. (29.10.2020)

0

Secret Walls

Die Halle des Stuttgarter Hauptbahnhofs, der Bonatz-Bau, ist derzeit leergeräumt und seine großen Wände dienen als Flächen für Bilder von Sprayern, entweder direkt auf die Mauer oder auf eine Leinwand gesprüht. Das Kunstmuseum Stuttgart hat die Gelegenheit des Umbaus für diese  Ausstellung ergriffen. Wenn man die Tübinger Schmieranten gewohnt ist, die außer hässlichen Blockbuchstaben nichts zur Gestaltung der urbanen Umwelt beitragen, so bekommt man hier einen Eindruck von den verschiedenen Graffiti-Stilen und Ausdrucksmöglichkeiten. (27.10.2020)

Die meisten Künstler wollen weiter anonym bleiben, nur wenige haben ihre Werke signiert. Fotos: St.-P. Ballstaedt

0

Superspreader

In einem Beitrag vom April habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass die Corona-Krise eine Menge an neuen Wortbildungen bewirkt hat. Jetzt habe ich wieder in die Wortwarte seit April geschaut und eine große Anzahl neuer Wörter/Begriffe gefunden. Hier nur eine Auswahl meiner Lieblingsneubildungen:

Expressbeerdigung, Impfterrorismus, Befreiungsparty, Covidiot, Ausatemwölkchen, Abstandspilgern, Lockerungsdrängler, Verschwörungsmystiker, Ausgehreflex, Gesichtsdeckel, Partystruktur, Andachtsmaterial, Pandemieleugner, Wocheninzidenz, Zwangsabsonderung, Hybridsemester, Videomeetingtool, Armutsverschärfer, Outdoor-Gottesdienst, Abstands-Wauwau, Abstrichnahme, Immunitätspass, Balkongesänge, hochhusten.

Und noch ein Terminus, der es aus der Epidemologie in die Alltagssprache geschafft hat: der Superspreader und damit verbunden das Superspreading Event. (15.10.2020)

0

Generisches Femininum

Als 2013 die Verfassung der Universität Leipzig nur noch die weiblichen Bezeichnungen verwendete, regte das viele Gemüter auf: Es gab nur noch Professorinnen und Studentinnen, die Männer sind dabei mitgemeint.

Jetzt hat das Bundesjustizministerium einen Gesetzesentwurf zur Fortentwicklung des Sanierungs- und Insolvenzrechts (SanInsFoG) verschickt, in dem nur Schuldnerinnen, Verwalterinnen, Gläubigerinnen vorkommen, also nur die weiblichen Berufsbezeichnungen. Das wird als generisches Feminimum bezeichnet, was aber nicht korrekt ist. Es gib im Deutschen das generische Feminimum, aber nur bei einigen Tierbezeichnungen, wie die Maus, die Gans, die Katze und dann noch die Geisel. Diese Substantive haben den weiblichen Artikel, es können aber männliche oder weibliche Geiseln sein. Die Leipziger Uni und das Ministerium benutzen schlicht die weiblichen Bezeichnungen mit den entsprechenden Ableitungsmorphemen.

Bereits 1984 forderte die feministische Linguistin Luise Pusch, nur noch die weiblichen Formen zu verwenden. Sie führt zwei Argumente an: 1. Das ist eine Wiedergutmachung für die männlich dominierte Sprache und ein Empathietraining für den Mann, der jetzt nur noch mitgemeint ist. 2. Die feminine Form enthalte sichtbar die männliche, der Lehrer steckt in der Lehrer/in: „Das Femininum ist die Grundform, das Maskulinum die Schwundform.“

Als williger Genderer halte ich einen derartigen Sprachgebrauch für überzogen: Er ist nicht geschlechtergerecht, die Kritik am generischen Maskulinum trifft hier genauso zu. Das Ressentiment gegen die Männer mag verständlich sein, aber eine Einseitigkeit durch eine andere zu ersetzen, ist wohl kein überzeugender Fortschritt. (12.10.2020)

1

Myzel

Das Bild oben auf dem Screen ist ein verfremdetes Pilzmyzel. Als Pilzsammler kam mir beim Entwurf meiner Website der Gedanke, dass das weit verzweigte Netzwerk im Boden sich als visuelle Metapher für Kommunikation eignet. Das, was wir verbraten und verkochen, sind ja nur die Fruchtkörper, die aus dem Myzel herauswachsen. Jetzt ist ein lesenswertes Buch eines Biologen über Pilze erschienen:

Merlin Sheldrake: Verwobenes Leben. Wie Pilze unsere Welt formen und unsere Zukunft beeinflussen. Berlin: Ullstein, 2020

Wie oft bei Forschern, die sich einem Thema verschreiben, neigt er zu einer überhöhten Bewertung der Pilze, DER SPIEGEL nennt ihn den „Hohepriester der Pilze“. Vielleicht hat er zu oft Pilze mit Psilocybin vernascht, die ihm nach eigener Ausssage eine Pforte in ein anderes Bewusstsein geöffnet haben. Seine Erkenntnisse rechtfertigen meine Entscheidung für die visuelle Metapher: Das verborgene Netzwerk im Boden kann sich über Kilometer erstrecken und ist vor allem mit Bäumen symbiotisch verknüpft, über die Verbindungen werden Informationen weitergeleitet, z.B. über den Schädlingsbefall eines Baumes. Das Netzwerk nimmt Einflüsse von außen wahr und kann auf sie reagieren, obwohl es über kein Gehirn als Steuerzentrale verfügt. Aber vielleicht ist das Netzwerk ja das Gehirn, eine Idee, die sicher zu einem guten Science-Fiction-Roman oder -film taugt. (05.10.2020)

Myzel eines Austernpilzes auf Kaffeesatz. Foto: Tobi Kellner, Wikimedia Commons

0

Zeigen statt Sprechen

Wenn Sprache zur Kommunikation ausfällt, dann kann ein bildliches Kommunikationssystem helfen. In einem früheren Beitrag habe ich das Tool „Point it“ für Reisen ins fremdsprachige Ausland vorgestellt und eine Serie von Tafeln, die  als „bildbasierte Verständigungshilfe“ in der Kommunikation mit Geflüchteten eingesetzt wird. Jetzt ist ein weiteres Tool zur Kommunikation vor allem mit Schlaganfall-Patienten entwickelt worden, das als App auf ein Tablet geladen wird: Es wurde von einer Logopädin und einem Softwareentwickler vorgestellt und bietet 150 Piktogramme, die bei Berühren ieine Sprachausgabe auslösen. So kann eine Patientin z.B. mitteilen: „Ich habe Schmerzen“.  Die Piktogramme können auch zur Verneinung benutzt werden: „Ich möchte keinen Käse“. (02.10.2020)

Piktogramme zur Kategorie „Essen & Trinken“ auf einem Tablet. Die Piktogramme sind sehr schlicht als Strichbildchen realisiert. Man tippt ein Symbol an und kann dann bejahen oder verneinen. Quelle: Eliah Semiotics: https://eliah.app

0

Splittergruppe

Mit einem selbst gezeichneten, ausgeschnittenen und aufgeklebten Street Art Sticker macht eine neue linksradikale Gruppierung in Tübingen auf sich aufmerksame: die Migrantifa.

Es ist handelt sich eher um ein Netzwerk als eine Organisation, die durch lokale Protestaktionen in Berlin und anderen Städten auf sich aufmerksam macht. Am 23. Juni gaben zwei Vertreter der Gruppe der taz ein Interview über ihre Ziele. Das Kofferwort – oder eleganter Portemanteau-Wort –  aus Migrant und Antifa soll bedeuten, dass die Gruppierung nicht die Interessen mehrheitlich weißer Linker, sondern auch der Migranten vertritt. Die Gruppe ist gegen Rassismus und gegen Neonazis, sowie für die Aufnahme von Asylanten und  für die Abschaffung der Polizei. Foto: St.-P. Ballstaedt (26.09.2020)

0