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Dunkle Gefühle

Im allgemeinen christlichen Schuldbekenntnis bekennt der/die Gläubige: „Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken durch meine Schuld.“ Psychologisch ist das ein strenge Moral, denn für unsere Taten sind wir verantwortlich, aber nicht für unsere Träume, Fantasien und Gefühle, in denen sich primitive, archaische Relikte aus der animalischen Evolution melden. Hass, Wut, Aggression, Neid, Hochmut, Rachsucht, Eifersucht, Schadenfreude, Habgier, das ist eine Liste von Gefühlen, die man sich ungern eingesteht. Aber jeder hat schon einmal Gefühle, Gedanken und Vorstellungen bei sich beobachtet, die ihn selbst erschrecken und für die er sich schämt. Eine Weigerung, diese dunklen Seiten der Psyche anzuerkennen, sie zu verleugnen oder zu verdrängen, bringt uns um wichtige Selbsterkenntnisse.

Kultur und Gesellschaft fordern und kontrollieren eine Disziplinierung der dunklen Gefühle. So hat die „klammheimliche Freude“ des Göttinger Mescalero nach der Ermordung des Generalbundesstaatsanwalts Buback große Empörung ausgelöst. Fällt die soziale Kontrolle weg, wie in den sozialen Medien, dann brechen sie sich ungehemmt Bahn. Im zwischenmenschlichen und politischen Bereich werden dunkle Gefühle durchaus bewusst taktisch gepflegt, um angestrebte Ziele zu erreichen. Sonst wäre ein strenges Schuldbekenntnis auch überflüssig.

Noch ein Tipp: Der belgische Comiczeichner André Franquin hat einige Bände „Schwarze Gedanken“ herausgegeben, in denen er seinen dunklen Gefühlen freien Lauf lässt. Sehr böse! Leider darf ich kein Bildbeispiel zeigen. (13.10.2025)

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Verwurstet und geschnetzelt

Das Europaparlament hat entschieden, dass Fleischersatzprodukte nicht mehr Wurst, Schnitzel oder Burger heißen sollen. Also keine Veggiewurst und vegane Schnitzel mehr im Regal, da die Bezeichnungen den Konsumenten angeblich verwirren und zu Verwechslungen führen. Unabhängig davon, ob die Benennung dem Verbraucherschutz wirklich dient, etymologisch macht es wenig Sinn, Wurst und Schnitzel für Fleischprodukte zu reservieren.

Ein Schnitz ist ursprünglich ein kleines abgetrenntes Stück, aus dem Verb „schnitzen“ rückgebildet. Der Schnitzel ist ein kleines Stück Papier, erst spät Mitte des 19. Jh. wird es als Neutrum für eine Fleischschnitte verwendet: Das Schnitzel hat also ursprünglich nichts mit Fleisch zu tun.

Die Wurst hat eine ungewisse Herkunft, aber auch diese ist sicher fleischlos: Das Wort gibt es nur im Deutschen und es bedeutet ursprünglich Drehen oder Vermengen, die Bedeutung ist noch erkennbar in den Verben „sich durchwursteln“ oder „verwursten“

Nur der Burger als Verkürzung von Hamburger ist von Anfang an ein Hacksteak aus Rindfleisch auf einem Brötchen. Es wird inzwischen auch als vegetarische Variante angeboten.

Noch müssen die 27 EU-Staaten der Sprachregelung zustimmen, dann finden sie vielleicht die Zeit, sich ernsten Problemen des Bündnisses zuzuwenden. (09.10.2025)

Raffiniert getarnt: ein Sellerieschnitzel. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Doppelt

Ein Piktogramm und ein Text, beide mit derselben Botschaft. Ist das Bild oder der Text als Warnung verständlicher? Ich vermute, dass der Text schneller verstanden wird als das Bild, das man erst absuchen muss. Aber das Bild kann als Blickfang dienen. Die Text-Bild-Kombination befindet sich am Großbahnhof am Ostseebad Binz auf Rügen (30.09.2025)

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Four letter

Manchmal beept es im Radio, wenn ein amerikanischer Song gespielt wird, oder im Text erklingt ein Triangel-Bing. Das ist eine Zensur, die uns vor schmutzigen Wörtern (dirty words) schützen soll. Die Verwendung einiger Wörter war bis zu einem Gerichtsurteil von 2010 verboten. Der Komiker George Carlin hat darüber 1973 eine Sketch aufgeführt: „Seven Words you can never say on television“. Seine Liste: shit, piss, fuck, cunt, tits und die Komposita cocksucker und motherfucker. Da die Stammwörter alle aus vier Buchstaben bestehen, wurden sie auch Four-letter words genannt. Diese Wörter und etliche Flüche sind auch heute noch Einschränkungen und Kontrollen unterworfen.

Die deutsche Redewendung „Setz dich auf deine vier Buchstaben“ wäre im Englischen verständlich: (arse, butt), aber im Deutschen kommt nur das harmlose Popo infrage, das allerdings eine interessante Etymologie hat. „Pedere“ ist das lateinische Verb für furzen, Podex ist eine Substantivbildung dazu und bedeutet eigentlich „Furzer“, dann „Hintern“. Die kindersprachliche Silbenverdopplung wird im Deutschen zu Popo (analog Papa, Mama, Pippi, Kaka). (14.08.2025)

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Genozid

Der Gebrauch von Wörtern hat Konsequenzen. Das zeigt die Debatte, ob man das Vorgehen der israelischen Regierung in Gaza als Genozid bezeichnen kann, als bewusstes politisches Ziel oder als Kollateralschaden bei der Bekämpfung der Hamas. Genozid ist ein im Völkerrecht definierter juristischer Begriff in der UN-Konvention über Verhütung und Bestrafung des Völkermords, die 1951 in Kraft trat.

Die Konvention definiert Völkermord als „eine der folgenden Handlungen, begangen in der Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören:

a) das Töten von Angehörigen der Gruppe,

b) das Zufügen von schweren körperlichen oder seelischen Schäden bei Angehörigen der Gruppe,

c) die absichtliche Unterwerfung unter Lebensbedingungen, die auf die völlige oder teilweise physische Zerstörung der Gruppe abzielen,

d) die Anordnung von Maßnahmen zur Geburtenverhinderung,

e) die zwangsweise Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.“

Diese Kriterien kann jeder auf die Situation in Gaza anwenden und zu einer Entscheidung kommen. Der Internationale Gerichtshof behandelt derzeit dieses Problem, aber ein Urteil wird noch eine Weile auf sich warten lassen.

Würde der Begriff „Genozid“ für das Verhalten Israels als korrekt anerkannt, hätte das erhebliche politische Konsequenzen, denn das Völkerrecht sieht darin ein Verbrechen, das Strafen nach sich ziehen muss. Die Unterzeichnerstaaten müssten eingreifen, Deutschland dürfte keine Waffen mehr liefern, Mitglieder der israelischen Regierung müssten außerhalb des Landes festgenommen werden usw. 

Damit ist verständlich, warum der Begriff „Genozid“ von Politikern gemieden und von Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Kriegsverbrechen gesprochen wird. Das klingt nach harten moralischen Verurteilungen, hat aber politisch zunächst keine Konsequenzen. (08.08.2025)

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Comics

In meiner Kindheit und Jugend waren Comics in bürgerlichen Kreisen verpönt, man sollte gute Bücher lesen und keine Bildchen anschauen. Die Bildergeschichten wurden als Schund eingestuft, die nichts zur geistigen Entwicklung beitragen. Was die banalen Geschichten betrifft, wurde man sicher nicht sonderlich gefördert, aber das Verstehen von Comics ist eine durchaus anspruchsvolle kognitive Aufgabe: 1. Bilder und Worte, zwei unterschiedliche Zeichensysteme, müssen integrativ verarbeitet werden, im anspruchsvollsten Fall sind sie komplementär angelegt, sie ergänzen sich zu einer Gesamtbotschaft. 2. Die Lücken zwischen den Bildern müssen mental gefüllt bzw. erschlossen werden, dazu muss man Wissen aktivieren. Bilderserien, die in eine korrekte Reihenfolge gebracht werden sollen, sind als Aufgaben in Intelligenztests gebräuchlich. Moderne Graphic Novels können narrativ, bildlich und sprachlich ein hohes Niveau erreichen. (06.08.2025)

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Studierendenfutter

Studentenfutter gibt es seit dem 17. Jahrhundert. Ursprünglich eine Mischung, die aus Rosinen und Mandeln bestand (amygdala cum uvis passis mixta, 1691), später kamen ungesalzene Nüsse und anderes Trockenobst dazu. Mandeln waren teuer und Studentenfutter nur für finanziell gut gestellte Personen erschwinglich, deshalb wohl auch Pfaffenfutter genannt. Es wurde zunächst gegen einen Alkoholrausch oder Kater empfohlen, später als Kraftnahrung bei verschiedenen Erkrankungen. Scherzhaft wurden auch Bier und Tabak als Studentenfutter oder Studentenconfect bezeichnet. (16.07.2025)

Gesund, aber kalorienreich: Studentenfutter. Quelle: Wikimedia Commons

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LGBTQ

Mir ist es völlig gleichgültig, mit welcher sexuellen Orientierung jemand durchs Leben geht. Ich bin auf der Seite der Menschen, die für ihre Ausrichtung um Respekt und Anerkennung kämpfen, z.B. jetzt bei der Pride-Parade in Budapest. Was mich aber überrascht, ist die große Anzahl an queeren Personen. Ist das eine neue kulturelle Erscheinung oder lebten diese Menschen in früheren Zeiten im Verborgenen? Was würde Sigmund Freud zu den Ereignissen schreiben? Was Abweichungen von der binären Geschlechtsverhältnissen betrifft, war er ja nicht sonderlich tolerant, sondern sah sie eher als neurotische Fehlentwicklungen. Was haben derzeitige Psychoanalytiker als Experten für sexuelle Triebschicksale zu LGBTQ zu sagen? Eine schnelle Recherche zeigt, dass es dazu bereits etliche Beiträge gibt, denn der Umgang mit queerer Sexualität bringt die klassische psychoanalytische Sexualtheorie erheblich in Verlegenheit. (30.06.2025)

An alle gedacht: die LGBT Progress Pride Intersex flag. Quelle: Wikimedia Commons

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Nomen est Omen

Diese lateinische Redewendung stammt ursprünglich vom Komödiendichter Plautus: Der Name ist ein Zeichen. Plautus verleiht einer Hetäre den Namen „Lucris“, die Profitliche. Bezeichnende oder sprechende Namen sind ein beliebtes literarisches Stilmittel, bei denen der Name einer fiktiven Person einen Hinweis oder eine Anspielung auf den Charakter gibt. Beispiele : Sekretär „Wurm“ und „Hofmarschall von Kalb“ in Schillers „Kabale und Liebe“, „Reichwein“ bei Theodor Fontane, „Biedermann“ bei Max Frisch. Auch im Comic sind sprechende Namen (Aptronyme) beliebt: „Daniel Düsentrieb“ der unbestechliche Quaestor „Claudius Incorruptus“ oder der Streit provozierende „Tullius Destructivus“ in den Asterix-Comics.
Vornamen sollen oft auf zukünftige Eigenschaften verweisen: Wer seinen Jungen „Karl“ oder „Hermann“ tauft, der oder die hat wahrscheinlich eine andere Vorstellung als bei den Namen „Florestan“ oder „Laurin“. Hier soll der Vorname in eine bestimme Richtung wirken (nominativer Determinismus). Oft spiegelt die Namensgebung die Erwartungen der Eltern wider: Kevin soll ein ebenso beherzter Bub werden wie die gleichnamige Figur im Film. Valentina, Yamila oder Kyra prophezeien eine außergewöhnliche exotisch angehauchte Weiblichkeit. Untersuchungen belegen allerdings, dass die Wahl des Vornamens keine Auswirkung hat, von seltenen Ausnahmen abgesehen. Viele Künstler korrigieren ihren eher schlichten Vornamen durch einen passenden Künstlernamen. (25.06.2025)

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Circlusion statt Penetration

Obwohl sie etymologisch nichts miteinander zu tun haben, klingen Penis und Penetration ähnlich. Das Wort Penetration (lat. penetrare = eindringen) ist eigentlich ein technischer Terminus, er bezeichnet das Eindringen eines Körpers in einen anderen, z.B. in der Militärtechnik das Eindringen von Projektilen in Panzerungen. Die Übertragung in den sexuellen Bereich betont den mechanischen Aspekts des Geschlechtsverkehrs. Alice Schwarzer hat 1975 in ihrem Buch über den kleinen Unterschied und seine großen Folgen gegen die Verelendung weiblicher Sexualität unter dem Monopol des Penis angeschrieben und das Schwanzficken abgelehnt.

Aber hier geht es um Sprache. Die Autorin Bini Adamczaks hat schon vor zehn Jahren das Wort Circlusion erfunden, um eine neue Qualität des Beischlafs zu benennen: Circludieren bezeichnet das aktive Aufnehmen und Umschließen des Penis durch die Vagina. Durchgesetzt hat sich das Wort nicht, vermutlich weil sich die damit verbundenen sexuellen Praktiken nicht herumgesprochen haben. Beckenboden-, Vaginal- und Masturbationstraining sind dazu notwendig, der G-Punkt muss aktiviert werden, damit die Frau beim aktiven Circludieren patriarchale Strukturen aufbrechen kann. Wer an Details interessiert ist: Susann Rehlein: Ab in Bett! Sexuelle Späterziehung. Dresden Voland & Quist, 2025. (19.05.2025)

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