Author Archive | SP Ballstaedt

Nimm zwei

Soweit ist es gekommen: Jetzt wurden sogar zwei Unwörter des Jahres gekürt: Corona-Diktatur und Rückführungspatenschaft. Begründung: An Corona kommt man 2020 nicht herum, aber andere Konflikte sollen nicht vergessen werden. Über die Patenschaft als üblen Euphemismus habe ich mich schon ausgelassen, die Corona-Diktatur als Bezeichnung der Covid-19-Einschränkungen verharmlost nach der Jury das Leben in echten Diktaturen. Mein Kandidat „systemrelevant“ landete auf Platz 9. Im März wird zudem eine Ausstellung in Darmstadt eröffnet, in der Fotografen und Fotografinnen die Unwörter künstlerisch interpretieren. (14.01.2021)

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Handwerkerin

Das Online-Wörterbuch des Duden wird in diesem Jahr gendergerecht überarbeitet. Ein Beispiel. Früher stand „der Schüler, Substantiv, maskulin“. Jetzt: „der Schüler, Substantiv, maskulin: ein Junge, Jugendlicher, der eine Schule besucht“. Und es gibt einen zweiten Eintrag: „die Schülerin, Substantiv, feminin: ein Mädchen, Jugendliche, die eine Schule besucht“. Das bedeutet, dass das bei feministischen Linguistinnen unbeliebte generische Maskulinum abgeschafft wird.

Zwei Anmerkungen dazu: Gibt es nicht Situationen, in denen des Geschlecht wirklich unwichtig ist? Wenn ich sage: „Morgen kommt der Handwerker zu mir“, dann ist doch gleichgültig, ob das ein Handwerker oder eine Handwerkerin sein wird. Korrekt müsste ich formulieren: „Morgen kommt die Handwerkerin oder der Handwerker zu mir“. Und eine zweite Anmerkung: Ist der Duden jetzt eigentlich deskriptiv oder präskriptiv? Beschreibt er den Sprachgebrauch oder schreibt er ihn vor? Hier prescht er vor und setzt neue Sprachnormen. (09.01.2021)

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Säfteln

Im SPIEGEL Nr.49a 2020 lese ich in einem Artikel über die Flucht von Harry und Meghan aus dem britischen Königshaus folgenden Satz: „In allen Einzelheiten wurde die schwierige Kindheit der Schauspielerin ausgewalzt, säftelnd berichteten britische Blätter über angebliche Pornoclips, in denen sie zu sehen sei.“ Ich bin über das Wort „säftelnd“ gestolpert, einmal kannte ich es nicht, anderseits hat sich mir seine Bedeutung nicht gleich erschlossen.

Meine Recherche zeigt, das Wort kommt nicht selten vor, es findet sich bereits im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm: „Säfteln“ als Verkleinerungsform von „saften“, also „Saft entziehen, gewinnen oder abgeben“. Dort säftlen z. B. im Frühling die Bäume. Auch den Säftel habe ich entdeckt, ein Schimpfwort für einen Mann, der als Versager nicht ernst zu nehmen ist, ähnlich wie Saftsack, Saftarsch, Saftheini.

Neu ist aber offenbar die erotische Konnotation bei dem Adjektiv „säftelnd“. In der TAZ habe ich über „säftelnde Altherrenprojektionen“ gelesen und auf einer Website las ich, dass ältere Typen Frauen „ mit säftelnden Komplimenten“ anmachen. In dieser erotischen Bedeutung fallen mir die „feuchten Träume“ ein, die man ja bei beiden Geschlechtern auch als säftelnd bezeichnen kann. (08.01.2020)

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Einzelfälle

Während wir auf das neue Unwort warten, das die „Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres“ Mitte Januar verkünden wird, ist ein anderes Projekt, die „Floskelwolke“, vorgeprescht und hat die Floskel des Jahres 2020 bekanntgegeben: Einzelfälle.

Unter einer Floskel wird eine oft verwendete, meist überflüssige Formulierung oder Redensart bezeichnet. Das Wort stammt von flosculus, lat. = Blümchen, und wird bereits in der Antike auf Reden angewandt: flosculus orationis, sozusagen eine blumige Sprache. Eine eher negative Bedeutung bekommt das Wort im 17. Jh. als Bezeichnung für ausschmückende, aber nichtssagende Formulierungen. Die Website „Floskelwolke“ wird von den Journalisten Sebastian Pertsch und Udo Stiehl betrieben. Sie filtern täglich aus etwa 2000 Medienseiten Floskeln heraus und stellen sie in einer Wortwolke zusammen.

Im Gegensatz zum Unwort des Jahres sind Floskeln nicht unbedingt verschleiernd oder inhuman, aber es gibt doch eine breites Überlappungsfeld. Das gilt auch für den Einzelfall. Das Wort bezieht sich auf rechtsextremistische Umtriebe in der Polizei, die mit dem Ausdruck „Einzelfälle“ verharmlost werden, obwohl hier ja der Plural einen Widerspruch darstellt. (04.01.2021)

Darstellung von überflüssigen Wörtern und Formulierungen in einer Floskelwolke (zum Vergrößern ins Bild klicken). Quelle: Sebastian Pertsch, Wikimedia Commons

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Vorsätze

Ein neues Jahr hat für viele Menschen einen „fresh start effect“, der durch Vorsätze markiert wird.

Aus der technischen Kommunikation ist bekannt, dass die Formulierung einer Anweisung einen Effekt auf die Wahrscheinlichkeit hat, dass die Instruktion befolgt wird.

  • (1) Sie sollten alle paar Monate den Filter wechseln
  • (2) Bitte wechseln Sie alle paar Monate den Filter.

Das sind zwei weiche Formulierungen, einmal mit eine schwammigen Modalverb „sollen“ (1), einmal mit dem Partikelwort „bitte“ (2). Beide Formulierungen sind nicht sehr verbindlich. Da ist ein Imperativ (3) oder imperativischer Infinitiv (4)besser.

  • (3) Wechseln sie alle paar Monate den Filter.
  • (4) Alle paar Monate den Filter wechseln.

Auch die Formulierung von Vorsätzen zur Verhaltensänderung haben eine Auswirkung auf ihre Umsetzung, das hat einen schwedische Studie ergeben: Vermeidungsziele (5) sind offenbar weniger effektiver als Annäherungsziele (6).

  • (5) Im neuen Jahr werde ich weniger Alkohol trinken.
  • (6) In Zukunft werde ich mehr Mineralwasser trinken.

Der Unterschied ist allerdings nicht gewaltig: Bei Annäherungszielen halten 59% ein Jahr durch, bei Vermeidungszielen 47%, ein für mich erstaunlich hoher Prozentsatz! Annäherungsziele sind konkreter und das gilt für alle Vorsätze: Je konkreter und überprüfbarer ein Ziel (Fachwort: operationalisierbar), desto eher wird es auch erreicht. Aber der Effekt könnte auch umgekehrt interpretiert werden: Wer sich seiner Vorsätze nicht so sicher ist, der formuliert gleich wenig konkret und überprüfbar.

  • (7) Alkohol werde ich nur noch an Festtagen und zu besonderen Anlässen trinken.

Aber was sind „besondere Anlässe“? Der unbestimmte Ausdruck ist das Schlupfloch für das Öffnen einer Flasche: Feste soll man feiern, wie sie fallen. (31.12.2020)

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Unsittlich

Wenn mich mein Eindruck nicht trügt, dann nehmen die Exhibitionisten zu, wenigsten lese ich alle paar Tage von einem derartigen Fall nonverbaler Kommunikation in der Zeitung. Vielleicht werden sie aber auch nur häufiger zur Anzeige gebracht. Heute berichtet das Schwäbische Tagblatt von einem Vorfall in Stuttgart an einer Stadtbahnhaltestelle. Ein Fahrgast bemerkte einen Mann am Bahnsteig, „der sich offenbar an seinem entblößten Glied unsittlich berührte.“ Meine Frage: Kann man sich am eigenen Glied unsittlich berühren und wie macht man das? Das gelingt wohl nur in der Öffentlichkeit. (30.12.2020)

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Hände

Menschen hinterlassen gern Zeichen ihrer Anwesenheit. Der Wahrnehmungspsychologe James J. Gibson hat dies als „fundamentalen grafischen Akt“ bezeichnet: „Er besteht im Erzeugen von Spuren auf einer Oberfläche“ (1982, 296), oft eine Aufzeichnung einer Bewegung oder nur ein Abdruck. Das haben unser frühsten Vorfahren mit den Höhlenmalereien entdeckt und das entdeckt jedes Kind aufs Neue, wenn es mit Stiften Striche auf einem Papier oder der Tapete hinterlässt.

In der Cueva de las manos“ in Argentinien hat man Umrisse verschiedenster Hände gefunden, die auf der Felswand mit roter Farbe aufgebracht wurden. Auch in anderen Höhlenmalereinen tauchen immer wieder Hände als Motiv auf. Die Hand wurde damit als geniale Erfindung der Evolution schon früh gewürdigt. (28.12.2020)

Hände aus der Cueva de las manos (7000 bis  1000 v. d. Z.) und Hände auf einer Hauswand in Tübingen (21. Jh.). Quelle: Wikimedia Commons und St.-P. Ballstaedt

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Besinnung

Derzeit kann man oft hören oder lesen, dass diese Weihnacht 2020 sozusagen gezwungen besinnlich wird. Das Wort leitet sich von dem Verb „besinnen“ ab und hat nach den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm viele Nebenbedeutungen, aber die zentrale Bedeutung ist „nachdenken“, „in sich gehen“, eben „sich besinnen“. Da fällt mir gleich eine Antwort von Karl Valentin ein, den seine Partnerin in einem Sketch ermahnt: „Geh in dich!“ Darauf er: „Da war ich schon, ist auch nicht viel los.“

Besinnung ist aber kein freundlicher Tipp, wenn man sich besinnt, was in der Welt los ist. Wir leben im Anthropozän, dem geochronologischen Zeitalter,  in dem es keinen Bereich der Erde mehr gibt, der nicht durch menschliche Einflüsse beeinträchtigt ist: Klimawandel, Luftverschmutzung, Treibhauseffekt, Übersäuerung der Ozeane, Abschmelzen der Polkappen und Gletscher, Anstieg des Meeresspiegel, Rückgang des Permafrost, Vermüllung durch Mikroplastik, Überfischung der Meere, massives Artensterben, Abholzen der Regenwälder, Bodenversiegelung, Gewässerverschmutzung durch Überdüngung und Massentierhaltung, Übernutzung der natürlichen Ressourcen, Bevölkerungswachstum und Hunger in der Dritten Welt, Zunahme von Umweltkatastrophen, 29 Kriege und bewaffnete Konflikte, Flüchtlingsströme. Da ist die Pandemie fast eine positive Erscheinung, denn wahrscheinlich ist das Virus nicht menschengemacht, bisher gibt es zumindest keine eindeutigen Belege, dass es in einem Labor in China zusammengebastelt wurde.

Besinnliche Festtage. (23.12.2020)

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Tofu-Schnitzel

Über vegane Fleischwurst und andere Fleischimitate habe ich schon einmal gelästert. Das Problem ihrer Benennung ist noch immer nicht geklärt, es liegt derzeit beim EU-Parlament. Der Agrarausschuss hat einen Antrag ausgearbeitet, bei dem Bezeichnungen wie Steak, Gulasch, Wurst, Schnitzel usw. allein Fleischprodukten vorbehalten bleiben soll, um die Verbraucher nicht irrezuführen. Etymologisch haben Schnitzel, Wurst, Kloß oder Frikadelle nichts mit Fleisch zu tun, Steak, Schinken und Gulasch aber schon (siehe meinen Beitrag).

Bisher gelten in der BRD „Leitsätze für vegane und vegetarische Lebensmittel mit Ähnlichkeit zu Lebensmitteln tierischen Ursprungs“, die das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft im Bundesanzeiger am 4.12.2018 veröffentlicht hat (BAnz AT 20.12.2018 B1, GMBl 2018 S. 1174). Danach sind Anleihen an Bezeichnungen für Fleischprodukte erlaubt, wenn „eine weitgehende sensorische Ähnlichkeit zum in Bezug genommenen Lebensmittel tierischen Ursprungs, insbesondere in Aussehen, Textur und Mundgefühl“ vorhanden ist: Also es darf es vegane Wurst und vegetarische Schnitzel geben, wenn die Zusammensetzung ersichtlich ist. Vorgeschlagen werden Bezeichnungen wie „vegetarische Seitan-Wurst Typ Lyoner“, “vegetarische Fischfrikadelle aus Eiklar“, „vegetarische Soja-Streichwurst mit Leberwurstgeschmack“, “vegetarischer Salat auf Sojabasis nach Art eines Fleischsalates”und „vegetarische Weichtierstücke aus Milcheiweiß“. Guten Appetit! (19.12.2020)

Optisch nicht zu unterscheiden: vegetarisches Curry-Wurst-Imitat. Quelle: Wikimedia Commons

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