Author Archive | SP Ballstaedt

Hanau

Auf Tübinger Mauern und Gehsteigen: Stencils von Opfern der Anschläge in Hanau. Foto: St.-P. Ballstaedt (26.08.2021)

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Ohne Onkel

Jetzt im Supermarkt-Regal: die alte (rechts) und die neue (links) Verpackung einer Reissorte, die vor allem mit Kochbeuteln Erfolg hatte. Der Uncle ist weg und das Logo mit dem Schwarzen mit weißem Haarkranz ebenfalls. Der US-Lebensmittelkonzern Mars Incorporeted hat damit auf Kritik reagiert, dass Name und Bild auf die Sklaverei verweisen und damit rassistisch sind. (21.08.2021)

Schluss mit dem Onkel-Trick: Neuer Auftritt einer alten Marke. Foto: St.-P. Ballstaedt

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T wie Dibinga

Vor ein paar Monaten habe ich bereits berichtet, dass das Deutsche Institut für Normung (DIN) das Buchstabieralphabet überarbeitet. Die bisher verwendeten Vornamen- 16 Männer-  und sechs Frauennamen – sind nicht geschlechtergerecht. Das ließe sich ändern, aber das Institut teilt mit, dass mit Vornamen nicht alle relevanten ethnischen und religiösen Gruppen ausgewogen repräsentiert werden können, für Diverse gibt es z. B. keine Vornamen.

Also Städtenamen. Aber auch hier müssen westdeutsche und ostdeutsche Bundesländer ausgewogen vertreten sein, also mehr Namen aus NRW (7) als aus dem Saarland (0). Jetzt liegt ein Entwurf vor, in dem mit T wie Tübingen und S wie Stuttgart zwei Städte aus Baden-Würrtemberg im Rennen sind. Das Stadtmarketing ist schon angefixt: „T wie Tübingen – das ist gut für das Selbstverständnis der Stadt und stärkt Tübingen als Wirtschaftsstandort und touristisches Ziel.“ (Zitat nach SWP, 17.8.21). Arme Stadt, die im Buchstabenalphabet auftauchen muss, um überregionale Bedeutung zu erlangen. Die endgültige Fassung des Buchstabieralphabets wird nach zwei Jahren Überarbeitung Mitte 2022 erwartet. (18.08.2021)

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Erhabene Akte

Jeder kennt das Gemälde: Die Venus von Botticelli, eine schlanke Nackte, die züchtig eine Hand vor die Brüste und die andere vor die Scham hält. Jetzt hat die ehemalige Porno-Darstellerin und Politikerin Ilona Staller, Künstername Cicciolina, diese Venus nachgestellt, allerdings ungewohnt schamhaft in einem hautfarbenen Ganzkörperkostüm. Das Nachstellen von Kunstwerken mit lebenden Personen (tableau vivant) war Ende des 18. Jahrhunderts ein beliebter Zeitvertreib der Aristokratie und des gehobenen Bürgertums. Die nachposierte Venus ist Teil einer Werbekampagne für Online-Führungen zu erotischen Kunstwerken in berühmten Museen. Cicciolina verspricht: „Einige der besten Pornos aller Zeiten gibt es im Museum.“

Das Gemälde »Die Geburt der Venus« hängt in den Uffizien in Florenz und dort hat man überaus sauer reagiert und gleich die Rechtsabteilung eingeschaltet. Eine strenge Grenzmauer zwischen Pornografie und Aktdarstellungen in der Kunst wird hochgezogen. Die Kunsthistorikerin Eva Clausen verkündet, niemand käme vor so einem Gemälde auf falsche Gedanken oder Vorstellungen, vielmehr finde das Sexuelle in der Kunst eine Erhöhung durch den Geist, der Sexualakt werde zu etwas Erhabenem.

Bei vielen Akten bin ich mir da aber nicht so sicher. Man muss nicht gleich an Rubens oder gar Gustav Klimt und Egon Schiele denken, selbst in mittelalterlichen Darstellungen religiöser Themen sind doch recht erotische An- und Einsichten üblich, man kann durchaus den Eindruck gewinnen, das religiöse Thema ist nur vorgeschoben, um etwas Anregendes zu zeigen. Was in den Gehirnen der Betrachtenden dann abgeht, das bleibt verborgen. Also nicht gar so streng mit der neuen Kunsttheoretikerin! (04.08.2021)

Ilona Staller alias Cicciolina setzt sich für eine neue Kunstbetrachtung ein. Foto: Certo Xornal 2009, Wikimedia Commons.

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Gendersensibel

Im Web habe ich einen Aufsatz von Kristina Bedijs gefunden, sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Studienzentrum der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD):

Kristina Bedijs: Schlägt Verständlichkeit Diversität – oder schafft Diversität Verständlichkeit. Zu Möglichkeiten und Grenzen gendersensibler Sprache in der Leichten Sprache. Trans-kom 14 (1), 2021, 145-170.

Der Titel beschreibt das Anliegen der Autorin: Sowohl die Leichte Sprache wie eine gendersensible Sprache wollen mehr Inklusion. Aber es gibt ein Problem zwischen beiden Ansätzen: Die Leichte Sprache hat eine optimale Verständlichkeit zum Ziel, um eine barrierefreie Kommunikation mit Personen zu erreichen, die aus verschiedensten Gründen Probleme mit dem Verstehen von Texten haben. Eine gendersensible Sprache führt aber häufig zu komplexeren, d.h. schwerer verständlicheren Texten. Deshalb gilt dort die Regel, dass Verständlichkeit vor politischer Korrektheit Priorität hat. Die Autorin möchte nun aufzeigen, dass auch innerhalb Leichter Sprache sowohl gendersensibel als auch verständlich formuliert werden kann und unterbreitet dazu Vorschläge Soweit, so gut.

Im Aufsatz werde ich kritisch zitiert: „Bei Ballstaedt (2019) heißt es sogar allen linguistischen Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte zum Trotz: „Man sollte sich rückbesinnen, dass mit dem generischen Maskulinum eine Gattung oder Gruppe bezeichnet wird, in der das biologische Geschlecht, welcher Art auch immer, keine Rolle spielt““. Hier muss ich etwas richtigstellen:

  1. Ich habe in meinem Buch die Position vertreten, dass ich das Gendern durchaus für richtig halte: „Versteht man die Adressatenorientierung als Grundprinzip professioneller Kommunikation, dann ist das Anliegen der feministischen Linguistik, Frauen sprachlich sichtbar zu machen, durchaus berechtigt.“ (S. 76).
  2. Ich habe aber darauf aufmerksam gemacht, dass das Gendern nicht auf Kosten der Verständlichkeit gehen darf und habe zu drastische und ungewohnte Eingriffe in die Sprache deshalb abgelehnt.
  3. Das generische Maskulinum ist zwar vielen Linguistinnen ein Dorn im Auge, aber in der Grammatik ist es nun einmal vorhanden und zwar für Situationen, in denen das Geschlecht entweder unbekannt, nicht von Bedeutung oder im Plural gemischt ist. Ich sage z.B.: „Morgen kommt zu mir der Handwerker“, auch wenn es eine Handwerkerin oder eine diverse Person sein kann (was mir bei der Reparatur völlig schnurz ist).
  4. Soweit die Grammatik. Das kognitive Problem mit dem generischen Maskulinum habe ich vor dem kritisierten Zitat ausdrücklich beschrieben und die empirischen Untersuchungen dazu referiert: Bei der männlichen Form denken die meisten Personen tatsächlich eher an Männer als an Frauen. Deshalb sollte man das generische Maskulinum auch in bestimmten Kommunikationskontexten vermeiden, z.B. in der Frage: „Welche Schauspieler gefallen dir am besten?“

Fazit: Den Forschungsstand habe ich korrekt referiert, aber mich vielleicht nicht ganz klar ausgedrückt. (02.08.2021)

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Böser Wolf

Bei diesen heute entdeckten gesprühten Bildern frage ich mich, wo die drei kleinen Schweinchen sind?. Foto: St.-P. Ballstaedt (25.07.2021)

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Neuropsychologie

Gerhard Roth hat schon viele Bücher geschrieben, die meisten habe ich mit Gewinn gelesen. Dieses Buch ist eine Art Zusammenschau aller Erkenntnisse über den Menschen aus neuropsychologischer Sicht, orientiert an einem Werk von René Descartes: Traité de l’homme (posthum 1662)

Gerhard Roth: Über den Menschen. Berlin: Suhrkamp, 2021.

Was mir den Autor immer wieder sympathisch macht, ist der Versuch die wissenschaftlichen Erkenntnisse möglichst verständlich darzulegen. Wer sich allerdings in der Neuroanatomie nicht gut auskennt, wird vielen Passagen nicht ganz folgen können, aber die Schlussfolgerungen sind eindeutig. Lobenswert finde ich den Blick über den Tellerrand auf Philosophie und Psychologie. Die Psychologie kommt schon lange nicht mehr ohne neurowissenschaftliche Fundierung und Ergänzung aus. Das Buch behandelt in 13 Kapiteln alle derzeit umstrittenen und existenziellen Probleme (bis auf ein Problem): Die Stellung des Menschen, Anlage und Umwelt, Entwicklung der Persönlichkeit, unbewusste Motive und bewusste Intentionen, Willensfreiheit, Veränderbarkeit bei sich und anderen, sprachliche und nonverbale Kommunikation, Verstehen, Ich und Identität, Intelligenz, Aggression und Kriminalität, Psychopathologie, Beziehung zwischen Geist und Gehirn, Grenzen der konstruktiven Erkenntnis. Dabei bleibt der Autor angenehm zurückhaltend und tritt nicht als Neurowissenschaftler-Guru auf, der die Deutungshoheit für alle Probleme beansprucht. Roth kann oft nur vorläufige Erkenntnisse anbieten, aber er gibt in etliche Fällen an, was sicher nicht zutrifft, er engt damit den Problemlösungsraum ein. Er zeigt deutlich die Grenzen unserer Wissens auf und benennt die Probleme, die bisher noch nicht lösbar sind, z.B. die Beziehung zwischen Gehirn und Geist.

Die Ergebnisse der Neurowissenschaften konvergieren auf ein naturalistisches Menschenbild, das etliche liebgewonnene Vorstellungen vom Menschen radikal in Frage stellt:  „Die in diesem Buch präsentierten Erkenntnisse ziehen viele Aussagen und Konzepte der derzeitigen Geistes- und Sozialwissenschaften in Zweifel, während sie viele andere sinnvoll ergänzen.“ (S. 341) Gerhard Roth wendet die neuropsychologischen Erkenntnisse auf das Strafrecht, das Bildungssystem, die Psychotherapie an, was neue Perspektiven eröffnet.  Ein Thema bleibt völlig ausgespart: die Religionen. Warum brauchen viele Menschen eine Religion? Was können die Neurowissenschaften zu diesem merkwürdigen Phänomen der menschliche Existenz beitragen? (24.07.2021)

Zur vertiefenden Lektüre eignet sich das das kürzlich erschienene Lehrbuch:

Gerhard Roth/Andreas Heinz/Henrik Walter (Hrsg.), Psychoneurowissenschaften. Heidelberg: Springer Spektrum, 2020.

Zwei Bücher, die sich hervorragend ergänzen. Quellen: https://www.suhrkamp.de; https://www.springer.com/de

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Recycling

Auch ich habe zwei Gurkengläser dazu gestellt (zum Vergrößern ins Bild klicken). Foto: St.-P. Ballstaedt (21,07.2021)

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Schwarzfahrer

Was im BVG-Beamtendeutsch „Fahren ohne gültigen Fahrschein“ und als Straftat „Beförderungserschleichung“ genannt wird, heißt in der Alltagssprache Schwarzfahren. Gegen diese Wort hat die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) Bedenken, da es für schwarze Menschen diskriminierend und damit rassistisch sei, da man damit negative Assoziationen verbindet. Nun stammt das Wort aus dem Rotwelschen, dort bedeutet schwarz so viel wie nächtlich und geheim, hat also rein gar nichts mit der ethnischen Herkunft eines Menschen zu tun. Aber heute wird so argumentiert: „Auch wenn Schwarzfahren überhaupt nicht rassistisch angelegt war, ist trotzdem die Wirkung bei Betroffenen, dass schwarz für etwas Negatives steht, für Kriminalität etwa oder Illegalität.“ Damit dürften einige andere Wörter auch auf den Index, z.B. Schwarzarbeit, anschwärzen oder schwarzsehen. Und wie sieht es mit dem Schwarzwald oder gar dem Schwarzwild aus? Und darf man sich noch schwarz ärgern?

Man sollte in der Wortpflege konsequent sein. Auch Rotsehen kann verletzend auf indigene Ethnien wirken, die Bezeichnung „Rothaut“, die Karl May noch unbedacht verwendet hat, gilt auch als rassistisch. Das komplementäre Wort „Bleichgesicht“ ist dann ebenfalls diskriminierend, obwohl es auf mich z.B. gut zutrifft. Der derzeit oft zitierte „alte weiße Mann“ ist hingegen eine korrekte Bezeichnung. (17.07.2021)

Zum Schwarzsehen: Ein alberner und diskriminierender Drudel aus meinen Kindertagen. Was zeigt das Bild? Zehn nackte Neger im Tunnel. Foto: St.-P. Ballstaedt

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