Querdichter

Im Land der Dichter und Denker gibt es nicht nur Querdenker, sondern auch Querdichter. Einer oder eine hat in Tübingen diesen postkartengroßen Aufkleber in Umlauf gebracht. (28.08.2022)

Im Reimen noch etwas schwach, aber durchaus meinungsstark. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Wachlappen

Über ein Reinigungsutensil wird wieder gesprochen, das lange Zeit eigentlich nur in der Beschimpfung vorkam: „Du Waschlappen“. Der Lappen, ein herabhängendes Stück Stoff oder ein Kleiderfetzen, muss für viele Beschimpfungen herhalten: Angstlappen, Jammerlappen,  Putzlappen (für Pantoffelheld), Sauflappen, Schmacht- oder Schmalzlappen (für gefühlsduselige Liebhaber), Schmierlappen (für Kriecher und Schleimer). Und dann gibt es den Lapparsch und den Lappsack für eine energielose träge Person. Auffällig: Bezeichnungen, die bevorzugt auf Männer angewendet werden. Diese einseitige Diskriminierung müsste man eigentlich beseitigen! (24.08.2022)

Waschlappen

Schon etwas abgenutzt liegen sie noch im Schrank: die alten Waschlappen, immer einer für oben herum und einer für unten herum. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Sprechende Namen

Nomen est Omen, so der Befund, als mein Sohn Florestan (der Blühende) sich mit etwa fünf Jahren ernsthaft für Blumen und Pflanzen zu interessieren begann  Meinem Sohn Philipp (der Liebhaber der Pferde) wurden immer wieder Pferde gezeigt in der Erwartung, dass er an den Tieren Gefallen findet. Aber vergeblich und auch Florestan ist nicht Gärtner geworden. Viele Namen haben aufgrund Ihrer Herkunft Bedeutungen, die auf Wesenszüge der Benannten verweisen. Manche Eltern wollen wohl auch durch absichtsvolle Namenvergabe den Charakter des Nachwuchses mitbestimmen. Hier hat sich ein magisches Denken, eine Art Wortzauber erhalten.

Sprechende Namen sind ein altes Stilmittel der Literatur. Schon in der Mythologie tragen Akteure gern Namen, die auf Eigenschaften verweisen: Prometheus (der Vorausschauende), sein Bruder Epimetheus (der Danach-Denkende). Weitere Beispiele: Der Simplicius (lat. simplex = einfach, naiv) bei Grimmelshausen wird wegen seiner Einfalt und Ahnungslosigkeit so genannt. In Schillers »Kabale und Liebe« trägt ein etwas einfältiger Adliger den Namen „von Kalb“, ein kriecherischer und intriganter Sekretär heißt treffend „Wurm“.  Gottlieb Biedermann hat Max Frisch in seinem Drama »Biedermann und die Brandstifter« einen braven Kleinbürger benannt. In seinem Roman »Homo faber« ist Walter Faber( lat. Handwerker, Schmied)  ein technisch orientierter Mensch. In Thomas Mann`s Novelle »Tristan« kommt ein Großhändler namens Klöterjahn vor. Klöten ist ein niederdeutsches Wort für Hoden, Jahn ist eine Kurzform von Johannes, einer umgangssprachlichen Bezeichnung für das männliche Glied. Und der Klassiker: “Prof. Unrat” bei Heinrich Mann.

Das Sprichwort „Nomen est omen“ stammt übrigens vom Komödiendichter Plautus, es lautet dort „Nomen atque Omen“ (ein Namen und sogar ein Vorzeichen“. (21.08.2022)

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Hauchdünn

Es gibt sie noch: Die Pariser-Automaten in Kino-Toiletten für die Zeit nach dem Film. Hier im Kino Atelier in Tübingen. Foto: St.-P. Ballstaedt (15.08.2022)

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Historischer Humor 14

Den deutschen Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing wird man nicht zu den humorvollen Autoren zählen, aber er hat zahlreiche Sinngedichte, Sinnsprüche und heitere Verse geschrieben, die sich vor allem mit den Themen Wein und Weib befassen. Obwohl er mit Minna von Barnhelm eine selbstbewusste und mit Emilia Galotti eine moralische Frauengestalt auf die Bühne gebracht hat, sind seine Verse über Frauen heute nicht mehr korrekt. 

Auf die feige Mumma
Wie kommt’s, daß Mumma vor Gespenstern flieht,
Sie, die doch täglich eins im Spiegel sieht?

Wert der Frauen
Zweimal taugt eine Frau, für die mich Gott bewahre,
Einmal im Hochzeitsbett und einmal auf der Bahre.

Das böse Weib
Ein einzig böses Weib lebt höchstens in der Welt:
Nur schlimm, daß jeder seins für dieses einz’ge hält.

Auf Frau Trix
Frau Trix besucht sehr oft den jungen Doktor Klette.
Argwohnet nichts! Ihr Mann liegt wirkliche krank zu Bette.

Längere Gedichte wie „Die Schöne von hinten“ oder das „Muster der Ehe“ sind ebenfalls recht eindeutig, aber unsere Klassiker waren da nicht zimperlich und der Correctness noch nicht verpflichtet. (31.07.2022)

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Antisemitische Bildsprache (2)

Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein aufmerksamer Besucher oder eine Besucherin der Documenta neue Bilder entdeckt, die ein Erregungspotential mit sich bringen. Diesmal kein Wimmelbild auf einem öffentlichen Platz, sondern recht versteckt in einer 34 Jahre alten Broschüre eines algerischen Frauenkollektivs. Die comicartigen Bildes syrischen Künstlers Burana Karkoutly zeigen z.B. israelische Soldaten mit Davidstern auf dem Helm als entmenschlichte Roboter, einer bedroht ein kleines Kind. Anders als bei der ersten Debatte um antisemitische Bildsprache wird diesmal mit der Entrüstung auch der Kontext der Bilder mitgeliefert. Die Broschüre stammt aus dem Archiv einer feministischen Kollektivs aus Algerien, das damit Solidarität mit den Palästinenserinnen ausdrücken sollte.
Es handelt sich hier eindeutig um „israelfeinlichen Antisemitismus“, befindet die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen (RIAS). Das ist eine problematische Formulierung, denn man sollte Antisemitismus und Kritik an der Politik Israels schon trennen. Mit seiner Siedlungspolitik hintertreibt Israel eine Zweistaatenlösung. Dass israelische Soldaten aus Palästinensersicht negativ dargestellt werden, kann in diesem Kontext nicht verwundern. Natürlich kann man die bildliche Darstellung kritisch hinterfragen, aber jetzt wird der ganz große Hammer geschwungen: Dem antisemitischen Hass soll mit Abbruch der Weltkunstausstellung ein Ende gesetzt werden. Ist das verhältnismäßig? (30.07.2022)

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Headlines

Zwei Zeitungen hatten die selbe Idee. Die Frankfurter Rundschau zeigt ein Foto mit einem nachdenklichen Mario Draghi mit der Unterschrift: Draghisch. Die TAZ zeigt ein Foto mit Lega-Chef Matteo Salvini und “Forza-Itakia-Zombie Silvio Berlusconi” , in ihrer Mitte Fratelli-d’Italia Chefin Giorgia Meloni. Die Überschrift: Italienische Draghikomödie. (23.07.2022)

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Erinnerungskultur

Wer durch Tübingen spaziert, der wird an einigen Pfosten von Straßenschildern einen Knoten finden. Der soll darauf hinweisen, dass die Person, nach der die Straße benannt ist, historisch mit Antisemitismus, Kolonialismus oder Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wird und als belastet gilt. Ist in diesen Fällen eine Ehrung durch einen Straßennamen vertretbar? Die Ehrung mit einem Straßennamen geschieht nach bestimmten politischen, gesellschaftlichen und ethischen Wertvorstellungen, die sich wandeln. In Tübingen wurde dazu eine Kommission eingerichtet, die 14 Straßennamen unter die kritische Lupe nimmt.

Ein Betroffener ist der Tübingen Philosoph und Pädagoge Eduard Spranger. Er lehrte von 1946 bis 1950 an der Universität Tübingen. Er war damals ein wichtiger Vertreter einer geisteswissenschaftlichen Pädagogik, der sich für das humanistische Gymnasium und die Lehrerausbildung einsetzte. Hauptwerke sind „Lebensformen“ (1921) und „Die Psychologie des Jugendalters“ (1924). Ab 1933 war er Mitglied des Kampfbunds Stahlhelm, der im selben Jahr in die SA integriert wurde. Er war zwar nicht in der NSDAP, aber kann als demokratieskeptischer Nationalist und Militarist, Antisemit und Sympathisant der Nationalsozialisten bezeichnet werden. Wer seine Vita durchliest, der wird eine durchwachsene Mischung aus Erkenntnissen, Weisheiten, Irrtümern, Fehleinschätzungen, Vorurteilen usw. finden, wie sie bei vielen aktiven Menschen vorkommt. Auch ich möchte in keiner Goebbels-Straße oder in einem Mengele-Weg wohnen. Aber wenn wir bei Straßennamen nach reinen Lichtgestalten suchen, dann werden wir in Zukunft nur noch durch Straßen gehen, die nach Blumen, Vögeln und Bäumen benannt sind. (21.07.2022)

Die Idee der Verknotung stammt aus einem Wettbewerb der Hochschule für Kommunikation und Gestaltung Stuttgart von Milena Scher und Vanessa Cataldo. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Bildersturm

Die Generaldirektorin der documenta ist nach dem Antisemitismus-Eklat von ihrem Amt zurückgetreten, sehr geschickt hat sie sich auch nicht verhalten. Aber wenn wegen ein paar antisemitischen Comicfiguren auf einem 20 Jahre alten Wimmelbild aus Indonesien die Zukunft der ganzen Kunstschau infrage gestellt wird, ist das schon reichlich überzogen. Wo bleibt hier der interkulturelle Dialog, um den es doch  auf der documenta gehen sollte? In einem Artikel der FR hat die EthnologinVanessa von Gliszczynski, die Kustodin im Depot des Weltkulturen Museums in Frankfurt, zu verstehen versucht, warum die Vertreter verschiedener westlicher Geheimdienste als Figuren gezeichnet wurden, die im deutschen Kontext so viel Aufregung erzeugen konnte. Es ging in dem Bild um den Versuch, die Schreckensherrschaft des Diktators Suharto aufzuarbeiten. In den indonesischen Schattenspielfiguren findet man Wurzeln dieser Darstellungen, in denen z. B. das Schwein Gier, der Hund Gewalt und die Ratte Korruption symbolisieren. Das Künstlerkollektiv Taring Padi hat sich mehrfach entschuldigt, es hat die Brisanz dieser Bilder für die deutsche Szene nicht erkannt. Daraus sollte man lernen, statt jetzt einen Bildersturm auszulösen und alle Kunstwerke zu inspizieren, ob sich dort Antisemitismus heraus- oder hineininterpretieren lässt (oder Sexismus oder Kolonialismus oder Rassismus). Etwa 10 bis 15% der deutschen Bevölkerung haben antisemitische Einstellungen, so Daten aus soziologischen Erhebungen. Da müssen wir wachsam bleiben, statt uns in der Sphäre intellektueller kunstästhetischer Auseinandersetzungen abzureagieren. (17.07.2022)

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