Evidenzbasiert

In der Diskussion um Maßnahmen  gegen das Covid-19-Virus werden gegenüber den Vorschlägen von Querdenkern und Verschwörungstheoretikern immer die evidenzbasierten Entscheidungen der politischen und virologischen Experten hervorgehoben. Das neue Wort „evidenzbasiert“ hat mich neugierig gemacht, denn mit rudimentärer philosophischer Bildung kenne ich das Substantiv „Evidenz“ in der Bedeutung „dem Augenschein nach unbezweifelbar“, das Adjektiv „evident“ als „offenkundig, einleuchtend, klar ersichtlich“. Darauf verweist auch die lateinische Herkunft vom Verb „videre“ = „sehen“. Wenn etwas evident ist, dann bedarf es keines Beweises. Im Philosophielexikon kann man nachlesen: Evidenz ist „höchste im Bewusstsein erlebte Gewissheit“.

Aber das ist mit „evidenzbasiert“ ja gerade nicht gemeint, hier geht es um Entscheidungen, auf der Basis empirischer Daten und Analysen. Evidenzbasiert sind eher die Ansichten der Querdenker und Verschwörungstheoretiker, die keine empirischen Belege für ihre Thesen vorlegen wollen oder können.

Tatsächlich beruht der schiefe Wortgebrauch auf einem Übersetzungsfehler von Evidence-based Medicine. Denn Evidence bedeutet im Englischen auch „Beweis, Beleg, Nachweis“, „offensichtlich“ ist „obviousness“. Man sollte deshalb besser von nachweisorientierten oder empirisch fundierten Entscheidungen sprechen. (14.02.2021).

 

 

 

 

 

Evidenzbasierte Kopfbedeckung. Quelle: Wikimedia Commons

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Bilderrätsel 17

Diesmal ist es wirklich schwer: Was zeigt dieses Fotografie? Zum Vergrößeren ins Bild klicken. Lösung in den Kommentaren. Foto: St.-P. Ballstaedt (07.02.2021)

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Brustbild

Da es Maßhemden und Maßschuhe gibt, ist es verwunderlich, dass es bisher keinen Maßbüstenhalter gibt. Aber jetzt arbeitet man an der Reutlinger Hochschule, Fakultät Textil und Design, an diesem Projekt. Nach einem 3D-Scan des Körpers errechnet eine Software die passende BH-Passform. Parameter sind das Volumen der Brüste, die Höhe der Brustwarzen und die Brustmitte.

Diese Zeitungsmeldung hat mich auf die schon lange ungeklärte Frage gebracht, warum es eigentlich Büstenhalter und nicht Brüstehalter heißt. Denn eine Büste – italienisch il busto – ist ursprünglich ein auf einem Grabmal angebrachtes Brustbild eines oder einer Verstorbenen, also eine Oberkörperplastik. Die verengte Bedeutung „weibliche Brust“ entsteht in Frankreich – la buste – und wandert um 1860 als Lehnwort in das Deutsche ein.

Das Wort Büstenhalter für „ein Wäschestück zur Stützung und Formung der weiblichen Brust“ (Brockhaus Enzyklopädie) gibt es erst ab etwa 1920, vorher waren andere Bezeichnungen geläufig: Leibchen, Korsett, Bustier, aber auch korrekt Bruststütze und Brusthalter. (06.02.2021)

Noch keine computergenerierte Passform: Büstenhalter von 1873. Quelle: Wikimedia Commons.

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Lockdown

Die Pandemie hat uns viele englische Wörter beschert wie Homeoffice und Homeschooling, Superspreader, Distancing, Shutdown usw. Der Lockdown ist jetzt von einer Jury um den Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch  zum Anglizismus des Jahres 2020 gewählt worden. Seit 2010 wird ein englisches Wort gekürt, ausdrücklich als positiver Beitrag zur deutschen Sprache, nicht im Kampf gegen eindringende Fremdwörter. Beispiele der letzten Jahre waren z.B. Influencer, Shitstorm, Fake News. Tatsächlich gibt es kein treffendes deutsches Wort für den Lockdown, sondern nur Umschreibungen wie Beschränkungen, Sperrungen, Einschränkungen, Herunterfahren des öffentlichen Lebens, Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus usw. Hingegen hat sich Distancing nicht durchgesetzt, hier gibt es den treffenden Ausdruck „Kontaktbeschränkung“. Es ist also kein reiner Zufall, welches Fremdwort als Lehnwort in eine Sprache eingebürgert wird. (03.02.2021)

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Tumbe Toren

Eine Stunde habe ich mir Zeit genommen und recherchiert, was für Verschwörungstheorien derzeit verbreitet werden, vor allem auch von QAnon-Anhängern und Anhängerinnen. Danach habe ich über ein Thema nachgedacht, das mich schon lange umtreibt. Was ist eigentlich Dummheit? Natürlich gibt es die Dummheit ebenso wenig wie die Intelligenz, sondern nur dummes Denken und dummes Handeln. Welche Merkmale gehören dazu: Wenig Wissen (Beschränktheit, Borniertheit), keine Differenzierung, monokausales, nicht vernetztes  Denken, Schwarz-weiß-Kategorisierung in Schubladen, egozentrisches Denken, kein empirischer Bezug zur Wirklichkeit (Glauben), nicht argumentativ. Sind derartige Eigenschafen angeboren (Dumm geboren und nichts dazugelernt) oder werden sie z.B. der mangelhafte Bildung erworben? Ein gerade erschienenes Buch über „Die Psychologie der Dummheit“ liefert zwar anregende Beiträge, aber auch verwirrende Erscheinungsformen und Erklärungen der Dummheit.

Die Sprache stellt für dumme Personen eine Vielzahl von Bezeichnungen zur Verfügung, die nicht völlig synonym sind, sondern auf unterschiedliche Nuancen und auf graduelle Erscheinungsformen von Dummheit hinweisen: Einfaltspinsel, Trottel, Tölpel, Narr, Simpel, Depp, Dubel, Dummkopf, Schwachkopf, Flachkopf, Vollpfosten, Vollidiot. Ein auffälliges Merkmal ist, dass man diese Wörter vor allem bei anderen anwendet: „Alle klagen über ihr Gedächtnis, keiner über seinen Verstand.“ (François de La Rochefoucauld). Dumm sind immer die anderen, nur selten gesteht man sich selbst ein, eine Dummheit begangen zu haben, die aber damit gleich als Ausnahme gekennzeichnet wird. Kann man gegen Dummheit argumentativ vorgehen? Wohl kaum: „Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.“ (Friedrich Schiller). (29.01.2021)

Liegt auf dem Schreibtisch, aber hilft wenig weiter: Was ist Dummheit? Foto: St.-P. Ballstaedt

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Krapp

Ein Wort aus meinem Wortschatz wird immer häufiger gebraucht: das Adjektiv „letzte“. Mein letztes Seminar, die letzte Vorlesung, mein vermutlich letzter Wintermantel, vielleicht der letzte Frühling usw. Das Wort kommt in zahlreichen Wendungen vor: das letzte Hemd, das letzte Gefecht, der letzte Wille, die letzte Ölung, die letzte Ehre, die letzte Stunde, die letzte Ruhe usw. Das Wort klingt mit dem „zt“ [ˈlɛt͡stə] wie ein abrupter Ab-Schnitt.

Zahlreiche Bücher haben das Wort im Titel, vor allem aus der Unterhaltungsliteratur: „Ein letzter Sommer“, „Der letzte Wunsch“, „Das letzte Level“; „Der letzte Walzer“; „Letzte Chance“ und viele mehr. Aber auch „Der letzte Mohikaner“ und „Sansibar oder der letzte Grund“. Meine Lieblingstitel: „Das Leben als letzte Gelegenheit“ von Marianne Gronemeyer und „Der letzte Geschlechtsverkehr und andere Geschichten über das Altern“ von Helke Sander. Bei Filmen fällt mir „Der letzte Tango in Paris„ und „Leanders letzte Reise“ ein. Bei Theaterstücken „Die letzten Tage der Menschheit“ und vor allem „Das letzte Band“ von Samuel Beckett.

Beckett lässt den alten verbitterten Krapp auftreten, der tagebuchartige Aufzeichnungen anhört, die er einmal auf Tonband gesprochen hat, vor allem über eine flüchtige Liebesgeschichte an der Ostsee. Ein trostloser Text über das Leben und das Altern. „Nothing to say, not a squeak.“(23.01.2021)

Für die Rolle des Krapp kann ich mich wärmstens empfehlen. Selfie: St.-P. Ballstaedt

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Splittergruppe

Wer derzeit mit einer FFP2-Maske vor dem Gesicht auf die Stuttgarter S-Bahn wartet, der bekommt großflächig Bibelzitate zu lesen: „Gott ist für uns, wer will sich dann noch gegen uns stellen“ (Römer 8:31)  oder „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Johannes 14:6). Nach Auskunft der Süddeutschen Plakat Mission, mitfinanziert durch die Evangelische Landeskirche, sollen die Sprüche in der derzeitigen Situation Mut machen und Hoffnung für das Leben erhalten. Lassen wir das theologische Problem beiseite, einen allmächtigen Gott mit einer Pandemie zusammenzudenken, bleibt die Frage, ob eine derartige Missionierung akzeptabel ist oder die weltanschauliche Neutralität verletzt.

Meine Meinung: Die Kirchen dürfen wie andere Institutionen auch an der Öffentlichkeit neben Kosmetika oder Tabakwaren für ihr Produkt werben. Allerdings müsste das dann für andere Weltanschauungen auch gelten. Auch der Islam hätte sicher ermutigende Koransprüche zu bieten. Eine religionskritische Plakat der Giordano-Bruno-Stiftung mit einer Schafherde und dem Text: „Der Herr ist kein Hirte – und ich bin kein Schaf“ wurde von der Bahn als intolerant gegenüber den christlichen Kirchen abgelehnt. Die CDU/ÖDP-Fraktion sieht bei der derzeitigen Missionskampagne keinen Bedarf, „die atheistische Weltanschauung einer regionalen Splittergruppe“ auszudiskutieren. Sie übersieht dabei, dass die Splittergruppe der Konfessionsfreien ohne Religionszugehörigkeit in der BRD etwa 40% beträgt (Fowid 2019). (21.01.2021)

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Warnung

Warnung vor Haarschnitt? Selbstkreiertes Schild an einem Fahrradständer vor einem Tübinger Friseur. Foto: St.-P. Ballstaedt (13.01.2021)

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Nimm zwei

Soweit ist es gekommen: Jetzt wurden sogar zwei Unwörter des Jahres gekürt: Corona-Diktatur und Rückführungspatenschaft. Begründung: An Corona kommt man 2020 nicht herum, aber andere Konflikte sollen nicht vergessen werden. Über die Patenschaft als üblen Euphemismus habe ich mich schon ausgelassen, die Corona-Diktatur als Bezeichnung der Covid-19-Einschränkungen verharmlost nach der Jury das Leben in echten Diktaturen. Mein Kandidat „systemrelevant“ landete auf Platz 9. Im März wird zudem eine Ausstellung in Darmstadt eröffnet, in der Fotografen und Fotografinnen die Unwörter künstlerisch interpretieren. (14.01.2021)

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Handwerkerin

Das Online-Wörterbuch des Duden wird in diesem Jahr gendergerecht überarbeitet. Ein Beispiel. Früher stand „der Schüler, Substantiv, maskulin“. Jetzt: „der Schüler, Substantiv, maskulin: ein Junge, Jugendlicher, der eine Schule besucht“. Und es gibt einen zweiten Eintrag: „die Schülerin, Substantiv, feminin: ein Mädchen, Jugendliche, die eine Schule besucht“. Das bedeutet, dass das bei feministischen Linguistinnen unbeliebte generische Maskulinum abgeschafft wird.

Zwei Anmerkungen dazu: Gibt es nicht Situationen, in denen des Geschlecht wirklich unwichtig ist? Wenn ich sage: „Morgen kommt der Handwerker zu mir“, dann ist doch gleichgültig, ob das ein Handwerker oder eine Handwerkerin sein wird. Korrekt müsste ich formulieren: „Morgen kommt die Handwerkerin oder der Handwerker zu mir“. Und eine zweite Anmerkung: Ist der Duden jetzt eigentlich deskriptiv oder präskriptiv? Beschreibt er den Sprachgebrauch oder schreibt er ihn vor? Hier prescht er vor und setzt neue Sprachnormen. (09.01.2021)

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