Korrekte Sprache

Über eine politisch korrekte Sprache (political correctness) machte ich mir seit Jahren meine Gedanken, aber zu einer eindeutige Position konnte ich mich nicht durchringen. Manche Sprachregelungen finde ich moralisch gerechtfertigt, manche nur albern. Jetzt habe ich meine Erkenntnisse in einem Vortrag verarbeitet: “Brauchen wir eine politisch korrekte Sprache?” (02.07.2020)

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Aus dem Stegreif

Woher kommt die Redewendung? Der Stegreif ist eine alte Bezeichnung für den Steigbügel, vom Althochdeutschen im 11. Jahrhundert (stegareif) bis ins 18. Jahrhundert gebräuchlich, dann durch den Steigbügel verdrängt. Der Steg-reif ist ein Reif zum Steigen auf ein Pferd. Aus dem Stegreif, also ohne Vorbereitung und lange Überlegung, bedeutet also ursprünglich „ohne vom Pferd abzusteigen“. Bei Jacob und Wilhelm Grimm findet man unter dem Stichwort „Stegreif“ zahlreiche Wendungen, in denen das Wort noch benutzt wird: aus dem Stegreif wandern; ein Fest aus dem Stegreife; sich aus dem Stegreif verlieben; Stegreifsprung; Stegreifdichter usw. Gehalten hat sich nur „aus dem Stegreif“. (25.06.2020)

Ein Stegreif oder Steigbügel, um sich auf ein Pferd zu schwingen. Foto: Wikimedia Commons

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Die 3. Aufklärung

Ein kleines Büchlein hat mich wieder einmal angeregt, über philosophische Aufklärung nachzudenken.

Michael Hampe: Die Dritte Aufklärung. Berlin: Nicolai Publishing & Intelligence GmbH, 2018.

Aufklärung ist keine abgeschlossene Epoche, sondern eine andauernde geistige Bemühung der Menschen, sich aus selbstverursachten Zwängen und Abhängigkeiten zu befreien. Aufklärung ist ein Projekt kontinuierlicher Emanzipation. Hampe fordert nach zwei Phasen in der europäischen Geistesgeschichte eine dritte Phase der Aufklärung.

Die Erste Aufklärung in der griechischen Antike ist verbunden mit den Philosophen Xenophanes, den Sophisten, Sokrates (5. Jh. vor Christus). Ihnen geht es um Distanzierung von den vielen menschenähnlichen Göttern, denen man huldigen muss. Und es handelt sich nach Hampe um eine argumentative Revolution: Konflikte sollen nicht mehr mit Gewalt und Krieg gelöst werden, sondern mit Argumentation.

Die Zweite Aufklärung beginnt im 16. und hat ihren Schwerpunkt im 18. Jahrhundert: Der Mensch befreit sich von sozialen und ideologischen Fesseln. Immanuel Kant verlangt von Menschen Mündigkeit als Fähigkeit, selbst zu denken, statt sich Religionen, Autoritäten oder auch dem Bauchgefühl anzuvertrauen. Empirische Wissenschaft und Wissen statt Meinungen, Aberglaube und Glauben. Ein weiteres Thema: Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Weltanschauungen (Locke, Voltaire).

Eine Dritte Aufklärung ist jetzt notwendig. Die derzeitigen Probleme wie Klimawandel, Pandemie, Digitalisierung, künstliche Intelligenz und noch immer Kriege sind weitgehend menschengemacht. Wir leben im Anthropozän, der Mensch verändert die Erde und ist für sie verantwortlich. Die aufgeführten Probleme sind nur gemeinsam durch ein  „Projekt der globalen und nicht der individuellen oder nationalen Bewusstseinsbildung“ (S. 22) zu bewältigen. Allgemeine Bildung ist dazu eine entscheidende Voraussetzung, die Kommunikationstechnologie zur Verständigung über gemeinsame Ziele ist vorhanden: das WWW. Hampe ist noch ein Ziel wichtig: Die Befreiung von der Vorstellung, „Geschichte laufe nach notwendigen Mustern ab, denen wir nur zuschauen können und die notwendig ins Paradies oder in den Untergang führen.“ (S. 82). Da solche Geschichtsphilosophien (Hegel, Marx, Spengler) derzeit keine Konjunktur haben, will er damit appellieren, dass die Menschen die Welt mitgestalten können, statt dem Lauf der Dinge nur zuzuschauen.

Die Rückbesinnung auf Ideale der Aufklärung ist nicht neu, sondern wird immer wieder erhoben. Aber Hampe wärmt nicht die alten Grundsätze auf, sondern definiert konkrete Aufgaben für eine dritte Phase der Aufklärung. Einen ähnlichen Ansatz vertritt der Kognitionspsychologe Steven Pinker.

Steven Pinker: Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2018.

Die Ansicht, dass wir an der Schwelle zu einer dritten Phase der Aufklärung stehen, verlangt bei der Lage der Welt schon einen gewissen Optimismus. Mit der Diskussions- und Verständigungskultur steht es ja derzeit nicht zum besten. (17.06.2020)

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Engelbirne

Unter zahllosen fantasielosen Graffiti wenigstens eine nette Idee: die Himmelfahrt einer Birne. Gefunden auf einer Mauer in Tübingen Waldhäuser-Ost. Foto: St.-P. Ballstaedt (14.06.2020)

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Brennender Busch

Ein Street Art Sticker, den ich am Schimpfeck in Tübingen gefunden habe: Bemaltes Papier, das auf eine Mauer geklebt wird. Foto: St.-P. Ballstaedt (07.6.2020)

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Microadventures

Vor ein paar Monaten habe ich ein paar mokante Sätze zum Waldbaden geschrieben. Jetzt ist als Steigerung ein neuer Trend da: das Mikroabenteuer. Erfunden hat es ein veritabler Abenteurer, Alastair Humphreys, vermarktet wird es von einem Motivationscoach, Christo Foerster. Die Grundregel: „Einfach mal raus und machen!“, also spontan und ohne Planung, aber mit Schlafsack, Tarp, Stirnlampe und dem üblichen Rucksackgepäck. Und natürlich zwei Büchern mit Abenteuer-Anleitungen von Christo Foerster. Weitere Regeln: nur öffentliche Verkehrsmittel sind erlaubt (das ist oft ein Abenteuer), der Ausflug muss zwischen 8 und 72 Stunden dauern (merkwürdige Zeitspanne), geschlafen wird im Freien ohne Zelt (ist nicht verboten). Und wie schon beim Waldbaden soll man seine Sinne öffnen und auf das Knacken der Äste, das Murmeln eines Baches, das Rascheln der Blätter, das Wehen des Windes, das Aufgehen der Sonne, den Duft von Heu usw. usw. achten. Das Mikroabenteuer könnte aber schnell zu einem Makroabenteuer werden, wenn ein Problembär oder ein hungriger Wolf herumstrolcht. In einem Erfahrungsbericht habe ich aber nur von der aufregenden Begegnung mit einer Hummel gelesen. (05.06.2020)

Eine Aufnahme von meinem letzten Mikroabenteuer in der freien Natur. Foto: St.-P. Ballstaedt

Nachtrag: Eine neue Reihe „Aktivguides“ von DuMont passt zu den Mikroabenteuern: „Eskapaden“ mit dem Slogan Auszeit. Abenteuer. Lebensfreude: Auch hier werden Wanderungen, Ausflüge und Unternehmungen als Abenteuer geadelt. (06.06.2020)

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Aufklärung

Ein Bastler oder eine Bastlerin ist in Tübingen unterwegs, die oder der mit Slipeinlagen, roter Tinte und einer beschrifteten Banderole Botschaften und Sextipps  in der Öffentlichkeit hinterlässt. Diese Slipeinlage habe ich über dem Schlitz eines Briefkastens gefunden. Foto: St.-P. Ballstaedt (31.05.2020)

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Zigaretten anzünden

Michel Piccoli ist gestorben, ein Schauspieler, von dem ich viele Rollen noch im Gedächtnis behalten habe. Von Godard, Bunuel, Sautet habe ich keinen Film versäumt, überhaupt waren damals die französischen Filme ein Muss für Cineasten.

Zum Gedenken habe ich mir noch einmal „Das Mädchen und der Kommissar“ aus dem Jahr 1971 angeschaut, die schiefe Übersetzung des Originaltitels: „Max et les ferrailleurs“. Was mir schon nach wenigen Minuten aufgefallen ist: Unser Sehgewohnheiten haben sich total geändert: So ausführliche Dialoge und eine so detaillierte Darstellung der Charaktere ist man nicht mehr gewohnt, viele Einstellungen halbnah, nah und in Großaufnahme (vor allem natürlich Romy Schneider). Man lässt sich Zeit, unzählige Zigaretten und Zigarillos werden in dem Film angezündet, jeder Charakter macht das auf seine lässige Art. (28.05.2020)

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Pandemie-Witze

Dass bedrohliche Situationen einen guten Humus für Witze darstellen, weiß man schon lange. Aktuelles Beispiel: Die Corona-Krise hat unzählige Witze hervorgebracht, die vor allem im Web kursieren auf Witzsites und auf Youtube verbreitet werden. Beliebte Themen: Toilettenpapier, Abstandsregel, Homeoffice, Mundschutz. Es sind erstaunlich viele Bildwitze dabei (z.B. von Greser & Lenz). Viele Scherze sind recht albern, drei mit unterschiedlichem Niveau habe ich herausgefischt:

Gegen eine Infektion durch das Coronavirus hilft der Verzehr frischer Knoblauchzehen, der Abstand von 1, 5 Metern wird sicher eingehalten.

Kauft Seife statt Klopapier! Das Virus wird schließlich über die Hände übertragen!

Die Berliner haben in China angefragt, ob die Arbeiter, die das Krankenhaus in Wuhan gebaut haben, nicht auch den Berliner Flughafen fertigstellen könnten. China hat abgesagt. Nur für einen Tag schicken sie die Leute nicht los.

Natürlich gibt es auch wieder Stimmen, die Pandemie-Witze überhaupt nicht lustig, sondern geschmacklos finden. Aber eigentlich passen die Witze doch zu dem weisen Satz: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. (25.05.2020)

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Der arme Holder

Schon im Gymnasium habe ich gern Lyrik gelesen, ein ganzes Regal ist mit Gedichtbänden belegt, aber zu einem Dichter habe ich nie einen Zugang gefunden: Friedrich Hölderlin, ausgerechnet, denn das ist in Tübingen schon peinlich. Scharen von Asiaten pilgern an den Neckar und knipsen auf der Neckarbrücke ein Selfie mit dem Turm im Hintergrund. Ich konnte seinen pathetischen, abstrakten und mythologischen Versen nichts abgewinnen, selbst in einem Liebesgedicht geht es gleich um die Götter oder Gott, das All, die Unendlichkeit, das Hocherhabene, die Menschheit usw.

Jetzt zu seinem 250. Geburtstag kann man in der Tübinger Altstadt bei vielen Geschäften einen Hölderlin-Vers auf dem Schaufenster lesen und die gefallen mir sprachlich und inhaltlich. Also habe ich mich zu einem weiteren Anlauf entschlossen und in den letzten Wochen viel über Hölderlin gelesen (Safranski, Ott, Härtling, Oesterle, Knubben) und auch wieder die Dichtungen zu Hand genommen. Dabei habe ich entdeckt, dass die oft zitierten eingängigen Verse aus dem Zusammenhang gerissen sind, was vorher und nachher an Schwerverständlichem steht, das lässt man weg. Hölderlin wird ausgeschlachtet und damit vermittelbar. Ein Buch hat mich besonders berührt, zwei Psychiater haben es geschrieben:

Uwe Gonther/Jann E. Schlimme: Hölderlin. Das Klischee vom umnachteten Genie im Turm. Köln: Psychiatrie-Verlag, 2020.

Sie rekonstruieren aus Gedichten und Briefen von Hölderlin selbst, Zeugnissen seiner Vertrauenspersonen und den ärztlichen Aussagen das Verhalten und Erleben des Dichters in der zweiten Lebenshälfte. Sie vertreten zwei Thesen:

  1. Der zweite Lebensabschnitt im Turm in Tübingen, immerhin 36 Jahre, war keine Zeit, in der Hölderlin als wahnsinniges Genie versorgt wurde, sondern hatte durchaus eine Lebensqualität: Hölderlin geht spazieren, spielt Klavier, liebt seinen Wein und kommt mit Vertrauten zusammen. Und er dichtet, auch wenn viele Gedichte aus der Zeit nicht erhalten sind. Die Familie des Schreinermeisters Zimmermann hat ihm ein Refugium vor einer Welt geboten, mit der er nicht klar gekommen war.
  2. Die Autoren vermeiden eine psychiatrische Etikettierung, sie beschreiben sein Verhalten als durchaus sinnvolle Reaktion auf seine Erfahrungen. Viele Dokumente verweisen auf ein „psychotisches Erleben“, aber das wird aus den Lebensumständen verständlich erklärt, nicht gleich in eine Schublade gesteckt (Wahnsinn, Schizophrenie, schizoaffektive Störung, Melancholie, Manie usw.).

Das Büchlein hat mich beeindruckt, aber ein kritischer Abspann darf nicht fehlen. Die Autoren haben in diversen Fachzeitschriften bereits Aufsätze zum Thema veröffentlicht, die hier wiederverwertet werden. Das ist in Ordnung, aber es gibt zahlreiche Wiederholungen, ja sogar Dubletten, der Text wirkt schnell zusammengeleimt. Offenbar wollte man ihn noch zum Geburtsjahr herausbringen und hat auf eine sorgfältige Überarbeitung verzichtet. (17.05.2020)

Der Turm, in dem Hölderlin 36 Jahre gelegt hat, das Fenster seines Zimmers steht offen. Über dem Turmhaus die Burse, die damalige Psychiatrie, aus der er 1807 als unheilbar entlassen wurde. Foto: St.-P. Ballstaedt

Nachtrag: Die Kuratorin  Heike Gfrereis einer Ausstellung “Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie” im Literaturmuseum der Moderne in Marbach bestätigt meine Beobachtung: Hölderlins Gedicht werden gerne “auf schöne Stellen” reduziert und spätestens durch ihre Leser “fragmentisiert” (SWP 25. Mai, 2020).

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