Heimat

Wer sich mit historischer Semantik beschäftigt, für den bietet das Wort „Heimat“ ein interessantes Beispiel.

Das althochdeutsche Wort bezeichnete den Ort, wo man geboren und daheim ist (Heimatstadt, Heimatland). Das Wort wurde als nüchterne Bezeichnung in geografischen und juristischen Sinn bei der Polizei und bei Behörden verwendet.

Im Nationalsozialismus wird das Wort emphatisch aufgeladen: Heimat verklärt die regionale Natur und Gemeinschaft und ist ein Schutzwall gegen Fremdes und Andersartiges.“ Heim ins Reich“ bedeutet zurück zu seinen Wurzeln

Ab 1984 wurde die Filmreihe „Heimat“ von Edgar Reitz im TV gesendet. Hier wurde  ein kultureller Begriff von Heimat benutzt. Heimat als die Region, aus der ein Mensch stammt und die ihn prägt, auch wenn er die Heimat verlässt, ja sogar aus ihrer Enge flieht.

Heute bekommt Heimat wieder eine emphatische Aufladung: Heimat schafft Identität und grenzt aus, zu meiner Heimat gehören bestimmte Menschen nicht, sie bedrohen meine Heimat, deshalb ist Heimatschutz notwendig. Heimat bekommt wieder eine völkisch-rassistische Konnotation.

Habent sua fata verba. (05.05.2018)

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Lektüre zur korrekten Sprache

Anatol Stefanowitsch (2018): Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen. Berlin: Dudenverlag.

Die Streitschrift des Sprachwissenschaftlers hat den großen Vorteil, dass sie argumentativ vorgeht, d.h. Behauptungen oder Forderungen aufstellt und sie mit Argumenten bestätigt oder widerlegt, die die Lesenden nachvollziehen können. Die Grundidee: Auch Sprechen ist Handeln, deshalb müssen an das Sprechen dieselben moralischen Maßstäbe anlegt werden, wie an das Handeln. Der Autor legt einem modifizierten kategorischen Imperativ nach Kant zugrunde: Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest (oder nach Wilhelm Busch: was du nicht willst, dass dir man tu, das füg auch keinem anderen zu). Praktisch führt das zur „goldenen Regel“: „Sie fordert uns dazu auf, unser potenzielles Verhalten anderen gegenüber zunächst aus deren Perspektive zu betrachten (uns also vorzustellen, jemand anders verhalte sich uns gegenüber auf diese Weise, und dann zu entscheiden, ob wir dieses Verhalten akzeptieren würden“ (S.23/24). Aus dieser Regel lassen sich zwei etwas umständlich formulierte Regeln ableiten:

1.Stelle andere sprachlich nicht so dar, wie du nicht wollen würdest, dass man dich an ihrer Stelle darstelle.

2.Stelle andere sprachlich stets so dar, wie du wollen würdest, dass man dich an ihrer Stelle darstelle.

In etlichen Fällen funktionieren diese Regeln: Wir reden nicht mehr von Zigeunern, weil sie sich selbst so nicht bezeichnen, sondern als Sinti und Roma angesprochen werden wollen. Aber eine konsequente Anwendung der Regeln hat weitreichende Folgen:

Wenn alle herabwürdigenden Wörter vermieden werden, dann wird damit den Schimpfwörtern der Garaus gemacht. Niemand lässt sich gern als Trottel, Betonkopf oder Spinner bezeichnen, also muss ich als moralischer Mensch nach der goldenen Regel diese Wörter aus meinem aktiven Wortschatz streichen. Feministische Linguistinnen haben das schon einmal vertreten: Negative Bezeichnungen für Frauen wie Schlampe, Blaustrumpf, Zicke sollten aus der Sprache verschwinden.

Komplexer ist ein zweiter Punkt. Kritik an einem Handeln oder einer Meinung wird zwar nicht unmöglich, aber doch erschwert, wenn man sie immer auch aus der Perspektive des anderen formulieren soll und ihm sprachlich nie weh tun darf. Eine blinde Übernahme des Selbstbildes einer Gruppe würde bedeuten, dass man die AfD nicht als rechtsradikal, die Islamisten nicht als frauenfeindlich bezeichnen darf, da sie sich selbst so nicht sehen. Der Autor weist zwar darauf hin, dass er keine Meinungen verbieten, sondern nur sprachliche Ungleichheiten und Diskriminierungen beseitigen möchte, aber wird damit nicht ein sprachlicher Maulkorb verpasst? Anatol Stefanowitsch glaubt wohl an neutrale Argumentation.

Problematisch finde ich den empfohlenen Umgang mit historisch stark belasteten Wörtern. Der Autor unterbreitet gleich in der Einleitung den Vorschlag, derartige Wörter nicht mehr auszuschreiben, sondern mit einer Abkürzungsformel zu zitieren: Z-Schnitzel und M-Kopf (das kennt man aus korrekten Lyrics, z.B. Lily Allen: And that’s what makes my life so f…  fantastic). Diese Säuberungsaktion geht mir zu weit. Ich habe kein Problem damit, von Paprika-Schnitzel und Schaum-Kuss zu sprechen, aber Wörter verstümmeln oder ganz tilgen? Wenn bei Pippi Langstrumpf aus dem Negerkönig in korrekter Sprache ein Südseekönig geworden ist, kann man das pädagogisch noch vertreten, aber wie sieht es dann mit heute nicht korrekten Formulierungen in der Literatur aus. („Othello, the Moor of Venice”, geht dann gar nicht).

Wenn eine Gruppierung Wörter wie „Volksverräter“, „Asylschmarotzer“, „Schuldkult“ usw. benutzt, dann weiß ich doch gleich, woran ich bin und muss eine Gesinnung nicht mühsam zwischen möglichst korrekt formulierten Zeilen herauslesen. Die Beseitigung von Wörtern ändert nicht die Einstellung oder Meinung, die sie zum Ausdruck bringen. Ein Denkfehler, dem viele Sprachkorrektoren unterliegen. Wörter sind kulturelle Fossilien, die auch heute Unbliebsames konserviert haben. Wie habe ich bei Dieter Zimmer einmal gelesen: Selbst wer die Todesstrafe verabscheut, köpft gelegentlich eine Flasche. (01.05.2018)

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Symbole

Gleich vorweg: Symbole einer Religion gehören nicht in staatliche Räume, schon gar nicht durch Verordnung, denn der Staat hat eine Neutralitätspflicht. Für religiöse Symbolik sind sakrale Räume da und daheim kann sich jeder seinen Herrgottswinkel einrichten. Ministerpräsident Söder erweist mit seiner neuen Geschäftsordnung den Christen einen Bärendienst, denn er will das Kreuz ja nicht als Zeichen des christlichen Glaubens, sondern als Zeichen „bayrischer Identität und Lebensart“, offenbar fallen beide Bedeutungen im Freistaat zusammen. Das ist Missbrauch eines religiösen Symbols für eine politische Zielsetzung: am 14.10.2018 ist Landtagswahl. Übrigens: Die AfD begrüßt die Verordnung. (26.04.2018)

Weißwurst, Brezn, Süßer Senf, Bier: Daraus könnte man doch ein Symbol für die bayrische Kultur designen, das im Eingangsbereich jeder Behörde zur Besinnung auf die Heimat einlädt. Foto: Tim Reckmann, flickr

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Spassvogel

Eine vervielfältigte Zeichnung mit einer einfältigen Botschaft, hier an einem Betonmast in der Wilhelmstraße in Tübingen. Foto: St-P. Ballstaedt (24.04.2018)

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Socken in Sandalen

Die Bekleidung ist ein semiotischer Kode, den ich bisher nur selten thematisiert habe (Burkini und Krawatten). Aber jetzt!

Seit Jahren werde ich mit der Regel konfrontiert, dass man in Sandalen keine Socken anzieht, schon gar keine farbigen, das sieht übel aus und schickt sich nicht. Das ästhetische Argument will mir nicht einleuchten: Warum sehen krumme Zehen mit eingewachsenen Nägeln schöner aus als eine solide Herrensocke (Werbeslogan: Die Socke adelt den Mann)? Und das Argument der Schicklichkeit klingt sehr angepasst: Wer hat diese Regel eigentlich aufgestellt? Socken in Sandalen als Modesünde, Stilmakel und vor allem als „typisch deutsch!“

Im Mai 2014 riefen irgendwelche New Yorker Stylisten (der Strumpfindustrie?) plötzlich einen Trend zu Socke in Sandalen aus. Das Argument: Die Kombination eigne sich perfekt als Übergang vom Frühling in den Sommer und vom Sommer in den Herbst, aber im Sommer weiterhin bleibt sie ein Zeichen schlechten Geschmacks. Zu dieser modischen Liberalisierung wurden gleich wieder ein paar Regeln aufgestellt: Die Socken sollten dunkel, dünn und einfarbig sein. 2016 wurde einer neuer Streetstyle propagiert: Bunte Happy socks und eine alberne Socke, die die Zehen in der Sandale freilässt. Etliche Stylisten raten von diesen Trends aber auch wieder ab.

Warum lassen sich Menschen von irgendwelchen Stylisten, Modeschöpfern, Designern usw. vorschreiben, was gut aussieht und was sie anziehen sollen? (18.04.2018)

Meine Socken vom 18.04.2018, die Sandalen sind schon etliche Jahre alt. Foto: St-P. Ballstaedt

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Gangsta-Rapp

Dass Gangsta-Rapper jung, brutal und gutaussehend sind, sich gern als Machos und Provokateure produzieren, das gehört zum Image und bringt ja auch viele Kohle (für schnelle Autos und rassige Weiber). Aber wie sie die Branche und ihre Kritiker verarschen, ist schon bemerkenswert. Sie hauen irgendeinen Sprachmüll raus, aber meinen es nicht so, werden immer missverstanden, der Kontext wird übersehen und schließlich ist das ja Kunst. Welche Gesinnung Kollegah & Farid Bang pflegen, das ist nicht überraschend, irgendwo müssen ja die etwa 16% Antisemiten in Deutschland stecken. Aber was sind diese Lyrics für ein assoziativ-einfälltiges Geschwurbel, bei dem es wohl allein darauf ankommt, möglichst viele Reizwörter unterzubringen? „Und wegen mir sind sie beim Auftritt bewaffnet / mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ – „Mache wieder mal nen Holocaust, komm an’ mit dem Molotow.“ Kostproben aus früheren Songs: „Nutte, Zeit, dass du Putzlappen befeuchtest / Ich bring Schusswaffengeräusche wie die Schutzstaffel der Deutschen“ oder „Kid, es ist der Boss, der für ‘ne Modezeitschrift Posen einnimmt wie die Wehrmacht, die in Polen einschritt.“ Das „Zuhältertape Vol. 4“ wurde übrigens 2016 mit einem „Echo“ ausgezeichnet! Wer das hören will und versteht, soll es hören, immerhin schaffen es ja diese Songs in die Charts und die Verkaufszahlen sind super, aber muss man diese Texte mit einem Preis prämieren? Da sind doch die Liedchen von Helene Fischer direkt erfrischend. (16.04.2018)

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Hinweis

Ein Schild an der Haustür, das man eher selten zu lesen bekommt. Foto: St.-P. Ballstaedt (14.04.2018)

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Ehe

Ein neuer Roman von Wilhelm Genazino: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze. München: Hanser, 2018. Auf der Seite 8 lese ich folgenden Satz:

„Es erstaunte mich nicht, dass ich nach etwa einer halben Stunde meine ehemalige Ehefrau entdeckte, wobei mir zum ersten Mal auffiel, dass in dem Wort >ehemalig< das Wort >Ehe< aufgehoben ist, was ich gut gelaunt so deutete, dass in jeder Ehe ihre zukünftige Ehemaligkeit schon angekündigt sei.“

Ein hübsches Spiel mit Worten, natürlich stecken im Substativ „Ehe“ und dem  Adjektiv „ehemalig“ verschiedene Wortstämme. Das kurze, aber schwerwiegende Wort „Ehe“ stammt aus dem westgermanischen Wort für Gesetz, Recht, Vertrag; althochdeutsch „ewa“. Etymologisch ungeklärt ist, ob es derselbe Wortstamm wie „ewa“ in der Bedeutung „ewig“ ist. Ehe würde dann „ewig geltender Vertrag“ bedeuten. Um 1000 erfolgt die Bedeutungsverengung auf den Ehevertrag.

Die Konjunktion „ehe“ im Sinne von „bevor“(„Ich gehe nicht, ehe du kommst“) und das Adverb „eher“ im Sinne von „früher, lieber, mehr“ ( „Er hört eher leichte Musik“) haben dieselbe Wurzel. (05.04.2018)

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Gendern

In Wien findet geschlechtsneutraler Verkehr statt.  Fotos (mit herzlichem Dank): Andrea Rübsam (31.03.2018)

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Hail Satan

An vielen Masten in Tübingen findet man diesen kleinen Aufkleber, mit dem sich die Satanisten in Tübingen bemerkbar machen. Zwei Ihrer Symbole: Das Pentagramm, auch Drudenfuß, als Zeichen der Magie, und das auf dem Kopf stehende „Kreuz des Südens“, mit dem das christliche Kreuz verspottet wird. Den Hund kann ich nicht eindeutig deuten, vermutlich ein Kampfhund. Foto: St.-P. Ballstaedt (24.03.2018)

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