Gewurstel

Auf dem Freiburger Samstagmarkt ist mir ein Schild aufgefallen mit der Aufschrift „Metzgerei und Wurstlerei“. Das Wort „Wursterei“ für einen handwerklichen Betrieb hätte mich nicht verwundert, es steht schon im Grimmschen Wörterbuch, dazu passend verzeichnet der Duden für die Wursthersteller das Wort „Wurster“ oder „Wursterin“. Aber Wurstlerei? Das klingt nach Wurstelei als Bezeichnung für schlechtes unkoordiniertes Arbeiten. (07.02.2024)

Wurstlerei ist offenbar ein dialektaler Ausdruck. Foto: St.-P. Ballstaedt

0

Fettschürze

Dieses Wort habe ich heute zum ersten Mal in einem Gesundheitsblättchen gelesen. In Wikipedia steht diese Definition: „Als Fettschürze, auch als Omentum oder Epiploon, bezeichnet man eine vom Bauchfell (Peritoneum) überzogene, übermäßige fett- und bindegewebsreiche Struktur (Omentum majus) sowie eine schlaff herunterhängende Haut am Bauch.“ Sie kommt zustande, wenn übergewichtige Menschen viel abnehmen, aber auch nach Mehrlingsschwangerschaften. Synonyme Wörter sind Fettlappen oder Bauchfettschürze. Auch Wortbildungen, die Wiglaf Droste und Gerhard Henschel in ihre Liste unappetilicher Wörter aufnehmen würden, die sie früher in der Satirezeitschrift Titanic veröffentlich haben. Beispiele: Drüsennässe, „Gewebeprobe, Grindgabel, Standardstützstrumpf, Vaginalzäpfchen. (23.01.2024)

Ein visueller Eindruck von einer massiven Fettschürze. Quelle: Eslam ibrahim66, Wikipedia Commons

0

Neue Sichtweise

In der Stuttgarter Staatsgalerie wird eine Ausstellung von Portraits und Akten des italienischen Malers Amadeo Modigliani »Moderne Blicke« gezeigt. Seine Portraits werden mit zeitgenössischen Malern in Beziehung gesetzt: Klimt, Schiele Munch, Modersohn-Becker, Lehmbruck. Interessant ist eine neue Sichtweise und Interpretation der Frauenbilder: Der Maler wird als „Chronist eines erstarkenden weiblichen Selbstbewusstseins“ vorgestellt, denn die Frauen im Kurzhaarschnitt und oft in Männerkleidern schauen die Betrachtenden oft mit skeptisch schräg gestelltem Kopf direkt und selbstbewusst an. Sie wirken als eigenständige Persönlichkeiten, nicht als erotische Projektionen des Malers. Obwohl die Gesichter stilisiert sind, vor allem die Augen- und die Mundpartie, kann man zu jedem Bild den Charakter der gemalten Person ablesen.
Die Akte, die damals abgehängt werden mussten, weil sie als skandalös galten, werden heute neu gesehen und bewertet. Die meisten Bilder sind übrigens bei der Google-Suche durch SafeSearch zunächst wegen „anstößiger Inhalte“ unkenntlich gemacht. Auffällig ist, dass der Unterkörper der Frauen mit Gesäß und Becken überproportional vergrößert abgebildet ist: Die Unterschenkel und die Arme sind oft angeschnitten und werden nicht gezeigt. Dadurch fixiert das Auge spontan Brüste und Schamdreieck. Man kann das als Betonung des Sexuellen deuten, aber heute schaut man auf die Gesichter, die die Betrachtenden selbstbewusst anschauen: „Im Einklang mit der jüngsten Forschung wird deutlich, dass Modigliani seine Modelle nicht zu Objekten degradiert, sondern sich ihnen in einem von Gleichberechtigung geprägten Verhältnis nähert.“ (Flyer zur Ausstellung). Wie das die Forschung wohl herausbekommen hat?  (15.01.2024)


Amadeo Modigliani: Nu couché (1917). Die Extremitäten angeschnitten, die Augen zugewandt, aber geschlossen, wie so oft bei diesem Maler. Quelle: Christie’s sale, New York 9.11.2015, Wikimedia Commons

0

Eingetütet

Die Plastiktüte ist ja erstaunlich schnell verschwunden und die Papiertüte hat sie weitgehend ersetzt. Die Kulturtechnik des Tütengebrauchs muss aber wieder erlernt werden. Auf einer Tüte vom Bäcker ist eine Gebrauchsanleitung abgedruckt. (02.01.2024)

So verschließt man eine Tüte korrekt und nachhaltig. Foto: St.-P. Ballstaedt

2

Deepfakes

Für visuellen Journalismus habe ich mich schon am Anfang meiner Laufbahn interessiert und dazu 1977 einen Aufsatz veröffentlicht.

Ballstaedt, Steffen-Peter (1977). Grenzen und Möglichkeiten des Filmjournalismus in der aktuellen Berichterstattung. Rundfunk und Fernsehen, 25, S. 213-229.

Ein kritischer Punkt darin war die Augenzeugenillusion: Mit einem Pressefoto zeigt ein Fotografen einen Ausschnitt der Wirklichkeit in bestimmter Perspektive und Schärfentiefe. Er legt fest, was man sieht und was man nicht sehen kann. Er konserviert und vermittelt seine Wahrnehmung. Ein Foto ist bereits ein Kommunikat, eine visuelle Erfahrung aus zweiter Hand.

Einen Schritt weiter gehen zielgerichtet manipulierte Fotos, anfangs nur Retuschen, mit denen aber auch schon erhebliche Veränderungen möglich waren: Personen konnten z.B. aus einem Foto entfernt oder Gegenstände hineingestellt werden. Die Bildbearbeitungsprogramme wie z.B. Fotoshop bieten dann eine große Palette an Möglichkeiten, ein aufgenommenes Bild nachträglich zu gestalten. Seriöse Zeitungen markieren ein bearbeitetes Bild mit [M].

Und jetzt können Fotos mittels sprachlichen Eingaben (Prompts) mit KI- Bildgeneratoren generiert werden. Im Netz kursieren täuschend echt wirkende Bilder. Bekannt geworden ist der Papst mit modischer weißer Daunenjacke. Bei der Lage der Katholischen Kirche muss ich der Papst zwar warm anziehen, aber genau hinschauende Spezialisten können Fehler erkennen. Unbedarfte Betrachtende sehen sie nicht auf den ersten Blick.
Und eine weitere Steigerung sind gefakte Videos. Damit lassen sich witzige Botschaften verbreiten, aber auch Lügen und politische Manipulationen. Bewegten Bildern vertraut man noch am ehesten, auch wenn heutige Mediennutzer an special Effects und virtual Realities in Filmen gewohnt sind. Der oder die Mediennutzende kann eine abgebildete Wirklichkeit aber nur noch schwer von einer manipulierten oder generierten Realität unterscheiden. Und jetzt wird es bedrohlich, ja gefährlich, denn diese Medieninhalte lassen sich bewusst zur Desinformation einsetzen, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Man kann den eigenen Augen nicht mehr trauen. (01.01.2024)

Diesen Schnappschuss  habe ich von einem Weihnachtstripp in den Gaza-Streifen mitgebracht. Quelle: Craiyon.

0

Kuscheln

Eine hübsches Verb, das schon angenehm klingt. Wo kommt es her? Natürlich aus dem Französischen: „(se) coucher“ bedeutet „sich niederlegen, zu Bett gehen“. Aber das Verb kuscheln ist nicht die erste Übernahme ins Deutsche. Im 17. Jh. wurde das Kommando„Couche!“, dann eingedeutscht„kusch!“ populär, mit dem sich ein Jagdhund lautlos hinlegen sollte. Im 18. Jh. kommt das Verb „kuschen „ auf in der Bedeutung „sich ducken, klein beigeben, unterwürfig sein“. Gekuschelt wird erst um die 1900, das Verb wird in der Bedeutung „sich anschmiegen“ verwendet. Und danach in zahlreichen Komposita: Kuscheldecke, Kuschelecke, Kuscheltier, Kuschelkissen, Kuschelgruppen usw. (28.12.2023)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kuschelbärchen. Quelle: CC0 Public Domain

1

KI-Frauen

Es ist nicht verwunderlich, dass Fotografinnen und Fotografen besonders kritisch auf KI generierte Bilder reagieren. So auch in der TAZ Eva Häberle. Sie hat bei den gängigen Bildgeneratoren „Midjourney“ „Stable Fiffusion“, „Dreamstudio“ und „Dall-e“ die Prompts „Frau“ und „Mann“ eingegeben und entdeckt, dass bei „Frau“ Abbildungen junger, weißer, langhaariger Frauen oft in Kombination mit Blumen, Schmetterlingen oder Vögeln generiert werden. Bei „Mann“ hingegen weiße Männer verschiedener Altersstufen in unterschiedlichen Betätigungsfeldern.

Wirklich überrascht ist die Fotografin über ihre Bildergebnisse nicht, denn die Bildgeneratoren bedienen sich aus Bilddatenbanken, Bildagenturen, Websites usw., d.h. die Algorithmen arbeiten mit dem Material, was ihnen zu Verfügung steht, sie reproduzieren unsere mediale Wirklichkeit: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Auch schon bei der Textgenerierung wurden ja rassistische und sexistische Inhalte kritisiert. Warum erwartet und verlangt man von KI-Text- und Bildgeneratoren eine höhere Moral als in der Gesamtgesellschaft? (09.11.2023)

0

Gendern im Bild

Ein Ziel der feministischen Linguistik war und ist es, Frauen in der Sprache sichtbar zu machen. Man geht nicht zum Arzt, wenn man von einer Ärztin behandelt wird. Man spricht nicht von Lehrern, wenn Frauen und Männer gemeint sind, sondern von Lehrenden oder wählt eine Doppelnennung bzw. den Gender-Stern oder den Gender-Unterstrich.

Elke Grittmann, Professorin für Medien und Gesellschaft, hat sich mit der Sichtbarkeit von Frauen im Bildjournalismus befasst. Auf der Fachtagung des Journalistinnenbunds e.V. (jb) hält sie einen Vortrag zum Thema „Verantwortung des Journalismus: Gendern im Bild“. Es geht darum, dass Männer und Frauen in den Medien unterschiedlich dargestellt werden. Einmal rein quantitativ, wenn über gesellschaftliche Bereiche berichtet wird, in denen Männer mehr Macht und Einfluss haben. Aber auch qualitativ. Die Professorin sieht ikonografische Konventionen: So werden Männer frontal und bildfüllend, Frauen eher am Bildrand und in unstabiler Haltung abgebildet. Mit meinen Wahrnehmung stimmt diese empirische (?) Analyse nicht überein. Sicher werden aber in Fotos von Frauen Geschlechterklischees und Sexismus verbreitet. So spielt das Aussehen und die Kleidung bei Frauen noch immer eine große Rolle. Aber auch hier nehme ich Veränderungen wahr, z.B. in der medialen Darstellung von Annalena Baerbock oder Ricarda Lang. Es würde mich schon interessieren, wie ein korrekt gegendertes Foto einer Frau aussehen soll. (28.11.2023)

1

Prökel

Ausgerechnet in einem politischen Kommentar bin ich dem Verb „prökeln“ begegnet, das ich vorher noch nie gehört habe. Es ist ein plattdeutscher Ausdruck mit der Bedeutung „stechen, stochern“ und wird in zahlreichen Wendungen verwendet: „Muttst di nich in de Nääs prökeln“ will Kindern beibringen, nicht in der Nase zu bohren. Man kann aber auch lustlos im Essen herumstochern: „Wat prökelst du dor wedder in`t Eten rüm“. Oder lange für eine Arbeit brauchen: „He prökelt dor ewig an rüm.“ Das Substantiv „Prökel“ bezeichnet verschieden Arten von Stochergeräten: Piepenbrökel für Pfeifenreiniger oder Tähnbrökel für Zahnstocher. Das Verb „bröckeln“ ist die hochdeutsche Variante. Mich erinnert „prökeln“ auch an das ähnliche Verb „bröseln“. Ein Brösel ist eine Verkleinerungsform (ein Diminutiv) zu Brosame. (13.11.2023)

0

Goofy

Das Jugendwort des Jahres 2023 ist das Adjektiv „goofy“. Seine Bedeutung wird so angegeben: tollpatschige, alberne Verhaltensweise einer Person, die andere amüsiert. Natürlich war die bekannte Disney-Figur hier das Vorbild. Die Wahl zum Jugendwort wird immer wieder kritisiert: 1. Die Erhebungsmethode wird als problematisch angesehen, denn jeder oder jede kann Vorschläge einreichen, aus denen von einer Jury eine Liste der TOP 10 erstellt wird. Diese wird dann zu einer Liste der TOP 3 eingegrenzt. Wie das geschieht, bleibt unklar. Aus dieser Liste dürfen Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren auf der Langenscheidt-Website wählen. 2. Die Ermittlung des Jugendwort des Jahres wird vor allem als ein effektives Marketing des Langenscheidt-Verlags angesehen, das keinen validen Einblick in die Sprachgewohnheiten der Jugendlichen biete. 3. Es wird bezweifelt, ob Jugendliche wirklich so sprechen, oft ist das Wort in weiten Kreisen gar nicht bekannt.

„Goofy“ ist ein nettes Wort, problematische Wörter werden ohnehin aussortiert: „So dürfen die Begriffe keinerlei Diskriminierung zum Ausdruck bringen. Einreichungen mit beleidigendem, rassistischem, sexistischem und homophobem Bezug sowie offensichtliche Kampagnen einzelner Personen(gruppen) oder Organisationen, deren Wörter nicht als repräsentativ für die Jugend in Deutschland anzusehen sind, werden ausgeschlossen.“  In diesem Jahr z.B. Stolzmonat, Vitacraft, Peufrä. (31.10.2023)

0