Corona-Sex

Ein dringliches sozialpolitisches Problem ist jetzt durch eine Verordnung gelöst: Die Bordelle im Hamburger Kiez dürfen wieder öffnen, natürlich nur mit einem überzeugenden Hygiene-Konzept für körpernahe Dienstleistungen. Kein spontaner Quickie, sondern Sex nur nach Terminabsprache, zudem mit Eintrag in eine Kontaktliste. Natürlich Händewaschen und Lüften. Ein Austausch von Körperflüssigkeiten muss vermieden werden, zudem ist erhöhte Atemaktivität nicht erwünscht. Es sind nur Stellungen erlaubt, bei denen ein Abstand zwischen den Köpfen der Sexarbeiterin und dem Kunden garantiert ist. Oralsex geht nicht, da dazu der Mund-Nasen-Schutz aufgehoben werden muss.

Die Sexarbeiterinnen waren in den letzten Wochen auf die Straße gegangen und hatten gegen ein Berufsverbot seit März demonstriert. Da sich bekanntlich Prostitution kaum regulieren lässt, treibt Sexarbeiterinnen und Bordellbesitzer die Sorge um, dass sich die Dienstleistungen illegal in private Wohnungen verlagern, ein Schlupfloch findet man immer. (15.09.2020)

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Maskerade

Zuerst war ich überrascht, wie schnell man sich dran gewöhnt hat, dass in geschlossenen Räumen alle mit einem Mund- Nasen-Schutz herumlaufen. Aber inzwischen spüre ich doch deutlich, was mir an visueller Kommunikation entgeht, wenn mir z.B. eine Bedienung einen Kaffee serviert. Fast zwanghaft denke ich daran, wie Sie hinter der Maske aussieht und ob sie mich freundlich oder missmutig bedient. Menschen grüßen mich unter der Maske und ich  erkenne sie nicht gleich oder sogar gar nicht. Ich empfinde einen Drang, diese Personen zu entlarven.

Nicht umsonst maskieren sich Menschen z.B. im Karneval, um nicht erkannt zu werden und damit vorrübergehend eine andere Identität annehmen zu können. Bei den venezianischen Halbmasken im Karneval wird die Augenpartie abgedeckt, aber nicht der Mund, um das Sprechen zu ermöglichen.  Der Verlust an visueller Kommunikation ist hier beabsichtigt, wie ja auch beim Verschleiern der Muslimas. Ein unerfreulicher Gedanke, dass unser Corona-Maskierung eine andauernder Zustand bleibt, und wir öffentliche Räume wie die Bankräuber betreten müssen. (13.09.20)

Mit Zorro-Maske sehe ich fast besser aus als ohne. Foto. St.-P. Ballstaedt

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Migrationshintergrund

Ich möchte auf ein Büchlein aufmerksam machen, dass allen Sprachpflegern und Sprachbewahrern missfallen wird:

Matthias Heine: Eingewanderte Wörter. Von Anorak bis Zombie. Köln: DuMont, 2020

Anorak und Zombie sieht man die fremde Herkunft vielleicht noch an: Anorak stammt aus dem Kalaakkisut, einer Sprache, welche von den Inuit auf Grönland gesprochen wird, Zombie stammt aus dem Kikongo, eine Bantusprache aus dem Kongo. Wie die Wörter in die deutsche Sprache einwandern konnten und welche Bedeutungsverschiebungen sie dabei durchmachen, das beschreibt der Germanist und Journalist in kurzweiligen Artikeln. Vielen anderen Wörtern sieht man die fremde Herkunft nicht an, z.B. Abenteuer, baggern, Familie, Grenze, Horde,  Kirche, opfern, rodeln, Sack, Streik, Zucker, ja sogar die Hängematte ist eine Verballhornung des Wortes hamaka aus dem Arawakischen.

Die Sammlung belegt eindrücklich, dass die deutsche Standardsprache als „linguistischer Vielfraß“ viele Wörter eingebürgert hat. „Wer Deutsch spricht, spricht auch etwa 120 andere Sprachen“, so viele hat der Autor bei seinen Recherchen gezählt. Das ist auch ein Argument dafür, dass der Kampf gegen Fremdwörter, heute vor allem Anglizismen, zum Scheitern verurteilt ist. (05.09.2020)

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Gemüse 🌶🌽🍅🍆🥒🥕🍠🥦

Wieder ein Wort, das ich andauernd verwende, das wunderbar klingt, und sicher ein urdeutsches Wort ist, denn vegetables im Englischen und les légumes im Französischen haben sichtlich eine andere Etymologie.

In Gemüse steckt das Wort Mus. Gemüse war mittelhochdeutsch (mittelniederdeutsch Gemöse) ursprünglich jede Speise, so war Fleisch ein “rot gemusz”. Dann erfolgt eine Bedeutungsverengung auf breiige Speisen, schließlich eine weitere Verengung auf zerkleinerte eßbare Pflanzen, vor allem ge- oder verkochte Hülsenfrüchte. Dann erfolgt eine Bedeutungserweiterung auf die Planzen selbst. Die heutige Lexikondefinition : “rohe oder zubereitete genießbare Teile von Pflanzen”. (02.09.2020)

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Rustikal

Mal ein anderes Graffito, entdeckt in Schönwald im Hochschwarzwald (zum Vergrößern ins Bild klicken). Foto: S.-P. Ballstaedt (29.08.2020)

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Vintage-Wörter

Der neue Duden in der 28. Auflage wirbt mit 3000 neuen Wörtern, die letzte Auflage vor drei Jahren ging mit 5000 neuen Wörtern an den Start. Neu dabei sind zum Beispiel: Mikroplastik, Klimanotstand, Unverpacktladen, Repaircafé, Dachbegrünung, Alltagsrassismus, Hasskommentare, Genderstern, Insektensterben, , Geisterspiel, Elektroscooter, helikoptern, Flugscham, Wildpinkler, Shishabar, Herdenimmunität, Atemschutzmaske, Social Distancing, Lockdown.

Die Anglizismen ärgern natürlich wieder die Sprechpfleger. Tatsächlich trifft ja Abstandhalten oder Abstandsgebot den Sachverhalt besser, denn in Distancing schwingt die Bedeutung „Distanzieren“ mit. Das Homeschooling hat man auch nicht aufgenommen, dafür den Hausunterricht.

Demgegenüber stehen etwa 300 Wörter nicht mehr im Duden, sie wurden aussortiert. Ein paar, genau 38, hat die Dudenredaktion bekanntgegeben, darunter die Niethose un der Hackenporsche und das altmodische Adverb dahier. Die komplette Liste rückt der Duden nicht raus, denn mit der kann man ja schöne Publikationen machen:

Peter Graf: Was nicht mehr im Duden steht. Eine Sprach- und Kulturgeschichte. Mannheim: Dudenverlag, 2020.

Dort findet man die fehlenden Wörter kommentiert auf der Seite 223. Hier eine Auswahl: Beilager, Botenfrau, Bürgersmann, Dorfschöne, Ehegespons, Eheweib, Frauensperson, Jägersmann, Jungfernkranz, Kammerjungfer, Kebsweib, Lehrmädchen, Mordbube, Pilgersmann, Türsteher, Zofendienst. Na, was fällt da auf?

Die  genannten Beispiele machen deutlich:  Wortverluste und Wortneuheiten spiegeln Trends in Kultur und Gesellschaft. Anhand des Sprachwandels könnte man eine Kulturgeschichte schreiben. (20.08.2020)

Das ist der Vorgänger des Büchleins über ausgemusterte Wörter: Wortfriedhof. Wörter, die uns fehlen werden. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Mit Sicherheit

In der bekannten Bedürfnispyramide des Psychologen Abraham Maslow steht das Sicherheitsbedürfnis gleich nach den physiologischen Bedürfnissen wie Hunger, Durst, Schlaf, Sex. Es gibt kaum einen Zweifel, dass der Sicherheit eine immer größere Bedeutung zukommt, das zeigt z.B. die Brandschutz, der immer umfangreichere Maßnahmen erfordert.  Auch Baustellen sind ein Beispiel. Früher gab es ein gelbes Schild „Achtung Baustelle, heute gibt es umfangreiche Sicherheitskonzepte, die mit einer Serie von Piktogrammen dokumentiert werden. Wenn schon viele Unsicherheiten in der Welt drohen, möchte man wenigstens im Nahbereich auf Nummer sicher gehen. (18.08.20)

An der Baustelle für das Tübinger Hospiz: 16 Piktogramme, die teilweise auf Gefahren verweisen, die jeder vernünftige Mensch ohnehin vermeidet. Zum Vergrößern ins Bild klicken. Foto: St.-P. Ballstaedt

Nachtrag: Das folgende Foto stammt aus Leipzig und wurde mit der Anmerkung zugeschickt: “Bei uns in Leipzig ist die Sicherheit gefährdet – wir haben nur 12 Hinweise auf Gefahrenmomente.” Foto: Wolfgang Scherer

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A star is born

Jetzt hat es das Gendersternchen geschafft: In der neue 28. Auflage des Duden wird es einen Abschnitt zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch eingeführt. Es ist zwar „vom amtlichen Regelwerk nicht abgedeckt“, aber hat sich in der Schreibpraxis durchgesetzt. Allerdings neben einer Reihe anderer Varianten: SchülerInnen, Schüler_innen, Schüler/innen. Es steht nicht nur für männlich oder weiblich, sondern auch für weitere Geschlechtsidentitäten.

Obwohl ich mich für geschlechtergerechte Formulierungen einsetze, ist meines Erachtens der Asterisk keine gute Lösung. Die beiden Argumente sind bekannt.

  1. Der Asterisk, das Binnen-I, das Gender-Gap sind nicht mit den Grammatik-Regeln vereinbar. Ich könnte eher mit einem Zeichen leben, dass in der Schrift bereit vorkommt: Schüler-innnen, Schüler:innen.
  2. Die Schreibweise kann nicht gendergerecht ausgesprochen werden, denn man liest die weibliche Form. Abhilfe wäre ein Hiatus, eine Sprechpause an der Stelle des Sternchens.

Ich werde das Gendersternchen nicht benutzen, sondern versuche, andere Formulierungen zu finden: Schüler und Schülerinnen, Teilnehmende, Person. Mensch usw. Und wenn es auf das Geschlecht, welches auch immer, nicht ankommt, dann verwende ich sogar das verpönte generische Masculinum. Solche Kontexte gibt es wirklich noch! (14.08.2020)

Nachtrag. In der Wochenendausgabe vom 5./6. September hat die Frankfurter Rundschau bekannt gegegeben, dass ab jetzt der Doppelpunkt eingeführt wird: Leser:innen. Die Leiterin der Dudenredaktion, Frau  Kathrin  Kunkel-Razum rät vom Doppelpunkt ab: “Wir finden den Doppelpunkt nicht günstig gewählt, weil der in der Sprache, im Satzbau beispielsweise, so klar mit bestimmten Funktionen belegt ist.” Das Gendersternchen ist hingegen ein Zeichen, das bisher in der Schriftsprache keine Funktion hatte (früher gab es einmal das Fußnotensternchen).

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Weg zum Glück

Zum dritten Mal habe ich eine Broschüre in meinem Briefkasten gefunden „Der Weg zum Glücklichsein“. Ich freue mich natürlich, dass sich jemand anonym um mein Glück kümmert, denn es hat sich kein Absender eingeschrieben.

In den Texten findet man wirklich viele nützliche Imperative, z. B. „Genießen Sie Alkohol nicht im Übermaß“, „Treiben Sie keine Promiskuität“, „Erzählen Sie keine schädlichen Lügen“, „Kommen Sie Ihren Verpflichtungen nach“, „Seien Sie kompetent“ und „Morden sie nicht“. Mancher Tipp kommt einem bekannt vor und im Impressum, das man mit der Lupe lesen muss, entdecke ich „L. Ron Hubbard Library“, also Scientology! Aber einen wirklich guten Rat habe ich gleich auf der Seite 1 in einer Fußnote gelesen:

„Wörter haben manchmal mehrere verschiedene Bedeutungen. In den Fußnoten dieses Buches finden Sie jeweils nur die Bedeutung, die das Wort im Textzusammenhang hat. Sollten Sie in diesem Buch irgendwelchen Wörtern begegnen, die Ihnen nicht bekannt sind, so schlagen Sie diese in einem guten Wörterbuch nach. Anderenfalls können Missverständnisse und möglicherweise Unstimmigkeiten entstehen!“

Missverständnisse und Unstimmigkeiten sind für manches Unglück verantwortlich, deshalb sollte diese Fußnote für alle Bücher obligatorisch sein. (10.08.2020)

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Gestaltprinzip

So wird der Mensch zum Schwein. Aufkleber von PeTA, der mit dem Figur-Grund-Prinzip der Wahrnehmungspsychologie spielt. Foto: St.-P. Ballstaedt (09.08.2020).

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