Der arme Holder

Schon im Gymnasium habe ich gern Lyrik gelesen, ein ganzes Regal ist mit Gedichtbänden belegt, aber zu einem Dichter habe ich nie einen Zugang gefunden: Friedrich Hölderlin, ausgerechnet, denn das ist in Tübingen schon peinlich. Scharen von Asiaten pilgern an den Neckar und knipsen auf der Neckarbrücke ein Selfie mit dem Turm im Hintergrund. Ich konnte seinen pathetischen, abstrakten und mythologischen Versen nichts abgewinnen, selbst in einem Liebesgedicht geht es gleich um die Götter oder Gott, das All, die Unendlichkeit, das Hocherhabene, die Menschheit usw.

Jetzt zu seinem 250. Geburtstag kann man in der Tübinger Altstadt bei vielen Geschäften einen Hölderlin-Vers auf dem Schaufenster lesen und die gefallen mir sprachlich und inhaltlich. Also habe ich mich zu einem weiteren Anlauf entschlossen und in den letzten Wochen viel über Hölderlin gelesen (Safranski, Ott, Härtling, Oesterle, Knubben) und auch wieder die Dichtungen zu Hand genommen. Dabei habe ich entdeckt, dass die oft zitierten eingängigen Verse aus dem Zusammenhang gerissen sind, was vorher und nachher an Schwerverständlichem steht, das lässt man weg. Hölderlin wird ausgeschlachtet und damit vermittelbar. Ein Buch hat mich besonders berührt, zwei Psychiater haben es geschrieben:

Uwe Gonther/Jann E. Schlimme: Hölderlin. Das Klischee vom umnachteten Genie im Turm. Köln: Psychiatrie-Verlag, 2020.

Sie rekonstruieren aus Gedichten und Briefen von Hölderlin selbst, Zeugnissen seiner Vertrauenspersonen und den ärztlichen Aussagen das Verhalten und Erleben des Dichters in der zweiten Lebenshälfte. Sie vertreten zwei Thesen:

  1. Der zweite Lebensabschnitt im Turm in Tübingen, immerhin 36 Jahre, war keine Zeit, in der Hölderlin als wahnsinniges Genie versorgt wurde, sondern hatte durchaus eine Lebensqualität: Hölderlin geht spazieren, spielt Klavier, liebt seinen Wein und kommt mit Vertrauten zusammen. Und er dichtet, auch wenn viele Gedichte aus der Zeit nicht erhalten sind. Die Familie des Schreinermeisters Zimmermann hat ihm ein Refugium vor einer Welt geboten, mit der er nicht klar gekommen war.
  2. Die Autoren vermeiden eine psychiatrische Etikettierung, sie beschreiben sein Verhalten als durchaus sinnvolle Reaktion auf seine Erfahrungen. Viele Dokumente verweisen auf ein „psychotisches Erleben“, aber das wird aus den Lebensumständen verständlich erklärt, nicht gleich in eine Schublade gesteckt (Wahnsinn, Schizophrenie, schizoaffektive Störung, Melancholie, Manie usw.).

Das Büchlein hat mich beeindruckt, aber ein kritischer Abspann darf nicht fehlen. Die Autoren haben in diversen Fachzeitschriften bereits Aufsätze zum Thema veröffentlicht, die hier wiederverwertet werden. Das ist in Ordnung, aber es gibt zahlreiche Wiederholungen, ja sogar Dubletten, der Text wirkt schnell zusammengeleimt. Offenbar wollte man ihn noch zum Geburtsjahr herausbringen und hat auf eine sorgfältige Überarbeitung verzichtet. (17.05.2020)

Der Turm, in dem Hölderlin 36 Jahre gelegt hat, das Fenster seines Zimmers steht offen. Über dem Turmhaus die Burse, die damalige Psychiatrie, aus der er 1807 als unheilbar entlassen wurde. Foto: St.-P. Ballstaedt

Nachtrag: Die Kuratorin  Heike Gfrereis einer Ausstellung “Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie” im Literaturmuseum der Moderne in Marbach bestätigt meine Beobachtung: Hölderlins Gedicht werden gerne “auf schöne Stellen” reduziert und spätestens durch ihre Leser “fragmentisiert” (SWP 25. Mai, 2020).

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Mauganescht

Schwäbischer Lieferservice in Corona-Zeiten mit fröhlichen Maultaschen. Nach dem Schwäbischen Wörterbuch bedeutet „mauga“ verstecken, ein Mauganeschtle ist ein versteckter Ort mit Vorräten. Foto: St.-P. Ballstaedt (13.05.2020)

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Bilderrätsel 12

Wenn mir sonst nichts Kluges einfällt, gibt’s ein Bilderrätsel. Was ist mir da vor die Linse gekommen? Auflösung im Kommentar. Foto: St.-P. Ballstaedt (08.05.2020)

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Braune Brause

Wer hinter dem Aufkleber steckt, habe ich nicht herausbekommen, aber den politischen Hintergrund. Coca-Cola – und natürlich auch der Rivale Pepsi Cola – beherrschen den indischen Softdrinkmarkt und bauen immer neue Abfüllanlagen. Dazu benötigen Sie viel Wasser, das sie ausgerechnet in Gegenden, in denen die Menschen ohnehin von Dürren und Wassermangel bedroht sind, aus den Flüssen pumpen. Es gibt kein Wasser zum Trinken, aber dafür die braune Brause. Foto: St.-P. Ballstaedt (03.05.2020)

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Humor-Interview

Vor ein paar Wochen habe ich dem Online-Magazin der Süddeutschen Zeitung für junge Leute (www.jetzt.de) ein Interview zum deutschen Humor gegeben. Nur ein paar Sätze daraus wurden verwendet. Hier das ganze Interview, die Fragen stellte Martina Kind.

  1. Vielleicht kennen Sie das Buch „Deutscher Humor: Eine Sammlung der besten Beiträge“ – die Autorin verspricht: „Eigens für diese Anthologie wurden die Meilensteine des typisch deutschen Humors zusammengetragen“. Der Witz: Das Buch ist leer.
    Steht es denn wirklich so schlecht um den deutschen Humor? Falls ja – warum?

Die leeren Seiten bei Noah Sow sind natürlich provokant, aber es gibt ja auch „Das Hausbuch des deutschen Witzes“, immerhin 544 Seiten mit den klassischen Witzgenres und nicht alle Witze sind übel. Um die Frage nach dem deutschen Humor zu beantworten, muss man zunächst klären, was Humor überhaupt ist. Ich möchte einmal grob zwei Formen unterscheiden: Einmal wird alltäglich darunter etwas zum Lachen verstanden: Ein Mensch hat Humor, wenn er Witze erzählt. Die zweite Form ist die anspruchsvollere: Humor hat man, wenn man sich über schwierige Situationen erheben und trotzdem lachen kann, vor allem über sich selbst. Ich möchte aber keine dieser Humorformen abwerten, beide haben eine Berechtigung und eine Ventilfunktion in einer Gesellschaft. Wir brauchen nicht nur subtile Pointen und ironische Texte, sondern auch Albernheiten und Schenkelklopfer.

  1. Nun ist Deutschland international ja wirklich nicht bekannt für seinen Sinn für Humor; fragt man im Ausland nach, will niemand auch nur einen einzigen deutschen Komiker kennen – mit viel Glück vielleicht noch Jan Böhmermann, der 2017 zu Gast in Seth Meyers Late-Night-Show war. Doch auch da wurde über den deutschen Humor gespottet („Comedy wurde in Deutschland erst vor zwei Jahren per Referendum legalisiert. Es war ein knappes Ergebnis“, sagte Böhmermann. Und: „Ironie ist immer noch illegal“).
    Warum hat der deutsche Humor einen so schlechten Ruf; warum gibt es keine deutschen Komiker, die auch international bekannt sind?

Dass man über deutsche Witze nicht lachen kann, hat schon Mark Twain behauptet, aber ich halte das für ein Vorurteil, das wahrscheinlich etwas mit der Sprache zu tun hat. Humor hat grundsätzlich ein Problem, wenn er in eine andere Sprache oder Kultur transferiert werden soll. Können Sie sich einen Sketch von Karl Valentin auf französisch vorstellen? Und bekanntlich leiden auch bei der Synchronisation von Komödien die ursprünglichen Gags. Das habe ich z.B. auch bei Comics festgestellt: Auf französisch ist Asterix wirklich witziger. Ich kenne nur zwei interkulturelle deutsche Comedians, Michael Mittermeier, der auch mit einem englischen Programm in der USA tourt, und Henning Wehn, der die Briten zum Lachen bringt. Und ich frage mal umgekehrt: Wer kennt schon einen ausländischen Comedian und versteht seine Scherze?

  1. Spricht man in Deutschland von ,anspruchsvollem’ Humor, scheinen sich alle (zumindest das Feuilleton) lieber sehnsüchtig an vergangene Zeiten erinnern zu wollen: An Wilhelm Busch, Karl Valentin, Loriot, Helge Schneider oder etwa Harald Schmidt.
    Wie hat sich der Humor in Deutschland im Lauf der Zeit geändert und welche Rollen spielten dabei politische Entwicklungen?

Witze haben eine Verfallsdatum. Im Zeitalter des Biedermeier kommen die Schwiegermutterwitze auf, die bis heute beliebt sind. Die Dienstbotenwitze sind hingegen weitgehend verschwunden. Wenn sie heute Witzblätter des 19. Jahrhunderts lesen, können Sie über fast keinen Witz lachen. Jede Zeit hat ihre sozialen Gruppen, über die Witze gerissen werden: Die Witzgenres wechseln: Es gab Untergrundwitze im Nationalsozialismus und in der DDR., es gibt die Ossi-und-Wessi-Witze. Und heute ist es kein Zufall, dass in jeder Buchhandlung  Rentnerwitze ausliegen. Die Zunahme der Senioren, die zudem noch fidel und selbstbewusst auftreten, ist eine Herausforderung für die arbeitende Bevölkerung. Auch Witze über Banker ist ein neues Genre, dafür sind die Witze über Manta-Fahrer verschwunden.

  1. Wen würden Sie heute als stellvertretend für den deutschen Humor nennen?

Da muss ich auf meine zwei Humorformen zurückgreifen. Für den schlichten Humor würde ich Otto und Mario Barth nennen. Für den gehobeneren Humor z.B. den verstorbenen Robert Gernhardt und natürlich Harald Schmidt. Herr Böhmermann versteht es, beide Humorformen zu bedienen.

  1. Wie definiert sich der gegenwärtige „deutsche“ Humor überhaupt: Wann lachen Deutsche worüber und warum?

Wie es „den“ Deutschen nicht gibt, gibt es auch „den“ deutschen Humor nicht, es gibt unterschiedliche Humorsubkulturen. Ein Blick von außen ist aber vielleicht nützlich. Vor etlichen Jahren hat der amerikanische Ethnologe Alan Dundes ein Buch geschrieben, in dem er den Deutschen eine Vorliebe zu skatologischen Witzen nachsagt, weniger akademisch: KaPiFu-Witze über Kacken, Pissen, Furzen. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Analyse trägt, denn ich kenne derartige Witze auch in anderen Kulturen.  In England gibt es zum Beispiel den flatulence humor, der wohl eines der ältesten Themen zur Erheiterung darstellt. Schon der angeblich erste dokumentierte Witz auf einer sumerischen Tontafel behandelt eine unschickliche Blähung. Ich glaube nicht, dass es einen typischen deutschen Humor gibt.

  1. Wie hat das Internet die Witzkultur verändert; welcher Art von Humor begegnet man dort?

Es gibt unzählige Witzsites und das Internet hat wie in anderen Bereichen auch zu einer Senkung der Hemmschwellen geführt, die Witze sind oft sehr explizit und für bestimmte Gruppen diskriminierend. Im Web hat auch ein dämlicher und inkorrekter Witz eine Chance, den man sonst nicht erzählen würde. Witze waren schon immer Indikatoren für bestimmte Tabus. Sollte man die Witze im Web einmal inhaltsanalytisch auswerten, würde vielleicht einen Trend zu bestimmten Themen und Witzgenres erkennbar.

  1. Aktuell machen sich zwei Instagram-Profile mit Hilfe von Memes über „Almans“ (türkisch für ,Deutsche’, https://www.jetzt.de/meine-theorie/schimpfwort-alman-was-steckt-dahinter) lustig – und das sehr erfolgreich. Deutsche werden dabei mit all ihren Klischees kräftig durch den Kakao gezogen.
    Warum glauben Sie, sind Witze (von Deutschen) über Deutsche (im Internet) gerade so angesagt? 

Also wenn ich die Beiträge anschaue, so habe ich schon den Eindruck, dass viele von ihnen aus einer Außensicht gestaltet werden, d.h. von Menschen, die sich mit der deutschen „Leitkultur“ auseinandersetzen. Insgesamt sind die Scherze recht harmlos: Blutwurz für Ramazotti oder das Nibelungenlied für Game of Thrones, solche Vergleiche lassen sich für jedes Land finden. Hübsch, aber harmlos.

  1. Selbstironie im deutschen Humor ist dabei keineswegs etwas neues, s. Loriot („Wer glaubt, Humor bestehe darin, sich über andere lustig zu machen, hat Humor nicht verstanden. Um komisch zu sein, muss man sich vor allem selbst zur Disposition stellen.“)
    Dennoch lachen nicht alle über diesen Humor; einige fühlen sich sogar diskriminiert. Was ist anders an dieser Form der Selbstironie?

Guter Humor ist immer ein gewisser Tabubruch. Es hat noch keinen Humor gegeben, der nicht auch als diskriminierend empfunden wurde: Blondinenwitze für die Feministinnen, Witze über behinderte Menschen, Witze über den politischen Gegner usw. Die Witzchen über den Alman tun aber keinem ernsthaft weh, in manchen mag der Deutsche einen Spiegel vorgehalten bekommen, z.B. in Sachen Bürokratie, andere Scherze würden auch in anderen Ländern funktionieren. Sie bedienen die üblichen nationalen Klischees wie Pünktlichkeit und Pingeligkeit, eine Hass-Kampagne gegen Deutsche kann ich nicht erkennen.

  1. Die Instagram-Accounts scheinen vorrangig bei der Generation Y beliebt zu sein. Welche Beobachtungen haben Sie generell zum Humor der jüngeren Generationen gemacht? Fügt sich der Humor der beiden Instagram-Accounts ein?

Da ich nicht zu dieser Generation gehöre, fällt mir ein Urteil schwer, ich weiß schlicht nicht, welche Witze bei der Generation Y erzählt werden und ankommen. Aber ich vermute, dass es hier auch nicht sonderlich anders zugeht, wie in anderen Witzsubkulturen auch. Gewisse Eigenschaften und Verhaltensweisen, die nicht cool sind, werden aufgespießt. Auffällig ist für mich, dass viele Ausdrücke selbstironisch und witzig sind: Bildschirmbräune, Smombie, durchsumpfen, Aufrisszone, Brombeerbums usw.(28.04.2020)

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Leberwurst

Woher kommt die Redewendung „eine beleidigte Leberwurst“? Warum ausgerechnet die Leberwurst und nicht die Mettwurst oder Schinkenwurst beleidigt sein kann, habe ich nie nachvollziehen können.

Das Sprichwort ist erst im 19. Jahrhundert belegt, aber seine Ursprung geht wohl weiter zurück. Die Leber galt in der Antike als Sitz der Gemütsbewegungen, sie produziert zudem die gelbe Galle, die in der antiken Humoralpathologie den cholerischen Charakter hervorbringt. Die Leber ist damit ein guter Kandidat für negative Gefühle. Man kennt auch das Sprichwort „ihm ist eine Laus über die Leber gelaufen“, wenn jemand schlechte Laune hat (warum allerdings eine Laus, das ist ein anderes Problem).

Aber wie kommt die Übertragung auf die Wurst zustande? Hier wird gern auf eine Volksmärchen aus Sachsen verwiesen: “Prinzessin Dumpfbacke geht baden”. Es wird dort erzählt, dass ein Metzger Würste gekocht habe und alle anderen Würste, die nicht so lang kochen mussten, vor der Leberwurst aus dem Kessel genommen habe. Weil die Leberwurst allein im Kessel zurückbleiben musste, war sie beleidigt und platzte vor Wut.

Gefunden habe ich das Märchen allerdings trotz intensiver Recherche nicht. (27.04.2020)

Eine beleidigte Leberwurst, sie enthält etwa 40% Leber, gewöhnlich vom Schwein. Quelle: Rochus Wolff, flickr

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Historischer Humor 11

Über welche Witze man im Mittelalter gelacht hat, dass wissen wir nicht. Erhalten sind aber zahlreiche Schwänke unterschiedlicher Qualität. Der Mediävist Hanns Fischer hat viele gesammelt und übersetzt, die meisten sind anonym, aber es gibt auch bekannte Namen: Hans Folz, Claus Spaun, Hans Rosenplütz u.a.m.

Im Mittelalter kann man einen Humor von oben und einen Humor von unten unterscheiden. Humor zum Vortrag in adligen Kreisen hat oft die Dummheit und Grobheit der Bauern zum Inhalt, er sollte die gehobene Schicht von den unteren Ständen abgrenzen. Ein Beispiel ist der berühmte Veilchenschwank des Neidhart von Reuental, der in zahlreichen Varianten verbreitet war. Hier meine Kurzversion:

Der Ritter Neidhart findet das erste Veilchen des Frühjahrs auf einer Wiese und bedeckt es mit seinem Hut, um es später wieder zu finden. Einer Tradition folgend beabsichtigt Neidhart, die Herzogin und ihr Gefolge an den Fundort zu führen, sodass diese die erste Frühlingsblume selbst pflücken kann. – In der Zwischenzeit pflückt ein Bauer das Veilchen und versteckt einen Kothaufen unter Neidharts Hut. – Als die edle Dame erwartungsvoll den Hut lüftet, findet sie den Kothaufen, ist empört und der Ritter Neidhart gedemütigt. – Die Bauern tanzen ob des gelungenen Streichs, aber Neidhart nimmt Rache und lässt jedem das linke Bein abhacken, damit sie nie wieder tanzen können.

Es geht wenig zimperlich in den Schwänken zu. Der Humor von unten hat ein anderes Thema: Hier lacht man über die Auseinandersetzung zwischen Klugheit und Dummheit, vor allem im Spannungsfeld der Geschlechter. Dabei ist meist die Frau die Klügere, die Männer sind Tölpel. Oft geht es dabei um einen Liebhaber, die Frauen werden als sexuell aktiv dargestellt, die Sexszenen sind zwar metaphorisch, aber unmissverständlich dargestellt.

„Er gab ihr gleich den Schaffenstiel in ihre Hand, und sie setzte ihn dort an, wo er ihr am besten tat“ (aus Fischer 1973: Minnedurst, S. 97)

Auch hier sind die Erzähler nicht zimperlich, es wimmelt von geilen Pfaffen, liebesdürstigen Frauen, angespitzten Vaganten. Hanns Fischer sieht in der drastischen Darstellung von Sexualität ein Gegenstück zu der „idealisierten Schönfärberei des  höfischen Romans“, in dem die Hohe Minne gefeiert wurde. (24.04.2020)

 

 

 

 

 

Meine Quelle: Hanns Fischer: Pfaffen, Bauern und Vaganten. Schwankerzählungen des deutschen Mittelalters. München: Deutscher Taschenbuchverlag,  1973.

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Corona

Ein Bild, das wir in irgendeiner Variante jeden Tag in Zeitungen, Zeitschriften und im Fernsehen sehen: das Corona-Virus. Eine wissenschaftliche Abbildung, die vielleicht so bekannt wird wie die Doppel-Helix. Im Elektronenmikroskop sehen die Viren unspektakulär aus, aber die Falschfarben-3D-Darstellung mit den roten Spikes wirkt aggressiv. Das 120 bis 160 Nanometer große Virus besitzt eine kugelförmige Hülle auf der die typischen keulenförmigen Spikes angeordnet sind, dem das Virus den schönen Namen Corona verdankt (lat. Kranz, Krone). Mit diesen sogenannten Peplomeren kann das Virus an einer Zelle andocken. Im Inneren der Kugel liegt aufgedreht der RNA-Strang aus etwa 27.600 bis 31.000 Nukleotiden. Das Bild gehört zur Ikonografie der Seuche, wie der Mundschutz und die Maske. (19.04.2020)

Unter dem Elektronenmikroskop bleich und unscheinbar, als wissenschaftliches Computerbild bedrohlich. Quelle beider Bilder: Wikimedia Commons.

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It’s nice

Gefunden am Kupferbau in der Hölderlinstraße in Tübingen. Der Satz wird wohl Hölderlin in den Mund gelegt. Foto: St.-P. Ballstaedt (17.04.2020)

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Windeier und Weicheier

In meinem Osterkorb liegen dieses Jahr Weicheier und Windeier.

Weicheier sind wachsweich gekochte Eier und in übertragener Bedeutung Personen – in der Regel Männer –, die nicht besonders mutig sind und auch nicht zu ihrer eigenen Meinung stehen. Sie sind sehr vorsichtig und meiden gefährliche Situationen. Es handelt sich um eine Wortmetapher. Die wächserne Weichheit des gekochten Eis wird auf die Weichlichkeit einer Person übertragen.

Windeier, das sind Vogeleier, die ohne Kalkschale gelegt wird und nur von einer dünnen Haut zusammengehalten werden. Die Bezeichnung stammt aus dem Lateinischen ova subventanea). In der Medizin ist ein Windei eine Form der Fehlgeburt, wenn ein befruchtetes Ei sich nicht zu einem Embryo entwickelt. Auch hier gibt es eine übertragene Bedeutung: Ein Windei ist eine nicht ausgereiftes Projekt, oder bei den Gebrüdern Grimm ein hohles Geisteserzeugnis, ein aussichtsloser Plan oder eine lügnerische Behauptung. (12.04.2020)

Ein Windei und ein Weichei. Frohe Ostertage. Quellen: Timo Rieg, Wikimedia Commons; Reinhard Kirchner, Wikimedia Commmons

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