Butterfahrt

Wo kommen die vielen subkulturell-frechen Aufkleber in eine brave Fähre „Witte Kliff“ von Helgoland auf die Düne? Auflösung: Jedes Jahr gibt es auf die Düne eine Rock ‘n’ Roll Butterfahrt und bei der Überfahrt lassen die Teilnehmenden keine Fläche für einen Aufkleber aus. Foto: St.-P. Ballstaedt (27.10.2018)

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Das Herzsymbol ❤️

Neben dem Pfeil ist das Herzsymbol wahrscheinlich das beliebteste visuelle Zeichen. Es ist aus unserer Alltagskultur nicht mehr wegzudenken: Herzen als Emojis 💔💕💘💝, in Rinden geschnitzt, als Liebesschlösser, auf Glückwunschkarten, flammende, durchbohrte, tränende, gebrochene Herzen usw. Auf Schildern „Verbot für Personen mit Herzschrittmachern“ oder dem Hinweisschild für einen Defibrillator ist das Herzsymbol zu finden. Aber wo stammt es her? Und wie hat es seine Form bekommen? Die Herkunft ist schwer zu rekonstruieren, offenbar sind zwei zunächst unabhängige Entwicklungen zusammengeflossen.

Bereits im 3. Jahrtausend vor Chr. findet man herzförmige Feigen- oder Efeublätter mit langen Stielen als Dekor auf Keramiken und Fresken. Das Efeublatt symbolisierte in antiken und frühchristlichen Kultur die ewige Liebe, der Feigenbaum stand für Fruchtbarkeit und später Erotik, den Früchten wurden aphrodisischen Eigenschaften zugeschrieben. In der Minneliteratur tauchen herzförmige Blätter es in Liebesszenen in der Buchmalerei auf, jetzt in roter Farbe, daher noch der Ausdruck „Herzblatt“. Zur Verbreitung des Symbols trugen auch die Spielkarten bei.

Als visuelles Zeichen für das anatomische Organ taucht das Herz im 13. Jahrhundert bei Anatomen auf, jetzt wird das rote Blatt umgekehrt. Z.B. haben die Herzskizzen des Leonarde da Vinci Ähnlichkeit mit einem umgekehrten Blatt, der Stiel bildet die Gefäßwurzeln ab. Das Herzsymbol wird zum Wappenzeichen der Kardiologen, unzählige Kliniken und Facharztpraxen haben ein Herz im Logo.

In einigen Symbollexika wird darauf verwiesen, dass das Herz deutlich weibliche Formen hat, die Rundungen als Brüste oder Gesäß, die Spitze als Vulva. Das ist aber weit hergeholt und wohl ein sexualisierter Blick auf ein harmloses Zeichen. (09.10.2018)

Herzförmige Blätter aus einer mitteldeutschen Handschrift des 13. Jahrhunderts: Quelle: Deutsches Ärzteblatt 2003; 100(12). Hinweisschild D-E017 bzw. ISO 7010 E010 auf automatisierten externen Defibrillator. Quelle: Wikimedia Commons

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Trullala

Singsilben sind ein Segen für Texter, denen keine Zeile mehr einfällt, und für Sänger, denen der Text abhandengekommen ist. La-la-la oder Tra-la-la sind Universalplatzhalter und erfreuen auch die Kehlen der Sänger, da keine Konsonanten das Schwingen der Stimmbänder behindern. Der Kasper meldet sich mit einem fröhlichen Tri-tra-trallala und dem Spender steigt ein Trullala Trullala Trullala. Singsilben sind im Volkslied und Schlager beliebt, da man sie leicht mitsingen kann: Ein Vogel wollte Hochzeit machen, fi-di-ra-la-la, fi-di-ra-la-la, fi-di-ra-la-la-la-la. Oder: Auf der schwäbsche Eisenbahne, tru-la-tru-la-tru-la-la. Auch in der Oper sind Singsilben beliebt, z.B. trällert der Barbier von Sevilla in seiner ersten Arie:

La ran la le ra, la ran la la.
Largo al factotum della città!
La ran la la, ecc.

Die onomatopoetischen, d.h. lautmalenden Verben „trallern“, „trillern“ oder „trällern“ bedeuten nach den Brüdern Grimm „eine Melodie ohne Worte singen“. Tonsilben sind in vielen Kultur bekannt, im Gesangsunterricht spielen sie eine wichtige Rolle. Die Zuordnung von Tönen zu Silben wird als Solmisation bezeichnet. Die Abfolge Do-re-mi-fa-so-la-ti-do gibt es ab Mitte des 17. Jahrhunderts, verbunden mit bestimmten Handzeichen. (28.09.2018)

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Betonmauer 2

An der Mauer der Justizanstalt Stein in Krems hat die Künstlerin Ramesch Daha die Seiten des Strafgefangenen-Registers von 1944/45 aufgetragen. Sie sollen an die „Kremser Hasenjagd“ erinnern: Am 6. 4.1945 wurden 386 überwiegend politische Häftlinge durch Angehörige der Waffen-SS, der Wehrmacht, der SA und örtlicher NS-Getreuer gejagt und ermordet. Das Wandgemälde soll an das Massaker erinnern.

Es ist tatsächlich ein Gemälde: Die Seiten wurden Punkt für Punkt auf die Mauer übertragen und dann mit blauer Farbe ausgemalt. Selten fand ich Kunst im öffentlichen Raum so eindrücklich und überzeugend. Foto: St.-P. Ballstaedt (23.09.2018)

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Betonmauer 1

Neben den vielen Schmierereien wieder einmal ein gelungenes Stencil auf Tübingen Waldhäuser-Ost, die Betonmauer-Struktur ist perfekt einbezogen. Wer abgebildet ist und was es bedeutet, das weiß ich bisher nicht. (22.09.2018)

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Lebenshilfe, Sterbehilfe

Drei Bücher von drei Philosophen über das Altern und das Sterben, die ich als Zugehöriger der Zielgruppe gelesen habe.

Wilhelm Schmid: Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden. Berlin: Insel Verlag, 2014.

Der als philosophischer Lebenskünstler und Seelsorger bekannt gewordene Erfolgsautor stand mit seinem Büchlein 145 Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, davon 18 Wochen auf Platz 1, jetzt wird die 22. Auflage verkauft. Woran liegt der Erfolg? Der Text ist angenehm kurz und bietet eine wohlwollende Sicht auf das Altern und das Sterben. Schmid lässt zwar keine körperliche, seelische oder soziale Einschränkung aus, aber alles hat schon seinen Sinn und aus allem können wir etwas lernen. Der Autor ist wild entschlossen, in jedem Gebrechen etwas Positives zu sehen. Und im letzten Kapitel „Gedanken zu einem möglichen Leben nach dem Tod“ öffnet er noch diskret ein Fensterlein ins Jenseits: Wir wissen zwar nichts Genaues, aber vielleicht gibt es ja doch etwas nach dem Tod. Unsere Atome und unsere Energie gehen ohnehin wieder in den kosmischen Kreislauf des Werdens und Vergehens ein. Jeder fühlt sich durch die tröstliche Argumentation angesprochen, jeder erkennt sich irgendwo im Text wieder. Was seine konkreten Ratschläge betrifft, so führt uns Schmid immer auf den Mittelweg, weg von dunkler Wildnis und steilen Klippen. Es predigt eine bejahende Gesinnung und Haltung zum Leben, immer schön ausgewogen. Sein zentraler Begriff: Gelassenheit.

Odo Marquard: Endlichkeitsphilosophie. Über das Altern. Stuttgart: Philipp Reclam, 2013.

Die Textsammlung hat Franz Josef Wetz zusammengestellt, darunter ein Gespräch, das er mit dem 84-Jährigen geführt hat. Der Philosoph ist 2015 gestorben. Er hat eine klassische akademische Karriere hinter sich, viele Preise, Orden und Ehren. Keine großen Werke, aber viele Essays, die ungewöhnlich flott und pointiert geschrieben sind, er selbst bezeichnet sie als „Transzendentalbelletristik“. Der skeptische Philosoph hat zu Sterben und Tod wenig Tröstliches beizutragen, einem Zitat von Hans Blumenberg stimmt er „uneingeschränkt“ zu: „Niemand lässt sich darüber trösten, dass er sterben muss. Alle Argumente sind schlicht bis lächerlich, die dafür Trost- und Tröstungsfähigkeit unterstellen.“ Altern bedeutet, dass alles mühsamer und anstrengender wird, dass man immer weniger Zukunft hat und sich seiner Entbehrlich bewusst wird. Der Tod ist das definitive Ende, das Leben davor bleibt meist ein Fragment. Die Botschaften der Religion, konkret des Christentums, überzeugen ihn nicht. „Ein kleiner Ersatz für den religiösen Trost ist für mich der Schlaf.“ Schlaf statt Auferstehung, das ist eine erstaunliche Alternative! Aber es gibt – wie kann es bei diesem Philosophem anders sein – einige Kompensationen. So die „Schandmaulkompetenz“ der Alten, die mit illusionslosem Blick beobachten und unbekümmert sprechen und schreiben können, da sie auf keine Karriere Rücksicht nehmen müssen und nur noch wenig Zukunft haben. Und dann vor allem der Humor mit einer Distanz zur Wirklichkeit und sich selbst. Daraus folgt Gelassenheit und Altersmilde.

Otfried Höffe: Die hohe Kunst des Alterns. Kleine Philosophie des guten Lebens. München: C.H.Beck, 2018.

Der Philosoph ist 75 Jahre alt, auch er hat eine klassische akademische Karriere hinter sich: Professor für Ethik und Sozialphilosophie an etlichen aus- und inländischen Hochschulen, einige erfolgreiche Bücher, viele Ehrungen, seit 2011 emeritiert. Er verfällt in keine Altersklagen, sondern will die Diskurse über das Altern zurechtrücken und gegen die Macht der negativen Altersbilder anargumentieren, hierin mit Schmid vergleichbar. Jede Einschränkung und jedes Gebrechen wird angesprochen, aber es wird immer etwas Positives dagegengesetzt. Sein Text ist aber deutlich anspruchsvoller als der populäre Traktat von Schmid. Er lässt eine Reihe von Philosophen und Literaten aufmarschieren: Plato, Aristoteles, Epikur, Cicero, Schopenhauer, Jacob Grimm, Ernst Bloch u.v.m. Seine Hauptbegriffe sind Würde und Selbstbestimmung, die bei jedem Menschen unantastbar sind. Es geht ihm um das individuelle Altern und seine gesellschaftlichen Bedingungen, in seinem Fokus steht vor allem das soziale Umfeld des Alterns, die Kliniken, Seniorenheime, Hospize. Er sieht die Gesellschaft in der Verantwortung. Aber auch der oder die Alternde kann einen individualethischen Beitrag bringen: Erstaunlicherweise sind seine Ratschläge konkreter als beim Lebensberater Schmid oder dem Skeptiker Marquard (die er beide keiner Zitierung für Wert befindet): Die vier L „Laufen, Lernen, Lieben, Lachen“ bilden ein eingängiges Programm: Bewegung, geistige Anregungen, soziale Kontakte, Humor.

Fazit

Bei allen drei Autoren spürt man, dass sie ein erfülltes Leben hatten und es ihnen im Alter vergleichsweise gut geht: gesundheitlich, finanziell, sozial. Marquard ist mir sympathisch, er streicht keine Salbe auf jeden negativen Aspekt des Alterns wie Schmid. Höffe stellt Altern und Sterben in einen größeren Zusammenhang als die beiden anderen, die vor allem die Familie hervorheben, aber Sozial- und Gesundheitspolitik nicht berücksichtigen. Letztlich altert und stirbt jeder auf seine individuelle Weise. (21.09.2018)

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Austriazismen

Aus Österreich habe ich einige österreichische Ausdrücke mitgebracht. So lese ich in der Gratiszeitung ÖsterreichHeute vom 14.9. von einem Detektiv in der Stadt Amstetten, der gegen „Hundstrümmerl“ vorgeht, weil Hundehalter nicht zu einem „Gackerlsackerl“ greifen.

Beim Heurigen habe ich einen „Gemischten Satz“ getrunken, das ist ein Wein, der aus verschiedenen Rebsorten ohne festes Mischungsverhältnis zusammen gekeltert wird und daher ein vielschichtiges und abwechselndes Geschmackserlebnis hinterlässt. In einer EU-Verordnung wurde der „Gemischte Satz“ als geschützte Bezeichnung aufgenommen. (15.09.2018)

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Taktische Zeichen

Auf dem Weg zur 65. Weltpflügermeisterschaft auf dem Hofgut Einsiedel habe ich Zeichen an den Bäumen entdeckt, die offenbar den möglichen Einsatz der Feuerwehr regeln sollten. Bei meiner Recherche bin ich auf eine unglaubliche Menge sogenannter taktischer Zeichen gestoßen. Ursprünglich militärischen Ursprungs wurden sie für Organisationen mit Sicherheitsaufgaben wie Feuerwehr oder Katastrophenschutz teilweise übernommen. Die Zeichen sind in den Dienstvorschriften festgelegt und dienen der Steuerung und Kommunikation bei einem Einsatz. Sie bestehen meist aus einem Grundzeichen und Zusatzzeichen.

   

Die zwei vertikalen Striche stehen beim Militär für Bataillon/Geschwader, bei der Feuerwehr für Abteilung /Verband II. – Das taktische Zeichen besteht aus dem Grundzeichen: Quadrat auf der Spitze steht für eine Person, die rote Füllfarbe steht für die Feuerwehr, die drei Punkte für den Zugführer. Quellen: Foto  St.-P. Ballstaedt; Piktogramm: Wikimedia Commons (06.09.2018)

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Unehrenwerte Hinterlassenschaften

Ein Text, der durch zwei nicht so häufige Wörter auffällt: eine „ehrenwerte“ Gegend und „Hinterlassenschaften“.

Dass ich in einer derartigen Gegend wohne, war mir bisher entgangen, bei dem Adjektiv fällt einem gleich ein Song von Udo Jürgens ein: „Ein ehrenwertes Haus“. Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm findet man seitenlang Ableitungen vom Wort „Ehre“ von „ehrbegierig“ über „Ehrenblüte“ (für Jungfräulichkeit) bis „Ehrenschändung“, aber „ehrenwert“ habe ich nicht gefunden.

Das Verb „hinterlassen“ ist bei den Grimms aufgeführt und bedeutet „etwas hinter sich lassen“ oder „zurücklassen“, „namentlich bezüglich eines gestorbenen“. So ist Hinterlassenschaft das von einem Verstorbenen zurückgelassene: sein Vermächtnis, Erbe, Nachlass.  Wie das Wort auf die Fäkalien kommt? Wohl ein Euphemismus, denn Kot oder Scheiße will man in einer ehrenwerten Gegend nicht schreiben. (01.09.2018)

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