Forest Bathing

Das ist ein neuer Trend in Lifestyle-Magazinen: Gemeint ist ein Waldspaziergang, mit den Tipps, tief einzuatmen, sich zu entspannen und die Atmosphäre in sich einfließen zu lassen. Darauf muss man erst einmal kommen. Das Waldbaden stammt aus Japan, dort als „shinrin yoku“ verbreitet. Wie bei jedem Trend gibt es sofort Experten, mit denen ein geführtes und therapeutisches Waldbaden möglich ist und die dabei in die Praxis der Achtsamkeit und des Wahrnehmen einüben. Die betreuende Bademeisterin (in der Mehrzahl sind es Frauen) macht auf den Gesang eines Vogels, das Rascheln von Blättern oder den Geruch von Pilzen aufmerksam.

Alle Sinne werden beim Forest Bathing angesprochen, der Wald stärkt das Immunsystem und aktiviert Selbstheilungskräfte. Foto: St.-P. Ballstaedt (11.06.2019)

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Lieblingstitel

Hilarion G. Petzold: Kulturtheoretische und neuropsychologische Überlegungen zu Fundamentalismusproblemen, Migration und prekärer Identitätsbildung in „unruhigen Zeiten” am Beispiel dysfunktionaler neurozerebraler Habitualisierung durch Burka, Niqab, Genital Mutilation. Hückeswagen, 2016. URL (10.06.2019)

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Allerweltsparteien

Ein Wort kommt derzeit oft in der politischen Kommunikation vor: Volkspartei. CDU und SPD wollen tapfer weiter Volksparteien sein, obwohl ihre Wahlergebnisse und Umfragewerte dagegensprechen. Die GRÜNEN scheuen sich vor dem Wort zurück und das mit gutem Grund. Als Volkspartei bezeichnet man in der Politikwissenschaft eine Partei, deren Programm die  Mitglieder und Wähler aus allen gesellschaftlichen Schichten, Generationen und Weltanschauungen anspricht. Aber kann es in einer differenzierten Gesellschaft überhaupt Volksparteien geben, die eine volonté générale bündeln? Eigentlich nur, wenn sie mit einem weitgehend von konkreten Inhalten freien Programm auftreten: Gerechtigkeit, Solidarität, Wohlstand, Klimaschutz, Gesundheit, da wird kein Bürger und keine Bürgerin etwas dagegen haben, aber welche konkreten Maßnahmen und Gesetze sich dahinter verbergen, das bleibt zunächst offen. Das Wort Volkspartei gibt es nur in Deutschland, ähnlich ist der englische Begriff Catch-all Party, der Politologe Otto Kirchheimer spricht auch von Allerweltspartei. Nach den neusten Wahlergebnissen ist das Ende der sogenannten Volksparteien gekommen, verschiedene gesellschaftlich Interessen müssen in unterschiedlich zusammengesetzten Regierungen um Kompromisse ringen. Frage: Kann man ohne Populismus eine Volkspartei werden? (06.06.2019)

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Bilderrätsel 7

Weil mir nichts Besseres einfällt wieder einmal ein Bilderrätsel: Was ist ich hier fotografiert? Vergrößertes Bild durch Anklicken. Auflösung im Kommentar. Foto: St.-P. Ballstaedt (31.05.2019)

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Blasenphrasen

Die sogenannten Volksparteien reagieren auf ihre Niederlagen wieder mit dem üblichen Politiker/innnensprech: „Das war ein Warnschuss.“ – „Wir haben verstanden.“ – „Die Ergebnisse werden schonungslos analysiert.“ – „Wir müssen das  Vertrauen der Wähler zurückerobern“ – „Es müssen Konsequenzen folgen,“, natürlich inhaltliche und nicht personelle, aber sofort beginnt im Hintergrund eine Personaldebatte. Immer dieselben Rituale, bei denen man sich ungern stören lässt. Der Youtuber Rezo, der ein paar freche Sätze raushaut, wird zu Bedrohung einer ganzen Partei. Wenn Kevin Kühnert ein paar Einsichten über den neoliberalen Horizont hinaus formuliert, wird er als unreifer Spinner abgekanzelt. In diesem Zusammenhang eine interessante Lektüre aus der Feder eines Journalisten:

Oliver Georgi: Und täglich grüßt das Phrasenschwein. Warum Politiker keinen Klartext reden – und wieso das auch an uns liegt. Berlin: Dudenverlag, 2019.

Er analysiert die politische Kommunikation in der „Dreiecksbeziehung zwischen Politikern, den Wählern und den Medien“ (S. 12) und zeigt auf, dass auch die Medien und Wähler an der nichtssagenden Floskelhaftigkeit der Sprache eine Mitschuld haben. Die Wähler, weil sie authentische Aussagen nicht goutieren, die Medien, weil sie als Skandalbeschleuniger jeden direkten Satz hochpuschen. Und die Politiker vermeiden Klartext aus Angst, dass sie irgendwo anecken könnten. (30.05.2019)

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Komiker

Der neue ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wird in jedem Pressebeitrag als TV-Komiker und Politneuling vorgestellt. Aber das sind keine Nachteile, wie seiner Antrittsrede vor dem Parlament zeigt. Schon die Bilder, wie er zu Fuß und winkend auf das Parlamentsgebäude zuschlendert, statt aus einer Staatskarosse zu entsteigen, sind ungewohnt. Noch ungewohnter und geradezu erfrischend seine Rede, bevor er das Parlament auflöst: direkt, appellativ, rhetorisch zugespitzt. Am besten hat mir gefallen, dass er sein Portrait nicht in den ukrainischen Amtsstuben hängen sehen will: „Der Präsident ist keine Ikone. Hängen Sie die Bilder Ihrer Kinder auf und schauen Sie Ihnen vor jeder Entscheidung in die Augen!“ Ein guter Vorschlag! Vielleicht sollten mehr Komiker und Politfrischlinge gewählt werden, wie wäre es z.B. mit Jan Böhmermann. (21.05.2019)

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Humanismus

Vor den Wahlen liest man neben den üblichen inhaltsleeren Parolen der Parteien auch flotte und ironische Sprüche (Free Kita für Rafiq und Rita, SPD). Etwas Besonderes haben sich „Die Humanisten“ ausgedacht, ein Doppelplakat mit zwei Botschaften: Auf der einen Seite: Wer vögeln will, muss freundlich sein“ auf der Rückseite „Wer Zukunft will, muss mutig sein“.

Auf ihrer Website begründen sie ihre Wahlwerbung so: Mit dem Vögel-Tipp soll eine Wohlfühlbotschsft verbreitet werden, „gewürzt mit einer Prise flachem Humor und Angriffsfläche für Empörung“. Politischen Inhalt soll dann der Spruch transportieren „Wer Zukunft will, muss mutig sein“, d.h. unbequeme Positionen vertreten und Risiken eingehen. Ehrlich gesagt, sehe ich aber keinen wesentlichen Unterschied zwischen beiden Claims. Der Zukunftstipp ist inhaltsleer, den Mut, ein politisches Ziel der Humanisten zu benennen, haben sie nicht, z.B. einen laizistischen Staat, nicht-bekenntnisorientierte Religionskunde an den Schulen, Abschaffung der Privilegien und Subventionen für die Kirchen, Streichung des Gottesbezuges aus der Präambel des Grundgesetzes, Abschaffung der Kirchensteuer u.a. Das hätte für mehr Aufmerksamkeit gesorgt als die beiden harmlosen Sprüche. (14.05.2019)

Nachtrag: Ich habe übersehen, dass Die Humanisten nur bei der Europawahl antreten, da spielt das deutsche Grundgesetz natürlich keine Rolle. Hier geht vor allem um ein säkulares Europa, das den Werten der Aufklärung verpflichtet ist. (17.05.2019)

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Lektüre über das imperfekte Gehirn

Gary Marcus: Murks. Der planlose Bau des menschlichen Gehirns. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2009.

Das Buch stand schon seit Jahren in meinem Regal, jetzt habe ich es gelesen. Der Autor ist amerikanischer Psychologieprofessor an der New York University und dort Leiter des NYU Infant Language Learning Center.

Das Buch befasst sich mit Mängeln des menschlichen Gehirns. Marcus beschreibt in mehreren Kapiteln anhand von Experimenten eine deprimierende Abfolge von Fehlleistungen unseres Denkorgans: unser Gedächtnis ist schwach und fehleranfällig, unser Meinungsbildung ist einseitig und vorurteilsbehaftet, unsere Entscheidungen sind oft nicht rational und unlogisch, unsere Sprache steckt voller Mehrdeutigkeiten, wir ziehen einen kurzfristigen Lustgewinn einer langfristigen Planung vor und schließlich ist unser Gehirn schnell überlastet und anfällig für pathologische Störungen. Da das menschliche Hirn oft als Glanzleistung der Evolution und „der Mensch als vernunftbegabtes Tier“ gefeiert wird, liest sich die These erfrischend, dass das Gehirn eigentlich ziemlicher Murks ist. Als Murks bezeichnet der Autor „Problemlösungen, die umständlich und unelegant – dabei aber erstaunlich effektiv sind“ (S. 12).

Murks hat die Evolution schon beim Körper gebaut. Drei Beispiele: 1. Unsere Wirbelsäule hat sich aus dem Rückgrat vierfüßiger Tiere entwickelt und ist eine schlechte Lösung für ein aufrechtgehendes Lebewesen. 2. Die Retina, also die lichtempfindliche Schicht unseres Auges, liegt hinter den ableitenden Zellen und Nervensträngen, das Licht muss erst durch diese Schichten hindurch. 3. Der männliche Samenleiter macht einen langen, unökonomischen Umweg vom Hoden bis zum Penis. Alle drei Beispiele sind keine optimalen Lösungen, aber sie funktionieren.

Wie kommt es zu diesen suboptimalen Anpassungen in der Evolution. Eine Mutation, die auf einen Schlag eine bessere Lösung für ein Überlebensproblem liefert, wäre ein seltener Glückstreffer, meist sind viele kleine Schritte notwendig, die zu keiner optimalen, aber einer hinreichenden Lösung führen. Dabei setzt die Evolution an dem an, was bereits vorhanden ist, sie pfropft neue Funktionen auf alte auf. Das zeigt schon der Aufbau des Gehirns, bei dem die neueren Hirnregionen den älteren übergestülpt sind. Die neuen Funktionen arbeiten immer in Abhängigkeit von äteren Systemen. So hat es unsere rationale oder moralische Planung im Vorderhirn oft schwer sich gegen die emotionalen Reflexe archaischer Systeme durchzusetzen: Wir wollen eine Diät einhalten, aber das Schoko-Törtchen vor unseren Augen macht die Entscheidung zunichte.

Nicht immer überzeugt mich die Argumentation, z.B. im Kapitel über die Unzulänglichkeiten der Sprache. Sicher, die Sprache ist nicht logisch aufgebaut wie eine Computersprache, sie ist in vielen Fällen lexikalisch und syntaktisch mehrdeutig und deshalb missverständlich, die grammatischen Regeln haben zahlreiche nicht transparente Ausnahmen usw. Das kann man als defizitär beschreiben, aber ohne diese Unvollkommenheiten gäbe es keine Ironie, keinen Witz, keine Literatur, keine Lyrik, keine rhetorischen Mittel, keine Höflichkeit, das bedeutet: Die Möglichkeit kommunikativer Nuancen und Sprachspiele wäre massiv beschränkt. Eine imperfekte Sprache ist vielleicht doch eine nützliche Anpassung an unser komplexes soziales Leben.

Der Autor wendet seine Mängelliste argumentativ gegen den Kreationismus und das Intelligent Design: Ein intelligenter Schöpfer hätte nie einen solchen Pfusch abgeliefert. Aber die Evolution arbeitet nicht optimal, sondern funktional. Eine Anpassung muss einen Vorteil bringen, aber eine optimale Lösung muss sie nicht sein. Dem Autor wurde eine veraltete Theorie der Evolution und eine Fehlinterpreation der Evolutionären Psychologie vorgeworfen (Liddle & Shackelford, 2009), aber seine Zusammenstellung der geistigen Mängel und Unvollkommenheiten wird nicht in Frage gestellt.

Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der naheliegende Frage, wie wir mit so einer miserablen geistigen Ausstattung umgehen können. Es werden 13 Tipps gegeben. Sie sind trivial und klingen wie aus Ratgeber- und Lebenshilfetraktaten: Gewinnen Sie Abstand! Setzen Sie Prioritäten! Bemühen sie sich um Rationalität! Berücksichtigen Sie ihre eigene Impulsivität! Diese Ratschläge zur Weisheit sind nicht immer aus den vorherigen Kapiteln abgeleitet, im Gegenteil beweisen diese, dass unser vermurkstes Gehirn für solche Weisheiten nicht gerade aufgeschlossen ist. (09.05.2019)

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Bilderrätsel 6

Was habe ich hier fotografiert? Durch Anklicken Vergrößerung. Die Lösung bald im Kommentar. Foto: St.-P. Ballstaedt (07.05.2019)

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Nulpe

Ein sonderbares Wort für einen Versager, Nichtskönner, Dummkopf. Als ich seine Herkunft ermitteln wollte, stieß ich sofort auf einen kleinen Artikel zum Stichwort „Nulpe“ in Wikipedia, es wird immer schwerer, etwas wirklich Originelles zu entdecken.

Sicher ist die Herkunft des Wortes nicht. Im Etymologischen Wörterbuch des Deutschen wird Nulpe als Weiterbildung von Null angesehen, es fehlt allerdings jeglicher Beleg für diese These. Wahrscheinlicher ist die Spur, die von den Gebrüdern Grimm ausgeht, diese weisen die Nulpe als Bezeichnung für eine Zigarre oder auch Tabakspfeife nach. Gesaugt wird nicht nur an einer Zigarre oder Pfeife, sondern auch an einem Schnuller, der als Nulp oder Nuppel bezeichnet wurde. Eine Nulpe wäre somit ein Mensch, der auf dem geistigen Stadium eines Kleinkindes stehen geblieben ist. (04.05.2019)

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