Systemrelevant

Dass „Corona-Pandemie“ zum Wort des Jahres 2020 gekürt wurde, hat wohl niemanden überrascht. Das Unwort des Jahres wird zwar erst am 12.01.2021 um 10.00 Uhr verkündet, aber das Adjektiv „systemrelevant“ ist ein aussichtsreicher Kandidat. Der Begriff wurde ursprünglich ausschließlich für Großbanken verwendet, deren Größe und Bedeutung bei einer Insolvenz erhebliche negative Folgeeffekte nach sich ziehen würde (to big to fail). Also musste man die „notleidenden“ Finanzinstitute retten.

Mit der COVID-19-Pandemie hat man auch Berufsgruppen entdeckt, die systemrelevant sind, allen voran natürlich die Pflegekräfte und Ärzte. Aber es kommen immer mehr dazu, auch Apotheker, Reinigungskräfte und Bestatter sind ja unentbehrlich. Und dann natürlich die Feuerwehr, die Zulieferer, die Kassierer in den Supermärkten und und und… Warum ein Unwort? Weil offenbar noch Gruppen übrig bleiben, die nicht systemrelevant sind, z.B. Künstler. Da empfehle ich von Norbert Elias das Buch „Die Gesellschaft der Individuen“, in der er Gesellschaft als eine interdependente Verflechtung von Individuen beschreibt, die alle irgendwie aufeinander angewiesen sind. Es gibt keinen Beruf, der nicht systemrelevant ist. Soziologen betonen, dass auch Kriminelle systemrelevant sind, weil sie uns immer wieder gesellschaftliche Werte und Normen vor Augen führen, indem sie dagegen verstoßen. Das Adjektiv „systemrelevant“ wird oft verwendet, wenn es um unser Überleben oder auch unsere Bequemlichkeit geht. Da werden dann der Klempner und der Frisör systemrelevant. (10.12.2020).

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Pandemie-Abfall

Tübingen bei Nacht: Gaststätten und Cafés sind zu, aber der Straßenverkauf boomt. Foto: St.-P. Ballstaedt (01.12.2020)

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Historischer Humor 12

Humor ist ein Ventil, um mit Stress und Frustration umzugehen, deshalb schießen Corona-Witze wie die Pilze aus dem Boden. Für Witze allerdings ein schwieriges Thema, wenn man niemanden verletzen will, deshalb sind Kabarettisten, Komiker und Comedians bisher eher vorsichtig.

1679 wütete in Wien in die Pest und damals war ein Bänkelsänger und Sackpfeifer sehr beliebt: der liebe Augustin. Er dichtete und sang respektlose Lieder und eines ist bis heute bekannt: „O du lieber Augustin“. Ob es wirklich auf ihn zurückgeht ist unklar, aber die Pest ist der Anlass für die Verse:

Jeder Tag war ein Fest,
Und was jetzt? Pest, die Pest!
Nur ein groß‘ Leichenfest,
Das ist der Rest.

Augustin, Augustin,
Leg`nur ins Grab dich hin!
O du lieber Augustin,
Alles ist hin!

Eine Geschichte ist überliefert. Nach einer Kneipentour schlief Augustin seinen Rausch in der Gosse aus. Dort wurde er von Siech-Knechten gefunden, die Opfer der Pest einsammelten. Sie hielten ich für tot, karrten ihn vor die Stadt, kippten die Schnapsleiche in ein Massengrab und streuen Kalk darüber. Am folgenden Tag erwachte Augustin und begann zwischen den Leichen zu singen und zu pfeifen, bis er aus der Grube gezogen wurde. Er überlebte und verabeitete das Erlebnis in diesem Lied. Der Kerl hatte sicher Humor. (30.11.2020)

Die erste Strophe des Volkslieds in Josef Pommers „Liederbuch für die Deutschen in Österreich“ (1905). Quelle. Wikimedia Commons.

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Kontaktfasten

Wegen Covid-19 sollen Kontakte möglichst eingeschränkt werden, und in diesem Zusammenhang habe ich heute erstmals das Wort „Kontaktfasten“ gelesen. Es wurde von Frau Margot Käßmann gebraucht, aber offenbar gibt es das Wort bereits in anderen Zusammenhängen. So lese ich über den Aufenthalt in einer Fachklinik für Psychosomatik und Psychotherapie:

„Es gelten Fastenvereinbarungen in der […] Klinik, d.h. es sind keine üblichen, süchtig machenden Stoffe oder Ablenkungen erlaubt. Es wird u.a. gefastet von Fernsehen, Radiohören, Zeitung oder Romane lesen, von Handys und Computern, von Alkohol, Nikotin, Drogen oder nicht verordneten Medikamenten, von Zucker und Süßigkeiten, von Romanzen und sexuellen Kontakten. Zudem gibt es in den ersten zwei Wochen ein Kontaktfasten von Familie, Freunden und Arbeitskollegen.“

Fasten bedeutet ursprünglich den Verzicht auf Nahrung aus religiösen Gründen, später auch aus gesundheitlichen (Heilfasten). Hier wird die Bedeutung als Verzicht auf viele liebgewordenen Dinge und Gewohnheiten ausgeweitet. Das Verb „fasten“ ist seit dem Althochdeutschen im 9. Jh. gebräuchlich, darin steckt das Adjektiv „fest“ und das Adverb „fast“. Fasten bedeutet ursprünglich  „fest sein gegenüber Speis und Trank“. (24.11.2020)

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Kommunikationsabbruch

Dialogbereitschaft und Miteinanderreden wird in Konfliktsituationen oft gefordert, aber es gibt auch Möglichkeiten, die Kommunikation zu verweigern. Z.B. die Entwertung der Kommunikation bei psychisch Erkrankten, die die Wörter ihrer Bedeutung berauben und unverständlich und vieldeutig sprechen. Paul Watzlawick u.a. haben derartige Taktiken Kommunikationsverweigerer vorgestellt, mit denen diese Personen  dem Dilemma „Man kann nicht nicht kommunizieren“ zu entkommen versuchen.

Es gibt den Rückzug aus der Gemeinschaft, wie ihn Peter Bichsel von einem alten Mann in seiner Geschichte „Ein Tisch ist ein Tisch“ erzählt, der alle Dinge umbenennt und damit die sprachliche Kommunikation mit anderen Mensch unmöglich macht. Die Geschichte endet mit den Sätzen: „Der alte Mann im grauen Mantel konnte die Leute nicht mehr verstehen, das war nicht so schlimm. Viel schlimmer war, sie konnten ihn nicht mehr verstehen. Und deshalb sagte er nichts mehr. Er schwieg, sprach nur noch mit sich selbst, grüßte nicht einmal mehr.“

In einer Beziehung oder im Umgang mit Kindern ist der Kommunikationsabbruch eine harte Strafe, die aber nicht konsequent durchgezogen werden kann, denn es gibt ja die mimische oder gestische Kommunikation. In dem Roman „Die Katze“ von Georges Simenon – und seinen Verfilmungen – lebt ein altes Ehepaar zusammen, das kein Wort mehr miteinander spricht, allerdings wird eine rudimentäre  Kommunikation mit Notizzetteln aufrecht erhalten.

Die modernste Variante der Kommunikationsverweigerung ist das Ghosting, der Abbruch einer digitalen Kommunikation ohne Ankündigung , wie es in Online-Partnerbörsen oder mit Dating-Apps nicht ungewöhnlich ist. Ein Austausch über Chat oder SMS wird ohne Begründung beendet. Die Exkommunikation kann die Betroffenen sehr verunsichern und Verlustängste auslösen.

Unter welchen Bedingungen soll man die Kommunikation mit einem Menschen abbrechen? Wie lange soll man sich z.B. mit politisch uneinsichtigen Fundamentalisten jeder Couleur auseinandersetzen, die kompromisslos eine Haltung vertreten, die auf nicht hinterfragbaren Grundwahrheiten beruht? Aber alle Formen des Kommunikationsabbruchs sind problematisch: Wer nicht mehr miteinander redet, der redet meist übereinander und dadurch werden Konflikte vertieft. (22.11.2020)

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Fundstücke

Visuelle Trouvaillen auf einer Wanderung durch den Schönbuch. Fotos: St.-P. Ballstaedt (19.11.2020)

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Ellipsen

In der Linguistik ist eine Ellipse (altgrch. = Auslassen) eine syntaktische Konstruktion, bei der ein Satzglied weggelassen wird, da es für den/die Adressaten aus dem Kontext ergänzt oder erschlossen werden kann. In der Alltagsprache sind Ellipsen eine ökonomische Sprachverwendung: „Benimm dich [gut]!“; „[Möchten Sie] sonst noch was?“; [Ich bitte Sie um] Entschuldigung!“.

Ellipsen können sich zu gängigen Phrasen verfestigen (Konventionalisierung): „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“; „Ende gut, alles gut.“ Einige derartige Phrasen sind besonders interessant. Das Verb „trinken“ ist transitiv, es verlangt nach einem Akkusativobjekt: „Er trinkt einen Kaffee.“ Lässt man ein Akkusativobjekt weg, dann ergibt sich ein andere Bedeutung: „Er trinkt“, natürlich nicht stilles Mineralwasser, sondern Alkohol. Er ist Alkoholiker bzw. Trinker. Ähnlich beim Verb „sitzen“. Wenn wir von jemandem sagen: „Er sitzt“, dann nicht auf einem Stuhl, sondern im Gefängnis. Er ist ein Krimineller. Die sozial unerwünschten Ergänzungen bleiben diskret unausgesprochen. (17.11.2020)

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Black Panthers

Warum die beiden die Faust zeigen, bleibt unklar. Stencil, das ich in Freiburg/Br. an einem Verteilerkasten gefunden haben. Foto: St.-P. Ballstaedt (13.11.2020)

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Authentische Zeugnisse

Was fällt an der Überschrift auf? Sie klingt wenig originell, denn diese Wortkombination hat man schon oft gelesen: Zeugnisse werden gern mit dem Adjektiv authentisch verbunden. Derartige geläufige Wortkombinationen oder gefestigte Gebrauchsmuster hat der Journalist Hans Hütt aus mehreren umfangreichen Sprachkorpora gefischt und kommentiert.

Hans Hütt: Wilde Jahre, kühne Träume. Sprache im Wandel der Zeit. Berlin: Dudenverlag, 2020

Behandelte Wortverbindungen sind z.B. allmähliche Einsicht, bewegte Bilder, digitale Aufrüstung, gescheiterte Existenz, kluger Kopf, massiver Druck, notwendiges Umdenken, vergessener Winkel. Derartige Phrasen sind beliebt, vor allem wenn es mit dem Schreiben schnell gehen muss, aber sie sind rhetorisch wenig originell. Die Adjektive verraten etwas über die Konnotationen des Substantives. Ein Beispiel, das ich von Hans Hütt übernehme (S. 12): Die Wörter Neigung, Talent, Gabe, Interesse sind bedeutungsähnlich. Aber Neigung wird mit den Attributen fatal, schädlich, sexuell, sadistisch, pädophil kombiniert. Gabe und Talent hingegen mit besonders, kostbar, hoffnungsvoll, vielversprechend, göttlich, einzigartig. Neigung hat also eine abwertende Konnotation, Gabe und Talent haben hingegen positive Konnotationen. Die Bedeutung von Interesse ist weitgehend neutral: Interessen sind groß, rege, öffentlich, berechtigt. Hans Hütt empfiehlt deshalb, in einem Lebenslauf nicht von persönlichen Neigungen zu sprechen, sondern von persönlichen Interessen. (09.11.2020)

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