Patenschaft

Die Migrations- und Asylpolitik hat schon drei Unwörter des Jahres hervorgebracht: 2006 „freiwillige Ausreise”, 2013 „Sozialtourismus“, 2018 „Anti-Abschiebe-Industrie“. Für 2020 gibt es einen neuen Kandidaten, den wir der Europäischen Union zu verdanken haben: Abschiebepatenschaften. Eine Patenschaft ist die freiwillige Übernahme einer Fürsorgepflicht, z.B. für ein Kind oder neuerdings auch einen Baum. Mit der Wortschöpfung ist aber gemeint, dass dafür gesorgt wird, dass ein Asylsuchender unverzüglich abgeschoben wird. Diese Patenschaften sollen die EU-Länder übernehmen, die partout keinen Flüchtling auf ihrem Staatsgebiet aufnehmen wollen. Ein üble euphemistische Wortschöpfung. (25.09.2020)

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Gender Gap

Die „Frankfurter Rundschau“ bemüht sich in einer Serie von Artikeln, Interviews und Statements um eine geschlechtergerechte Sprache und man darf gespannt sein, welche Schreibweisen schließlich eingeführt werden.

Zum Thema wurde ein Logo entwickelt, das mich spontan an den Mythos der geteilten Menschen erinnert, den Plato durch den Mund des Aristophanes im “Symposion” erzählen lässt: Es gab einmal Kugelmenschen mit vier Armen, vier Beinen und zwei Köpfen, die den Göttern zu frech wurden. Deshalb beschloss Zeus, sie zu teilen, die Hälften sind die heutigen Menschen. Aber die Zweibeiner litten unter der gewaltsamen Trennung und suchen seitdem nach Ihrem komplementären Teil, um die ursprüngliche Einheit wieder herzustellen. Da es rein männliche, rein weibliche und gemischte Kugelmenschen gab, sucht ein Mann einen Mann, eine Frau eine Frau und ein Mann eine Frau oder umgekehrt. Damit ist auf elegante Weise die Homophilie als natürliches Phänomen begründet. (23.09.2020)

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Trans cock

Unser Oberbürgermeister Palmer erregt die Gemüter der Universitätsstadt Tübingen verlässlich mit diversen interpretationsoffenen Aussprüchen. In der Stadt sind schon viele Anti-Palmer-Aufkleber und -stencils aufgetaucht. Seit einigen Tagen ist dieser Aufkleber an vielen Masten zu finden. Foto: St.-P. Ballstaedt (19.09.2020)

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Corona-Sex

Ein dringliches sozialpolitisches Problem ist jetzt durch eine Verordnung gelöst: Die Bordelle im Hamburger Kiez dürfen wieder öffnen, natürlich nur mit einem überzeugenden Hygiene-Konzept für körpernahe Dienstleistungen. Kein spontaner Quickie, sondern Sex nur nach Terminabsprache, zudem mit Eintrag in eine Kontaktliste. Natürlich Händewaschen und Lüften. Ein Austausch von Körperflüssigkeiten muss vermieden werden, zudem ist erhöhte Atemaktivität nicht erwünscht. Es sind nur Stellungen erlaubt, bei denen ein Abstand zwischen den Köpfen der Sexarbeiterin und dem Kunden garantiert ist. Oralsex geht nicht, da dazu der Mund-Nasen-Schutz aufgehoben werden muss.

Die Sexarbeiterinnen waren in den letzten Wochen auf die Straße gegangen und hatten gegen ein Berufsverbot seit März demonstriert. Da sich bekanntlich Prostitution kaum regulieren lässt, treibt Sexarbeiterinnen und Bordellbesitzer die Sorge um, dass sich die Dienstleistungen illegal in private Wohnungen verlagern, ein Schlupfloch findet man immer. (15.09.2020)

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Maskerade

Zuerst war ich überrascht, wie schnell man sich dran gewöhnt hat, dass in geschlossenen Räumen alle mit einem Mund- Nasen-Schutz herumlaufen. Aber inzwischen spüre ich doch deutlich, was mir an visueller Kommunikation entgeht, wenn mir z.B. eine Bedienung einen Kaffee serviert. Fast zwanghaft denke ich daran, wie Sie hinter der Maske aussieht und ob sie mich freundlich oder missmutig bedient. Menschen grüßen mich unter der Maske und ich  erkenne sie nicht gleich oder sogar gar nicht. Ich empfinde einen Drang, diese Personen zu entlarven.

Nicht umsonst maskieren sich Menschen z.B. im Karneval, um nicht erkannt zu werden und damit vorrübergehend eine andere Identität annehmen zu können. Bei den venezianischen Halbmasken im Karneval wird die Augenpartie abgedeckt, aber nicht der Mund, um das Sprechen zu ermöglichen.  Der Verlust an visueller Kommunikation ist hier beabsichtigt, wie ja auch beim Verschleiern der Muslimas. Ein unerfreulicher Gedanke, dass unser Corona-Maskierung eine andauernder Zustand bleibt, und wir öffentliche Räume wie die Bankräuber betreten müssen. (13.09.20)

Mit Zorro-Maske sehe ich fast besser aus als ohne. Foto. St.-P. Ballstaedt

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Migrationshintergrund

Ich möchte auf ein Büchlein aufmerksam machen, dass allen Sprachpflegern und Sprachbewahrern missfallen wird:

Matthias Heine: Eingewanderte Wörter. Von Anorak bis Zombie. Köln: DuMont, 2020

Anorak und Zombie sieht man die fremde Herkunft vielleicht noch an: Anorak stammt aus dem Kalaakkisut, einer Sprache, welche von den Inuit auf Grönland gesprochen wird, Zombie stammt aus dem Kikongo, eine Bantusprache aus dem Kongo. Wie die Wörter in die deutsche Sprache einwandern konnten und welche Bedeutungsverschiebungen sie dabei durchmachen, das beschreibt der Germanist und Journalist in kurzweiligen Artikeln. Vielen anderen Wörtern sieht man die fremde Herkunft nicht an, z.B. Abenteuer, baggern, Familie, Grenze, Horde,  Kirche, opfern, rodeln, Sack, Streik, Zucker, ja sogar die Hängematte ist eine Verballhornung des Wortes hamaka aus dem Arawakischen.

Die Sammlung belegt eindrücklich, dass die deutsche Standardsprache als „linguistischer Vielfraß“ viele Wörter eingebürgert hat. „Wer Deutsch spricht, spricht auch etwa 120 andere Sprachen“, so viele hat der Autor bei seinen Recherchen gezählt. Das ist auch ein Argument dafür, dass der Kampf gegen Fremdwörter, heute vor allem Anglizismen, zum Scheitern verurteilt ist. (05.09.2020)

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Gemüse 🌶🌽🍅🍆🥒🥕🍠🥦

Wieder ein Wort, das ich andauernd verwende, das wunderbar klingt, und sicher ein urdeutsches Wort ist, denn vegetables im Englischen und les légumes im Französischen haben sichtlich eine andere Etymologie.

In Gemüse steckt das Wort Mus. Gemüse war mittelhochdeutsch (mittelniederdeutsch Gemöse) ursprünglich jede Speise, so war Fleisch ein “rot gemusz”. Dann erfolgt eine Bedeutungsverengung auf breiige Speisen, schließlich eine weitere Verengung auf zerkleinerte eßbare Pflanzen, vor allem ge- oder verkochte Hülsenfrüchte. Dann erfolgt eine Bedeutungserweiterung auf die Planzen selbst. Die heutige Lexikondefinition : “rohe oder zubereitete genießbare Teile von Pflanzen”. (02.09.2020)

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Rustikal

Mal ein anderes Graffito, entdeckt in Schönwald im Hochschwarzwald (zum Vergrößern ins Bild klicken). Foto: S.-P. Ballstaedt (29.08.2020)

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Vintage-Wörter

Der neue Duden in der 28. Auflage wirbt mit 3000 neuen Wörtern, die letzte Auflage vor drei Jahren ging mit 5000 neuen Wörtern an den Start. Neu dabei sind zum Beispiel: Mikroplastik, Klimanotstand, Unverpacktladen, Repaircafé, Dachbegrünung, Alltagsrassismus, Hasskommentare, Genderstern, Insektensterben, , Geisterspiel, Elektroscooter, helikoptern, Flugscham, Wildpinkler, Shishabar, Herdenimmunität, Atemschutzmaske, Social Distancing, Lockdown.

Die Anglizismen ärgern natürlich wieder die Sprechpfleger. Tatsächlich trifft ja Abstandhalten oder Abstandsgebot den Sachverhalt besser, denn in Distancing schwingt die Bedeutung „Distanzieren“ mit. Das Homeschooling hat man auch nicht aufgenommen, dafür den Hausunterricht.

Demgegenüber stehen etwa 300 Wörter nicht mehr im Duden, sie wurden aussortiert. Ein paar, genau 38, hat die Dudenredaktion bekanntgegeben, darunter die Niethose un der Hackenporsche und das altmodische Adverb dahier. Die komplette Liste rückt der Duden nicht raus, denn mit der kann man ja schöne Publikationen machen:

Peter Graf: Was nicht mehr im Duden steht. Eine Sprach- und Kulturgeschichte. Mannheim: Dudenverlag, 2020.

Dort findet man die fehlenden Wörter kommentiert auf der Seite 223. Hier eine Auswahl: Beilager, Botenfrau, Bürgersmann, Dorfschöne, Ehegespons, Eheweib, Frauensperson, Jägersmann, Jungfernkranz, Kammerjungfer, Kebsweib, Lehrmädchen, Mordbube, Pilgersmann, Türsteher, Zofendienst. Na, was fällt da auf?

Die  genannten Beispiele machen deutlich:  Wortverluste und Wortneuheiten spiegeln Trends in Kultur und Gesellschaft. Anhand des Sprachwandels könnte man eine Kulturgeschichte schreiben. (20.08.2020)

Das ist der Vorgänger des Büchleins über ausgemusterte Wörter: Wortfriedhof. Wörter, die uns fehlen werden. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Mit Sicherheit

In der bekannten Bedürfnispyramide des Psychologen Abraham Maslow steht das Sicherheitsbedürfnis gleich nach den physiologischen Bedürfnissen wie Hunger, Durst, Schlaf, Sex. Es gibt kaum einen Zweifel, dass der Sicherheit eine immer größere Bedeutung zukommt, das zeigt z.B. die Brandschutz, der immer umfangreichere Maßnahmen erfordert.  Auch Baustellen sind ein Beispiel. Früher gab es ein gelbes Schild „Achtung Baustelle, heute gibt es umfangreiche Sicherheitskonzepte, die mit einer Serie von Piktogrammen dokumentiert werden. Wenn schon viele Unsicherheiten in der Welt drohen, möchte man wenigstens im Nahbereich auf Nummer sicher gehen. (18.08.20)

An der Baustelle für das Tübinger Hospiz: 16 Piktogramme, die teilweise auf Gefahren verweisen, die jeder vernünftige Mensch ohnehin vermeidet. Zum Vergrößern ins Bild klicken. Foto: St.-P. Ballstaedt

Nachtrag: Das folgende Foto stammt aus Leipzig und wurde mit der Anmerkung zugeschickt: “Bei uns in Leipzig ist die Sicherheit gefährdet – wir haben nur 12 Hinweise auf Gefahrenmomente.” Foto: Wolfgang Scherer

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