Formulierungen

Wie hängen Denken und Sprechen bzw. Schreiben zusammen: Ist eine Formulierung ein sprachliches Abbild der Gedanken? Kann man deshalb aus einer Formulierung auf die Gedanken rückschließen?

Wenn ich schreibe, kommt es oft vor, dass ich einen Satz mehrfach verändere, wenn ich eine Formulierung noch nicht passend für meinen Gedanken finde. Bei Literaten ist das Problem noch drängender: Flaubert soll an einem Satz tagelang gefeilt haben. Manchmal fehlt das passenden Wort für einen Begriff oder die richtig akzentuierte Satzkonstruktion für einen Gedanken. Ein beliebtes Synonymwörterbuch (27. Auflage) hat den Titel „Das treffende Wort“. Wenn ein Wort treffender als ein anderes ist, dann können es keine reinen Synonyme sein und tatsächlich gibt es kaum bedeutungsgleiche, sondern nur bedeutungsähnliche oder sinnverwandte Wörter. Wann ist ein Wort treffend? Und was genau trifft es dann? Wörter stehen für Begriffe in unseren Köpfen, aber diese Begriffe sind komplex, keine abgegrenzten Einheiten, sondern konzeptuelle Netze, die in verschiedenen Köpfen nur einen gemeinsamen denotativen Bereich haben, aber ansonsten von Person zu Person konnotativ verschieden sind. Ob eine Person einen treffenden Ausdruck verwendet, kann eigentlich nur sie bzw. er selbst feststellen.

In die andere Richtung ist die Frage noch schwieriger zu beantworten: Kann man aus der Formulierung einer Person auf ihr Denken und ihre Mentalität schließen? Die Intention der Begriffe hinter den Wörtern bleibt uns verborgen, aber die Verbindungen zwischen den Begriffen werden mit der Syntax ausgedrückt. Nie ist aber alles explizit ausformuliert, beim Verstehen lesen wir zwischen den Zeilen und ziehen Schlussfolgerungen: Präsumtionen, Präsuppositionen, Projektionen usw. Der Streit um Formulierungen in religiösen, philosophischen und literarischen Texten belegt, dass einem Autor oder einer Autorin sehr verschiedene Gedanken unterstellt werden können. Mit einer mündlichen oder schriftlichen Äußerung ist zwar eine objektiv untersuchbare linguistische Struktur vorhanden, aber auf der Seite des Denkens lassen sich weder Begriffe noch die „mental language“ direkt untersuchen. (28.08.2017)

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