Wissenschaftsfreiheit

Unter anderem im SPIEGEL habe ich von einer Untersuchung zweier Soziologen  gelesen:

Richard Traunmüller/Matthias Revers: Is Free Speech in Danger on University Campus? Some Preliminary Evidence from a Most Likely Case. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 72, 2020, S. 471-497. Online hier abrufbar.

Sie haben Studierenden der Universität Frankfurt einen Fragebogen mit Items folgender Art vorgelegt:

An der Universität sollte nicht lehren dürfen/nicht vortragen dürfen,

…wer denkt, dass Homosexualität unmoralisch und gefährlich sein.

…Wer glaubt, dass der Islam unvereinbar mit der westlichen Lebensweise ist.

…Wer glaubt, es gäbe biologische Unterschiede in der Begabung von Männern und Frauen.

Ein hoher Prozentsatz von Studierenden wollte diese Aussagen nicht in der Lehre hören, ein etwas geringerer auch nicht in einem Vortrag an der Uni. Daraus schließen die Autoren eine abnehmende Toleranz und eine Bedrohung des akademischen Betriebs durch die Cancel Culture.

Lassen wir einmal methodische Mängel was Repräsentativität, Rücklaufquote, Fragentyp betrifft beiseite, dann bleibt doch ein ungutes Gefühl. Denn die Universität ist der Wissenschaft verpflichtet, Meinungen und Glauben haben dort nichts verloren. Eine Meinung ist ein Fürwahrhalten, dem eine hinreichende Begründung fehlt. Noch radikaler gilt das für den Glauben, der keinerlei empirische Evidenz benötigt. Wissenschaft ist dazu angetreten, bloß Meinungen durch Wissen zu ersetzen, Glaubensinhalte und Bekenntnisse haben deshalb nichts an der Universität verloren. Es gehört nicht zur Freiheit der Forschung und Lehre, Meinungen und Glauben zu verbreiten. Deshalb sehe ich auch in den Antworten der Studierenden kein Alarmzeichen, sondern eine positive Reaktion. Ich möchte bei keinem Professor oder keiner Professorin studieren, die oder der die Meinung vertritt, dass Homosexualität unmoralisch ist. (29.12.2021)

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