Nachrufe auf das manuelle Schreiben bzw. die Handschrift häufen sich: Soll man Kinder noch mit Schreibschrift oder Druckschrift plagen, wenn sie doch die meisten Texte in eine Tastatur tippen werden? Da das Schreiben mit der Hand eine alte Kulturtechnik darstellt, ist der Aufschrei über den Verlust groß, auch wenn die meisten nur noch schnelle Notizen machen oder aus dem Urlaub eine handgeschriebene Karte schicken. Wann benutze ich noch die Handschrift: Einkaufszettel, flüchtige Notizen beim Recherchieren am Bildschirm, Aufschriebe bei Vorträgen, im Jahr etwa ein handgeschriebener Brief. Und dann noch die Unterschrift bei Dokumenten, bei digitalen Dokumenten wird aber bereits digital unterschrieben. Das Schreiben von Hand ist eine Basiskompetenz jeder Schriftkultur selbst nach Erfindung des Buchdrucks, aber die Schreibmaschine und mit der Digitalisierung der Computer bzw. das Tablet haben die Handschrift abgelöst. Ein weiterer Schritt ist die Spracherkennung, die mündliche Eingabe von Texten. Muss man um die Handschrift trauern?
Zunächst ist die Handschrift ein unverwechselbares Merkmal der Individualität, deshalb auch die Bedeutung der Unterschrift. Die eigene Handschrift kann kalligrafische Qualitäten entwickeln, es gibt ästhetisch schöne Handschriften. Das Ziel der Grafologie, aus der Handschrift auf die Persönlichkeit rückzuschließen, kann allerdings als gescheitert betrachtet werden. Zahlreiche empirische Untersuchungen zeigen, dass grafologische Gutachten weder reliabel noch valide sind.
Der Niedergang der Handschrift wird mit dem Argument beklagt, dass das Schreiben mit der Hand didaktische Vorteile habe. Zunächst fördert es die Feinmotorik, das ist unstrittig. Aber fördert das Schreibenlernen auch die kognitive Entwicklung, besonders das Denken, das Gedächtnis und das Lesen? Neuropsychologische Forschungen zeigen, dass das Schreiben mit der Hand im Vergleich zum Schreiben mit der Tastatur zu einer umfangreicheren und vernetzteren Hirnaktivität führt. Pädagogen haben schon immer behauptet, dass handschriftliche Notizen die Einprägung von Inhalten begünstigen, aber das kann auch für Notizen auf einem Tablet oder Notebook gelten? Viele Fragen sind noch nicht überzeugend zu beantworten.
Sicher sind allerdings Befunde, dass Kinder und Jugendliche Probleme haben, länger als eine halbe Stunde zu schreiben und sie schreiben langsam und oft unleserlich. (05.02.2025)
Zwei neuere neuropsychologische Studien:
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38343894/
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34177498/

Handschriftliche Widmung von Walter Jens, in: Walter Jens: Nein. Die Welt der Angeklagten, Hamburg 1950. Quelle: Markus Wolter, Wikimedia Commons
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