Author Archive | SP Ballstaedt

Wanderwitze

Wer sich mit dem Wandel des Humors und des Lachens befasst, der wird feststellen, dass es Witzthemen gibt, die in der Geschichte immer wieder auftauchen: Witze über Sexualität und Fremdgehen, Witze über politische oder geistige Autoritäten, Witze aus dem Munde von Kindern, Narren und Betrunkenen usw. Es gibt sogenannte Wanderwitze, die alle paar Jahrzehnte in fast identischer Formulierung wieder auftauchen, auf dem Gebiet des politischen Witzes sind sie so häufig, dass man überspitzt sagen kann, es gäbe eigentlich gar keine neuen politischen Witze, sondern nur neue Situationen und neue Rezipienten. Manche Witze wandern, an neue politische Verhältnisse angepasst, durch die Jahrhunderte. Aus einem Anti-Nazi-Witz kann durch den Austausch weniger Wörter ein Anti-Kommunismus-Witz werden. Ein Beispiel für einen Wanderwitz:

Anfang 1989 erzählt man sich in Ostberlin, dass bei Ego Krenz eingebrochen worden sei. Gestohlen wurde das Ergebnis der bevorstehenden Volkswahlen vom 7. Mai 1989.

Denselben Witz erzählte man sich bereits im Dritten Reich:

1935: Großer Einbruch bei Dr. Goebbels. Gestohlen wurde das Wahlergebnis von 1936.

Die Witze aus Bodo Müller: Lachen gegen die Ohnmacht: DDR-Witze im Visier der Stasi. Berlin: Verlag Ch. Links, 2016, S. 51. (02.05.2017)

Nachtrag: Ein kleiner Aufsatz über Wanderwitze: Hermann Bausinger: Graf Bobby und Hierokles von Alexandrien. Wanderungen und Wandlungen des Witzes. In: Der blinde Hund. Anmerkungen zur Alltagskultur. Tübingen: Verlag Schwäbisches Tagblatt, 1991, S. 257-261.

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Selfmade-Pikto

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Gemaltes Schild auf einer Wiese in Tübingen: Hinweispfeil, Einkreisung und Durchstreichung als visuelle Konventionen kennen offenbar schon die Kids. Foto: St.-P. Ballstaedt (28.04.2017)

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Gedankenlesen

Auf der Facebook-Entwicklerkonferenz F8 in San Jose wurde das neuste Projekt des Unternehmens vorgestellt: 60 Forschende arbeiten an einer Technologie, mit der Gedanken direkt in Text umgewandelt werden können. Wer z.B. eine SMS schreiben möchte, der braucht den Text nur zu denken und er wird auf dem Smartphone geschrieben und kann verschickt werden.

Wissenschaftlich ist das ein spannendes Projekt. Erregungsmuster im Gehirn sind schon ausgelesen worden, um Prothesen zu steuern oder Ja-nein-Entscheidungen zu kommunizieren. Dazu müssen entweder Elektroden im Gehirn implementiert sein, oder die Muster werden mit funktioneller Magnetresonanztomographie oder über ein Elektrodennetz auf dem Kopf erfasst. Facebook möchte sehr empfindliche Sensoren entwickeln, die im Alltag wie eine Haube auf dem Kopf betragen werden. Wer sich nur ein wenig mit kognitiver Sprachverarbeitung auskennt, der wird das Projekt skeptisch beurteilen: Schon einzelne Wörter setzen sich aus komplexen neuronalen Mustern zusammen, ihre syntaktische Anordnung in einem Satz dürfte noch eine Größenordnung komplexer ausfallen. Aber versuchen kann man es ja.

Es stimmt allerdings nachdenklich, dass diese Forschungen nicht in einem neurolinguistischen Institut, sondern in einem Unternehmen stattfinden, das sein Geld mit Daten verdient. Wenn man aus dem Gehirn auslesen kann, was eine Person seinem Partner gern mitteilen möchte, dann lassen sich auch andere Gedanken erfassen, die versprachlicht vorliegen und das trifft auf viele unserer verborgenen Grübeleien zu. Nach Aussage von facebook geht es natürlich keinesfalls um Gedankenlesen, sondern allein darum, dem Smartphone-Nutzer das Tippen zu ersparen. Oh, Zuckerberg, für wie naiv hältst du deine Datenspender? (23.04.2017)

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Esperanto

Heute vor 100 Jahren starb der Entwickler des Esperanto, Ludwig Lejzer Zamenhof. Er war kein Linguist, sondern Augenarzt, sein Pseudonym Dr. Esperanto (= Hoffender) hat der Plansprache ihren Namen gegeben. Seine Hoffnung: Mit einer internationalen Sprache wollte er zur Völkerverständigung beitragen. Jeder sollte seine Muttersprache sprechen und als interkulturelle Zweitsprache mit Esperanto kommunizieren.

Dazu konstruierte er eine Sprache, die möglichst einfach zu erlernen sein sollte: Die Wörter entstammen meist romanischen Sprachen, sie wurden so gewählt, dass sie in mehreren indogermanischen Sprachen vorkommen, z. B. Esperanto lampo‚ deutsch Lampe, englisch lamp, französisch lampe, polnisch lampa usw. Auch die Grammatik ist einfach gehalten: eindeutige Phonem-Graphem-Zuordnung, nur ein Schema der Konjugation, unveränderliche Wortstämme, keine Ausnahmeregeln usw. Seine erste Version von 1887 enthält nur 16 Grammatik-Regeln!

Esperanto hat sich nicht durchgesetzt, es wurde von den Nationalsozialisten verboten und unter Stalin wurden Esperantisten verhaftet und deportiert. Aber Esperanto ist auch nicht untergegangen wie vergleichbare Versuche, z.B. das Volapük der deutschen Pfarrers Johann Martin Schleyer. Der Esperanto-Weltbund hat seinen Sitz in Amsterdam und es existieren zahlreiche nationale Organisationen wie der Deutsche Esperanto-Bund. Es werden Kongresse abgehalten und sie Sprache wird weiter entwickelt.

Esperanto wäre auch eine Lösung für das leidige Sprachenproblem in der EU, die 24 Sprachen als Amts- und Arbeitssprechen anerkennt und sich bisher auf keine einheitliche europäische Verwaltungssprache einigen konnte. Englisch ist ein naheliegender Kandidat, aber dagegen ist vor allem La Grande Nation und auch Deutschland würde gern das deutsche als Verwaltungssprache sehen. Derzeitige müssen alle Dokumente in englischer, französischer, deutscher und niederländischer Sprache ausgetauscht werden, Verträge werden in bulgarischer, dänischer, deutscher, englischer, estnischer, finnischer, französischer, griechischer, irischer, italienischer, kroatischer, lettischer, litauischer, maltesischer, niederländischer, polnischer, portugiesischer, rumänischer, schwedischer, slowakischer, slowenischer, spanischer, tschechischer und ungarischer Sprache abgefasst, wobei jeder Wortlaut gleichermaßen verbindlich ist. Die Übersetzungskosten sind immens!

Esperanto als Verwaltungssprache hätte den Vorteil, dass diese Sprache alle erlernen müssen, aber es eine relativ einfache Sprache ist. Zudem ist sie den machtpolitischen Interessen der Mitgliedländer entzogen. Nach dem eingeleiteten Brexit und der drohendenden wirtschaftlichen Abschottung der USA wäre das gegenüber dem Englischen ein starkes Zeichen des europäischen Zusammenhalts. Aber mit einer derartigen Sprachpolitik ist nicht im Traum zu rechnen. Zum Thema empfehle ich sehr Texte des Tübinger Interlinguisten Gerd Simon:

https://homepages.uni-tuebingen.de//gerd.simon/sprachpolitik1.htm
https://homepages.uni-tuebingen.de//gerd.simon/Europagedanke.pdf
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:21-opus-4128

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Die Flagge der Sprache Esperanto und der mit ihr verbundenen Bewegung von Gabriel Ehrnst Grundin. Quelle: Wikimedia Commons (14.04.2017)

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Venusgefühl

Venusgefuehl

Werbung von Gilette: Das Venusgefühl der Frau wird mir immer verborgen bleiben. Aber die Bahn ist frei, rasiert, glatt, empfangsbereit. Scan: St.-P. Ballstaedt (12.04.2017)

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Spind-Deko

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Aufkleber einer wahrscheinlich weiblichen Person auf einem Spind im Wasserkraftwerke Murg Breitwies in Weisenbach im Nordschwarzwald. Foto: St.-P. Ballstaedt (02.04.2017)

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Hackezu

Im letzten Beitrag hat mich das Wort „hacke“ zu einer etymologischen Recherche veranlasst. Eine Hacke bezeichnet entweder ein Werkzeug zum Hacken oder anatomisch einen Teil des Fußes, die Ferse. Aber wie kommt es dann zur Redensarten wie: „Karl war gestern total hacke“, d.h. sturzbesoffen? Bei den Gebrüdern Grimm bin ich nicht fündig geworden, aber im Redensarten-Index. Dort werden zwei Ableitungen angeboten, die eine vom Werkzeug, die andere vom Fußteil.

Seit dem 19. Jahrhundert ist die Redewendung „voll wie eine Rodehacke“ nachweisbar. Die robuste Rodehacke dient als Werkzeug bei der Rodung zum Entfernen von Wurzeln. Voll Boden und Wurzelmaterial, ist sie ebenso „voll“ wie ein Betrunkener. Der Ausdruck des Zustandes wird dann mundartlich zu „hacke“ verkürzt.

Die zweite Ableitung als Zitat: „Zur Zeit Ludwig’s XIV. trugen vornehme Leute, namentlich sogenannte Lebemänner, an den Schuhen rothe Hacken und zwar von solcher Grösse, dass sie den Trägern das Gehen erschwerten und sie oft veranlasste, sich der Wagen zu bedienen, namentlich dann, wenn sie zu viel getrunken hatten. Daraus entstand die Redensart: beditselt wie eine Rothhacke, d.i. ein Wüstling, der so viel getrunken hat, dass er nicht mehr auf den Beinen stehen kann, sondern nach Hause gefahren werden muss. (Dresdener Nachrichten vom 4. Juni 1872). Der Begriff „hackezu“ ist in den 1970er Jahren entstanden.“

Beide Ableitungen sind etwas verwegen und unsicher, für eine entscheiden kann ich mich mit meinen Kenntnissen nicht. (31.03.2017)

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Wieder mit unklarer Bedeutung der visuellen Symbole. Auch das Wort „HACKE“ bleibt mehrdeutig, es kann einen Namen, ein Werkzeug oder einen Zustand bezeichnen. „Gestern war ich hacke“ bedeutet mundartlich „stark alkoholisiert, betrunken“. (27.03.2017)

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Auf Betonwänden in Tübingen, Waldhäuser-Ost. Fotos: St.-P. Ballstaedt

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