Gendersensibel

Im Web habe ich einen Aufsatz von Kristina Bedijs gefunden, sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Studienzentrum der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD):

Kristina Bedijs: Schlägt Verständlichkeit Diversität – oder schafft Diversität Verständlichkeit. Zu Möglichkeiten und Grenzen gendersensibler Sprache in der Leichten Sprache. Trans-kom 14 (1), 2021, 145-170.

Der Titel beschreibt das Anliegen der Autorin: Sowohl die Leichte Sprache wie eine gendersensible Sprache wollen mehr Inklusion. Aber es gibt ein Problem zwischen beiden Ansätzen: Die Leichte Sprache hat eine optimale Verständlichkeit zum Ziel, um eine barrierefreie Kommunikation mit Personen zu erreichen, die aus verschiedensten Gründen Probleme mit dem Verstehen von Texten haben. Eine gendersensible Sprache führt aber häufig zu komplexeren, d.h. schwerer verständlicheren Texten. Deshalb gilt dort die Regel, dass Verständlichkeit vor politischer Korrektheit Priorität hat. Die Autorin möchte nun aufzeigen, dass auch innerhalb Leichter Sprache sowohl gendersensibel als auch verständlich formuliert werden kann und unterbreitet dazu Vorschläge Soweit, so gut.

Im Aufsatz werde ich kritisch zitiert: „Bei Ballstaedt (2019) heißt es sogar allen linguistischen Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte zum Trotz: „Man sollte sich rückbesinnen, dass mit dem generischen Maskulinum eine Gattung oder Gruppe bezeichnet wird, in der das biologische Geschlecht, welcher Art auch immer, keine Rolle spielt““. Hier muss ich etwas richtigstellen:

  1. Ich habe in meinem Buch die Position vertreten, dass ich das Gendern durchaus für richtig halte: „Versteht man die Adressatenorientierung als Grundprinzip professioneller Kommunikation, dann ist das Anliegen der feministischen Linguistik, Frauen sprachlich sichtbar zu machen, durchaus berechtigt.“ (S. 76).
  2. Ich habe aber darauf aufmerksam gemacht, dass das Gendern nicht auf Kosten der Verständlichkeit gehen darf und habe zu drastische und ungewohnte Eingriffe in die Sprache deshalb abgelehnt.
  3. Das generische Maskulinum ist zwar vielen Linguistinnen ein Dorn im Auge, aber in der Grammatik ist es nun einmal vorhanden und zwar für Situationen, in denen das Geschlecht entweder unbekannt, nicht von Bedeutung oder im Plural gemischt ist. Ich sage z.B.: „Morgen kommt zu mir der Handwerker“, auch wenn es eine Handwerkerin oder eine diverse Person sein kann (was mir bei der Reparatur völlig schnurz ist).
  4. Soweit die Grammatik. Das kognitive Problem mit dem generischen Maskulinum habe ich vor dem kritisierten Zitat ausdrücklich beschrieben und die empirischen Untersuchungen dazu referiert: Bei der männlichen Form denken die meisten Personen tatsächlich eher an Männer als an Frauen. Deshalb sollte man das generische Maskulinum auch in bestimmten Kommunikationskontexten vermeiden, z.B. in der Frage: „Welche Schauspieler gefallen dir am besten?“

Fazit: Den Forschungsstand habe ich korrekt referiert, aber mich vielleicht nicht ganz klar ausgedrückt. (02.08.2021)

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