Erhabene Akte

Jeder kennt das Gemälde: Die Venus von Botticelli, eine schlanke Nackte, die züchtig eine Hand vor die Brüste und die andere vor die Scham hält. Jetzt hat die ehemalige Porno-Darstellerin und Politikerin Ilona Staller, Künstername Cicciolina, diese Venus nachgestellt, allerdings ungewohnt schamhaft in einem hautfarbenen Ganzkörperkostüm. Das Nachstellen von Kunstwerken mit lebenden Personen (tableau vivant) war Ende des 18. Jahrhunderts ein beliebter Zeitvertreib der Aristokratie und des gehobenen Bürgertums. Die nachposierte Venus ist Teil einer Werbekampagne für Online-Führungen zu erotischen Kunstwerken in berühmten Museen. Cicciolina verspricht: „Einige der besten Pornos aller Zeiten gibt es im Museum.“

Das Gemälde »Die Geburt der Venus« hängt in den Uffizien in Florenz und dort hat man überaus sauer reagiert und gleich die Rechtsabteilung eingeschaltet. Eine strenge Grenzmauer zwischen Pornografie und Aktdarstellungen in der Kunst wird hochgezogen. Die Kunsthistorikerin Eva Clausen verkündet, niemand käme vor so einem Gemälde auf falsche Gedanken oder Vorstellungen, vielmehr finde das Sexuelle in der Kunst eine Erhöhung durch den Geist, der Sexualakt werde zu etwas Erhabenem.

Bei vielen Akten bin ich mir da aber nicht so sicher. Man muss nicht gleich an Rubens oder gar Gustav Klimt und Egon Schiele denken, selbst in mittelalterlichen Darstellungen religiöser Themen sind doch recht erotische An- und Einsichten üblich, man kann durchaus den Eindruck gewinnen, das religiöse Thema ist nur vorgeschoben, um etwas Anregendes zu zeigen. Was in den Gehirnen der Betrachtenden dann abgeht, das bleibt verborgen. Also nicht gar so streng mit der neuen Kunsttheoretikerin! (04.08.2021)

Ilona Staller alias Cicciolina setzt sich für eine neue Kunstbetrachtung ein. Foto: Certo Xornal 2009, Wikimedia Commons.

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