Storytelling

Für den SPIEGEL und seine Dokumentationsabteilung ist es natürlich oberpeinlich, dass es Texte ins Heft geschafft haben, die zwar brillant geschrieben, aber mit fiktiven Inhalten angereichert waren. Unter dem Augstein-Motto „Sagen, was ist“ und in Zeiten der fake news und der Lügenpresse ist das eine unliebsame Überraschung. Aber sie ist auch nicht völlig überraschend, denn der SPIEGEL wird inhaltlich und stilistisch für seine gut erzählten Storys gelobt und kritisiert. Claudius Seidl nannte in der FAZ den Entschuldigungsartikel des Chefredakteurs Ullrich Fichtner treffend „die Klage des Doktors Frankenstein über sein Monster.“

Dazu zwei grundsätzlich Anmerkungen, die beide davon ausgehen, dass die journalistische Textsorte Reportage besonders verführerisch für Journalisten und Journalistinnen ist.

Reportagen liegen in einer Grauzone zwischen Journalismus und Literatur. Egon Erwin Kisch war Schriftsteller und Journalist, seine Texte werden als literarischen Reportagen bezeichnet, er schrieb auch Romane und Theaterstücke. Journalistische Edelfedern kommen schnell in Versuchung, die Wirklichkeit mit erfundenen Personen, Ereignisse und Orten auszuschmücken, wenn es der Story dient.

Die Reportage befreit den Journalisten vom Zwang einer neutralen, vermeldenden, ausgewogenen Sprache. Kein Mensch kann objektiv beobachten, die Wahrnehmung ist immer selektiv – moderner: geframt – und die Sprache immer perspektivisch. In der Reportage wird dieses Sprachkorsett gelockert, hier macht Schreiben schlicht mehr Spaß als in der kontrollierten Sprache vieler Redaktionen.

In jedem Beruf gibt es Versuchungen und schwarze Schafe: Forscher fälschen Daten, Metzger stecken Pferdefleisch in die Wurst, Ärzte rechnen nicht erbrachte Leistungen ab usw. Man sollte also die Kirche im Dorf lassen. Claas Relotius hat sich verführen lassen, das bedeutet sein berufliches Aus.  Mein Tipp: Sich einen Künstlernamen zulegen und diskret in die literarische Branche wechseln. (06.01.2019)

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