Author Archive | SP Ballstaedt

Integration mit Bildern

Die Flüchtlinge mit fremden Sprachen haben zu etlichen Versuchen inspiriert, bildliche und piktografische Anleitungen für das Verhalten in unserer Kultur zu entwickeln. Ein Beispiel ist eine Broschüre „Abfall ohne Worte“ zur Mülltrennung, das der Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises Tübingen herausgegeben hat. Ursprünglich für Studierenden-Wohnheime gedacht, wird es jetzt auch in Flüchtlingsunterkünften verteilt. Was daran auffällt, ist die kindliche Gestaltung mit lustigen und bunten Comicfiguren. Entworfen haben die Bilder Schülerinnen und Schüler der 3. Klasse der Grundschule Wendelsheim. Das Engagement der Schülerinnen und Schüler in Ehren, aber sind die Zeichnungen für Erwachsene aus fremden Kulturen passend? Oder kommen sie sich veralbert vor?

Ein Beispiel aus den 80er Jahren: Der Kundendienst der Daimler-Benz AG hatte eine bildliche Anleitung für Nutzfahrzeuge für afrikanische analphabetische Adressaten entwickelt. Dabei wurde eine Comicfigur eingeführt, die als Vermittler, Mahner oder Helfer dem knollennasigen Fahrer mit Gesten zeigt, was richtig und was falsch ist. Dieser Gnom und die Karikatur eines LKW-Fahrers wurde in der Zielkultur als albern, unseriös und autoritär aufgefasst. Die männlichen Adressaten fühlten sich wie Kinder behandelt und die bildliche Anleitung wurde schnell wieder abgeschafft. (28.03.2016)

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Vor dem Einsteigen die Betriebsanleitung lesen. Quelle: Sedlaczek/Seiß (1988): Betriebsanleitungen ohne Worte. tekom nachrichten 2/88, S. 24-28.

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Was ist Restmüll und wo gehört er hin? Quelle: Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises Tübingen

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Lektüre zur Lingua Blablativa

Baumann, Daniel & Hebel, Stephan (2016). Gute-Macht-Geschichten. Politische Propaganda und wie wir sie durchschauen können. Frankfurt/Main: Westend.

 Die Sprache der Politiker ist ein hervorragendes Studienobjekt, wenn man etwas über die kommunikativen Funktionalitäten der Sprache lernen möchte. Politiker müssen oft etwas sagen, aber wollen oder dürfen es nicht. Manchmal haben sie nichts zu sagen. Oder sie müssen eine noch so dürftige Entscheidung als Erfolg anpreisen. Sie müssen Rücksicht auf Koalitionspartner, Diplomatie, Partei usw. nehmen. Das ist keine gute Situation für eine offene und herrschaftsfreie Kommunikation und bringt oft Sätze hervor, die semantisch analysiert eine Zumutung darstellen. Der Soziologe Niklas Luhmann hat sie einmal „Lingua Blablativa“ genannt.

Die Autoren der Gute-Macht-Geschichten, beide Journalisten der Frankfurter Rundschau, wollen die Bedeutungen aufdecken, die sich hinter den Wortfassaden verbergen. Wörter sind oft Abkürzungen für politische Konzeptionen: Deregulierung, Rettungsschirm, sozialverträglich, Freihandel. Und häufig sind es Euphemismen, also Kuschelwörter, die eine Wirklichkeit beschönigen. „geringfügige Beschäftigung“ ist schlecht bezahlte Arbeit; „Flexibilisierung“ ist Anpassung an den Arbeitsmarkt. Die beiden Journalisten wollen eine „Dechiffrierhilfe“ zur Hand geben, um die politischen Schlagwörter richtig zu verstehen.

Manchmal decken Wörter aber auch auf: Beispiel das Wort „Hausaufgaben“ im Zusammenhang mit der Griechenland-Krise. Wolfgang Schäuble: „Die Regierung in Athen muss ihre Hausaufgaben machen, das kann den Griechen niemand abnehmen.“ Hausaufgaben setzen einen Erziehungsberechtigten voraus, sie sind Bestandteil einer asymmetrischen, hierarchischen Kommunikation. Wer seine Hausaufgaben nicht macht, muss mit Sanktionen rechnen. Im Umgang mit gleichberechtigten Staaten in der EU ist das ein dekuvrierender sprachlicher Umgang. – Auch das Wort „alternativlos“ macht deutlich, dass die Sprecherin keine andere Möglichkeit einer Entscheidung anerkennt und auch keine Diskussion erforderlich ist.

Eine andere Kategorie von Wörtern der Politikersprache sind die von dem Linguisten Uwe Pörksen (1988) analysierten Plastikwörter, die weitgehend sinnentleert sind und deshalb überall eingesetzt werden können. Dazu gehören Wörter wie Struktur, System, Beziehung, Modell, Fortschritt usw. Es sind die Wörter, mit denen die bekannten Phrasendreschmaschinen bestückt werden. (27.03.2016)

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Wortverliebt

In den Zeitungen war zu lesen, dass der Grünen-Abgeordnete Volker Beck mit einer „betäubungsmittelverdächtigen Substanz“ erwischt wurde, so O-Ton Berliner Kriminalpolizei. Derartig schöne Nomen-Adjektiv-Komposita erlaubt die deutsche Grammatik. Andere Beispiel aus dem Behördenbereich: schadstoffreduziert, kostenneutral, steuerbegünstigt. Besonders in der Dichtung sind diese Adjektive sehr nützlich: sommerwiesenbunt, eifersuchszermürbt, sirupschwarz, nebelverhangen. (24.03.2016)

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Verhalten bei Bränden

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Diese Warnpiktogramme hängen in den Hostels in Vietnam und sollen zum richtigen Verhalten bei Bränden anleiten: Ich interpretiere: 1. Bei Brand 2. Feueralarm auslösen, 3. den Brand mit Wasser, Sand und Feuerlöscher bekämpfen, 4. Die Feuerwehr unter Nummer 114 anrufen. Soweit ich das klären konnte, sind Text und Bild kongruent. Bei deutschen Verhaltensregeln im Brandfall bringt man sich zuerst in Sicherheit und ruft dann die Feuerwehr an. Foto: Florestan Ballstaedt

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Verhalten bei Bränden in der BRD in zwei Varianten. Quelle: Stadtentwicklung Berlin (22.04.2016)

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Aufmüpfig

Mein Wort des Monats März ist ein Adjektiv, das in keinem meiner etymologischen Lexika eingetragen ist: aufmüpfig. 1971 war das dialektale Wort das erste „Spitzenwort des Jahres“ (heute nur noch „Wort des Jahres“). Mit dem Wiewort wurde in den späten 1960er Jahren die Widerstandshaltung der Studierenden gegenüber überkommene Autoritäten charakterisiert. Im Spruch „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“, ist der Muff damit verwandt. Es gibt im Ostfriesischen „muff(el)ig“ im Sinne von „mürrisch“, „verdrießlich“ und im Oberdeutschen „müpfen“ im Sinner von „kritisieren“, „die Nase rümpfen“. Mir gefällt das Wort wegen seiner Konnotationen: Es steckt Eigensinn, Trotz und penetrante Ungehorsamkeit darin. (21.03.2016)

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Neuroanatomie

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Politische Neuroanatomie auf einem Aufkleber der Sozialistischen Jugend Niederösterreich an den Laternenmasten in Krems an der Donau. Der Rassist ist natürlich männlich. Foto: St.-P. Ballstaedt (20.03.2016)

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Bräuneln

Heute lese ich in einem Kommentar zu den guten Ergebnissen der AfD bei den Landtagswahlen, dass der Osten „bräunelt“. Zum diesem Verb gibt es einen kurzen Eintrag bei den Grimms: Bräuneln bedeutet rösten, damit z. B. das Brot braun wird (gebreunlet brot). Das Wort taucht offenbar erstmals in der sehr freien Übersetzung und Bearbeitung des „Gargantua“ von Rabelais durch Johann Fischart 1575 auf (Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung). Er ist für seinen kreativen Umgang mit der Sprache und seine Wortschöpfungen bekannt. Ich habe das Wort auch in einer Schrift aus dem Jahr 1788 aufgestöbert, wo anerkennend vom „Bräuneln dieser Wange“ gesprochen wird.

Übrigens: Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt 24,2 % (+1,9 NPD) und in Baden-Württemberg 15,1 % erreicht, bräunelt das dann oder ist es nicht schon ziemlich braun? (15.03.2016)

Nachtrag: Erst ein paar Stunden später ist mir der Einfall gekommen, ob nicht die Krankheit Röteln von einem ähnlichen Verb für „rot werden“ abgeleitet ist, da sich auf der Haut rote Flecken bilden. Tatsächlich: Das Verb „röteln“ im Sinne  von „rot werden“ findet sich im Grimm’schen Wörterbuch. In der Farbenlehre von Goethe (1810) lesen wir: „Sie [die Griechen und Römer] lassen das Gelbe röteln, weil es in seiner Steigerung zum Roten führt, oder das Rote gelbeln, indem es sich oft zu diesem seinen Ursprunge zurück neigt“. Als Bezeichnung für eine Krankheit sind Röteln seit der 2.Hälfte des 16. Jahrhunderts belegt.(15.03.2016)

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Propaganda-Plakate

Die Sozialistische Republik Vietnam ist bekannt für ihre Propaganda-Plakate, die auch im Internet vertrieben werden. Es ist auffällig, dass die Plakate in allen sozialistisch-kommunistischen Staaten ähnlich aussehen. Das Design: großflächig, bunt mit gesättigten Farben (mit Bevorzugung von Rot und Orange), holzschnittartig, eben plakativ. Die Motive: Glückliche Menschen verschiedener Stände, die fröhlich winken und energisch in die Zukunft blicken. (14.03.2016)

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Aktuelle Plakate aus Vietnam zum Fest des Ersten Morgens (dreitägiges Neujahrsfest). Fotos: Florestan Ballstaedt

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Wahlplakate

Die Plakate der Parteien zur Landtagswahl in Baden-Württemberg sind eher langweilig: oft ein Kopf mit einem mehr oder weniger inhaltsleeren Spruch. Einzig die FDP hat sich etwas einfallen lassen, die Slogans sind frech und die Druckerfarben Blau, Geld und Magenta auffällig. Die Politiker sind in Aktion abgebildet und farblich vervielfältigt. Quelle: http://www.fdp-bw.de

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Ein Plakat der AfD hängt am alten Tübinger Schlachthof, ausgerechnet vor einer Asylunterkunft. Die Botschaft wird nicht direkt sprachlich formuliert, ist aber in der Text-Bild-Kombination klar. Die dunklen Gestalten mit Baseball-Kappe und Kapuzen-Pulli, die eine Frau belästigen, sollen wohl keine Deutschen sein. Foto: St.-P. Ballstaedt (12.03.2016)

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Pflotsch

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Wieder ein mir bisher unbekannter Helvetismus: Pflotsch für Schneematsch. Zum gestrigen Tag der Frau hat „Blick am Abend“ einen Gendertipp, der mir allerdings wenig einleuchtet. Die Text-Bild-Beziehung bleibt interpretationsbedürftig  (09.03.2016)

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