Lektüre zur Lingua Blablativa

Baumann, Daniel & Hebel, Stephan (2016). Gute-Macht-Geschichten. Politische Propaganda und wie wir sie durchschauen können. Frankfurt/Main: Westend.

 Die Sprache der Politiker ist ein hervorragendes Studienobjekt, wenn man etwas über die kommunikativen Funktionalitäten der Sprache lernen möchte. Politiker müssen oft etwas sagen, aber wollen oder dürfen es nicht. Manchmal haben sie nichts zu sagen. Oder sie müssen eine noch so dürftige Entscheidung als Erfolg anpreisen. Sie müssen Rücksicht auf Koalitionspartner, Diplomatie, Partei usw. nehmen. Das ist keine gute Situation für eine offene und herrschaftsfreie Kommunikation und bringt oft Sätze hervor, die semantisch analysiert eine Zumutung darstellen. Der Soziologe Niklas Luhmann hat sie einmal „Lingua Blablativa“ genannt.

Die Autoren der Gute-Macht-Geschichten, beide Journalisten der Frankfurter Rundschau, wollen die Bedeutungen aufdecken, die sich hinter den Wortfassaden verbergen. Wörter sind oft Abkürzungen für politische Konzeptionen: Deregulierung, Rettungsschirm, sozialverträglich, Freihandel. Und häufig sind es Euphemismen, also Kuschelwörter, die eine Wirklichkeit beschönigen. „geringfügige Beschäftigung“ ist schlecht bezahlte Arbeit; „Flexibilisierung“ ist Anpassung an den Arbeitsmarkt. Die beiden Journalisten wollen eine „Dechiffrierhilfe“ zur Hand geben, um die politischen Schlagwörter richtig zu verstehen.

Manchmal decken Wörter aber auch auf: Beispiel das Wort „Hausaufgaben“ im Zusammenhang mit der Griechenland-Krise. Wolfgang Schäuble: „Die Regierung in Athen muss ihre Hausaufgaben machen, das kann den Griechen niemand abnehmen.“ Hausaufgaben setzen einen Erziehungsberechtigten voraus, sie sind Bestandteil einer asymmetrischen, hierarchischen Kommunikation. Wer seine Hausaufgaben nicht macht, muss mit Sanktionen rechnen. Im Umgang mit gleichberechtigten Staaten in der EU ist das ein dekuvrierender sprachlicher Umgang. – Auch das Wort „alternativlos“ macht deutlich, dass die Sprecherin keine andere Möglichkeit einer Entscheidung anerkennt und auch keine Diskussion erforderlich ist.

Eine andere Kategorie von Wörtern der Politikersprache sind die von dem Linguisten Uwe Pörksen (1988) analysierten Plastikwörter, die weitgehend sinnentleert sind und deshalb überall eingesetzt werden können. Dazu gehören Wörter wie Struktur, System, Beziehung, Modell, Fortschritt usw. Es sind die Wörter, mit denen die bekannten Phrasendreschmaschinen bestückt werden. (27.03.2016)

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