Das A-Wort

Gleich vorweg: Das N-Wort für schwarze Personen ist aufgrund seiner kolonialistischen Vergangenheit rassistisch und diskriminierend. Man sollte es deshalb nicht benutzen, aber muss es deshalb völlig aus allen Texten verschwinden?

Martin Luther King sagte in seiner berühmten Rede: “One hundred years later, the life of the Negro is still sadly crippled by the manacles of segregation and the chains of discrimination.” Den Satz sollte eine Schülerin im Ethik-Unterricht einer hessischen Schule vorlesen, weigerte sich aber das verwendete Wort für Schwarze auszusprechen und wollte dafür „N-Wort“ sagen. Die Lehrerin bestand darauf, da es sich um einen historischen Text handelt und King das Wort absichtlich benutzt hat. Ein Mitschüler musste weiterlesen. Die Schülerin beschwerte sich, es gab einen Skandal, der an die Öffentlichkeit gedrungen ist (Ich habe meine Informationen aus einem Artikel von Hadija Haruna-Oelker aus der Frankfurter Rundschau vom 31.3.2022).

Die Ersetzung durch N-Wort tilgt das diskriminierende Wort zwar aus der Schriftsprache, aber an was denken wir, wenn wie „N-Wort“ hören? Es ist wie mit dem Götz-Zitat, das in feinsinnigen Klassikerausgaben so abgedruckt ist: „Er aber, sag’s ihm, er kann mich im A….. lecken!“ Welches Wort erscheint  beim Lesen als innere Sprache im Bewusstsein? Arsch! Es würde nichts nutzen, den Arsch durch „A-Wort“ zu ersetzen.  Was ist mit Schimpfwörtern? Sie sind meistens diskriminierend, sie können weltanschauliche oder soziale Gruppen beleidigen. Sollen deshalb Schimpfworte als Mikroaggression tabuisiert und aus dem aktiven Wortschatz getilgt werden?

Darüber kann man diskutieren. Aber wer an  historischen Texten herumstreicht, der beraubt sie ihrer ursprünglichen kommunikativen Funktion, er verfälscht die Kulturgeschichte. Natürlich muss die Bedeutung eines Wortes mit seinen historischen Konnotationen in einer Anmerkung vermittelt werden. (01.03.2022)

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