Neue Sprache, freie Rede

Kübra Gümüşay: Sprache und Sein. Berlin: Hanser, 2021.

Das Buch ist nicht mehr ganz frisch, seit einem Jahr ist es bereits in der 16. Auflage auf dem Markt und auch mehrfach rezensiert, aber eben noch nicht vor mir.

„Sprache und Sein“, ein anspruchsvoller Titel, den Kübra Gümüşay für ihr Buch gewählt hat. Und schon schrecke ich vor meiner Formulierung zurück: Unterstelle ich damit nicht, dass ich einer türkischstämmigen, feministischen, muslimischen Frau ohne linguistische und philosophische Ausbildung ein derartiges Thema nicht zutraue?

Gleich vorweg: Eine theoretisch neue Einsicht zum Verhältnis von Denken und Sprache vermittelt das Buch nicht, seine Stärke liegt darin, die Schwächen und Grenzen der Sprache an konkreten Situationen und Erlebnissen deutlich zu machen: Die Autorin berichtet aus der Perspektive einer Frau, die sich in unserer Gesellschaft nicht aufgenommen, sondern immer noch als Fremde behandelt fühlt. Sie erzählt zahlreiche Beispiele und viele betreffen den sprachlichen Umgang, z.B. in TV-Talkshows, zu denen sie oft geladen wird.

Gümüşay beklagt die Macht der Benennung: Es sind die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft, die eine Minderheit benennt als Migranten, Flüchtlinge, Muslime, Behinderte, Juden usw. bezeichnet. Das sind Kollektivnamen, die die Menschen in kategoriale Schubladen packen und Grundlage für Verallgemeinerungen sind. Nach Ansicht der Autorin beraubt dies die Menschen ihrer Individualität und führt zu Stereotypen und Vorurteilen. Benennung ist Machtausübung mittels Sprache. Sprachkritik hat dies schon oft als Problem thematisiert: Mit jedem Wort wird kategorisiert: „Die Welt in Kategorien zu betrachten, ist eine Notwendigkeit“ (S. 134). Wenn wir einem fremden Menschen gegenüberstehen, dann kategorisieren wir spontan aufgrund von Äußerlichkeiten, Aussehen, Hautfarbe, Kleidung usw., denn Anhaltspunkte für seine Persönlichkeit haben wir noch nicht. Wenn ich eine Frau mit Kopftuch als vermutlich gläubige Muslima kategorisiere, dann vermute ich genau das, weshalb sie ein Kopftuch aufsetzt, nämlich um ihren Glauben zu zeigen. Diese Kategorien werden zu Käfigen, wenn sie mit einem Absolutheitsanspruch versehen werden: Meine Begriffe, meine Sichtweise ist die einzig richtige. Deshalb die Forderung von Gümüşay, die Perspektive wechseln zu, zu akzeptieren, dass es andere Perspektiven auf die Welt und die Menschen gibt und sich zu bemühen, eine andere Perspektive einzunehmen (Role Taking in der Soziologie).

Soweit kann ich der Autorin folgen. Aber im Verlauf der Lektüre wird mir doch unbehaglich, drei kritische Punkte möchte ich anmerken:

  1. Gümüşay bemerkt nicht, dass sie aus kritisierten Zwangskategorisierung auch nicht herauskommt, denn auch sie etikettiert heftig: Sie fühlt sich umgeben von Rassisten, Sexisten, Antisemiten, Antiziganen, Klassisten, Rechtsradikalen, Homophoben, alles Kollektivnamen. Was Mitglieder dieser Gruppen vertreten, sind nach Ansicht der Autorin grundsätzlich keine legitimen Meinungen. Auch spirituelle und religiöse Aussagen sollte man nicht verteidigen und rechtfertigen müssen, also auch ein Ausschluss eines schwierigen Themas. Zurück bleibt ein Stuhlkreis der Wohlmeinenden, die sich gegenseitig auf die Schulter klopfen.
  2. Die Autorin wünscht sich eine herrschaftsfreie, nicht diskriminierende Sprache. Die Ablehnung offen abschätziger und beleidigender Redensarten (hate speech) hat meine volle Zustimmung, aber die Schwelle der Empfindsamkeit liegt sehr niedrig. Wer nicht gendert, diskriminiert die Frauen, wer einen Schwarzen nach seiner Heimat frägt, inspiziert ihn als Objekt und reduziert ihn auf die Herkunft usw. Die Sprache transportiert unvermeidlich Präsuppositionen und Konnotationen, es gibt im kommunikativen Alltag keine neutrale Protokollsprache. Wer es darauf anlegt, wird immer eine versteckte Diskriminierung aufspüren.
  3. Die Bemühung um eine neue Sprache wird einseitig verteilt: Die Autorin verlangt mit Recht, dass die Benennenden eine Sensibilität für ihren Sprachgebrauch entwickeln sollen, aber Kommunikation ist immer ein kooperatives Unternehmen: Ich kann auch erwarten, dass man mir nicht andauernd niedere Motive unterstellt. In der Hermeneutik gibt es für der Kommunikation das „principle of charity“. Die Autorin spricht an einer Stelle auch von einem „wohlwollenden Diskurs“ (S.180). Für die interkulturelle Kommunikation ist Nachsicht ein unbedingtes Prinzip.

Ich stelle mir vor, ich begegne Frau Gümüşay in einer Gesprächsrunde, ich würde nach der Lektüre ihres Buches keinen spontanen Satz mehr über die Lippen bringen, aus Sorge, dass mir eine Formulierung unterläuft, die als unangemessen, diskriminierend oder beleidigend wahrgenommen werden könnte. Ende der Kommunikation. (30.04.2021)

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