Neurodiversität

Ein Buch steht in meinem Regal mit neuropsychologischer Literatur, das ich vor vielen Jahren gelesen habe:

Luciano Mecacci: Das einzigartige Gehirn. Über den Zusammenhang von Hirnstruktur und Individualität. Campus. Frankfurt/New York: Campus Verlag, 1986.

Damals haben mich die Fallgeschichten fasziniert, die aufzeigten, dass das Gehirn, je nach Gebrauch, unterschiedliche Strukturen und Verknüpfungen aufbaut. Musiker, Sportler, Wissenschaftler bilden unterschiedliche Gehirne aus. Eigentlich ist das keine Überraschung, wenn z.B. ein Taxifahrer einen vergrößerten Hippocampus aufweist, der für das räumliche Gedächtnis und die Raumorientierung zuständig ist. Damals waren das Beispiele für die Neuroplastizität des Gehirns.

Das Thema kommt heute unter dem Begriff der Neurodiversität zurück, allerdings mit einer inhaltlichen Verschiebung: Bei der Neuroplastizität ging es um erworbene Veränderungen, jetzt geht es um das neurodivergente Spektrum, d.h. das Gehirn zeigt eine beeindruckende Fülle an natürlichen Ausprägungen und Besonderheiten, von denen einige innerhalb einer Kultur als positiv eingeschätzt werden (Hochbegabung, Hypersensibilität), anderen als negativ (ADHS, Autismus, Tourette). Der Begriff der Neurodiversität transportiert eine normative Botschaft: Akzeptiert verschrobene, wunderliche, störende, exzentrische Personen als natürliche, individuelle Varianten unterschiedlicher Gehirne, nicht als krankhafte Abweichungen! Das liest sich befreiend, hat aber erhebliche praktische Konsequenzen: Unsere Toleranz muss sich ausweiten und Therapien sind dann nicht angebracht. (17.02.2026)

Regenbogenfarbenes Unendlichkeitszeichen als Symbol der Neurodiversitätsbewegung. Quelle: Wikimedia Commons

2 Responses to Neurodiversität

  1. SP Ballstaedt 18. Februar 2026 at 19:39 #

    Neurodiversität und Neurodivergenz sind nicht dasselbe. Ich war in meinem Beitrag begrifflich nicht sauber, wenn ich von „neurodivergentem Spektrum“ geschrieben habe statt von neurodiversem Spektrum. Das eine ist die biologische Variabilität menschlicher Gehirne, das andere die gesellschaftliche Bewertung bestimmter Varianten. Da z.B. Lesen und Schreiben wichtige kulturelle Kompetenzen sind, wird Dyslexie als Störung behandelt. Hochbegabung wird hingegen positiv beurteilt, obwohl sie oft mit erheblichen Problemen der sozialen Kommunikation verbunden ist.
    Danke für den Hinweis.

  2. Matthias Melcher 17. Februar 2026 at 23:23 #

    Ob Neurodiversität gleich Neurodivergenz ist, darüber kann man aber nachdenken. Siehe https://mastodon.social/@Downes/114695504750848687

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