Sprachwandel

Wie viele orthografische und syntaktische Fehler würde ein strenger Korrektor oder Lektor in folgendem Text aus Goethes »Die Leiden des jungen Werther« anstreichen. Der Text wurde 1774 geschrieben.

Du fragst, ob Du mir meine Bücher schikken sollst? Lieber, ich bitte dich um Gottes willen, laß mir sie vom Hals. Ich will nicht mehr geleitet, ermuntert, angefeuret seyn, braust dieses Herz doch genug aus sich selbst, ich brauche Wiegengesang, und den hab ich in seiner Fülle gefunden in meinem Homer. Wie oft lull ich mein empörendes Blut zur Ruhe, denn so ungleich, so unstet hast Du nichts gesehn als dieses Herz. Lieber! Brauch ich Dir das zu sagen, der Du so oft die Last getragen hast, mich vom Kummer zur Ausschweifung, und von süsser Melancholie zur verderblichen Leidenschaft übergehn zu sehn. Auch halt ich mein Herzgen wie ein krankes Kind, all sein Wille wird ihm gestattet. Sag das nicht weiter, es giebt Leute, die mir’s verübeln würden.

Es fällt sofort auf, dass vor allen die Schreibweise und Flektion von Wörtern sich verändert; schikken, angefeuret, syn, giebt, Herzgen, lullen. Die Syntax nimmt sich zwar rhetorische Freiheiten, aber ist auch heute noch akzeptabel. Der Satzbau verändert sich deutlich langsamer als der Wortschatz. Einige Entwicklungen kann man derzeit beobachten:

In der Umgangssprache wird der Verlust des Genitivs nach bestimmten Präpositionen beklagt: Wegen dem schlechten Wetter….“. Noch wird der Dativ in der Schriftsprache als Fehler angestrichen, aber wie lange noch?
Eine umgangssprachliche Satzkonstruktion besteht aus einem Hauptsatz nach den Konjunktionen „weil“ und „obwohl“, wobei das finite Verb nicht wie bei einem Nebensatz am Ende steht: „Ich komme später, weil ich steht noch im Stau.“
Besonders in der Jugendsprache sind Konstruktionen beliebt, bei denen Artikel oder Präpositionen wegfallen: „Ich gehe Kino.“ Derartige Konstruktionen gibt es bereits in der Standardsprache: „Wissen ist Macht“, „Ich bevorzuge Kaffee.“
Ein letztes Beispiel betrifft die im Deutschen beliebte Prädikatsklammer. Statt: „Er hat ein Haus mit riesigem Grundstück gekauft“, wird gebräuchlich: „Er hat ein Haus gekauft mit einem riesigen Grundstück.“ Hier wird das zweiteilige Prädikat „hat…gekauft“ nicht auseinandergerissen. Für ein flüssiges Verstehen ist die Konstruktion sinnvoll. In anderen Sprache wie z.B. Französisch ist diese Konstruktion normgerecht: „Il a acheté une maison avec un immense terrain.“
Ob sich derartige syntaktische Abwandlungen aus der Umgangssprache in geltende Normen umsetzen, das wird sich erst noch zeigen. Auch die starke Konjugation ist weitgehend verschwunden, niemand sagt mehr: „Das Lagerfeuer glomm noch bis lange in die Nacht.“ (17.06.2026)

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