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Fremd- zu Lehnwörtern

Im Antiquariat habe ich für 1,00 Euro Dr. Friedrich Köhlers Fremdwörterbuch erstanden, etwa aus dem Jahr 1909. Beim Blättern fallen viele Fremdwörter ins Auge, die es nicht geschafft haben, als Lehnwörter in das Deutsche aufgenommen zu werden: Abolieren (= tilgen, abschaffen), persuadieren (= überreden), Joujou (= Spielzeug), Karrete (= kleiner schlechter Wagen), Malediktion (= Verwünschung), Flatterie (= Schmeichelei). Auffällig: Alle Fremdwörter sind Gallizismen, kommen also aus dem Französischen. Als Lehnwörter aufgenommen wurden hingegen Ressort, Fontäne, Ressource, Perücke, Toilette, Biskuit. Sie stehen heute im Duden. Warum schafft es ein Wort in den Wortschatz und ein anderes nicht? (08.09.2014)

Wörterbuch

Ein Fremdwörterbuch, das um 1900 (man beachte die Covergestaltung!) vor allem Gallizismen aufführt. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Claim

Pinkeln

Prägnante Werbeaussage auf den Straßen von Westerland (Sylt). Foto: St.-P. Ballstaedt (07.09.2014)

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Sylt

Auch hier kann man die vollständige Funktionalisierung der Landschaft beobachten, die ich schon für den Schwarzwald um Wildbad festgestellt habe. Das Insel-Marketing spricht zwar immer noch unverdrossen vom Erlebnis unberührter Natur, aber die ist eingezäunt, mit Schildern markiert und nicht begehbar. Der Mensch greift sich Stück für Stück: Hier ein Parkplatz, da ein Gasthaus oder wenigstens Kiosk, dort eine Forschungsstation, Ferienwohnungen in den Dünen, ein Golfplatz, eine Reitschneise, eine Spiel- und Bungee-Anlage, ein Trampolin und sogar Hundeabkotflächen. Ebenso der Strand, den man in Westerland nur mit einer “Gästekarte” betreten darf: Abschnitte für FKK, für Hunde, für Surfer, Strandsauna usw. Alles eingeteilt und die Wellen fressen weiter an der Insel, „welche die Natur nicht will.“, so der Direktor des Zentrums für Meeres- und Klimaforschung.

Den Nachrichten aus Schleswig-Holstein habe ich entnommen, dass auf der Nachbarinsel Föhr ein Industriekomplex geplant ist, der etwa 30 Fussballfelder einnehmen wird! Auf einer Insel im Wattenmeer! (04.09.2014)

Sylt

Die Landschaft durchfunktionalisiert. Aus einem Hinweisschild auf Sylt. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Hinrichtungsvideo

Dass Menschen der Kopf abgeschlagen wird, gehört zur Ikonografie vieler Actionfilme (Kill Bill). Als Hussein gehenkt wurde, gab es aber Bedenken, derartige Bilder in unsere Fernsehzimmer zu lassen. Aber auf Youtube wurde das Video über 14 Millionen Mal angeklickt. So wird auch das Video von der Enthauptung des US-Kriegsjournalist Foley sein Publikum finden. Ebenso wie die Folterfotos aus Abu-Ghuraib. Susan Sonntag hat in ein Buch mit dem Titel „Das Leiden anderer betrachten“ geschrieben. Zitat: „Anscheinend ist der Appetit auf Bilder, die Schmerzen leidende Leiber zeigen, fast so stark wie das Verlangen nach Bildern, auf denen nackte Leiber zu sehen sind. In der christlichen Kunst boten Höllendarstellungen jahrhundertelang eine Möglichkeit, die beiden elementaren Bedürfnisse zu befriedigen.“ (50). „Für viele Menschen in den meisten modernen Kulturen sind Chaos und Blutvergießen heute eher unterhaltsam als schockierend.“ (29.08.2014)

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Der US-Journalist James Foley kurz vor der Enthauptung durch die Gruppe Islamischer Staat. Quelle: Internet

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Denktipp

Think2

Verbleichendes Graffito an einer Betonmauer der Haußerstraße in Tübingen. Foto: St.-P. Ballstaedt (28.08.2014)

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Zigeunerwurst

Das Zigeunerschnitzel ist von den Speisekarten verschwunden und zum Paprikaschnitzel mutiert, aber meine geschätzte Zigeunerwurst (mit Chili!) einer schwarzwälder Metzgerei gibt es noch: mit Sombrero und Kaktus auf der Pelle! Sie gehören zur typischen Ikonografie von Mexiko, aber ich assoziiere dabei nicht Sinti und Roma. Aber meine Tsiganologie-Recherchen haben ergeben: Es leben „Gitanos“ in Mexiko. Es gab zwei Einwanderungswellen vor allem aus Ungarn, eine um 1890, eine von 1918 bis 1939. Die Gruppen der Roma und Ludar sind auch in Mexiko diskriminiert, man begegnet ihnen mit Misstrauen. Sie schlagen sich als Textilhändler und Künstler durch. Was eine Wurst doch für einen Erkenntnisgewinn bringen kann! (26.08.2014).

Zigeunerwurst

Keine political correctness an der Wursttheke: Foto: St.-P. Ballstaedt

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Kontaminationen

Ich hatte mir etwas darauf eingebildet, ein Verb zu benutzen, das es offiziell, d. h. im Duden, gar nicht gibt: schnürksen (29.06.2014). Jetzt habe ich in einem Büchlein mit dem Titel „Wörter, die es vermutlich nie in den Duden schaffen werden“ andere Fälle gefunden: z. B. das Verb „schnieseln“ für eine bestimmten Niederschlag. Oder „knuscheln“ für eine Mischung aus Kuscheln und Schmusen. Das sind Verschmelzungen aus zwei Wörtern wie z. B. Brunch oder Motel (linguistisch: Kontaminationen). Meinem lautmalerischen Neologismus „schnürksen“ kommt „zisseln“ am nächsten, das bedeutet jemanden wach rütteln. (25.08.2014)

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Liebeszeichen

Gern haben sie es in alle Rinden eingeschnitten und in Mauern gekratzt. Verliebte haben offenbar den Drang, ihre Beziehung symbolisch zu veröffentlichen. Heute sind das vor allem die Liebesschlösser. Man kann kaum glauben, wie viel Liebe in der Welt ist, wenn man in Großstädten die Unmengen bunter Schlösser an den Brückengeländern sieht. Was ist die Motivation dahinter? Wohl allen Liebenden auf der Welt ist vorbewusst klar, dass Verliebtheit sich bald verflüchtigt. Ein Rest magischen Denkens wehrt sich dagegen und beschwört die ewige Liebe mit dem Symbol des Schlosses: „verlorn ist das sluzzelîn“. (23.08.2014)

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Liebesschlösser am Eisernen Steg in Frankfurt am Main. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Liebeszettelchen auf einer Wand am Balkon von Romeo und Julia in Verona: Foto: Florestan Ballstaedt

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Barttracht

„Das einzige, was er Männliches an sich hatte, konnte er des Wohlstands wegen nicht sehen lassen“, so Georg Christoph Lichtenberg. Statt „Wohlstand“ würden wir heute „Anstand“ sagen, ein schönes Beispiel für eine Begriffsverschiebung. Ein sekundäres Geschlechtsmerkmal wie der Bart ist starken Modeströmungen unterworfen. So ist jetzt plötzlich bei Männern wieder Bartwuchs modern, ja es herrscht ein regelrechter Bartzwang für Männer ab 20: „Einige hippe Szeneheinis waren zwar sexy, aber so arm, dass sie mehr und mehr verwahrlosten und schließlich aussahen wie Neandertaler“, so Michael Herl, die kolumnistische Rampensau der Frankfurter Rundschau. Der Vergleich mit den Neandertalern geht allerdings daneben, denn derzeit sind gepflegte und getrimmte Bärte in. Jetzt also wieder Mannsbilder, die ihr Geschlecht nicht in der Hose verbergen. (21.08.2014)

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Rekonstruktion eines Neandertalers mit ungetrimmtem Bartwuchs. Quelle: Stefan Scheer, Wikimedia Commons

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