In einem Bericht des SWR beklagt der ärztliche Direktor, dass in den letzten Jahren an der Bahnstrecke nahe des Zentrums für Psychiatrie Reichenau viele „Patienten sich suizidieren“, konkret: vor einen Zug werfen. Jetzt hindert sie ein kilometerlanger hoher Zaun vor derartigen Impulsen. Das Verb „suizidieren“ hat sich offenbar in der psychiatrischen Fachsprache etabliert, in einem Lexikon konnte ich es nicht finden. Als reflexives Verb „sich suizidieren“ ist es eigentlich unsinnig. „Sich das Leben nehmen“ klingt humaner und beinhaltet nicht die professionelle Distanz, die mit dem Verb „suizidieren“ zum Ausdruck kommt. (06.09.2015)
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Darßer Türen
Gerade in der Volkskultur werden oft Gegenstände des täglichen Gebrauchs ästhetisch dekoriert oder verziert. Auf dem Darß in Mecklenburg-Vorpommern hat sich seit dem späten 18. Jahrhundert eine Tradition entwickelt, die Haustüren mit geschnitzten Motiven, zuerst einfarbig (rotbraun, grün, grau), später in bunten Farben auszustatten. Die repräsentativen Türen als Eye Catcher waren Zeichen für den Wohlstand der Bewohner. Die schlichten Motive waren Sonne, Blumen, Bäume, Ranken. Pfeile, Sterne usw. (05.09.2015)
Ob die schlichten Motive nicht nur dekorative, sondern auch eine symbolische Bedeutung haben, ist unklar. Foto: St.-P. Ballstaedt
Stehpinkelverbot
In einer Ferienwohnung in Prerow ist über dem Toilettensitz ein Stehpinkelverbot auf die Kacheln geklebt. Es zeichnet sich grafisch durch Kenntnisse der männlichen Anatomie aus: Brünzel und Sack sind sichtbar! (04.09.2015)
Mutiger als die Schilder zu allgemeinen Pinkelverboten, die ich bisher kommentiert habe. Allen gemeinsam: Der geneigte Kopf mit den Augen auf das Produkt gerichtet. Foto: St.-P. Ballstaedt
Vegetarier
Ob aus diesen Kleinen einmal Vegetarier oder Veganer werden? Werbung auf einem Anhänger in Prerow. Foto: St.-P. Ballstaedt (02.09.2015)
Kartoffel-Smiley
Wieder ein Aufkleber an Tübinger Laternenmasten, dessen Botschaft mir verborgen bleibt. Die Schrift ist wohl japanisch. Foto: St.-P. Ballstaedt (28.08.2015)
Nachtrag: Ein native Speaker hat zurückgemeldet, dass die japanischen Schriftzeichen „laser boy“ bedeuten. Aber das bringt uns auch nicht sonderlich weiter…. (02.09.2015)
Pack und Arschgeigen
Vizekanzler und SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel hat die Flüchtlingsfeinde in Heidenau als Pack bezeichnet. Pack bedeutet ursprünglich Bündel oder Ballen (mit Sack und Pack) und wird dann auf deren Träger erweitert. Konkret gemeint sind Personen im Tross einer Militäreinheit, zu denen Marketender (Händler), Quacksalber, Prostituierte usw. gehörten, daher die abwertende, pejorative Bedeutung (Pack schlägt sich, Pack verträgt sich). Eine Steigerung ist das Lumpenpack, dessen Bündel nur aus armseligen Lumpen besteht. Dieselbe Entwicklung hat das französische Wort Bagage genommen.
Falin Urlaub, der Sänger der „Ärzte“ hat die Flüchtlingsfeinde in der FR Arschgeigen genannt. Woher das Schimpfwort kommt, ist nicht ganz klar. Das Hin- und Herbewegen des Bogens hat wohl die Übertragung auf den Koitus inspiriert: „Sie lässt sich gern geigen“ oder abschätzig „Geige“, so wurde über eine sexuell aktive Frau geredet. Arschgeige könnte also auf Analverkehr verweisen, sicher ist das aber nicht. Im Volksmund wird Arschgeige als Versager verstanden.
Wer ein Schimpfwort benutzt, ist sich des etymologischen Hintergrunds natürlich nicht bewusst. Während man Falin Urlaub als Punkrocker die Arschgeigen sicher durchgehen lässt, wird diskutiert, ob Sigmar Gabriel als Politiker mit Pack nicht daneben gegriffen hat. Darf ein Politiker eine – wenn auch unerfreuliche Gruppe – seines Landes verbal ausgrenzen? Kann man nicht Stellung beziehen, ohne sprachlich zu diskriminieren? (27.08.2015)
Meine etymologischen Quellen: Küpper: Wörterbuch der deutschen Umgangssprache II, 1963; Pfeiffer: Das große Schimpfwörterbuch, 1997; Röhrich: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, 2010.
Wortwarte
Schon einmal habe ich auf dieses Projekt aufmerksam gemacht, das seit 2009 an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist: Die Wortwarte. Sie dokumentiert die Entwicklung des deutschen Wortschatzes, indem sie jeden Tag Wörter aus verschiedenen Onlineangeboten fischt, die zum ersten Mal aufgetaucht sind. Diese Wörter werden mit ein paar Tagen Verzug veröffentlicht und belegt. Die Analyse der Wortlisten ist spannend, denn diese Wörter sind Indikatoren für Themen, die gerade gesellschaftlich in der Diskussion sind. Für Soziologen und Linguisten bilden die Listen seit 16.9.2000 eine Fundgrube. Hier z. B. die neuen Wörter vom 20.8.2015:
Der Amalettomat, das Anti-Cheat-System, das Basisgetränk, der Eigen-PR-Effekt, der Entschleunigungsexperte, die Heldenquest, der Lichtstress, der Micro-Four-Thirds-Chip, die Mieterwechselgebühr, die Partnerinteraktion, das Speedskydiven, die Warpzone.
Wie die neuen Wörter methodisch entdeckt und präsentiert werden, dazu ein ausführlicher Bericht von Wortwart Lothar Lemnitzer. Nicht alle Wörter überleben und werden lexikalisiert, viele bleiben Eintagsfliegen (Fachwort: Okkasionalismen). (26.08.2015)
Ein Klavier, ein Klavier
von Frau Berta Panislowski aus Massachusetts…Graffito in der Wilhelmstraße in Tübingen. Foto: St.-P. Ballstaedt (24.08.2015)
SokoTü
Liebeserklärung (?) auf dem Ammersteigweg in den Weinbergen über Hirschau. Foto: St.-P. Ballstaedt (22.08.2015)
Schutzgebiete
Gestern ist mir ein neues Schild im Wald aufgefallen. Waldschutzgebiet, ein auf der Spitze stehendes grünes Dreieck mit einem Specht. Damit werden jetzt Areale ausgewiesen, für die Pflanzen-, Biotop- oder Habitatschutz gelten, z.B. Bannwälder. Die bekannten Naturschutzgebiete sind Areale zum Schutz von Natur und Landschaft. Der Unterschied der beiden geschützten Areale dürfe eher bürokratisch-verwaltungstechnisch sein, mir erschließt er sich nicht. Die Naturschutzgebiete waren früher mit einem grünen Dreieck mit Seeadler gekennzeichnet. Der kam in die Kritik, weil die abgebildete Art des Weißkopfseeadlers nur in Amerika vorkommt. Deshalb wurde dann die heimische Eule auserwählt, um geschützte Areale zu kennzeichnen. (21.08.2015)
Immer müssen Vögel ran: Weißkopfadler, Eule und Specht machen auf ihren bedrohten Lebensraum aufmerksam. Foto: St.-P. Ballstaedt, Wikimedia Commons
Nachtrag: Hier das Schild mit der DDR-Eule, das man noch überall in den neuen Bundesländern finden kann. Foto: St.-P.Ballstaedt (02.09.2015)







