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Emojis

Von den Smilies über die Emoticons zu den Emojis (japanisch = Bildzeichen). Die Bilder sind in der elektronischen Kommunikation auf dem Vormarsch, in E-Mails, Chats, Tweets, Posts usw.

Die bunten Ideogramme stehen für einen Begriff, das ist eine Regression auf den Ursprung der Schrift. So sehen auch einige Wissenschaftler diese Entwicklung als weiteren Beleg für den Niedergang der Schriftkultur. Andere sehen in den Bildchen eine spielerische und kreative Ergänzung der Sprache. Was mich jedoch verwundert: Das Unikode-Konsortiums standardisiert seit 2010 Emojis. In Unicode soll jedes sinntragende Schriftzeichen auf der Welt eine Kodierung zugewiesen bekommen. Da ein Zeichen aus Unicode niemals wieder entfernt wird, wertet das die Emoijs zur einer internationalen Bild“sprache“ auf.

Die ursprünglichen Emojis sind noch sehr von den japanischen Mangas und deren visuellen Konventionen geprägt, inzwischen gibt es zahlreiche grafische Varianten. Kodiert wird nur ein abstraktes Zeichen (= character). Wie sie dann aber konkret aussieht (= Glyphe), das bestimmt das jeweilige Betriebssystem oder der jeweilige Zeichensatz. Auch ein A sieht ja in verschieden Fonts unterschiedlich aus.

Einzelne Emojis können zu Sätzen kombiniert werden, aber hier zeigt sich die Beschränkung des bildlichen Zeichensystems: Auch wenn man die Bedeutung einzelner Emojis versteht – was auch nicht immer einfach ist -, das Verstehen der Kombination setzt erhebliche Interpretationsleistung voraus. (25.02.2015)

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Pfirsich, Aubergine, Party Popper, Verneinung, Haufen: Was bedeutet diese Bildfolge?

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Intarsien 2

Aus dem Familienbestand noch ein Beispiel für ein Kästchen mit Strohintarsien, dessen Entstehungsjahr eingelegt ist: 1943. Die Geschichte dazu: Derartige Dekorationen wurden gern von Soldaten hergestellt und nach Hause geschickt. Im Deckel des Kastens steht mit Tinte geschrieben und mit Veilchenblättern umrahmt: „Juli 1943. Gewidmet von Deinem lieben Sohn Gottlob“. Kurz danach ist Gottlob in Russland gefallen. (24.02.2015)

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Letzter Gruß aus dem Krieg. Foto: St.-P. Ballstaedt

Nachtrag

Von Ingraban D. Simon hat mich heute in einer E-Mail folgende Information erreicht.“ Diese Arbeiten wurden in der Regel nicht von deutschen Soldaten hergestellt sondern von sowjetischen Kriegsgefangenen, die sie als Tauschobjekt für Lebensmittel fertigten.“ Er hat eine Dokumentation derartige Strohmosaiken zusammengestellt. (31.03.2015)

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Giraffe

Das Stencil habe ich in der Tübinger Altstadt am Nonnenhaus entdeckt. Wie so oft, bleibt die Bedeutung unklar. Meine Vermutung: Die Giraffe ist das Symbol für gewaltfreie Kommunikation. Das große Herz – das größte bei Landsäugern – steht für Empathie und der lange Hals steht für Weitsicht. Eingeführt hat diese Symbolik der Therapeut Marshall Rosenberg, der Ideen der humanistischen Psychologie von Carl Rogers weiterentwickelt hat. Er lehrt in seinen Workshops über gewaltfreie Kommunikation das nicht wertende Sprechens und das einfühlsame Zuhören. Der Gegenspieler der Giraffe ist der Schakal bzw. im Deutschen der Wolf. Er steht für Urteilen, Kritisieren, Analysieren, Moralisieren, Beschuldigen und für nicht einfühlsames Zuhören. (23.02.2015)

Giraffe

Orange hier nicht als Warnfarbe: Im Buddhismus symbolisiert Orange die höchste Stufe menschlicher Erleuchtung. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Intarsien 1

Beim Aufräumen im Keller habe ich eine Schatulle wiederentdeckt, die auf schwarzem Grund mit Strohintarsien geschmückt ist. Das hat mich zu einer kleinen Recherche zu dieser Dekorationsform veranlasst. Bei Intarsien (it. intarsiare = einlegen) werden mit einem Schnitzmesser zugeschnittene Holzstückchen zu Mustern und Bildern zusammengelegt. Derartige Arbeiten aus Holz waren bereits 2000 v. Chr. in Ägypten bekannt, dort wurden Möbel damit verziert. Für Europa waren vor allem islamische Einflüsse über die Mauren prägend, in der Renaissance entstanden in Italien zahlreiche Werkstätten. Von Italien breitet sich das Kunsthandwerk über Tirol nach Süddeutschland aus, Zentren waren Augsburg und Nürnberg. Als Kunstform gibt es die Intarsie heute nicht mehr, sie ist zum Hobby geworden. Über den Ursprung der Strohintarsien habe ich gar nichts gefunden, vermutlich handelt es sich bei dieser Form von Intarsien um „gesunkenes Kulturgut“ in Schichten, die keine teuren Edelhölzer verarbeiten konnten. (22.02.2015)

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Zwei Pilzmotive mit Stroh in zwei Farben gelegt. Foto: St.-P. Ballstaedt.

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Nomen est Omen

Im Tagblatt bieten zwei Damen in einem Inserat erotische Dienstleitungen unter den Künstlernamen Titti und Vicky an. Fehlt noch der berühmte Bordellier Otto Schwanz. (20.02.2015)

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Bewerbungsfotos

Um Chancengleichheit zu gewährleisten, dürfen seit 2007 Arbeitgeber kein Bewerbungsfoto mehr fordern, trotzdem ist es Bestandteil der meisten Bewerbungen geblieben. Ein derartiges Portraitfoto hat seine klare Funktion: Es soll die Bewerberin oder den Bewerber möglichst vorteilhaft und für die jeweilige Stelle passend präsentieren. Es haben sich zahlreiche Richtlinien zur Gestaltung von Bewerbungsfotos gebildet. Aus verschiedenen Quellen hier eine Checkliste:

  • Der Bewerber bzw. die Bewerberin muss lächeln, aber nur mit leicht geöffnetem Mund, keine Zähne zeigen!
  • Der Blick ist direkt auf den Betrachter gerichtet, aber der Kopf darf nicht geneigt sein. Das Gesicht darf nie von oben oder unten aufgenommen werden (keine Vogel- oder Froschperspektive).
  • Das Gesicht muss von Haaren frei sein, die Frisur fixiert.
  • Die Augen müssen Wachheit, Neugier, Begeisterung, Offenheit, Freundlichkeit, Souveränität und Professionalität ausstrahlen.
  • Insgesamt ist ein gepflegtes Erscheinungsbild wichtig. Die Kleidung muss arbeitsplatzbezogen gewählt sein: konservativ, zurückhaltend, korrekt.
  • Bei Bewerbern für Führungspositionen immer ein helles, einfarbiges Hemd, dezente, nicht zu farbige Krawatte, dunkles Jackett.
  • Bei Bewerberinnen Bluse und Blazer, kein übertriebener Schmuck, kein aufdringliches Makeup. Bewerberinnen sollten nicht zu nett und niedlich wirken, sondern eher etwas dominant. Kein Dekolletee !
  • Der Hintergrund muss neutral und hell sein. Der Kopf darf nicht angeschnitten werden, keine Hände im Gesicht.

Ein derartiges PR-Foto bekommt natürlich nur ein professioneller Fotograf hin. Vor allem die Ausleuchtung muss stimmen. Und für Makel gibt es ja noch Photoshop. Es bleibt die Frage, wie man im Rahmen derart standardisierter Portraits überhaupt noch Individualität ausdrücken kann? Also lasst die Bewerbungsfotos weg! (19.02.2015)

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Keine Chance auf eine Führungsposition: Fehlende Krawatte, helles Sacco, Frisur nicht fixiert, Blick unprofessionell. Foto: Tübingen Foto Kleinfeldt.

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Lektüre zu Schreiben und Lesen

Henning Lobin (2014): Engelbarts Traum. Wie der Computer uns Lesen und Schreiben abnimmt. Frankfurt am Main: Campus.

Weil Lesen und Schreiben mein Leben lang ein zentrales Thema war, hat mich der Untertitel schon gereizt: Der Computer nimmt uns Schreiben und Lesen ab? Henning Lobin, Professor für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik an der Justus-Liebig-Universität Gießen, referiert ausführlich, wie sich die Kulturtechniken und die Kommunikationsakte des Lesens und Schreibens durch den Computer geändert haben und sich mit ihnen die Texte und Institutionen verändern. Er beschreibt einen Übergang von der Druckkultur zur Digitalkultur.

Vieles habe ich selbst erlebt: Ich habe noch handschriftliche Manuskripte, auf der Schreibmaschine geschrieben Texte (und mit Wachsmatrizen vervielfältigt), dann die ersten digitalen Texte mit Nadeldruckern ausgedruckt. Verschwunden sind Durchschlagpapier, Diktiergeräte, Disketten usw. Bei der Lektüre des Buches ist mir deutlich geworden, in welcher rasanten kulturellen Evolution man selbst involviert ist. Besonders spannend sind die Prognosen, denn sie gehen fast alle von bereits vorhandenen technischen Möglichkeiten aus und extrapolieren sie nur konsequent: automatische Übersetzung, Texterkennung, maschinelles Lesen, Text Mining, kollaboratives Schreiben, Language Checker usw.

Sowohl beim Lesen wie beim Schreiben sieht Lobin drei Tendenzen: 1. Hybridität: Schreiben wie Lesen sind ohne Computer nicht mehr möglich, der digitale Text entsteht in Interaktion mit Textverarbeitungs- und Autorensystemen, die bestimmte Vorgabe machen oder zumindest vorschlagen. In seinem Blog hat Lobin seine Texterstellung dokumentiert. 2. Multimedialität (besser Multikodalität): In den Text werden stille und bewegte Bilder jeder Art integriert, es entstehen multikodale Kommunikate, die sowohl in der Produktion wie in der Rezeption neue Fähigkeiten erfordern. Ein Beispiel sind die Präsentationen (über die Lobin ein ebenfalls lesenswertes Buch geschrieben hat). 3. Sozialität: Schreiben und Lesen sind in der Druckkultur einsame Kommunikationsakte, in der Digitalkultur findet über Texte ein reger Austausch im Netz statt: Bewertungen und Rezensionen in sozialen Netzwerken und Blogs.

Tatsächlich ist ein Stadium denkbar, in dem Bücher in den Computer diktiert und als Hörbuch rezipiert werden. Das klassische Schreiben und Lesen wäre damit verschwunden. Von Ernst Bloch erzählt man, er habe seine Bücher auf dem Sofa liegend und Pfeife rauchend seinem Assistenten diktiert, er hat sie also streng genommen gar nicht geschrieben. Es bleibt die Externalisierung von Gedanken in Zeichen – Texte, Bilder, Visualisierungen – und die Sinnentnahme aufgrund dieser Zeichen.

Diskussionsstoff bieten die Passagen über Kultur und kulturelle Evolution. Man kann Kultur als Zeichensystem auffassen, aber die Übertragung der Sprache mit syntaktischen, semantischen und pragmatischen Regeln auf andere kulturelle Zeichenkomplexe, z.B. den Film, führt oft nur zu oberflächlichen Analogien. Auch die Anwendung der Memetik von Richard Dawkins auf die digitale Evolution ist anregend, aber doch sehr gewagt und umstritten. Aber Lobins Analysen und Prognosen bleiben gültig, auch wenn man diesen Sprung in die Meme nicht nachvollziehen kann.

Sehr angenehm ist, dass Lobin die Veränderungen beschreibt und analysiert, ohne in die üblichen Argumentationsmuster von Apokalyptikern oder Integrierten zu verfallen. Vor allem im 7. Kapitel „Was vergeht? Was entsteht?“ weist er auf problematische Entwicklungen hin: Verringerung der sprachlichen Tiefe von Texten; Abkehr vom linearen Lesen und damit vom Verstehen komplexer Argumentationen; Aussterben der individuellen Handschrift; Suchmaschinen statt Bibliotheken, Möglichkeiten der Zensur und Kommunikationskontrolle usw. Wir haben zwar die Steuerung über die digitale Welt verloren, aber durch Politik und Gesetzgebung können bestimmte Entwicklungen gefördert oder behindern werden. Sehr bedenkenswert sein Vorschlag, einen öffentlich-rechtliche Suchmaschinenbetreiber zu etablieren, dessen Algorithmen kein Geheimnis sind und der nicht mit den Anfragen und Kommunikaten seiner Nutzer Geld verdient.

Wer war übrigens Douglas Engelbart? Ein amerikanischer Informatiker, der viel zur Digitalkultur beigetragen hat, z.B. die Maus. Er hat 1968 in einer Demonstration auf der Fall Joint Computer Conference gezeigt, wie ein digitaler Text entsteht und verändert wird. (14.02.2015)

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Douglas Engelbarts Tagtraum von der Digitalkultur. Quelle: http://www.scilogs.de/

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Eingangsvoraussetzung

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Schild an der Tür der Kneipe „The last Resort“ in der Mühlstraße in Tübingen. Da müssen wohl viele draußen bleiben. Foto: St.- P. Ballstaedt (11.02.2015)

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Mona Paprika

Auf einer roten Paprika habe ich einen Aufkleber mit der Darstellung der Mona Lisa entdeckt (hier Monna Lisa, vermutlich der italienische Gemüseproduzent). Das Bildchen hätte Aby Warburg erfreut, der die Geschichte von Bildmotiven untersucht hat. Seine Bildtafeln mit Motivgruppen, in die er alle visuellen Dokumente wie Werbung, Briefmarken, Streichholzschachteln usw. gruppierte, sind leider verloren gegangen, aber seine Ikonologie hat sich als kulturwissenschaftlichen Methode etabliert. Die Mona Lisa des Leonardo da Vinci ist ein Gemälde, das in unzähligen Varianten als Symbol der Renaissance verbreitet ist, vom T-Shirt über Kaffeetassen bis zu Karikaturen. (10.02.2015)

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Von einer Paprika lächelt Mona, aber nur wenn man genau hinschaut. Fotos: St.-P. Ballstaedt

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