Marie Goslich

Es ist faszinierend, wenn ein Mensch und sein Werk der Vergessenheit entrissen werden wie z. B. bei der Fotografin Vivian Maier. Jetzt hat ein studentisches Projektteam des Instituts für Medienwissenschaft der Uni Tübingen die jüdische Journalistin Marie Goslich wiederentdeckt: 1859 in Frankfurt an der Oder geboren, 1937 in eine Landesheilanstalt eingeliefert und dort verschollen. Etwa 400 Fotos haben in Zeitungspapier auf einer Treppe im Hühnerstall überdauert, sonst sind fast alle Dokumente über ihr Leben verschwunden. 70 Fotos haben die Studierenden ausgewählt und im Schönbuchmuseum in Dettenhausen präsentiert. Dazu gib es einen schön schlicht gestalteten Katalog.

Obwohl das Fotografieren mit schwerer Kamera auf einem Stativ umständlich war, wirken die Menschen spontan und lebendig, wenn sie bei Arbeit, Sport und Freizeitvergnügungen abgelichtet werden. Marie Goslich war auch als Mode- und Sportfotografin tätig, aber besonders interessierten sie Menschen der unteren Schichten: Arbeiter, Bauern, Taglöhner, Saisonarbeiter, Hausierer, Straßenhändler, Vagabunden. „Les gagne-petits [Kleinverdiener] nennt sie der Franzose und kennzeichnet damit halb mitleidig, halb verächtlich die geringe Stellung, die sie in der Welt, in der der Mensch nach dem Geldverdienst abgeschätzt wird, einnehmen“. So schreibt sie 1906 in einer Reportage in „Die Woche: moderne illustrierte Zeitschrift“. (10.08.2015)

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Auf der Straße: Ein fahrender Händler mit Haus- und Küchengeräten aus Blech und Eisen. Quelle: Maria Goslich im Schönbuchmuseum

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