Performatives Philosophieren

Neben der akademischen Philosophie der verbeamteten Denker hat es immer Außenseiter gegeben, die Philosophie gelebt haben, meist auf dem Grenzgebiet der Kunst. Während die herkömmliche Philosophie im Lesen und Schreiben, also im Text ihre geronnene Ausdrucksform findet, werden nichtdiskursive Formen des Erkennens eher kritisch gesehen. Das gilt schon für das visuelles Denken, aber auch für andere Ausdrucksformen des Überschreitens und auch Scheiterns. Philosophie als Handlung als erkenntnisgenerierende Aktion, bei denen es um Erfahrungen geht, nicht um den Aufbau von Begriffssystemen.

Sokrates, der nichts gelesen, nichts geschrieben, nichts gearbeitet, sondern auf dem Marktplatz Menschen befragt hat, kann als erster performativer Philosoph angesehen werden. Obwohl er viel geschrieben hat, kann man auch Georges Bataille in diesen Kontext stellen, da er in den Erfahrungen der Transgression, im Religiösen, im Rausch und der Ekstase einen Zugang zur Erkenntnis sieht. In meinem Philosophie-Studium wurde ich mit der Pataphysik von Alfred Jerry konfrontiert, der Wissenschaft von den imaginären Lösungen, der wohl auch unter die performativ Philosophierenden gerechnet werden kann.

Für Wittgenstein war Philosophie keine Lehre, sondern eine Tätigkeit des Aufräumens sprachlicher und geistiger Verwirrungen. Nach dem „Tractatus logico-philosophicus“ hat er getreu seinem berühmten letzten Satz „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ lange überhaupt nichts veröffentlich, später nur noch Fragmente und Bemerkungen. Der Tractatus ist ein kurzer Text, der sich den Lesenden nicht einfach erschließt. Jetzt bietet der Philosoph Hanno Depner einen neuen performativen Zugang zu dem Werk an: einen Bausatz, der den Text in einer dreidimensionalen Architektur visualisiert. Vor Jahren hat er ein ähnliches Projekt realisiert „Kant für die Hand“, einen Würfel, der die „Kritik der reinen Vernunft“ handhabbar macht. Der Tractatus-Turm umfasst sieben Stockwerke anlog den sieben Hauptsätze des Werkes, die weiter ausgefaltet werden können. Die Bestandteile sind im Buch vorgestanzt, aber man braucht großes Fingerspitzengefühl, um die kleinteiligen Schubladen zu falten und zusammenzukleben. Der Trailer zum Buch zeigt die Arbeit eindrücklich. Inhalt und Aufbau des Textes werden auf diese Weise begreifbar. Also nicht lesen und grübeln, sondern basteln und begreifen. (14.12.2019)

Hanno Depner: Wittgensteins Welt selbst hergestellt. Der “Tractatus“ als Turm zum Basteln und Begreifen. München: Penguin Verlag, 2019.

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