Sensitivity

Trigger-Warnungen insbesondere vor Filmen sollen darauf vorbereiten, dass der Film Szenen enthält, die bei bestimmten Personen als Auslöser für Angst oder Panik wirken können, z. B. Darstellungen von Folter, Vergewaltigung, Suizid. Für Menschen mit psychischen Vorbelastungen kann das ein nützlicher präventiver Schutz sein.

Inzwischen haben sich Trigger-Warnungen aber ausgeweitet. So wird vor dem Filmklassiker „Vom Winde verweht“ in der deutschen Fassung eine Warnung vorangestellt, dass der Film rassistische Inhalte enthält, die bestimmte Zuschauer verstören könnten: Die Darstellung der Sklaverei ist in dem Film tatsächlich hochgradig problematisch, aber muss man davor warnen? In Amerika gab es bereits die Forderung, den Film nicht mehr zu zeigen, obwohl er ein zeitgeschichtliches  Dokument der amerikanischen Mentalität darstellt.

Und es geht noch einen Schritt weiter. Ausgehend von amerikanischen Universitäten soll auch bei Literatur vor allen Inhalten gewarnt werden, die auf religiöse, sexuelle, ethnische Minderheiten oder Menschen mit Behinderung verletzend wirken könnte. Inzwischen gibt es den Sensitivity Reader als Beruf, der oder die Manuskripte mit dem Fokus lektoriert, ob in Wörtern und Sätzen diskriminierende Ausdruckweisen vorkommen. Dazu gehören auch sogenannte Mikroaggressionen, die zwar harmlos erscheinen, aber andere Personen indirekt abwerten, z.B. wenn ich zu einem Migranten sage „Sie sprechen ja gut deutsch. Woher kommen Sie eigentlich?“ Das Sensitivity Reading soll ausdrücklich keine Inhalte und Ausdrucksweisen verbieten, sondern nur dafür sensibilisieren, wie sie auf bestimmte Lesende wirken könnten. Der Autor bzw. die Autorin soll den Sprachgebrauch noch einmal überdenken.

Ich habe mir noch einmal die Romane durch den Kopf gehen lassen, die ich in den letzten Monaten gelesen habe, ich glaube nicht ein Text würde das Sensitivity-Lektorat ohne  Beanstandungen überstehen. Auch die Klassiker kämen wohl nicht ungeschoren davon.

Die Welt ist nicht so sauber, gerecht und  vorurteilsfrei, wie wir sie uns vielleicht wünschen, aber müssen wir davor von Zensoren geschützt werden? In Amerika hat sich der Begriff „Generation Snowflake“ für Personen verbreitet, die überaus sensibel, emotional verletzlich, psychisch labil und wenig resilient gelten. Aber diese Bezeichnung soll natürlich wieder als diskriminierend, abwertend und beleidigend aus dem Sprachgebrauch verbannt werden. (08.11.2020)

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