Stille Post?

Erst jetzt habe ich ein Buch entdeckt, das bereits 2007 erschienen ist, und eine Familiengeschichte zwischen Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Diktatur und Nachkriegsjahren aufgrund von persönlichen Dokumenten rekonstruiert.

Christina von Braun: Stille Post. Eine andere Familiengeschichte. Berlin: Propyläen, 2007

Warum eine „andere“ Familiengeschichte? Der Autorin, Kulturwissenschaftlerin und Filmemacherin geht es um zwei Aspekte, die bisher in Biografien vernachlässigt wurden:

1. Sie will nachweisen, dass bestimmte Sichtweisen, Mentalitäten, Konflikte von Generation von Generation vererbt werden, nicht biologisch über die Gene, sondern über unbewusste psychologische Kanäle, über Erziehung, Vorbilder, Lektüre und vor allem inoffizielle Erinnerungen in Briefen, Tagebüchern, Gesprächen, Fotos. Unbewusste Erbschaften, für die ich im Studium der Entwicklungspsychologie den Ausdruck „Milieuvererbung“ gelernt habe. Die Autorin verwendet dafür die Metapher von der „stillen Post“, die mir aber nicht sonderlich einleuchtet. Denn bei dem bekannten Kinderspiel wird eine Ausgangsbotschaft im Verlauf der Weitergaben durch Auslassungen, Hinzufügungen, Missverständnissen usw. verändert. In der Familiengeschichte geht es aber vor allem um unerwünschte, subversive, illegale, intime, „geflüsterte“ Botschaften, die eigentlich unter der Decke der offiziellen Geschichtsschreibung bleiben.

2. Nach der Autorin wird die stille Post vor allem von Müttern auf die Töchter weitergegeben. „Bei den Frauen gelangt die Geschichte über die Psyche der Mütter in die nächste Generation und macht sich so in der Psyche der Töchter breit“ (S.105). Männer hingegen schreiben offizielle Memoiren, in denen sie ihr Leben in den Strom der Geschichte einordnen. Diesen Unterschied gibt es wohl tatsächlich, aber auch Männer schreiben Tagebücher und Briefe, die stille Post als reine Domäne der Frauen zu reklamieren, ist gendermäßig etwas verkürzt. Allerdings ist richtig, dass die Erfahrungen und Leistungen von Frauen und ihre Lebensgeschichten oft völlig untergehen. Ein eindrucksvolles Beispiel ist die Großmutter der Autorin, Hildegard Margis, eine selbstbewusste alleinerziehende Frau, die einen Verlag gründet und später in einer Widerstandsgruppe gegen die Nazis arbeitet.

Trotz der Einwände bietet die inoffizielle andere Familiengeschichte über drei Generationen Einblicke, die die offiziellen Geschichtsschreibung bereichern (obwohl es ja inzwischen Oral History oder Mentalitätsgeschichte gibt). Die Probleme und Konflikte der Menschen in den politischen Wirren dieser Jahrzehnte sind mir noch nie so plastisch vor Augen gestanden, wie bei der Lektüre dieses Buches. (01.09.2019)

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