Straßennamen

Nach welchen kulturellen und politischen Bedingungen werden neue Straßen benannt und unter welchen Bedingungen werden sie umbenannt?

Im Mittelalter gab es keine Straßennamen, wer ein Haus suchte, musste sich an Hauszeichen orientieren, einfache graphische Ritzsymbole, die am Haus angebracht waren und die auch Leseunkundige erkennen konnten. Oft ikonische Zeichen wie ein Fisch oder Symbole, oft in Form eines Wappens. Dann folgten Hausnamen nach den Besitzern oder der Funktion des Hauses, die Lokalisierung erfolgte nach den Anliegern bzw. wichtigen Nachbarn. Ein Haus in Tübingen wurde z.B. so beschrieben: „hinter dem Rathaus an Conrad Raid von Pfeffingen und Michel Gasslin“. Als die Städte wuchsen, wurde diese Lokalisierung unübersichtlich, nicht zuletzt, weil die Bezeichnungen sich immer wieder änderten oder mehrfach vorkamen. Abhilfe schuf die Einführung von Hausnummern im 18. Jahrhundert. Teilweise gab es bereits Straßennanmen, teilweise wurden sie erst nach der Nummerierung eingeführt. Die Nummerierung von Häusern war eine obrigkeitliche Maßnahme, um staatliche Kontrolle durchzusetzen, z.B. die erleichterte Rekrutierung und Einquartierung von Soldaten. In Tübingen wurde 1772 die Hausnummerierung mit der Einführung der obligatorischen Gebäudebrandversicherung angeordnet.

Die Benennung und Umbenennung von Straßen ist eine Geschichtslektion besonderer Art. In den Straßenamen spiegeln sich gesellschaftliche Entwicklungen und Mentalitäten. Berücksichtigt wird eher die gesellschaftliche Elite und bisher sind Frauen deutlich unterrepräsentiert: Monarchen (Kaiser-Wilhelm-Straße), lokale Honoratioren, Künstler (Goethestraße), Wissenschaftler (Max-Planck-Straße), Politiker (Friedrich-Ebert-Straße), Bevölkerungsgruppen (Judengasse), Berufsgruppen (Reeperbahn, Metzgergasse), historische Ereignisse (Platz der Revolution), Firmen (McDonald-Straße; Deutsche-Telekom-Allee). Wenn für neue Stadtviertel unbelastete Benennungen ausgehen, dann wählt man oft unverfängliche Namen wie Ahornweg oder Falkenweg. Es gibt in der BRD 4 500 Baum-Viertel und 3 500 Vögel-Viertel!

Viele Straßen wurden nach dem Nationalsozialismus (statt Nazis jetzt Widerstandskämpfer) und nach der Wiedervereinigung (statt Leninring jetzt Ringstraße) umbenannt. Noch immer wird über Straßennamen diskutiert, wenn es um angebräunte Personen (Martin-Heidegger-Straße) oder ehemalige DDR-Größen geht (Wilhelm-Piek-Straße). ZEIT ONLINE hat alle Straßennamen in der BRD in einem Datensatz erfasst, es gibt etwa 1 Million Straßen mit 450 000 unterschiedlichen Namen, der häufigste Straßenname in Deutschland: Hauptstraße (8 245). Manchen Namen gibt es nur einmal: z. B. die Kerrygoldstraße. Man kann im Datensatz eigene Recherchen durchführen.

Straßennamen

Eine Fundgrube und meine Inspiration zum Thema: Helmut Eck: Die Tübinger Straßennamen. Vielfach umbenannt. Ein stadtgeographischer Beitrag zur Geschichte und Bedeutung der Tübinger Straßennamen. Universitätsstadt Tübingen: Stadtarchiv, 2016. (27.02.2018)

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