The hill we climb

Gleich vorweg: Ich halte nicht viel von der Übersetzung von Lyrik. Es geht immer etwas verloren, inhaltliche Nuancen, der Rhythmus und die Metrik, der Klang und der Reim, der Assoziationshof der Wörter, Mehrdeutigkeiten usw. Selbst Übersetzerinnen und Übersetzer, die Milieu und Mentalität des Dichters kennen, können nur einen vagen Eindruck vom Original vermitteln, bestenfalls also eine Nachdichtung..

Die schwarze Poetin Amanda Gorman hat beim Amtseintritt von US-Präsident Jo Biden ein kraftvolles Poem vorgetragen, dessen 19 Strophen in den nächsten Tagen auch auf Deutsch erscheinen wird. Aber schon der Titel „Den Hügel hinauf“ zeigt das Problem der Übersetzung: Im Original „The Hill we climb“. Wo ist das Wir geblieben, das im Gedicht noch mehrfach vorkommt und sicher inhaltlich nicht unbedeutend ist. Eine Übersetzerin gab den Auftrag wieder zurück, einem Übersetzer wurde er wieder entzogen. Denn das Argument wurde verbreitet, dass ein Gedicht einer schwarzen jungen Frau nur eine schwarze junge Frau übersetzen könne. Also wieder einmal Identitätspolitik, in der Hautfarbe, Herkunft und Geschlecht offenbar die einzigen Merkmale einer Persönlichkeit sind.

In Deutschland wollte der Verlag Hoffmann und Campe nichts falsch machen und hat drei Frauen mit der Übersetzung beauftragt: eine schwarze Journalisten (Hadija Haruna-Oelker), eine türkische Muslima (Kübra Gümüsay) und eine weiße deutsche Übersetzerin (Uda Strätling). Das ist sicher ein interessantes Experiment, aber was bedeutet das für zukünftige Übersetzungen?

Und die Forderungen gehen in diese Richtung weiter: Am Theater sollen Rollen von Schwarzen nur mit Schwarzen besetzt werden, das leuchtet ein, aber wir sind ja inzwischen schon lange soweit, dass schwarze Mimen auch weiße Personen spielen. Darf das denn sein? Abartig wird aber die Idee, dass die Rollen von Schwulen nur noch von Schwulen gespielt werden dürfen. Zuende gedacht: Nur Prostituierte dürfen Prostituierte darstellen, Alkoholiker nur Alkoholiker. Und nur Kriminelle dürfen Kriminelle spielen, immerhin ein interessantes Resozialisierungsprogramm. (29.03.2021)

Ein Auftritt am 20.01.2021, der die Dichterin Amanda Gorman auf einen Schlag auf der ganzen Welt bekannt gemacht hat. Foto: Wikimedia Commons

4 Responses to The hill we climb

  1. SP Ballstaedt 30. März 2021 at 17:45 #

    Also ich halte es für richtig, für einen Autor oder eine Autorin eine kongeniale Übersetzerin oder einen Übersetzer zu finden, der mit Milieu und Mentalität vertraut ist. Ein gutes Beispiel ist für mich Harry Rowohlt.
    Im Fall von Amanda Gorman habe ich aber den Eindruck, dass Identitätspolitiker*innen hier ihr Süppchen kochen wollen, aber vielleicht täusche ich mich da.

    • uli 31. März 2021 at 16:53 #

      Erstens: Klare Sache. Zweitens: Kann schon sein. Vielleicht hilft die Debatte aber dabei, dass die Verlage nicht immer gleich den nächstbesten weißen, männlichen Übersetzer anrufen, sondern auch andere Möglichkeiten in Betracht ziehen. Da wäre schon einiges erreicht.
      Dass das Übersetzen von Lyrik ohnehin fast unmöglich ist, steht nochmal auf einem anderen Blatt.

    • SP Ballstaedt 31. März 2021 at 17:02 #

      Ich kann Ihr Argument nachvollziehen, uns trennen nur Nuancen. Ich hab mir das Gedicht angesehen. Es ist weder auf Englisch noch auf Deutsch besonders gelungen, seine Wirkung hat wohl vor allem mit der politischen Situation in den USA zu tun.

  2. uli 30. März 2021 at 13:57 #

    Wenn ich es richtig verstehe, ist die Idee nicht, dass nur Schwarze Schwarze übersetzen dürfen. Das würde so auch nicht funktionieren. Janice Deul, die dieselbe Debatte in den Niederlanden mit einem Zeitungskommentar in Gang gesetzt hat, erklärt im Interview bei Übermedien: “Niemand hat so was gesagt oder gefordert. Identität ist nicht das wichtigste Kriterium bei der Frage, wer mit einer Übersetzung beauftragt wird. Aber wir dürfen unsere Augen nicht vor der Tatsache verschließen, dass Identität immer eine Rolle spielt, ein Teil dessen ist, was man macht und wie man es macht.” Denn: “Dieses spezifische Gedicht hat eine große symbolische Bedeutung, die weit über die Literatur und das Gedicht hinausreicht. Das fängt an bei der Dichterin. Dass Amanda Gorman geeignet war für den Auftritt bei der Amtseinführung ist wichtig für viele junge Frauen of Color, die so oft als ungeeignet angesehen werden für bestimmte Aufgaben. Und man sollte bedenken vor dem Hintergrund von Black Lives Matter, dass wir in den Niederlanden so viele Spoken-Word-Künstler*innen of Color haben, die sich auf Gorman beziehen können, auf ihre Arbeit und ihren kulturgeschichtlichen Background. All das kann für mich nur zu dem Schluss führen, dass es in dieser speziellen Situation eine verpasste Gelegenheit wäre, hier nicht jemanden für die Übersetzung zu engagieren mit einem ähnlichen Profil wie Amanda Gorman. Das habe ich gesagt, und das denke ich immer noch.”

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