Zur Identitätspolitik

Vorweg: Ich bin für Diversität und gegen Diskriminierung. Aber derzeit ist auffällig, wie viele sprachliche und nichtsprachliche Handlungen als rassistisch, sexistisch, antisemitisch, klassistisch, islamophob usw. eingestuft und moralisch verurteilt werden. Positiv daran: Die Sensibilität für den Sprachgebrauch und die kognitiven Strukturen dahinter ist gestiegen. Negativ: Es entsteht eine Gruppe von Zensoren, die jede Äußerung auf die Goldwaage legen und nach diskriminierenden Nuancen suchen. Das hermeneutische Prinzip der wohlwollenden Interpretation ist außer Kraft gesetzt.

Unser kognitives System ist auf Kategorisierung und Verallgemeinerung eingestellt. Wer mit sich ehrlich ist, wird auch bei sich entdecken, dass er Menschen vom ersten Kontakt an aufgrund von Äußerlichkeiten und Verhaltensweisen in Schubladen steckt. Das bedeutet nicht, dass wird diesen Kategorien nicht entkommen können, aber spontan bestimmen sie oft Wahrnehmung, Denken und eben auch das Sprechen.

Sprache ist immer wertend, viele Substantive, Verben, Adjektive und Adverbien haben eine pejorative oder  meliorativ (abwertende oder aufwertende) Bedeutung. Rein sachliche Äußerungen und neutrale Beschreibungen sind eher selten. Wertungen sind tief in der Sprache verankert, Werten ist ein elementarer Sprechakt und eine Grundlage für das Entstehen von Werten und Moral. Was war zuerst: die Werte, die dann auf den Sprachgebrauch einwirken, oder das sprachliche Werten, das schließlich Werte hervorbringt? Natürlich sollte man auf die Wahl der Worte achten, aber die Sprache von Wertungen zu reinigen, ist ein vergebliches Unterfangen.

Es gibt keine eindeutige Grenze zwischen rationaler Kritik und Diskriminierung. Wenn ich das Verhalten einer Person oder Beschlüsse einer Institution kritisiere, dann ist das mit Wertungen verbunden, die für eine Person oder Institution herabsetzend, beleidigend oder diskriminierend wirken können. Wenn das Kriterium, was diskriminierend ist, den Adressaten zugesprochen wird, dann werden Kritiker mundtot gemacht: Man kann den Islam nicht mehr als frauenfeindlich oder die israelische Siedlungspolitik gegenüber den Palästinensern als annektionistisch bezeichnen.

Bei strenger political correctness bleiben auch Witz , Satire, Ironie und tiefere Bedeutung auf der Strecke. Ironie ist politisch immer gefährlich und wird leicht und gern missverstanden. Witze haben meist Menschen als Vertreter einer Gruppe zur Zielscheibe: Pfaffen, Schwiegermütter, Ärzte, Politiker usw. Satire spitzt gnadenlos zu, übertreibt, spottet, prangert an. Für Betroffene können diese Sprachformen durchaus als beleidigend und diskriminierend empfunden werden.

Menschen konstruieren sich eine Identität, je nach geschichtlicher Situation oder persönlichen Erfahrungen kann ein Teil der Identität dominant sein: Homosexuelle definieren sich durch ihre Sexualität, Frauen durch ihr soziales Geschlecht, Schwarze über ihre Hautfarbe. Aber wenn diese Merkmale im Selbst- wie im Fremdbild zum Kernbestandteil der Identität werden, dann reagiert die Person empfindlich auf vermeintliche Diskriminierungen, obwohl eine gewisse Gelassenheit souverän wirken würde. (17.05.2021)

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