Im SPIEGEL 52/2016 hat der Journalist Stefan Berg ein Essay veröffentlicht, in dem er den Sprachgebrauch im Netz als „verbale Inkontinenz“ kritisiert. Er stellt gegen diese „Verhappungsverknappungsmaschinerie“ ein Plädoyer für den langen und syntaktisch anspruchsvollen Satz. Das Argument: Die Wirklichkeit ist komplex und lässt sich nicht adäquat in einfachen Sätzen beschreiben: „Die Wahrheit braucht lange Sätze.“ Einer differenzierten Sprache entspricht auch ein differenziertes Denken, umgekehrt ist eine einfache Sprache Indikator für ein schlichtes Denken. Das hatten wir in der Soziolinguistik schon einmal als elaborierten und restringierten Sprachgebrauch (Basil Bernstein). Die These ist durchaus plausibel, denn ein komplexes Satzgefüge enthält über Relativsätze und Konjunktionalsätze inhaltliche Verknüpfungen. Wer nur kurze Phrasen formuliert, der denkt auch weniger in Zusammenhängen. Einfache Sätze lassen viele inhaltliche Beziehungen implizit und sind deshalb offener für Missverständnisse und Interpretationen. Wer lange komplexe Sätze formuliert, der lässt sich auch Zeit, seine Gedanken zu entwickeln und schreibt nicht bei jedem Impuls sofort einen Tweet.
Aber stimmt die Gleichung? Ist ein komplexer Satz grundsätzlich der Ausweis eines differenzierten und wahrhaftigen Denkens? Oder kann er nicht auch Beleg für geistige Wirrnis und unausgegorene Gedanken sein? Komplexe Formulierungen und verbales Imponiergehabe tarnen oft die Dürftigkeit der Argumente und das Motiv des Verschleierns. (28.12.2016)






