Author Archive | SP Ballstaedt

Trümmerdeutsch

Im SPIEGEL 52/2016 hat der Journalist Stefan Berg ein Essay veröffentlicht, in dem er den Sprachgebrauch im Netz als „verbale Inkontinenz“ kritisiert. Er stellt gegen diese „Verhappungsverknappungsmaschinerie“ ein Plädoyer für den langen und syntaktisch anspruchsvollen Satz. Das Argument: Die Wirklichkeit ist komplex und lässt sich nicht adäquat in einfachen Sätzen beschreiben: „Die Wahrheit braucht lange Sätze.“ Einer differenzierten Sprache entspricht auch ein differenziertes Denken, umgekehrt ist eine einfache Sprache Indikator für ein schlichtes Denken. Das hatten wir in der Soziolinguistik schon einmal als elaborierten und restringierten Sprachgebrauch (Basil Bernstein). Die These ist durchaus plausibel, denn ein komplexes Satzgefüge enthält über Relativsätze und Konjunktionalsätze inhaltliche Verknüpfungen. Wer nur kurze Phrasen formuliert, der denkt auch weniger in Zusammenhängen. Einfache Sätze lassen viele inhaltliche Beziehungen implizit und sind deshalb offener für Missverständnisse und Interpretationen. Wer lange komplexe Sätze formuliert, der lässt sich auch Zeit, seine Gedanken zu entwickeln und schreibt nicht bei jedem Impuls sofort einen Tweet.

Aber stimmt die Gleichung? Ist ein komplexer Satz grundsätzlich der Ausweis eines differenzierten und wahrhaftigen Denkens? Oder kann er nicht auch Beleg für geistige Wirrnis und unausgegorene Gedanken sein? Komplexe Formulierungen und verbales Imponiergehabe tarnen oft die Dürftigkeit der Argumente und das Motiv des Verschleierns. (28.12.2016)

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Weihnachtskarte

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Diese elektronische Weihnachtskarte habe ich von der Tanner AG aus Lindau am Bodensee bekommen. Entworfen wurde sie natürlich am Standort Berlin. (23.12.2016)

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Trump-Gebärde

Nach dem Wort des Jahres in Deutschland, jetzt eine Gebärde des Jahres in der Schweiz. Die Lexikon-Kommission des Schweizerisch Gehörlosenbunds hat unter etwa 250 neuen Gesten diejenige für Donald Trump ausgewählt: Die Trump-Gebärde ist nachahmend bzw. ikonisch und zeigt, wie er sich mit der rechten Hand seine Föhnfrisur bändigt.

Wie kommt so eine Geste zustande? Wenn ein neuer Begriff auftaucht, wird das dazugehörige Wort zunächst mit dem Fingeralphabet buchstabiert. Das ist umständlich, deshalb entstehen intuitiv und spontan eine oder auch mehrere gestische Varianten, die prägnanteste breitet sich dann aus. (20.12.2016)

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Die neue Trump-Gebärde mit passendem Gesichtsausdruck. Übrigens wird auch Hillary Clinton über die Frisur gestisch bezeichnet: Man teilt die Hände über dem Kopf, um ihren Scheitel nachzuahmen. Foto: E. Hornung-Ballstaedt

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Tellerrand

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Visualisierte Redewendung: der Blick über den Tellerrand. Feministisches (?) Stencil am Tübinger Nonnenhaus. Foto: St.-P. Ballstaedt (17.12.2016)

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Fake News

Das Adjektiv „postfaktisch“ hat es zum Wort des Jahres 2016 geschafft, berechtigt, denn es ist nicht nur ein Lieblingswort des Feuilletons und der Politik, sondern fokussiert einen zentralen Aspekt unserer Gesellschaften.

Lügen, Falschmeldungen, Über- und Untertreibungen, Gerüchte, Vermutungen, Auslassungen, zugespitzte Polemiken, üble Nachrede usw. hat es schon immer gegeben. Desinformation wurde und wird gezielt verbreitet: im militärischen Bereich (Spionage), in der Wirtschaft (Werbung und PR), in der Politik (Propaganda). Drei Dinge haben sich aber geändert:

  1. Jeder, der einen Computer benutzt, kann jetzt mitmachen. Die Anonymität, hinter der versteckt man jede Behauptung in die Welt setzen kann, verlockt dazu, mit einer erfundenen Behauptung oder einem manipulierten Bild eine große Resonanz zu erzeugen. Das ist für viele offenbar attraktiv, es bestärkt das Gefühl der Selbstwirksamkeit, das in der Lebenswirklichkeit vielleicht wenig ausgeprägt ist.
  2. Die virale Verbreitung von Informationen über das Internet und die sozialen Netzwerke geht rasend schnell und ist kaum aufzuhalten. Es ist unglaublich, wie viel massiv tendenziöse und manipulative Informationen im Netz verbreitet werden. Nur in meinem Blog wurden in drei Jahren 11.318 Spam-Meldungen ausgefiltert und 20.938 Anmeldeversuche blockiert! Das Internet verkommt zur kommunikativen Müllgrube.
  3. Es gibt Adressaten für Fake News, die in dem Angebot an Informationen verloren sind und die darauf gieren, genau das zu lesen und zu hören, was ihre vorgefasste Meinung verstärkt. Es schimpfen gerade die über die einseitige Lügenpresse, die selbst an Einseitigkeit ihres Weltbildes kaum zu übertreffen sind. Sie wollen nichts zur Kenntnis nehmen, was eine kognitive Dissonanz erzeugen und sie verunsichern könnte.

Sollte man das Verbreiten von Falschmeldungen unter Strafe stellen, wie jetzt in der Politik gefordert wird? Ein entsprechendes Gesetz würde vermutlich eine Welle von Anklagen zu unliebsamen Behauptungen zur Folge haben, denn zwischen gesicherten Tatsachen und deren Interpretation existiert eine Grauzone.

Besonders der Journalismus ist jetzt gefordert, sich auf seine gesellschaftlichen Aufgaben zu konzentrieren: Recherchieren, Berichten, Kommentieren, d. h. Einordnen und Bewerten. Das ist eine schwierige Aufgabe, denn auch Journalisten und Journalistinnen sind auf Quellen angewiesen, auch sie haben Meinungen und Einstellungen. Und es gibt immer verschiedene Bezugsrahmen, in denen Fakten interpretiert werden können. Auch Journalisten und Journalistinnen sind nicht unfehlbar, aber sie müssen Vorbilder im Umgang mit Informationen sein. (14.12.2016)

Nachtrag: Zwei Artikel zum Thema: „Gegen Fake News hilft kein Gesetz“ von Sascha Lobo auf SPIEGEL Online. Und ein Ratgeber: „Alles was sie jetzt über Fake News wissen müssen“ auf der Satiresite „Der Postillon“.

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Magic Mushrooms

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Das sind doch nicht etwa psilocybinhaltige Pilze in der Tübinger Nauklerstraße? Foto: St.-P. Ballstaedt (13.12.2016)

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Bunga Bunga

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Ist das nicht zu früh für RIP? Wer kommt wohl nach Gentiloni? Gefunden in Tübingen in der Keplerstraße. Foto: St.-P. Ballstaedt (11.12.2016)

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Furzwitze

Der britische Humorforscher Dr. Paul McDonald von der Universität Wolverhampton hat die zehn ältesten dokumentierten Witze der Menschheit aufgespürt. Den ältesten fand er auf einer sumerischen Tontafel, er lässt sich bis auf 2.300 v. d. Z. zurückdatieren:

Was seit Urzeiten noch nie geschehen ist: Eine junge Frau pupst nicht in den Schoß ihres Mannes.

Mich irritiert etwas die doppelte Verneinung, deshalb hier die Übersetzung des Wissenschaftlers aus der sumerischen Keilschrift:

Something which has never occurred since time immemorial; a young woman did not fart in her husband’s lap.

Wie auch die genaue Übersetzung lautet, das ist eigentlich kein Witz, denn es fehlt eine Pointe. Es ist einfach eine peinliche Situation, die immer erheitert, sofern sie einem nicht selbst widerfährt: die Hose rutscht herunter, die Toilettentür ist nicht verriegelt, ein Ausrutscher auf einem Hundehäufchen usw. Das sind Scherze, die auch im Slapstick transkulturell funktionieren. Allerdings haben Furzwitze eine Tradition, denn das Ablassen von Winden in Gesellschaft gilt in den meisten Kulturen als unerzogen und peinlich. Aus gesundheitlichen Gründen ist es nur in Zurückgezogenheit erlaubt (siehe Norbert Elias: Der Prozeß der Zivilisation). Bei Kindern sind Pupsscherze sehr beliebt, als Scherzartikel hat sich das Furzkissen gehalten und es gibt auch drei Fart-Machine-Apps. Auch in den Comics und Cartoons von Crumb, Reiser oder in Charlie Hebdo wird gern gefurzt. Hier mein Lieblingsfurzwitz:

Kommt eine ältere Dame zum Arzt „Herr Doktor ich leide unter starken Blähungen. Das Gute daran ist allerdings: Man kann sie nicht hören und sie riechen auch nicht. Seit ich bei ihnen im Zimmer bin, habe ich bestimmt schon sechs Winde fahren lassen.“ Der Arzt verschreibt der alten Dame Pillen. Eine Woche später kommt sie wieder zum Arzt und sagt: „Herr Doktor was haben sie mir da für Pillen aufgeschrieben, meine Pupse stinken jetzt wie die Pest!“ Darauf der Doktor: „Gut, ihre Nase funktioniert wieder, jetzt verschreibe ich noch etwas für ihr Gehör!“ (10.12.2016)

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Wachvogel

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Edles Graffito an einer Hauswand in der Düppelstraße in Gelsenkirchen. Foto: St.-P. Ballstaedt (09.12.2016)

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Charlie Hebdo

Es gehört zu den unerwarteten Folgen des Attentats auf die Redaktion der Satirezeitschrift, dass sie seitdem so viel Gewinn gemacht hat, dass sie jetzt sogar mit einer deutschen Ausgabe startet. Das ist mutig, denn den vulgären, unkorrekten, antireligiösen und mehrdeutigen Humor der Blattmacher dürften in Deutschland nur wenige Personen goutieren. In Tübingen wird über einen läppischen Papstwitz auf einer Feuerwehrsause wochenlang entrüstet in den Leserbriefen diskutiert! In der ersten Ausgabe gibt man sich Mühe, auf deutsche Verhältnisse einzugehen, aber die zahlreichen Merkel-Karikaturen finde ich etwas flach und nur begrenzt witzig. Die vierseitige Text-Bild-Reportage mit Interviews zur Befindlichkeit der Deutschen ist treffend, aber es fehlt der Biss und eine französische Sicht auf uns Deutsche. Trotzdem Bienvenue! Eine Bereicherung neben der Titanic und Eulenspiegel, die mir oft zu brav sind. Aus dem Mission Statement von Charlie: Charlie Hebdo c’est un coup de poing dans la gueule. Contre ceux qui nous empêchent de penser. Contre ceux qui ont peur de l’imagination. (04.12.2016)

hamilton

Typisch Charlie Hebdo: wenig feinsinnig und entlarvend. Eine Karikatur von Vuillemin aus der ersten deutschen Ausgabe.

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