Es kommen immer mehr Wörter auf, die bewusst die korrekte Rechtschreibung verletzen. Es begann mit dem phallisch aufragenden Binnen-I einer der feministischen Linguistik, es folgte die Deutsche Bahn mit ServicePoint oder BahnCard. Der Kulturredakteur der Schwäbischen Tagblatts, Peter Ertle, hat in einer Glosse am 31.11. etliche Beispiele im Tübinger Umfeld aufgespießt: ChocolART; arTÜthek, BachChor, Ract!festival, wohn_zimmer. Alles Verletzungen der Rechtschreibung, denn Großbuchstaben sind nur am Anfang eines Wortes möglich und Satzzeichen grenzen Satzglieder ab. Die Wörter sollen auffallen, sie werden zur Marke, die unverwechselbar sein soll: „Gut getauft verkauft sich gut“ so der Slogan einer Agentur, die markentypische Sprachen entwickelt: Brand Language, Wording, Corporate Language. Andere Beispiele sind BiFi oder ChocOlé. (23.12.2015)
Author Archive | SP Ballstaedt
Greisenfilme
Ein neues Filmgenre ist geboren: Filme über alte Menschen, ihre sozialen und gesundheitlichen Probleme. Gestern habe ich im Kino: „Ewige Jugend“ von Paolo Sorrentino angesehen. Bei der anschließenden Recherche ist mir wieder der Kritiker Wolfgang Höbel unangenehm aufgefallen, der den Film auf SPIEGEL online Kultur ziemlich verrissen hat. Er sieht zwei „Lustgreise“ oder “Greisenknaben“, die “Altherren-Erotik“ und „Machismo-Phantasien“ ausleben. Man kann den Film über Jugend und Alter durchaus kritisieren, aber dass sich alte Menschen (die Herrn im Film sind 80) mit erotischen Erinnerungen beschäftigen und sexuelle Bedürfnisse empfinden, ist dem Jungspund Höbel (Anfang 50) offenbar nur als abartig vorstellbar. Wie er wohl in dreißig Jahren über die unwürdigen Greise denkt? (21.12.2015)
Fuck Nazis
Beliebter Aufdruck auf linken T-Shirts, jetzt auch als Spray-Schablone und Aufkleber. Fotos: Steffen-Peter Ballstaedt (19.12.2015)
Erinnerungsguerilla
In Tübingen sind mir an etlichen Stellen gelbe Aufkleber aufgefallen, auf denen immer eine Frage und eine Webadresse steht. Es handelt sich dabei um ein Kunstprojekt, das 2012 in Berlin gestartet wurde: In ganz Deutschland, aber auch in vielen europäischen Ländern und auf Englisch in Indonesien und Thailand kleben Einzelkämpfer existenzielle Fragen wie: Wofür lebst Du? Tut es gut, was Du machst? Wann singt Dein Herz? Kannst Du (bitte) die Welt retten? Was bleibt, wenn Du gehst? Wofür bist Du (heute) dankbar? Am 25. November 2015 wurde dem Projekt in Berlin die Auszeichnung „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland“ vergeben: „Organisator der Auszeichnung Kultur- und Kreativpiloten Deutschland ist das Bremer u-institut für unternehmerisches Denken und Handeln e. V. in Kooperation mit dem Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes. Die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung ist ein Projekt des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie und der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.“ Aha, alles klar! (17.12.2015)
Die Erinnerungsguerilla glaubt an die Macht von Fragen, die auf Geländern und Masten kleben. Foto: St.-P. Ballstaedt
Flüchtlinge
Das Wort des Jahres ist keine Überraschung: Die Jury der Gesellschaft für Deutsche Sprache (GfdS) entschied sich für Flüchtlinge. Die Begründung ist aber interessant: „Das Substantiv steht nicht nur für das beherrschende Thema des Jahres, sondern ist auch sprachlich interessant. Gebildet aus dem Verb flüchten und dem Ableitungssuffix -ling (›Person, die durch eine Eigenschaft oder ein Merkmal charakterisiert ist‹), klingt Flüchtling für sprachsensible Ohren tendenziell abschätzig: Analoge Bildungen wie Eindringling, Emporkömmling oder Schreiberling sind negativ konnotiert, andere wie Prüfling, Lehrling, Findling, Sträfling oder Schützling haben eine deutlich passive Komponente.“ Eigentlich wären Geflüchtete oder Flüchtende neutralere Wörter. Das Wort Flüchtling wird übrigens von Goethe in den „Leiden des jungen Werther“ in abschätziger Weise verwendet: „Leute von einigem Stande werden sich immer in kalter Entfernung vom gemeinen Volke halten, als glaubten sie durch Annäherung zu verlieren; und dann gibt’s Flüchtlinge und üble Spaßvögel, die sich herabzulassen scheinen, um ihren Übermut dem armen Volke desto empfindlicher zu machen.“ (13.12.2015)
Nachtrag: Der Begründung der Jury haben einige Sprachwissenschaftler widersprochen. So Peter Eisenberg in der FAZ. Das Wort „Flüchtling“ sei unproblematisch, da nicht mehr transparent. Ein Wort ist transparent, wenn sich seine Bedeutung aus den Bestandteilen ergibt, z.B. Kinderarzt. Dagegen ist Junggeselle nicht transparent, da sich seine Bedeutung nicht aus den Bestandteilen ergibt. Mit Flüchtling ist keine abwertende Bedeutung durch das Morphem -ling mehr verknüpft, wie auch nicht mit Liebling oder Frühling. – Im SPIEGEL äußert sich Jochen Hörisch. Auch für ihn ist das Wort „Flüchtlinge“ unverfänglich, obwohl damit nicht zwischen Flüchtlingen und Migranten unterschieden wird, denn auch Migranten fliehen vor einer unerträglichen Situation. Andere Wörter wie „Schutzsuchende“, „Asylanten“, „Heimatvertriebene“ lösen absichtlich bestimmte Assoziationen aus. Das vorgeschlagene neutrale Wort „Geflüchtete“ hält er für eine künstliche Anstrengung der political correctness. – Man kann hier viel über Wortgebrauch, Wortbedeutungen und deren Wandel lernen. (20.12.2015)
Der Grüsel
Wieder habe ich einen Helvetismus aus der Schweiz mitgebracht. In dem Umsonst-Boulevard-Blättchen „Blick am Abend“ (Claim: News, die wirklich unterhalten) lese ich über einen Spanner, der Fotos von Mädchen und Frauen in engen Hosen, kurzen Röcken und tiefen Ausschnitten geknippst und ins Web gestellt hat (Flickr-Gruppe: Accidentally Erotic). Der Spanner wird als „ein Grüsel“ bezeichnet. Das Wort habe ich wieder einmal im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm gefunden. Ein Grüsel ist ein widerlicher, ursprünglich ein gruseliger Mensch: Ein Grüsel erregt Grusel. Ein Beleg als Gräusel findet sich schon 1470, 1850 verwendet Jeremias Gotthelf das Wort in seinem Roman „Uli der Pächter“. Vielleicht hat es sich deshalb in der Schweiz erhalten. (12.12.2015)
Dunkle Botschaften
Eine Reihe düsterer Fotokopien im DIN-A-4-Format klebte letzte Woche an Kästen und Mauern in der Altstadt. Menschen halten selbst geschriebene Plakate mit sonderbaren Mitteilungen vor sich hin. (10.12.2015)
Wer kann über diese Aktion etwas berichten? Zum Vergrößern Bilder anklicken. Fotos: St.-P. Ballstaedt
😂 Tränen der Freude
Die Redaktion des Oxford English Dictionary hat diese Jahr kein Wort zum „Word oft he year“ gewählt, sondern ein Emoji: Face with Tears of Joy. Begründung des Chefs Caspar Grathwohl: „Emojis verkörpern einen zentralen Aspekt des digitalen Lebens, das sehr visuell, emotional und unmittelbar ist.“ Alle drei Attribute sind reichlich schwammig. Digitale Kommunikation ist oft visuell: Austausch von Fotos, Selfies usw. Aber warum emotional und erst recht warum unmittelbar? Bleiben die Argumente, dass Emojis sprachliche Grenzen überwinden und das gekürte Emoji in Großbritannien 2015 am beliebtesten war (letzteres spricht für den mentalen Zustand der Engländer). Der Verlag will wohl darauf aufmerksam machen, wie modern, cool und digital er ist. Aber dass ein Wörterbuch wieder auf schlichte ikonische Zeichen regrediert, ist doch befremdlich, auch wenn man darin nicht gleich ein Symptom für den Untergangs der Sprache sehen sollte. Siehe auch meinen Blog-Beitrag zu Emojis am 25.2.2015. 👍
In Emojipedia findet man verschiedene grafische Umsetzungen des Emojis mit dem Unicode U+1F602 von Apple, Google, Microsoft, Samsung usw. (06.12.2015)
Nachtrag. Zwei Sätze zu Emojis durfte ich im SWR 3 im Magazin „Kunscht“ äußeren. Der Beitrag ist inzwischen nicht mehr abrufbar. (11.01.2016)
Klebekampf
Wie schon verkündet: In Tübingen wird geklebt, was das Zeug hält. Neuer Trend: Aufkleber überkleben. Aber nicht immer ist wirklich ein rechter Aufkleber darunter. Mit der Aktion wird die Verbreitung der rechten Propaganda überschätzt. (03.12.2015)
Überklebt oder nur aufgeklebt? Und was ist wohl darunter? Foto: St.-P. Ballstaedt
Flöckeln
Mein Lieblingswort im Dezember 2015 steht nicht im Duden und auch nicht im Wortschatz der Uni Leipzig, aber im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm: flöckeln, „in kleinen, dünnen Flocken niederfallen“. Nach meiner Erinnerung habe ich es erstmals im Wetterbericht bei Kachelmann gehört. Das Wort ist ein schönes Beispiel für die Möglichkeiten der deutschen Wortbildung: Aus einem Nomen (Flocke) wird ein diminutives Verb, das eine geringere Intensität ausdrückt. Andere Verben nach diesem Muster sind „hüsteln“ oder „lächeln“.
Erst jetzt habe ich entdeckt, dass es ein „Lexikon der schönen Wörter“ von Walter Krämer & Roland Kaehlbrandt gibt. Aber mein Lieblingswort November 2015 „Gedankengut“ ist nicht dabei! (01.12.2015)




