Die Linguisten sprechen auch von Code-Switching. Entdeckt an einem Weg durch die Ebenhalde bei Tübingen. Foto: St.-P. Ballstaedt (01.09.2017)
Ewiger Frieden
Seit es ab 1.12.2016 die deutsche Ausgabe gibt, lese ich Charlie Hebdo regelmäßig. Ich war gespannt, ob das Satireblatt mit seiner radikal laizistischen Ausrichtung und seinem Humor, der keine politische Korrektheit und keine Geschmacksgrenze akzeptiert, bei den Deutschen ankommt. Der Erstauflage war 200.000, wie viele davon verkauft werden, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. In der Ausgabe 1278 wurden einige Leserbriefe abgedruckt, wie ich sie erwartet hatte: Schmierfinken, Drecksblatt, Machwerk, Klopapier usw.: „Charlie Hebdo ist eine ordinäre, vulgäre Zeitung. Sowohl Zeichnungen als auch Vokabular sind niveaulos, respektlos und megabillig. Vom ersten Blatt bis zum letzten Punkt nur geringschätzend und beleidigend.“ Vermutlich empfinden das die Macher als ein Lob.
Das Titelblatt der letzten Ausgabe hat wieder einmal Ärger provoziert. Es zeigt als Reaktion auf den Anschlag in Barcelona zwei in Blutlachen liegend Menschen, die von einem davonfahrenden Lieferwagen überfahren wurden. Der Text dazu: „Islam, Religion des Friedens…des ewigen Friedens“, noch pointierter im Original „Islam, religion de paix…éternell!“ Ist das Islamophobie und Stimmungsmache gegen Moslems? Der Redaktionsleiter Laurent Sourisseau (Riss), der bei dem Anschlag auf die Redaktion schwer verletzt wurde, antwortet, dass die Rolle der Religion bei den Attentaten immer ausgeblendet wird, mögen die Attentäter noch so laut „Allahu akbar“ rufen. Die Karikatur richtet sich gegen dieses Tabu. In der FAZ hält der Schweizer Journalist Jürg Altwegg das Cover „als durch und durch gelungen.“

Der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad sieht in den Karikaturen von Charlie Hebdo „eine Art Schocktherapie“ für Muslime, um zu erkennen, dass nicht das Ansehen des Islam im Westen das Problem ist, „sondern was in seinem Namen geschieht“. Quelle: Profilbild auf der offiziellen Website von Charlie Hebdo auf Facebook (30.08.2017)
Formulierungen
Wie hängen Denken und Sprechen bzw. Schreiben zusammen: Ist eine Formulierung ein sprachliches Abbild der Gedanken? Kann man deshalb aus einer Formulierung auf die Gedanken rückschließen?
Wenn ich schreibe, kommt es oft vor, dass ich einen Satz mehrfach verändere, wenn ich eine Formulierung noch nicht passend für meinen Gedanken finde. Bei Literaten ist das Problem noch drängender: Flaubert soll an einem Satz tagelang gefeilt haben. Manchmal fehlt das passenden Wort für einen Begriff oder die richtig akzentuierte Satzkonstruktion für einen Gedanken. Ein beliebtes Synonymwörterbuch (27. Auflage) hat den Titel „Das treffende Wort“. Wenn ein Wort treffender als ein anderes ist, dann können es keine reinen Synonyme sein und tatsächlich gibt es kaum bedeutungsgleiche, sondern nur bedeutungsähnliche oder sinnverwandte Wörter. Wann ist ein Wort treffend? Und was genau trifft es dann? Wörter stehen für Begriffe in unseren Köpfen, aber diese Begriffe sind komplex, keine abgegrenzten Einheiten, sondern konzeptuelle Netze, die in verschiedenen Köpfen nur einen gemeinsamen denotativen Bereich haben, aber ansonsten von Person zu Person konnotativ verschieden sind. Ob eine Person einen treffenden Ausdruck verwendet, kann eigentlich nur sie bzw. er selbst feststellen.
In die andere Richtung ist die Frage noch schwieriger zu beantworten: Kann man aus der Formulierung einer Person auf ihr Denken und ihre Mentalität schließen? Die Intention der Begriffe hinter den Wörtern bleibt uns verborgen, aber die Verbindungen zwischen den Begriffen werden mit der Syntax ausgedrückt. Nie ist aber alles explizit ausformuliert, beim Verstehen lesen wir zwischen den Zeilen und ziehen Schlussfolgerungen: Präsumtionen, Präsuppositionen, Projektionen usw. Der Streit um Formulierungen in religiösen, philosophischen und literarischen Texten belegt, dass einem Autor oder einer Autorin sehr verschiedene Gedanken unterstellt werden können. Mit einer mündlichen oder schriftlichen Äußerung ist zwar eine objektiv untersuchbare linguistische Struktur vorhanden, aber auf der Seite des Denkens lassen sich weder Begriffe noch die „mental language“ direkt untersuchen. (28.08.2017)
Erdbeereise
Existenzielle Frage auf dem Beton einer Unterführung bei der „Ebenhalde“ in Tübingen. Foto: St.-P. Ballstaedt (23.08.2017)
Brautpaar
Eine Braut ist eine Frau am Tag ihrer Hochzeit, der Bräutigam ist ein Mann am Tag seiner Hochzeit, seit Luther werden die Bezeichnungen auch auf Verlobte ausgedehnt. Dieses Wortpaar gehört zu den wenigen, bei dem die männliche Form aus der weiblichen abgeleitet ist. Beide zusammen bilden das Brautpaar, auch hier dominiert die weibliche Form.
Aber warum ist das so? Darauf findet man in Wörterbücher keine Erklärung. Das Wort „Braut“ gibt es althochdeutsch seit dem 9. Jahrhundert, seine Etymologie ist trotz zahlreicher Versuche ungeklärt. Bei den Gebrüdern Grimm steht die Mahnung: „höchst verkehrt wäre, diesem reinen, edlen Wort, wie man gesucht hat, unzüchtige Bedeutung unterzulegen.“ Die könnte von “bruiten“, auch „brauten“ oder „bräuten“, stammen, Verben, die im Nebensinn auch „beiliegen“ bedeuten (siehe Brautbett). Das angehängte unikale Morphem beim Bräutigam kommt von neuhochdeutschen „gomo“, das wiederum auf „homo“ für Mann zurückgeht, also ist der Bräutigam der Mann der Braut. Die Braut steht als sprachlich im Mittelpunkt einer Hochzeit! (17.08.2017)
Premium-Botschaft
Entlang des neuen Premiumwanderwegs „Hirschauer Spitzbergwegle“ hat ein politischer Aktivist an Bäumen verschiedene Texte gegen Migration angeschlagen. Dies ist einer davon, ein angeblicher Vorschlag des amerikanischen Geostrategen Thomas Barnett. Bei unserem Plakateur wird eine Senkung des IQ durch Einwanderung wohl nicht mehr notwendig sein. (13.08.2017)
Grapschen 2
Taylor Swift hat einen Radiomoderator verklagt, der sie bei einem Interview begrapscht haben soll. Ich habe drei Varianten gelesen: 1. Unter dem Rock in der Intimzone; 2. am Po; 3. (versehentlich) an der Rippe. Das ist anatomisch ein weites Feld und man kann nur hoffen, dass man den Griff nach vier Jahren noch rekonstruieren kann. Beweismaterial: ein Foto!
Im Duden wird das Verb „grapschen“ aufgeführt und ein Grapscher so definiert: „abwertend für männliche Person, die eine Frau gegen ihren Willen sexuell berührt“, korrekt wird das Substantiv „Grapscherin“ nachgeliefert. Woher kommt das derzeit oft verwendete Verb „grapschen“. In meinen drei etymologischen Wörterbüchern ist es nicht aufgeführt, aber wieder ist das Wörterbuch der Gebrüder Grimm hilfreich.
„Grapschen“ ist eine Iterativbildung zu den Verben „grappen und „grapsen“. Diese Wörter haben indogermanische Wurzeln und bedeuten dort „ergreifen“, „an sich reißen“, „schnell zugreifen“. Das Grapschen ist in mehreren Mundarten nachgewiesen und gilt bei den Grimm’s als „nicht literaturfähig“. Um 1900 wird es oft mit dem Beisinn „stehlen“ verwendet, eine sexuelle Konnotation ist noch nicht verzeichnet. Nach meinen Recherchen kommt sie 1983 durch das Wort „Busengrapscher“ auf, mit der ein Bundestagsabgeordneter der Grünen in die Schlagzeilen kommt. Sprachlich hübsch auch eine österreichische Variante: Duttenpatscher. (10.08.2017)
Nachtrag
Tylor Swift hat vor Gericht gesiegt: Der Beschuldige wurde wegen sexueller Belästigung verurteilt, weil es sie unter dem Rock am Po begrapscht hat.(17.08.2017)
Historischer Humor 7
In einem Theaterstück des Lindenhofes in Melchingen über Hölderlin, Schelling und Hegel, das derzeit in Tübingen aufgeführt wird, wird ein Vers vorgetragen, der mir nicht unbekannt vorkam und dem ich deshalb nachgegangen bin:
Bonifazius Kiesewetter war ein Schweinehund seit je,
und so schiss er der Baronin heimlich in das Portemonnaie.
Hin zu einem Bücherladen lenkt sie ihren Schritt indes,
kaufte, da sie hochgebildet, etwas sehr Ästhetisches.
Als die Dame zahlen wollte, und sie zahlte stets in bar,
griff sie in die blanke Scheiße, was ihr äußerst peinlich war.
Moral und christliche Nutzanwendung:
Nur ungern nimmt der Handelsmann
Statt baren Geldes Scheiße an.
Bonifazius Kiesewetter ist eine Witzfigur wie die Frau Wirtin oder der Sanitätsgefreite Neumann, erfunden von Waldemar Dyhrenfurth (1849 – 1899), einem Corpsstudenten und späteren Staatsanwalt im deutschen Kaiserreich. Die Verse haben eine strenge poetische Form: Dreimal zwei achthebige Trochäen im Paarreim, dann folgt als moralischer Kommentar noch ein trochäischer Zweizeiler.
Überraschend ist nicht nur die gepflegte sprachliche Form, sondern auch der ihr widersprechende zotische Inhalt. Es wird eine unsinnige Geschichte aus dem fäkalischen oder sexuellen Bereich erzählt, die Handelnden sind Vertreter des Adels, der Beamtenschaft oder des Militärs. Aus der obzönen Geschichte wird dann eine widersinnige Schlussfolgerung gezogen, die die geltenden Moral- und Benimmvorstellungen der gehobenen Gesellschaft veralbert. Einige dieser Moralreime haben sich als Nonsensverse erhalten:
Scheiße in der Lampenschale gibt gedämpftes Licht im Saale.
Scheiße auf dem Tellerrand wird als Senf nicht anerkannt.
Scheiße durch ein Sieb geschossen gibt die schönsten Sommersprossen.
Die Bonifazius-Kiesewetter-Verse waren im 19. Jahrhundert vor allem in akademischen Kreisen überaus beliebt. Eine Sammlung wurde noch 1967 auf den Index gesetzt mit der Begründung: „Was in dieser Sammlung an häßlichen und ekelerregenden Eindrücken über geschlechtliche Dinge vermittelt wird, verdunkelt mit seinen Schatten die Zukunft der Menschen.“ Einen durchaus positiven Nachruf auf die Verse hat der Humorkritiker der titanic, Herr Hans Mentz, im Märzheft 2007 geschrieben. (06.08.2017)
Freundschaft
Zum heutigen internationalen Tag der Freundschaft ein Zitat Epikurs:
„Man muss eher prüfen, mit wem man isst und trinkt, als was man isst und trinkt. Denn ohne einen Freund ist das Leben wie das Fressen von Löwe und Wolf.“
Und noch eine Anmerkung Epikurs zur Ehe für alle: Er vertrat die Meinung, dass Freundschaft glücklicher mache als Heirat. (30.07.2017)
Curvy
Es wird immer interessant, wenn Gründe gegen die Verbreitung eines Bildes – sei es ein Presse- oder Werbefoto – vorgebracht werden. RTL II wirbt für seine Castingshow „Curvy Supermodel“ auf Plakaten mit molligen Models, die der bekannte Fotograf Robert Grischek aufgenommen hat. Die Deutsche Bahn will die Plakate nicht aufhängen, Begründung: zu offensive Sexualität. Die Damen sind zwar bei genauem Hinsehen mit schwarzen Höschen bekleidet aber tragen keinen BH, als Ersatz dienen verschränkte Arme. Beim Deutschen Werberat ist zudem eine Beschwerde einer Frau eingegangen, die in der Zurschaustellung der Frauen „sexuelle Verfügbarkeit“ erkennt, die „voyeuristische Zuschauer“ anlockt.
An vielen Bushaltestellen schauen die Frauen auf die Wartenden herab, auch in Tübingen, Haltestelle Ahornweg. Die Studentinnen, die an der Bushaltestelle warten, locken mit Hot Pants, Miniröckchen und flotten Tops sicher mehr Voyeure an als die braven Nackedeis. (26.07.2017)
Der Werberat betont, dass „selbstbewusste Frauen gezeigt, aber nicht vorgeführt“ werden. Quelle: RTL 2, Fotograf: Robert Grischek.



