Lektüre zur korrekten Sprache

Anatol Stefanowitsch (2018): Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen. Berlin: Dudenverlag.

Die Streitschrift des Sprachwissenschaftlers hat den großen Vorteil, dass sie argumentativ vorgeht, d.h. Behauptungen oder Forderungen aufstellt und sie mit Argumenten bestätigt oder widerlegt, die die Lesenden nachvollziehen können. Die Grundidee: Auch Sprechen ist Handeln, deshalb müssen an das Sprechen dieselben moralischen Maßstäbe anlegt werden, wie an das Handeln. Der Autor legt einem modifizierten kategorischen Imperativ nach Kant zugrunde: Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest (oder nach Wilhelm Busch: was du nicht willst, dass dir man tu, das füg auch keinem anderen zu). Praktisch führt das zur „goldenen Regel“: „Sie fordert uns dazu auf, unser potenzielles Verhalten anderen gegenüber zunächst aus deren Perspektive zu betrachten (uns also vorzustellen, jemand anders verhalte sich uns gegenüber auf diese Weise, und dann zu entscheiden, ob wir dieses Verhalten akzeptieren würden“ (S.23/24). Aus dieser Regel lassen sich zwei etwas umständlich formulierte Regeln ableiten:

1.Stelle andere sprachlich nicht so dar, wie du nicht wollen würdest, dass man dich an ihrer Stelle darstelle.

2.Stelle andere sprachlich stets so dar, wie du wollen würdest, dass man dich an ihrer Stelle darstelle.

In etlichen Fällen funktionieren diese Regeln: Wir reden nicht mehr von Zigeunern, weil sie sich selbst so nicht bezeichnen, sondern als Sinti und Roma angesprochen werden wollen. Aber eine konsequente Anwendung der Regeln hat weitreichende Folgen:

Wenn alle herabwürdigenden Wörter vermieden werden, dann wird damit den Schimpfwörtern der Garaus gemacht. Niemand lässt sich gern als Trottel, Betonkopf oder Spinner bezeichnen, also muss ich als moralischer Mensch nach der goldenen Regel diese Wörter aus meinem aktiven Wortschatz streichen. Feministische Linguistinnen haben das schon einmal vertreten: Negative Bezeichnungen für Frauen wie Schlampe, Blaustrumpf, Zicke sollten aus der Sprache verschwinden.

Komplexer ist ein zweiter Punkt. Kritik an einem Handeln oder einer Meinung wird zwar nicht unmöglich, aber doch erschwert, wenn man sie immer auch aus der Perspektive des anderen formulieren soll und ihm sprachlich nie weh tun darf. Eine blinde Übernahme des Selbstbildes einer Gruppe würde bedeuten, dass man die AfD nicht als rechtsradikal, die Islamisten nicht als frauenfeindlich bezeichnen darf, da sie sich selbst so nicht sehen. Der Autor weist zwar darauf hin, dass er keine Meinungen verbieten, sondern nur sprachliche Ungleichheiten und Diskriminierungen beseitigen möchte, aber wird damit nicht ein sprachlicher Maulkorb verpasst? Anatol Stefanowitsch glaubt wohl an neutrale Argumentation.

Problematisch finde ich den empfohlenen Umgang mit historisch stark belasteten Wörtern. Der Autor unterbreitet gleich in der Einleitung den Vorschlag, derartige Wörter nicht mehr auszuschreiben, sondern mit einer Abkürzungsformel zu zitieren: Z-Schnitzel und M-Kopf (das kennt man aus korrekten Lyrics, z.B. Lily Allen: And that’s what makes my life so f…  fantastic). Diese Säuberungsaktion geht mir zu weit. Ich habe kein Problem damit, von Paprika-Schnitzel und Schaum-Kuss zu sprechen, aber Wörter verstümmeln oder ganz tilgen? Wenn bei Pippi Langstrumpf aus dem Negerkönig in korrekter Sprache ein Südseekönig geworden ist, kann man das pädagogisch noch vertreten, aber wie sieht es dann mit heute nicht korrekten Formulierungen in der Literatur aus. („Othello, the Moor of Venice”, geht dann gar nicht).

Wenn eine Gruppierung Wörter wie „Volksveräter“, „Asylschmarotzer“, „Schuldkult“ usw. benutzt, dann weiß ich doch gleich, woran ich bin und muss eine Gesinnung nicht mühsam zwischen möglichst korrekt formulierten Zeilen herauslesen. Die Beseitigung von Wörtern ändert nicht die Einstellung oder Meinung, die sie zum Ausdruck bringen. Ein Denkfehler, dem viele Sprachkorrektoren unterliegen. Wörter sind kulturelle Fossilien, die auch heute Unbliebsames konserviert haben. Wie habe ich bei Dieter Zimmer einmal gelesen: Selbst wer die Todesstrafe verabscheut, köpft gelegentlich eine Flasche. (01.05.2018)

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