Trümmerdeutsch

Im SPIEGEL 52/2016 hat der Journalist Stefan Berg ein Essay veröffentlicht, in dem er den Sprachgebrauch im Netz als „verbale Inkontinenz“ kritisiert. Er stellt gegen diese „Verhappungsverknappungsmaschinerie“ ein Plädoyer für den langen und syntaktisch anspruchsvollen Satz. Das Argument: Die Wirklichkeit ist komplex und lässt sich nicht adäquat in einfachen Sätzen beschreiben: „Die Wahrheit braucht lange Sätze.“ Einer differenzierten Sprache entspricht auch ein differenziertes Denken, umgekehrt ist eine einfache Sprache Indikator für ein schlichtes Denken. Das hatten wir in der Soziolinguistik schon einmal als elaborierten und restringierten Sprachgebrauch (Basil Bernstein). Die These ist durchaus plausibel, denn ein komplexes Satzgefüge enthält über Relativsätze und Konjunktionalsätze inhaltliche Verknüpfungen. Wer nur kurze Phrasen formuliert, der denkt auch weniger in Zusammenhängen. Einfache Sätze lassen viele inhaltliche Beziehungen implizit und sind deshalb offener für Missverständnisse und Interpretationen. Wer lange komplexe Sätze formuliert, der lässt sich auch Zeit, seine Gedanken zu entwickeln und schreibt nicht bei jedem Impuls sofort einen Tweet.

Aber stimmt die Gleichung? Ist ein komplexer Satz grundsätzlich der Ausweis eines differenzierten und wahrhaftigen Denkens? Oder kann er nicht auch Beleg für geistige Wirrnis und unausgegorene Gedanken sein? Komplexe Formulierungen und verbales Imponiergehabe tarnen oft die Dürftigkeit der Argumente und das Motiv des Verschleierns. (28.12.2016)

3 Kommentare to Trümmerdeutsch

  1. Michael Schliep 3. Januar 2017 at 14:45 #

    Ihr letzter Absatz ist ein unzulässiger Umkehrschluss. Natürlich kann ein komplexer Satz der Verschleierung dienen oder sogar ein Ausdruck von Verwirrtheit oder Unsicherheit sein.

    Das ist aber nicht das, was Stefan Berg in seinem Essey geschrieben hat. Berg hat lediglich postuliert, dass komplexe Sachverhalte auch komplexer Sprache bedürfen.

    Im Übrigen habe ich Bergs Essay gerade für den Nannen-Preis 2017 vorgeschlagen. Bei der Suche bin ich unter anderem hier gelandet 😉

    Gutes neues Jahr!

    • SP Ballstaedt 4. Januar 2017 at 11:45 #

      Danke für Ihre Rückmeldung. Sie haben recht, Stefan Berg hat in seinem Essay behauptet, dass komplexe Sachverhalte auch komplexer Sprache bedürfen.
      Meine kritische Anmerkung habe ich deutlich als Abschnitt abgesetzt und würde auch an ihr festhalten. Ohne jetzt in die Feinheiten von Implikationen und logischen Schlüssen einzutauchen, so legt doch die Aussage von Stefan Berg folgende Aussagen nahe:
      (1) Wer kurze Sätze schreibt, der denkt auch wenig komplex.
      (2) Wer komplexe Sätze schreibt, der denkt auch komplex.
      Beide Aussagen lassen sich aber bezweifeln. Die Aussage (1) wird gern bei der Sprachkritik an Boulevard-Medien angeführt: Die einfachen Sätze der BILD entsprechen den schlichten Denkstrukturen der Lesenden. Darüber kann man sicher streiten.
      Aber die Aussage (2) halte ich für problematisch, wenn auch in unserer Tradition verankert: Sprachliche Komplexität bis zur Schwerverständlichkeit gelten in der Geistesgeschichte als Beleg für besonders differenziertes, tiefsinniges Denken. Dies Verallgemeinerung halte ich für falsch. Mein Leben lang habe ich mich mit Problemen der sprachlichen Verständlichkeit in Theorie und vor allem auch Praxis herumgeschlagen. Schwerverständlichkeit und damit sprachliche Komplexität sind oft Beleg für unstrukturiertes Denken und oft auch für die Verweigerung von Kommunikation (Verschleierung, intendierte Schwerverständlichkeit).
      Den Essay von Stefan Berg halte ich für eine Denkanregung, sein Kritik an der „verbalen Inkontinenz“ im Netz teile ich. Ob der Essay allerdings die Kriterien des Nannen-Preises erfüllt, da bin ich mir nicht so sicher. Aber es ist gut, wenn viele Texte zur Begutachtung vorgeschlagen werden.

  2. Max Steinacher 28. Dezember 2016 at 19:34 #

    Die langen und komplexen Sätze sollen oft nur „verschleiern“. Mein Deutschlehrer Dr. Franz Fischer hat vor über 55 Jahren unter einen meiner Aufsätze geschrieben: „Getretener Quark wird breit – nicht stark“.
    Heute stimme ich ihm zu.

Schreibe einen Kommentar