Antisemitische Bildsprache (1)

Das passt ja gut in meine Serie: Antisemitsche Bestandteile im Werk des indonesischen Künstlerkollektivs „Taring Padi“ auf der documenta fifteen, in deren Vorfeld schon Antisemitismusvorwürfe geäußert wurden.

Was ist auf einem großen Wimmelbild auf dem Friedrichsplatz in Kassel zu entdecken? Ein Jude mit Schläfenlocken und einer SS-Rune auf dem Hut als Vampir mit gespaltener Zunge und rot unterlaufenen Augen. Und ein Soldat mit Schweinsgesicht mit Davidstern und einem Helm mit der Aufschrift „Mossad“. Ohne Zweifel judenfeindliche Darstellungen. Jetzt wird das Kunstwerk mit schwarzem Tuch verhüllt, auf Wunsch vieler Organisationen soll es vollständig entfernt werden. Peinlich für das ebenfalls indonesischen Kuratoren-Kollektiv Ruangrupa, das keine sehr sensible Hand bei der Auswahl der Exponate bewiesen hat.

Was aber doch auffällt: Kein Wort wird darüber verloren, was das riesige Gemälde eigentlich darstellt, denn die beiden Figuren stehen ja in einem weiteren Kontext. Auf der Website schreibt das Kollektiv: „Für ihren Beitrag zur documenta fifteen führt Taring Padi seine drei Hauptgrundsätze fort: organisieren, bilden und agitieren. Das Motto lautet Bara Solidaritas: Sekarang Mereka, Besok Kita (Flamme der Solidarität: Zunächst kamen sie um ihrer selbst willen, dann kamen sie unseretwillen). In Deutschland, Indonesien, den Niederlanden und Australien fanden im Vorfeld der documenta fifteen Workshops statt – etwa mit Migrant*innen, Straßenkünstler*innen und Schüler* innen. Gemeinsam schufen sie künstlerische Arbeiten zu sozialpolitischen Themen. Darunter sind großformatige Banner und etwa 1000 Wayang kardus, die im Kasseler Zentrum ausgestellt werden und auch Teil von Auftritten sein sollen.“ Was ist die Botschaft des Bildes? Das interessiert anscheinend keinen Menschen, man stürzt sich auf zwei isolierte Figuren, die antijüdischen Stereotypen entsprechen.

Leider konnte ich keine lizenzfreien Fotos des gesamten Werks und der kritisierten Bildbestandteile finden. Man kann sie auf der Website der Deutschen Welle anschauen. (21.06.2022)

Nachtrag. Heute lese ich in der FR einen Artikel von Harry Nutt, der genau das ausdrückt, was ich sagen wollte: „Keine Kunst ohne Kontext, es wäre also denkbar gewesen, nach genauerer Prüfung zu einem Ergebnis zu kommen, das eine schnelle Bewertung zumindest zu ergänzen vermag, der sich am Nachmittag viele Kunstkritiker:innen, aber auch verantwortliche Politikerinnen […] mit demonstrativem Entsetzen angeschlossen hatten.“ Wie ich schon in einigen Beiträgen (über Kirchner, Balthus, Herold) angemerkt habe, halte ich wenig von Verboten von Bildern oder visuellen Symbolen. Ich begreife auch nicht, warum jetzt die gesamte Dokumenta als peinlich, unerträglich, antisemisch beschimpft wird. Eine offene Gesellschaft wird doch ein problematisches Exponat ertragen können, ohne hysterisch zu werden. Kunst soll doch zum Denken und zu Auseinandersetzungen anregen oder will man nur noch Blumenbilder und Stillleben akzeptieren? (22.06.2022)

Noch ein Nachtrag: Bei einer Diskussion über das abgehängte Kunstwerk an der Universität Kassel sprach sich  der israelische Soziologe Natan  Szaider gegen die Entfernung des Bildes aus. Antisemitismus sei ein integraler Bestandteil der Moderne, der nicht wegpädagogisiert werden könne. Da kann ich nur zustimmen. (23.06.2022)

One Response to Antisemitische Bildsprache (1)

  1. Max Steinacher 1. Juli 2022 at 17:17 #

    Was ist die Botschaft des Bildes?
    Diese zentrale Frage wird fast nie gestellt.
    Bildersturm?

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