Das Verb „glauben“ wird im Duden etwas stiefmütterlich behandelt, dabei hat es eine bemerkenswerte Semantik von der Vermutung bis zur Gewissheit (im Grimm’schen Wörterbuch sind dem Verb viele Seiten gewidmet): 1. In der Alltagssprache ist „glauben“ ein Synonym für „vermuten“: Es kommt oft anders, als man glaubt. 2. In einer zweiten Bedeutung verfestigt sich „glauben“: Obwohl es nur eine Vermutung ohne Beweis gibt, glaubt man es: Credo, quia absurdum est, ich glaube, weil es unvernünftig (eigentlich lt: falsch, ungereimt) ist. Glauben wird zum Bekenntnis gegen die Vernunft. 3. Schließlich meint „glauben“ im religiösen Sinn den Glauben an etwas unbedingt Wahres, etwas Offenbartes, Dogmatisches, Fundamentalistisches, ein Bekenntnis: Ich glaube an den Heiligen Geist…. Glauben kann man an Götter, Gott, Teufel, Geister, aber auch an die Schöpfung, die Dreifaltigkeit, die Unsterblichkeit, die Zehn Gebote, eine jungfräuliche Geburt usw., es gibt keine Beschränkung. Der substantivierte Glaube kann gefährlich werden: Wer nicht glaubt, der muss manchmal daran glauben! (12.05.2016)
Archive | Aktuell
Freiheit statt Sport
Für Freiheit und gegen Sport, gesprayt und gezeichnet an der Wand der Turnhalle eines Tübinger Gymnasiums. Der Spruch „…von Freiheit nicht genug…“ stammt aus einem Song der Berliner Band „Tapete“, das Video steht auf Youtube. Foto: St.-P. Ballstaedt (10.05.2016)
Gorch Fuck
Hübscher Aufkleber in der Schlossbergstraße in Tübingen. Ob nach der Signatur rechts unten die Künstlerin Prof. Dr. rer. tunt. Porz. theatr. Fregatte Gorch Fuck hinter der Kampagne steckt, oder das No-border-Netzwerk konnte ich nicht klären. Den Aufkleber kann man im Web bestellen. Foto: St.-P. Ballstaedt (09.05.2016)
Liebesleben
Jetzt überall großflächig plakatiert: Die neue Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung für Safer Sex. Jetzt liegt der Fokus nicht mehr auf Aids, sondern auf sexuell übertragbare Krankheiten überhaupt, denn die Zahl von Infektionen steigt. Die Cartoons sind überraschend explizit und witzig.
Zwei Motive der Kampagne „Liebesleben“, sie werden sicher bei Kindern interessante Fragen an Papa und Mama auslösen. Quelle: Liebesleben. Auf der Site gibt es auch einen Kondometer, mit dem man die Konfektionsgröße für seinen Penis bestimmen kann. Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. (06.05.2016)
Hundehäufen 2
Bereits auf Piktogrammen kann die Gestaltung des Kackverbots sehr unterschiedlich sein: Man vergleiche die geschäftliche Verrichtung links mit dem frechen Scheißer rechts.
Während Piktogramme ein Verbot direkt visualisieren, sind ikonische Darstellungen indirekt, ihnen fehlt die symbolische Verneinung. Damit öffnet sich eine breite Palette an Gestaltungsmöglichkeiten, die sich um Witz und Humor bemühen. Quellen: Wikimediaa Commons, St.-P. Ballstaedt (05.05.2016)
Historischer Humor 3
Schwiegermutterwitze kommen Anfang des 19. Jahrhunderts auf, der erste Beleg stammt 1845 aus den Fliegenden Blättern, einem Witzblatt für gutbürgerliche, biedermeierliche Adressaten. Dabei handelt es sich immer um die Mutter der Ehefrau, also um Konflikte zwischen dem Ehemann und seiner Schwiegermutter. Mit der Aufklärung war die Liebesheirat freier und selbstbestimmter Personen ein Ideal, dem die realen Eheschließungen nicht immer entsprachen. Die Geldheirat einer sozial höherstehenden und wohlhabenden Frau war keine Seltenheit. Der patriarchalische Hausvater war damit aber nicht nur finanziell, sondern auch psycho-sozial abhängig von Ehefrau und eben ihrer Mutter als Vertreterin der Herkunftsfamilie. Entweder wohnt sie im Haushalt oder kommt – oft überraschend – zu Besuch. Schon Freiherr Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigge schrieb ungewohnt scharf: „Allein bete, dass der Himmel Dich bewahre vor solchen alten Hexen von Schwiegermüttern, die alles wissen, alles tun und, wenn sie auch dumm wie das Vieh sind, dennoch alles dirigieren wollen.“ (1796, S. 75). Daraus entwickelte sich ein Witzstereotyp, das bis heute angewendet wird.
Wissen Sie, Frau Schwiegermutter, was für ein Unterschied zwischen einem Knödel und uns zwei ist? Der Knödel raucht, wenn er heiß wird, und Sie werden heiß, wenn ich rauche!“ (Fliegende Blätter 28, 1858, Nr. 670, S. 142)
Mieterin: „Die Waschküche ist schön! Aber haben Sie auch einen Speicher zum Wäscheaufhängen?!“ – Hausherr: „Allerdings! Doch das muss ich Ihnen gleich sagen: hier lasse ich nur meine Schwiegermutter aufhängen!“ (Fliegende Blätter 84, 1886, Nr. 2121, S. 94)
Soweit zwei Witzbeispiele. Das erste thematisiert die familiäre Stellung des Ehemannes, der sich Verhaltensvorschriften unterwerfen soll. Der zweite Witz benutzt das verselbstständigte Stereotyp der bösen Schwiegermutter, ein konkreter Konflikt wird gar nicht mehr angesprochen. (04.04,2016)
Mit Bart, aber noch immer vorhanden: Die Schwiegermutter mit Nudelholz als Witzfigur. Foto: Max Steinacher.
Quelle: Nobert Neumann (1986): Vom Schwank zum Witz. Zum Wandel der Pointe seit dem 16. Jahrhundert. Frankfurt/New York, Kapitel 6.
Bäm
Das Motiv von Bruce Lee gibt es auf Premium-T-Shirts im Web zu kaufen, also vermutlich sind die Stencils eine Werbekampagne. Das lautmalende (onomatopoetische) Wort „bäm“ gehört(e) zur Jugendsprache und bedeutet so viel wie „cool oder „endgeil“, es stand 2009 auf Platz 2 der Jugendwort-Aktion des Langenscheidt-Verlags. Wie fast alle Jugendworte war „bäm“ umstritten, denn viele Jugendliche benutzen das Wort nicht oder kennen es gar nicht. (02.05.2016)
Das Stencil habe ich an einem Telefon-Schaltschrank im Stadtteil Wanne in Tübingen gefunden. Foto: ST.-P. Ballstaedt
Creative Colouring
Nach Zentangle ein neuer Mal-Trend, wieder aus Amerika und wieder als Therapie gegen Stress angepriesen: Erwachsene malen Strichbilder aus. Anders als bei den Mandalas gibt es verschiedenste Motive, von Gemälden von van Gogh bis zu Märchen und Fantasy. Kreativ ist dabei nur die Auswahl der Farbstifte, wenn man einen größeren Kasten von Faber-Castell, Staedler oder Lyra besitzt. Der Rest ist das brave Beachten von Strichbegrenzungen. Aber besser Buntstifte als Schwarzmalerei. (01.05.2016)
Vorlage aus Enchanted Forest von Johanna Basford ausdrucken und ausmalen. Malbücher für Erwachsene stehen bei Amazon auf der Bestsellerliste Quelle: Amazon
Verwehrti Liebi
Hier hat sich ein Schweizer Aufkleber nach Neckarsulm verirrt: Die Ultras des SC-Langenthal, einer Gemeinde im Kanton Bern, haben offenbar Stadionverbot bekommen. Foto: St.-P. Ballstaedt (29.04.2016)
Aktfotos
Sozusagen ein Nachtrag zum vorigen Beitrag über Sexismus. In den Gängen des Köpenicker Rathauses war eine Ausstellung von 20 Berliner und Brandenburger Fotoclubs zu sehen, darunter auch zwei Aktfotos. Die wurden von der Kulturamtsleiterin mit der Begründung abgehängt, dass die Fotos religiöse Gefühle von Menschen mit Migrationshintergrund verletzen könnte. Das ist doch eine beeindruckende Willkommenskultur, die auf die Gefühle unserer möglichen neuen Mitbürger und Mitbürgerinnen Rücksicht nimmt (wenigstens was diesen Bereich betrifft). Rein präventiv sollte man auch explizite Bilder von Rubens, Renoir oder Schiele aus den Museen entfernen oder wenigstens die erogenen Zonen überkleben, damit die Gefühle nicht Schaden nehmen, falls diese Stätten unserer Leitkultur von Personen mit Migrationshintergrund besucht werden. (28.04.2016)

Ein Aktfoto möchte ich meinen Besuchern nicht zumuten, für Lüstlinge einen Link zu einem Artikel der Berliner Zeitung (BZ). Dazu auch meine Beiträge über Bildtabus und religionskritische Karikaturen.











