Humor-Interview

Vor ein paar Wochen habe ich dem Online-Magazin der Süddeutschen Zeitung für junge Leute (www.jetzt.de) ein Interview zum deutschen Humor gegeben. Nur ein paar Sätze daraus wurden verwendet. Hier das ganze Interview, die Fragen stellte Martina Kind.

  1. Vielleicht kennen Sie das Buch „Deutscher Humor: Eine Sammlung der besten Beiträge“ – die Autorin verspricht: „Eigens für diese Anthologie wurden die Meilensteine des typisch deutschen Humors zusammengetragen“. Der Witz: Das Buch ist leer.
    Steht es denn wirklich so schlecht um den deutschen Humor? Falls ja – warum?

Die leeren Seiten bei Noah Sow sind natürlich provokant, aber es gibt ja auch „Das Hausbuch des deutschen Witzes“, immerhin 544 Seiten mit den klassischen Witzgenres und nicht alle Witze sind übel. Um die Frage nach dem deutschen Humor zu beantworten, muss man zunächst klären, was Humor überhaupt ist. Ich möchte einmal grob zwei Formen unterscheiden: Einmal wird alltäglich darunter etwas zum Lachen verstanden: Ein Mensch hat Humor, wenn er Witze erzählt. Die zweite Form ist die anspruchsvollere: Humor hat man, wenn man sich über schwierige Situationen erheben und trotzdem lachen kann, vor allem über sich selbst. Ich möchte aber keine dieser Humorformen abwerten, beide haben eine Berechtigung und eine Ventilfunktion in einer Gesellschaft. Wir brauchen nicht nur subtile Pointen und ironische Texte, sondern auch Albernheiten und Schenkelklopfer.

  1. Nun ist Deutschland international ja wirklich nicht bekannt für seinen Sinn für Humor; fragt man im Ausland nach, will niemand auch nur einen einzigen deutschen Komiker kennen – mit viel Glück vielleicht noch Jan Böhmermann, der 2017 zu Gast in Seth Meyers Late-Night-Show war. Doch auch da wurde über den deutschen Humor gespottet („Comedy wurde in Deutschland erst vor zwei Jahren per Referendum legalisiert. Es war ein knappes Ergebnis“, sagte Böhmermann. Und: „Ironie ist immer noch illegal“).
    Warum hat der deutsche Humor einen so schlechten Ruf; warum gibt es keine deutschen Komiker, die auch international bekannt sind?

Dass man über deutsche Witze nicht lachen kann, hat schon Mark Twain behauptet, aber ich halte das für ein Vorurteil, das wahrscheinlich etwas mit der Sprache zu tun hat. Humor hat grundsätzlich ein Problem, wenn er in eine andere Sprache oder Kultur transferiert werden soll. Können Sie sich einen Sketch von Karl Valentin auf französisch vorstellen? Und bekanntlich leiden auch bei der Synchronisation von Komödien die ursprünglichen Gags. Das habe ich z.B. auch bei Comics festgestellt: Auf französisch ist Asterix wirklich witziger. Ich kenne nur zwei interkulturelle deutsche Comedians, Michael Mittermeier, der auch mit einem englischen Programm in der USA tourt, und Henning Wehn, der die Briten zum Lachen bringt. Und ich frage mal umgekehrt: Wer kennt schon einen ausländischen Comedian und versteht seine Scherze?

  1. Spricht man in Deutschland von ,anspruchsvollem’ Humor, scheinen sich alle (zumindest das Feuilleton) lieber sehnsüchtig an vergangene Zeiten erinnern zu wollen: An Wilhelm Busch, Karl Valentin, Loriot, Helge Schneider oder etwa Harald Schmidt.
    Wie hat sich der Humor in Deutschland im Lauf der Zeit geändert und welche Rollen spielten dabei politische Entwicklungen?

Witze haben eine Verfallsdatum. Im Zeitalter des Biedermeier kommen die Schwiegermutterwitze auf, die bis heute beliebt sind. Die Dienstbotenwitze sind hingegen weitgehend verschwunden. Wenn sie heute Witzblätter des 19. Jahrhunderts lesen, können Sie über fast keinen Witz lachen. Jede Zeit hat ihre sozialen Gruppen, über die Witze gerissen werden: Die Witzgenres wechseln: Es gab Untergrundwitze im Nationalsozialismus und in der DDR., es gibt die Ossi-und-Wessi-Witze. Und heute ist es kein Zufall, dass in jeder Buchhandlung  Rentnerwitze ausliegen. Die Zunahme der Senioren, die zudem noch fidel und selbstbewusst auftreten, ist eine Herausforderung für die arbeitende Bevölkerung. Auch Witze über Banker ist ein neues Genre, dafür sind die Witze über Manta-Fahrer verschwunden.

  1. Wen würden Sie heute als stellvertretend für den deutschen Humor nennen?

Da muss ich auf meine zwei Humorformen zurückgreifen. Für den schlichten Humor würde ich Otto und Mario Barth nennen. Für den gehobeneren Humor z.B. den verstorbenen Robert Gernhardt und natürlich Harald Schmidt. Herr Böhmermann versteht es, beide Humorformen zu bedienen.

  1. Wie definiert sich der gegenwärtige „deutsche“ Humor überhaupt: Wann lachen Deutsche worüber und warum?

Wie es „den“ Deutschen nicht gibt, gibt es auch „den“ deutschen Humor nicht, es gibt unterschiedliche Humorsubkulturen. Ein Blick von außen ist aber vielleicht nützlich. Vor etlichen Jahren hat der amerikanische Ethnologe Alan Dundes ein Buch geschrieben, in dem er den Deutschen eine Vorliebe zu skatologischen Witzen nachsagt, weniger akademisch: KaPiFu-Witze über Kacken, Pissen, Furzen. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Analyse trägt, denn ich kenne derartige Witze auch in anderen Kulturen.  In England gibt es zum Beispiel den flatulence humor, der wohl eines der ältesten Themen zur Erheiterung darstellt. Schon der angeblich erste dokumentierte Witz auf einer sumerischen Tontafel behandelt eine unschickliche Blähung. Ich glaube nicht, dass es einen typischen deutschen Humor gibt.

  1. Wie hat das Internet die Witzkultur verändert; welcher Art von Humor begegnet man dort?

Es gibt unzählige Witzsites und das Internet hat wie in anderen Bereichen auch zu einer Senkung der Hemmschwellen geführt, die Witze sind oft sehr explizit und für bestimmte Gruppen diskriminierend. Im Web hat auch ein dämlicher und inkorrekter Witz eine Chance, den man sonst nicht erzählen würde. Witze waren schon immer Indikatoren für bestimmte Tabus. Sollte man die Witze im Web einmal inhaltsanalytisch auswerten, würde vielleicht einen Trend zu bestimmten Themen und Witzgenres erkennbar.

  1. Aktuell machen sich zwei Instagram-Profile mit Hilfe von Memes über „Almans“ (türkisch für ,Deutsche’, https://www.jetzt.de/meine-theorie/schimpfwort-alman-was-steckt-dahinter) lustig – und das sehr erfolgreich. Deutsche werden dabei mit all ihren Klischees kräftig durch den Kakao gezogen.
    Warum glauben Sie, sind Witze (von Deutschen) über Deutsche (im Internet) gerade so angesagt? 

Also wenn ich die Beiträge anschaue, so habe ich schon den Eindruck, dass viele von ihnen aus einer Außensicht gestaltet werden, d.h. von Menschen, die sich mit der deutschen „Leitkultur“ auseinandersetzen. Insgesamt sind die Scherze recht harmlos: Blutwurz für Ramazotti oder das Nibelungenlied für Game of Thrones, solche Vergleiche lassen sich für jedes Land finden. Hübsch, aber harmlos.

  1. Selbstironie im deutschen Humor ist dabei keineswegs etwas neues, s. Loriot („Wer glaubt, Humor bestehe darin, sich über andere lustig zu machen, hat Humor nicht verstanden. Um komisch zu sein, muss man sich vor allem selbst zur Disposition stellen.“)
    Dennoch lachen nicht alle über diesen Humor; einige fühlen sich sogar diskriminiert. Was ist anders an dieser Form der Selbstironie?

Guter Humor ist immer ein gewisser Tabubruch. Es hat noch keinen Humor gegeben, der nicht auch als diskriminierend empfunden wurde: Blondinenwitze für die Feministinnen, Witze über behinderte Menschen, Witze über den politischen Gegner usw. Die Witzchen über den Alman tun aber keinem ernsthaft weh, in manchen mag der Deutsche einen Spiegel vorgehalten bekommen, z.B. in Sachen Bürokratie, andere Scherze würden auch in anderen Ländern funktionieren. Sie bedienen die üblichen nationalen Klischees wie Pünktlichkeit und Pingeligkeit, eine Hass-Kampagne gegen Deutsche kann ich nicht erkennen.

  1. Die Instagram-Accounts scheinen vorrangig bei der Generation Y beliebt zu sein. Welche Beobachtungen haben Sie generell zum Humor der jüngeren Generationen gemacht? Fügt sich der Humor der beiden Instagram-Accounts ein?

Da ich nicht zu dieser Generation gehöre, fällt mir ein Urteil schwer, ich weiß schlicht nicht, welche Witze bei der Generation Y erzählt werden und ankommen. Aber ich vermute, dass es hier auch nicht sonderlich anders zugeht, wie in anderen Witzsubkulturen auch. Gewisse Eigenschaften und Verhaltensweisen, die nicht cool sind, werden aufgespießt. Auffällig ist für mich, dass viele Ausdrücke selbstironisch und witzig sind: Bildschirmbräune, Smombie, durchsumpfen, Aufrisszone, Brombeerbums usw.(28.04.2020)

2 Responses to Humor-Interview

  1. Wolfgang Scherer 8. Mai 2020 at 8:55 #

    Klug und schön, die Betrachtungen.

    • SP Ballstaedt 8. Mai 2020 at 12:39 #

      Da kann und will ich nicht widersprechen!

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