Lebenshilfe, Sterbehilfe

Drei Bücher von drei Philosophen über das Altern und das Sterben, die ich als Zugehöriger der Zielgruppe gelesen habe.

Wilhelm Schmid: Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden. Berlin: Insel Verlag, 2014.

Der als philosophischer Lebenskünstler und Seelsorger bekannt gewordene Erfolgsautor stand mit seinem Büchlein 145 Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, davon 18 Wochen auf Platz 1, jetzt wird die 22. Auflage verkauft. Woran liegt der Erfolg? Der Text ist angenehm kurz und bietet eine wohlwollende Sicht auf das Altern und das Sterben. Schmid lässt zwar keine körperliche, seelische oder soziale Einschränkung aus, aber alles hat schon seinen Sinn und aus allem können wir etwas lernen. Der Autor ist wild entschlossen, in jedem Gebrechen etwas Positives zu sehen. Und im letzten Kapitel „Gedanken zu einem möglichen Leben nach dem Tod“ öffnet er noch diskret ein Fensterlein ins Jenseits: Wir wissen zwar nichts Genaues, aber vielleicht gibt es ja doch etwas nach dem Tod. Unsere Atome und unsere Energie gehen ohnehin wieder in den kosmischen Kreislauf des Werdens und Vergehens ein. Jeder fühlt sich durch die tröstliche Argumentation angesprochen, jeder erkennt sich irgendwo im Text wieder. Was seine konkreten Ratschläge betrifft, so führt uns Schmid immer auf den Mittelweg, weg von dunkler Wildnis und steilen Klippen. Es predigt eine bejahende Gesinnung und Haltung zum Leben, immer schön ausgewogen. Sein zentraler Begriff: Gelassenheit.

Odo Marquard: Endlichkeitsphilosophie. Über das Altern. Stuttgart: Philipp Reclam, 2013.

Die Textsammlung hat Franz Josef Wetz zusammengestellt, darunter ein Gespräch, das er mit dem 84-Jährigen geführt hat. Der Philosoph ist 2015 gestorben. Er hat eine klassische akademische Karriere hinter sich, viele Preise, Orden und Ehren. Keine großen Werke, aber viele Essays, die ungewöhnlich flott und pointiert geschrieben sind, er selbst bezeichnet sie als „Transzendentalbelletristik“. Der skeptische Philosoph hat zu Sterben und Tod wenig Tröstliches beizutragen, einem Zitat von Hans Blumenberg stimmt er „uneingeschränkt“ zu: „Niemand lässt sich darüber trösten, dass er sterben muss. Alle Argumente sind schlicht bis lächerlich, die dafür Trost- und Tröstungsfähigkeit unterstellen.“ Altern bedeutet, dass alles mühsamer und anstrengender wird, dass man immer weniger Zukunft hat und sich seiner Entbehrlich bewusst wird. Der Tod ist das definitive Ende, das Leben davor bleibt meist ein Fragment. Die Botschaften der Religion, konkret des Christentums, überzeugen ihn nicht. „Ein kleiner Ersatz für den religiösen Trost ist für mich der Schlaf.“ Schlaf statt Auferstehung, das ist eine erstaunliche Alternative! Aber es gibt – wie kann es bei diesem Philosophem anders sein – einige Kompensationen. So die „Schandmaulkompetenz“ der Alten, die mit illusionslosem Blick beobachten und unbekümmert sprechen und schreiben können, da sie auf keine Karriere Rücksicht nehmen müssen und nur noch wenig Zukunft haben. Und dann vor allem der Humor mit einer Distanz zur Wirklichkeit und sich selbst. Daraus folgt Gelassenheit und Altersmilde.

Otfried Höffe: Die hohe Kunst des Alterns. Kleine Philosophie des guten Lebens. München: C.H.Beck, 2018.

Der Philosoph ist 75 Jahre alt, auch er hat eine klassische akademische Karriere hinter sich: Professor für Ethik und Sozialphilosophie an etlichen aus- und inländischen Hochschulen, einige erfolgreiche Bücher, viele Ehrungen, seit 2011 emeritiert. Er verfällt in keine Altersklagen, sondern will die Diskurse über das Altern zurechtrücken und gegen die Macht der negativen Altersbilder anargumentieren, hierin mit Schmid vergleichbar. Jede Einschränkung und jedes Gebrechen wird angesprochen, aber es wird immer etwas Positives dagegengesetzt. Sein Text ist aber deutlich anspruchsvoller als der populäre Traktat von Schmid. Er lässt eine Reihe von Philosophen und Literaten aufmarschieren: Plato, Aristoteles, Epikur, Cicero, Schopenhauer, Jacob Grimm, Ernst Bloch u.v.m. Seine Hauptbegriffe sind Würde und Selbstbestimmung, die bei jedem Menschen unantastbar sind. Es geht ihm um das individuelle Altern und seine gesellschaftlichen Bedingungen, in seinem Fokus steht vor allem das soziale Umfeld des Alterns, die Kliniken, Seniorenheime, Hospize. Er sieht die Gesellschaft in der Verantwortung. Aber auch der oder die Alternde kann einen individualethischen Beitrag bringen: Erstaunlicherweise sind seine Ratschläge konkreter als beim Lebensberater Schmid oder dem Skeptiker Marquard (die er beide keiner Zitierung für Wert befindet): Die vier L „Laufen, Lernen, Lieben, Lachen“ bilden ein eingängiges Programm: Bewegung, geistige Anregungen, soziale Kontakte, Humor.

Fazit

Bei allen drei Autoren spürt man, dass sie ein erfülltes Leben hatten und es ihnen im Alter vergleichsweise gut geht: gesundheitlich, finanziell, sozial. Marquard ist mir sympathisch, er streicht keine Salbe auf jeden negativen Aspekt des Alterns wie Schmid. Höffe stellt Altern und Sterben in einen größeren Zusammenhang als die beiden anderen, die vor allem die Familie hervorheben, aber Sozial- und Gesundheitspolitik nicht berücksichtigen. Letztlich altert und stirbt jeder auf seine individuelle Weise. (21.09.2018)

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