Mnemosyne Bildatlas

Das letzte große Projekt des Kulturwissenschaftlers Aby Warburg, seinen Bildatlas, konnte man als Rekonstruktion im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe studieren. Die letzte, unvollendete Version wurde aufgrund von Fotodokumenten und Texten fast vollständig wieder zusammengestellt: 63 Tafeln mit etwa 971 Bildern, erstmals mit ausführlichen Kommentaren in einer Heftreihe.

Mnemosysne, die griechische Göttin der Erinnerung und die Mutter der Musen, ist die Schutzpatronin der Sammlung von Reproduktionen von Gemälden, Grafiken, Skulpturen, Reliefs, Wandteppichen, Handschriften, Spielkarten usw., wobei damals der akademische Rahmen der Kunstwissenschaft aufgebrochen wurde. Aby Warburg wollte eine historische Psychologie des menschlichen Ausdrucks auf den „Wanderstrassen der Kultur“ zusammenstellen, er sprach von „Pathosformeln“ als Darstellung von Gefühlen in Mimik, Gestik und Pantomimik. Konkret: „Die Mnemosyne will in ihrer bildhaften Grundlage […] zunächst nur ein Inventar sein der antikisierenden Vorprägungen, die auf die Darstellung des bewegten Lebens im Zeitalter der Renaissance nachweislich stilbildend einwirkten.“ (Warburg1929). So kann er z. B. zeigen, dass die tanzende Salome der Bibel wie eine griechische Mänade auftritt. Er wollte damit sein beeindruckendes kulturhistorisches Wissen in einer geplanten Buchpublikation zur Verfügung stellen.

Aby Warburg änderte immer wieder die Anordnung der Bilder, die Bildtafel war für ihn eine kreative Methode zur Entdeckung neuer Gegensätze, Variationen und Assoziationen. Das Projekt blieb fragmentarisch, ist aber auch prinzipiell nicht abgeschlossen. Die drei letzten Tafeln zeigen Bildmotive der 20er-Jahre, hier kommen auch Werbung, Presseerzeugnisse und Briefmarken vor und man könnte das Projekt bis in die Moderne weitertreiben. (11.11.2016)

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Ohne Kommentar ist der inhaltliche Zusammenhang der Anordnungen auf den Bildtafeln oft schwer zu erkennen, obwohl der Mitarbeiter Fritz Saxl 1928 schrieb: „Der Witz dieses Atlas muß doch sein zu zeigen, daß es sich hier um die beste Interpretation der Kunstwerke handelt.“ Foto: St.-P. Ballstaedt

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