Käfer

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Zeichnungen an mehreren Bäumen im Wald bei Tübingen Waldhäuser-Ost. Auf einem Tablet gezeichnet? Foto: St.-P. Ballstaedt (28.12.2017)

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Einverständlich

Ein Beitrag zum Fest der Liebe: Das Einverständnis-Gesetz, das ab 1. Juli in Schweden gelten wird, dient wohl auch bei uns als Vorbild zur Gestaltung erotischer Beziehungen. Das Gesetz soll Schutz vor Übergriffen und Vergewaltigungen in allen Beziehungsformen bieten. Vor sexuellen Aktivitäten muss der aktive Partner mündlich, schriftlich oder gestisch ein Einverständnis bei seinem/ihrem Partner für geplante Aktivitäten einholen. Juristisch ist natürlich nur die schriftliche Form brauchbar, denn selten ist ein Zeuge dabei, der Worte und Gesten gerichtsverwertbar bestätigen kann.

Präventiv reicht z.B. ein Kartengruß aus: „Bei unserem morgigen Date bitte ich um die Erlaubnis, meine Hand auf ihren linken Schenkel legen zu dürfen, etwa in der Höhe des Musculus Rectus Femoris.“

Liebesgeflüster wird sich jetzt so anhören: „Darf ich an deiner/ihrer Nase kraulen?“ – „ Ich würde gern deine Brustwarze streicheln?“ – „ Darf ich deinen Slip herunterstreifen?“- „ Darf ich mit dem Zeigefinger….“ Auch hier vorsichtshalber die Anfragen und Antworten mit dem Smartphone aufnehmen, (das gibt Audiodateien für spätere Revenge-porn-Sites).

Sex muss freiwillig sein, darüber herrscht wohl Einigkeit. Teilweise haben sich die Männer dieses Gesetz selbst zuzuschreiben, aber die Grauzone aus Begehren, Angst, Ambivalenz, Machtausübung wird bleiben.

Noch eine Anmerkung zur historischen Semiotik, zum Wechsel von Zeichensystemen in der Kommunikation. Im 19.Jahrhundert machte man eine Liebeserklärung und einen Heiratsantrag schriftlich, in einem Brief (mit Angabe der finanziellen Verhältnisse). Heute ist das eine mündliche Angelegenheit. Die Regelung der Sexualität geschah bisher vorwiegend averbal, d.h. mimisch, gestisch, haptisch. Jetzt wird diese Aufgabe an die Sprache delegiert.

Schöne Weihnachten! (24.12.2017)

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Signatur

Dass Künstler ihre Werke signieren, ist erst üblich, nachdem sie in der Renaissance ein Selbstbewusstsein als kreative Schöpfer ausgebildet haben.

In Großbritannien steht ein Chirurg vor Gericht, weil er nach einer Operation seine Initialen SB in die Lebern von zwei Patienten gebrannt hat. Entdeckt wurde das von einem Arzt in einer Nachfolgeoperation.

Setzt das ein Bewusstsein nicht als Reparateur, sondern als medizinischer Künstler voraus? Behandlungsfehler werden ja auch als Kunstfehler bezeichnet, nicht lege artis ausgeführt. (18.12.2017)

Ansicht einer menschlichen Leber von Frontal

Neues Selbstbewusstsein von Ärzten: die Organsignatur. Quelle: modifiziert nach medicalgraphics.de

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Gaga…

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Wieder ein für mich kryptisches Stencil an Tübinger Hauswänden. Wer kann die Bedeutung erklären? Foto: St.-P. Ballstaedt (14.12.2017)

Nachtrag: das Rätsel ist dank einer klugen Marita gelöst: Das Wort ist kyrillisch und bedeutet Hexe oder böse Fee, bekannt aus Märchen. (15.12.2017)

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Wir kommen zurecht…

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Ein explizites Stencil an einer Tübinger Hauswand, das schnell übermalt wurde. Leider kann ich weder den Text rekonstruieren, noch Absender und Adressaten ermitteln: „Papa! Mach dir keine…..wir kommen zurecht“??? Foto: St.-P. Ballstaedt (07.12.2017)

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Und Tschüss 😥

Mit dreimal Tschüss verabschiedet sich „vorerst“ die deutsche Ausgabe von Charlie Hebdo. „Ein Jahr reicht, es ist Zeit für uns zu gehen“. Warum genau, das geht aus dem Abschiedsartikel der verantwortlichen Redakteure Gérard Biard & Minka Schneider nicht so recht hervor. Es gibt eine Andeutung, dass die Ausgabe wegen zu wenig Käufern nicht rentabel war. Es gibt eine Andeutung, dass die Reaktion mit einer zweiten deutschen Ausgabe 24 Stunden nach der französischen überfordert war. Und es werden diskret und ungewöhnlich höflich nationale Unterschiede der „Humorkultur“ angedeutet. Die Zeichnungen und Text waren antiklerikal, unkorrekt, vulgär, ordinär und schonten keine weltanschaulichen Befindlichkeiten. Für deutsche Gemüter ist das wohl zu scharfer Stoff, hier klopft man ja gern jedes Witzchen darauf ab, ob es wohl sexistisch, rassistisch und politisch korrekt ist und ob es irgendwelche religiösen Gefühle verletzen könnte. Und noch eine Andeutung: „Eines Tages wollen wir Euch vielleicht wieder überraschen, in einer anderen Form….“.  Also auf Wiedersehen. (30.11.2017)

Hebdo-Witz 1

Ein letzter Witz von Riss aus der letzten deutschen Ausgabe von Charlie Hebdo.

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Hochbetagt

Charles Aznavour ist 93 Jahre alt und startet Ende November eine Deutschlandtournee. Die Südwestpresse zitiert ihn mit dem Satz „Ich bin nicht alt, ich bin betagt.“ Was hat er wohl genau gesagt? Wahrscheinlich „âgé“ statt „vieux“, was mit aber meist mit „alt“ übersetzt wird. Das Adjektiv „betagt“ klingt einfach angenehmer, noch eindrücklicher „hochbetagt“. Das Wort haben wir wohl Luther zu verdanken, der übersetzt 1.Mose 24,1: „Abraham war alt und wol betaget.“ (22.11.2017)

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Essen

Die Nahrungsaufnahme für viele Zeitgenossen und –genossinnen zu einem Lebensinhalt geworden. Essen kann unter verschiedenen Bezugssystemen, modern Frames, thematisieren.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit ist Essen ein Gegenpol zu Hunger. Man war dankbar, wenn man auf dem Schwarzmarkt, bei Hamsterfahrten oder durch Mundraub (Fringsen) alle satt bekam, die Qualität spielte dabei keine Rolle: Brotsuppen, Getreidebrei, Kartoffel-, Kohl- und Steckrübeneintöpfe kamen auf den Tisch. Hauptsache kalorienreich, Butter war ein rationiertes und sehr begehrtes Lebensmittel.

Konsequent beurteilt man in der folgenden Aufbauphase der Republik das Essen rein quantitativ. Ein Lokal wird empfohlen, wenn riesige Portionen aufgetischt werden. Auf eine raffinierte Zubereitung wird weniger Wert gelegt: große Fleischstücke (Schnitzel wie Klosettdeckel), viele Beilagen (Kartoffel- und Teigwarenberge), ein See von mehliger Soße (bevorzugt braun und aus der Tüte). Die Zeit solider Hausmannkost.

Daneben entwickelte sich eine gehobene Esskultur, bei der nicht die große Portion zählt, sondern eine gute Zubereitung und der kulinarische Genuss. Der Sozialcharakter des Gourmets entsteht, für den vor allem Wolfram Siebeck eine Lanze bricht. Leisten können sich nicht alle diese Küche, deshalb wird auch über die kleinen Portionen der Nouvelle Cuisine damals gespottet.

Heute soll Essen vor allem der Gesundheit dienen und Krankheiten vorbeugen. Geschmack und Genuss spielen eine untergeordnete Rolle, Hauptsache gesund und alle Zutaten bio. Bewährte Lebensmittel werden zu Killern erklärt, wie Butter, Eier, Weißbrot, Zucker, Salz. Zahlreiche Allergien und Unverträglichkeiten kommen auf, die früher zu den seltenen Krankheiten gehörten. Da alles im Überfluss zu kaufen ist, kann man sich kulinarische Subkulturen leisten, für die spezielle, meist teure Lebensmittel hergestellt werden: veganer Käse, glutenfreies Brot, Sojawurst usw. Was gern übersehen wird: Diese Lebensmittel sind erst durch eine ganze Reihe Ersatz- und Zusatzstoffe genießbar, es sind künstliche Fabrikprodukte. Guten Appetit! (20.11.2017)

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Fikkefuchs

Vorkritiken auf SPIEGEL ONLINE und ZEIT ONLINE lassen nichts Gutes an dem Film, der am 16.11. in die Kinos kommt. Papa, der Stecher von Wuppertal, bringt seinem Sohnemann, der eine Kassiererin im Supermarkt vergewaltigt hat und gerade aus der Geschlossenen kommt, bei, wie man Frauen aufreißt, ohne Gewalt anzuwenden. Dabei wird mit deftigem Vokabular und unappetitlichen Szenen offenbar nicht gespart. Aber der Film interessiert mich nicht, nur das Plakat, das für ihn wirbt. Es durfte in Frankfurt und München in U-Bahn-Stationen und Tram-Haltestellen nicht aufgehängt werden. Der Vorwurf: Sexismus. Es ist immer aufschlussreich, wenn ein Bild zensiert wird, denn das sagt viel über die herrschende Mentalität aus.

Fikkefuchs

Das Plakat zeigt keine völlig neue Idee: Bei Tomi Ungerer lauert kein Fuchs, sondern ein Teufel zwischen den Schenkeln. Bei Roland Topor ist auf der Scham ein Geäst mit Vogelnest platziert. Derzeit ist alles, was eine sexuelle Assoziation aufkommen lässt, dem Verdacht des Sexismus ausgesetzt. Inzwischen ist das Verbot aufgehoben. Quelle: www.filmstarts.de (15.11.2017)

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Gilfen

Wieder einmal ein Wort, das mir im Schwäbischen Tagblatt aufgefallen ist und wohl auch nur hier verstanden wird: gilfen. Im Duden oder im Wortschatz der Universität Leipzig ist das Verb nicht zu finden, wohl aber im Grimm’schen Wörterbuch. Es stammt ursprünglich aus dem Altniederländischen und ist mundartlich besonders im Schwäbischen verbreitet. Seine Bedeutung: eine Mischung aus schreien, jammern, schluchzen. Einen Beleg bei Hans Sachs: „umb hilff ich gilff zu dir, Christe.“ Nach den Grimm’s „im neueren schriftum nur noch als lautmalendes wort für helles, hohes, klagendes schreien von tieren.“ Im Schwäbischen gilfen allerdings auch Menschen. (10.11.2017)

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